Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Gefäßmedizin, Medizin Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 1/23

Schwellneigung der Oberschenkel und Hämatom­neigung bei Patientinnen mit Lipödem – Subjektive Wahrnehmung versus objektive Untersuchung

Patientinnen mit Lipödem leiden unter subjektiv wahrgenommener Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel. Es wurde noch nicht erfasst, ob dies mit einer tatsächlichen Volumenvermehrung am Oberschenkel einhergeht. Die Beobachtung dient einer ersten objektiven Überprüfung, ob dieses sehr deutlich berichtete Gefühl mit einer messbaren Veränderung des Umfanges oder des Flüssigkeitsgehaltes im Gewebe einhergeht. 


23.01.2023
G. Erbacher et al.
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Methode: 14 Patientinnen mit fachärztlich in einer lymphologischen Fachklinik gesicherten Diagnose Lipödem der Oberschenkel sowie dokumentiertem Empfinden von Prallheit und Schwellneigung in diesem Bereich wurden auf Veränderungen des Oberschenkelumfanges und des Flüssigkeitsanteils im Subkutangewebe untersucht und mit zehn Kontrollpersonen ohne Lipödem und mit beschwerdefreien Beinen verglichen. Die Anwesenheit von Hämatomen wurde in beiden Gruppen erhoben. Während ihres stationären Aufenthaltes in einer lymphologischen Fachklinik erfolgte – noch vor Anfertigung passender Kompression zur Linderung inflammatorischer Prozesse im Subkutangewebe der Beine – die Erfassung des Oberschenkelumfangs beider Oberschenkel an drei Messpunkten jeweils am Morgen und am Abend. Der Flüssigkeitsanteil wurde zu beiden Tageszeiten auf Höhe von Punkt 2 mittels Delfin MoistureMeter D gemessen.

Die Ergebnisse zeigen, dass keine relevanten Veränderungen der Oberschenkelumfänge oder des Flüssigkeitsgehaltes vorliegen, weder im Tagesverlauf noch im Vergleich mit der Kontrollgruppe ohne Lipödem und mit beschwerdefreien Beinen. Damit widersprechen die objektiven Daten einer weit verbreiteten Meinung, ein vermehrtes Empfinden von Prallheit und Spannung im Bereich der Oberschenkel gehe mit einer Flüssigkeitseinlagerung und Volumenvermehrung einher. Darüber hinaus wurden keine vermehrt vorhandenen Hämatome beobachtet. 

Zusammenfassung: Die Ergebnisse dieser ersten Beobachtung an Patientinnen mit Lipödem weisen darauf hin, dass die subjektive (und ganz real erlebte) Wahrnehmung von Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel keiner realen Volumenzunahme entspricht, sondern eher als eine Facette des Schmerzerlebens einzuordnen ist.

Schlüsselwörter: Lipödem, Oberschenkelumfang, Schwellneigung, Prallheit, Beinvolumen, Delfin MoistureMeter D 

ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35(1): 8-17



Einleitung

Die in den vergangenen Jahren häufig auf hohem emotionalem Niveau geführte Diskussion über das Lipödem hat Ärzte, Patientinnen und Selbsthilfegruppen gleichermaßen beschäftigt. Die Tatsache, dass bisher nie ein Ödem oder eine Lymphgefäßinsuffizienz bei Patientinnen mit reinem Lipödem nachgewiesen wurde (1–8), führte dazu, dass die Krankheit nun konsequenter erforscht wird. Außerdem werden die Rufe nach einem Wechsel des Namens lauter. Bemühungen dazu sind derzeit im Auftrag der UIP (Internationale Vereinigung der phlebologischen Fachgesellschaften) aufgenommen worden. Erfreulicherweise kommt es zu einer Fokussierung auf die tatsächlichen Beschwerden der betroffenen Frauen (9–13) und hin zur Behandlung  ihres real erlebten Leidens: der Schmerzsymptomatik im Subkutangewebe der Beine, der – vom Lipödem unabhängigen – Gewichtszunahme, den psychischen  Beschwerden sowie einem Mangel an Selbstakzeptanz aufgrund des gegenwärtig vorherrschenden Schönheitsideals. 

Die für die Diagnose Lipödem erforderlichen Hauptsymptome (Major Symptoms) sind disproportionale Fettgewebsvermehrung im Bereich der Beine (und/oder auch der Arme) plus Schmerzen in diesem Subkutangewebe (9, 10). Daraus folgt: Nicht jedes dickere Bein ist daher gleich ein Lipödem (14). 

Schmerzen im Subkutangewebe gehören somit per Definition zu den Beschwerden von Frauen mit Lipödem. Dabei unterscheidet sich die Beschreibung der Schmerzhaftigkeit bei den betroffenen Frauen deutlich und das Phänomen Schmerz zeigt sich beim Lipödem als sehr facettenreich (15, 16). 

In einer Untersuchung mittels Schmerzfragebogen der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. (15, 17) beschreiben über 50 % der untersuchten Patientinnen mit Lip­ödem ihre Schmerzen als drückend, weitere häufige Beschreibungen sind ziehend, stechend oder dumpf (15).

Gleichzeitig schildern Frauen mit einem Lipödem eine – durchaus ernst zu nehmende, weil real erlebte – subjektive Wahrnehmung von Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel, die im Lauf des Tages zunimmt. Diese – zunächst als diskrepant zum internationalen Expertenkonsens erscheinende – Wahrnehmung wirft eine wesentliche Frage auf: Schwellen die Oberschenkel im Laufe des Tages bei einem Lipödem tatsächlich an oder nicht? Existieren bei Frauen mit einem Lipödem und gleichzeitig subjektiven Beschwerden von Prallheit und Schwellneigung in diesem Gewebe Hinweise auf eine Ödemkomponente – oder müssen diese Beschwerden möglicher­weise anders erklärt werden? 

Bislang existieren zu dieser Fragestellung jedoch keinerlei Daten. Die ambulant arbeitenden Kollegen sehen Frauen mit Lipödem nur zu einem Zeitpunkt im Tagesverlauf – und haben somit in der Regel keine Möglichkeit, die von Patientinnen beschriebenen Veränderungen von Prallheit und Schwellneigung im Tagesverlauf zu verifizieren. Auf diesem Hintergrund entstand die Idee der objektiven Messung im stationären Kontext. Frauen, die gerade erst mit gesicherter Diagnose Lip­ödem aufgenommen wurden, können zu Anfang ihrer stationären Zeit noch ohne passende Kompression und an einem Wochenendtag, an dem abgesehen von Spaziergängen keine Therapieanwendungen erfolgen, von derselben Person morgens und abends vermessen werden. Gestartet werden sollte mit einer kleinen Pilotgruppe, alle am selben Tag, um den Einfluss von Größen wie Temperatur oder Luftfeuchtigkeit auszuschließen und für alle sogar dasselbe Speisenangebot und Bewegungsangebot vorzuhalten. Die überraschende Klarheit der Ergebnisse der ersten Erhebung bewegt die Autoren, diese klinische Beobachtung zu publizieren, um daraufhin eine systematische Studie mit verschiedenen auch ggf. technischen Messverfahren einzuleiten. Ein Auszug der Ergebnisse wurde als „Letter to the Editor“ in VASA veröffentlicht (18).

Ziel der Untersuchung

Die Beobachtung der Umfangmaße dient einer ersten objektiven Überprüfung, ob das von Patientinnen mit Lipödem subjektiv wahrgenommene Empfinden der Zunahme von Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel im Lauf des Tages mit einer messbaren Veränderung einhergeht. Im Fokus stehen die Umfänge beider Oberschenkel und der Flüssigkeitsgehalt im Subkutangewebe der Oberschenkel. Darüber hinaus wird versucht, die subjektiv von den Patientinnen mit Lipödem erlebte Hämatomneigung zu objektivieren.

Zentrale Fragen dieser ersten Erhebung sind:

  1. Existieren im Tagesverlauf objektiv messbare Veränderungen in den Oberschenkelumfängen bei jenen Frauen mit Lipödem, die eine subjektive Wahrnehmung von Prallheit und Schwellneigung in den Oberschenkeln beschreiben?
  2. Unterscheiden sich die Veränderungen der Oberschenkelumfänge im Tagesverlauf von Frauen mit Lipödem der Oberschenkel von jenen Frauen ohne Lipödem und mit beschwerdefreien Beinen? 
  3. Existieren bei jenen Frauen mit Lipödem Hinweise auf eine Ödemkomponente gemessen mit dem Delfin MoistureMeter D?
  4. Unterscheidet sich der Flüssigkeitsanteil im Subkutangewebe von Frauen mit Lipödem von Frauen ohne Lipödem und mit beschwerdefreien Beinen? 
  5. Inwieweit lässt sich die von den Patientinnen beschriebene Hämatomneigung im Rahmen der ärztlichen Untersuchung verifizieren?

Methoden

Design

Für diese erste Erhebung sollten folgende Aufnahme-Kriterien erfüllt werden: 

  • Frisch aufgenommene Patientinnen mit gesicherter Diagnose Lipödem in einer Fachklink für Lymphologie 
  • Noch keine Kompression vorhanden
  • Keine Veränderung des Therapiekonzeptes für die Teilnahme (Daher musste die Untersuchung an einem Wochenendtag durchgeführt werden.)
  • Alle Probandinnen sollen am selben Tag erfasst werden.
  • Alle Probandinnen wurden bereits ärztlich aufgenommen und nach Symptomen gefragt, eingeschlossen wurden nur Probandinnen, die eine subjektive Zunahme des Oberschenkelvolumens angaben. 

Durchführung der Untersuchung

  • Die Umfangsmessungen an Oberschenkeln wurden in üblicher Weise von einer erfahrenen Person durchgeführt (keine Abweichungen von der Norm für diese erste Erhebung, keine Zusatzbelastung für die Probandinnen), sprich händisch mit dem Maßband an vorgegebenen Stellen. 
  • Die Untersuchung erfolgte an einem Samstag an allen stationären Patientinnen mit Lipödem, die beim ärztlichen Aufnahmegespräch angegeben hatten, im Lauf des Tages eine Zunahme des Oberschenkelvolumens zu spüren (d. h. die Anzahl der Teilnehmerinnen war bedingt durch die Symptome der stationären Patientinnen und die Bereitschaft, sich morgens und abends vermessen zu lassen). 
  • Außerdem wurde der Wassergehalt des Gewebes mit dem MoistureMeter D am Vormittag und am Abend untersucht. 
  • Alle Probandinnen wurden gefragt, ob ihnen Hämatome aufgefallen seien. 
  • Die Beine wurden auf das tatsächliche Vorhandensein von Hämatomen untersucht. 

Es erfolgte die Erfassung des Oberschenkelumfangs beider Oberschenkel an drei Messpunkten jeweils am Morgen und am Abend. Am Messtag durften die Patientinnen am Oberschenkel keine Kompression tragen. Weitere entstauende Maßnahmen (z. B. Manuelle Lymphdrainagen) werden bei Patientinnen mit einem reinen Lip­ödem in der Fachklinik für Lymphologie ohnehin nicht durchgeführt. 

Punkt 1 wurde definiert als 5 cm kaudal des Leistenbandes am ventralen Oberschenkel, Punkt 2 in der Mitte zwischen Punkt 1 und 3 sowie Punkt 3 als 5 cm proximal des Oberrandes der Patella (Abb. 1). Die Umfänge wurden von der Untersucherin mittels Zentimetermaßband vorgenommen. 

Zwischen den Messungen am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr und am Abend nach 18 Uhr lagen mindestens zehn Stunden. Um mögliche Messfehler zu minimieren, wurde die Messung jeweils an einem warmen Julitag durch dieselbe erfahrene Untersucherin mit einem Zentimetermaßband, wie es bei der Anmessung von Kompressionsstrümpfen benutzt wird, durchgeführt. Der Flüssigkeitsanteil wurde zu beiden Tageszeiten mittels Delfin MoistureMeter D auf Höhe von Punkt 2 an vier Stellen (lateral, ventral, medial und dorsal) gemessen. Diese Untersuchung erfolgt regelmäßig bei allen Patienten im Rahmen der stationären Behandlung. 

Das Delfin MoistureMeter D ist ein medizinisches Messinstrument zur Bestimmung des Wassergehalts biologischer Gewebe. Es ist von ähnlicher Größe wie ein Infrarotfieberthermometer und wird für wenige Sekunden auf die entsprechenden Hautareale aufgesetzt. Dort misst es lokal die Dielektrizitätskonstanzwerte der Haut und des Unterhautgewebes bis zu einer  Tiefe von 2,5 mm non-invasiv. Vom Messinstrument erfolgt dann direkt die Umrechnung in den jeweiligen Prozentsatz Wassergehalt des Gewebes zwischen 0 bis 100 %. Laut Hersteller gelten für die Beine Werte unter 40 als unauffällig, Werte zwischen 40 und 50 als beobachtungswürdig. Lediglich Werte über 50 werden als Hinweis auf eine Ödemkomponente interpretiert. 

Da bei warmen Temperaturen ein leichtes Anschwellen der Beine auch völlig unabhängig von einem Lipödem auftreten könnte, wurde eine Kontrollgruppe rekrutiert. Diese besteht aus Frauen ohne Lipödem und ohne Lymphödem im Bereich der Oberschenkel, z. B. Frauen mit sekundärem Armlymphödem nach Mammakarzinom. Die Wahrnehmung von Prallheit oder Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel wird von den Frauen der Kontrollgruppe explizit verneint. Die Kontrollgruppe soll möglichst vergleichbare Werte für Waist-to-Height-Ratio (WHtR) und Body-Mass-Index (BMI) aufweisen wie die Frauen mit Lipödem.

Das Erhebungsprotokoll erfüllt die aktuelle Fassung der Deklaration von Helsinki, die Patientinnen wurden aufgeklärt, dass bei ihnen die absolut nicht invasiven Messungen und Erhebungen dazu dienen sollten, eine eventuell sinnvolle Studie aufzulegen. Aufgrund der Geringfügigkeit der Belastung wurde für diese erste Erhebung kein Ethik-Votum, aber dennoch eine Patienteninformation und eine Unterschrift als „Informed Consent“ zur Teilnahme an der Erhebung eingeholt. Die Daten wurden nach den Vorgaben der Datenschutzverordnung pseudonymisiert im behandelnden Zentrum ausgewertet. Die Daten der Publikation sind nicht auf die teilnehmenden Personen zurückzuverfolgen. 

Beschreibung der Stichprobe

Von den 26 Patientinnen, die frisch mit der Diagnose Lipödem in der Klinik aufgenommen waren, gaben 14 ein Gefühl von Prallheit und Zunahme der Schwellung im Bereich der Oberschenkel an und waren bereit, die Messungen durchführen zu lassen. Dazu wurden zehn Kontrollprobandinnen ohne Lymphödem oder Lip­ödem der Beine eingeschlossen. 

Inkludiert sind N=24 Frauen, davon n1=14 mit der Diagnose Lipödem während ihrer stationären Behandlung im Europäischen Zentrum für Lymphologie in Hinterzarten. Alle 14 beschreiben ein Gefühl von Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel. 

Zwölf der Patientinnen wiesen neben ihrem Lipödem auch die Erkrankung Adipositas auf. Sieben Patientinnen waren morbid adipös, d. h. hier lag der BMI bei 40 kg/m2 bzw. höher; eine Patientin war normalgewichtig (BMI 22 kg/m2), eine weitere übergewichtig (BMI 29 kg/m2). 

Als Kontrollgruppe ohne Lipödem dienten n2=10 Frauen ohne die Beschwerden von Prallheit und Schwellneigung in den Oberschenkeln und zudem ohne Lymph­ödem in den Oberschenkeln, z. B. Frauen mit sekundärem Armlymphödem nach Mammakarzinom. Es wurde bei der Auswahl der Kontrollgruppe darauf geachtet, dass die Teilnehmerinnen einen möglichst ähnlichen WHtR und BMI aufweisen wie die Gruppe der Frauen mit Lipödem.  

 Frauen mit Lipödem n1 =14Frauen der Kontrollgruppe ohne Lipödem n2 =10
Alter in Jahren27 – 6417 – 73
Mittelwert Alter48,8641,30
BMI in kg/m²22.21 – 59,1927,28 – 48,54
Mittelwert BMI40,1337,16
WHtR0,49 – 0,880,61 – 0,84
Mittelwert WHtR0,710,71
Tab. 1: Beschreibung der Stichprobe N=24.

Alter, BMI, WHtR sowie deren Mittelwerte sind in Tabelle 1 für die Untergruppe mit Lipödem n1=14 und die Untergruppe der Kontrolle ohne Lip­ödem n2=10 dargestellt. Im statistischen Vergleich bestehen keine signifikanten Unterschiede zwischen n1 und n2 bezüglich dieser Größen.

Als relevante Nebendiagnosen wurden Lymphödeme der Unterschenkel und chronisch venöse Insuffizienz (CVI) erfasst. In der Untergruppe Lipödem waren bei fünf Frauen distal betonte adipositasassoziierte Beinlymphödeme diagnostiziert worden, bei zwei eine CVI. In der Kontrollgruppe bestand bei einer Frau die Diagnose eines primären, adipositasaggravierten Lymphödems der Unterschenkel.

Ergebnisse gegliedert nach den zentralen Fragestellungen

Umfangmaße an den Oberschenkeln in der Lipödemgruppe

Alle 14 Frauen mit Lipödem der Oberschenkel beschrieben subjektiv die Wahrnehmung von Prallheit und Schwellneigung in diesem Körperbereich.  In Tabelle 2.1 sind die Mittelwerte der Oberschenkelumfänge (Mean) und die Standardabweichungen für die jeweiligen Messpunkte und Tageszeiten dargestellt. Dabei zeigen sich keine signifikanten Veränderungen im Tagesverlauf im linken Bein sowie in der Mitte des Oberschenkels am rechten Bein.  Statistisch signifikante Veränderungen zwischen morgens und abends sind lediglich an zwei Messpunkten – und dabei nur am rechten Bein – feststellbar: 5 cm unterhalb des Leistenbandes (P1 = 0,5 cm Änderung) und 5 cm oberhalb des Knies (P3 = 0,64 cm).

Messebene und -zeitMean: Oberschenkelumfang
in cm
SDMessebene und -zeitMean: Oberschenkelumfang
in cm
SD

(zweiseitig)

p

Links morgens P173,717,64Links abends P173,798,00n.s.
Links morgens P268,076,99Links abends P267,937,08n.s.
Links morgens P354,796,73Links abends P354,796,59n.s.
Rechts morgens P173,648,14Rechts abends P174,148,250,013
Rechts morgens P268,077,74Rechts abends P268,217,75n.s.
Rechts morgens P355,506,58Rechts abends P356,146,660,022
P1: 5 cm kaudal des Leistenbandes am ventralen Oberschenkel; P2: zwischen P1 und P3; P3: 5 cm proximal des Oberrandes der Patella.
Tab. 2.1: Mittelwert (Mean) und Standardabweichung (SD) der Oberschenkelumfänge bei den Frauen mit Lipödem und Prüfung der Veränderungen zwischen Morgen und Abend auf statistische Signifikanz mittels t-Test für gepaarte Stichproben, n1 =14. (n.s.: nicht signifikant)

Umfangmaße an den Oberschenkeln in der Kontrollgruppe

Die Kontrollgruppe zeigt durchschnittliche Unterschiede zwischen 0,30 und 0,80 cm (Tab. 2.2). 

In der Kontrollgruppe bestehen keine statistisch signifikanten Unterschiede der Oberschenkelumfänge zwischen morgens und abends bis auf den Messpunkt auf Höhe 5 cm oberhalb des Knies, deren Umfangmaße grenzwertig signifikant zunehmen zwischen morgens und abends.
Von den Frauen der Kontrollgruppe wurde weder eine Wahrnehmung der Prallheit im Gewebe noch eine Schwellneigung der Oberschenkel beschrieben.

Messebene und -zeitMean: Oberschenkelumfang
in cm
SDMessebene und -zeitMean: Oberschenkelumfang
in cm
SD

(zweiseitig)

p

Links morgens P171,0011,09Links abends P171,6011,28n.s.
Links morgens P261,7011,75Links abends P262,2011,96n.s.
Links morgens P350,5011,22Links abends P351,2011,520,045
Rechts morgens P171,2011,37Rechts abends P171,7011,43n.s.
Rechts morgens P261,8011,29Rechts abends P262,1011,50n.s.
Rechts morgens P350,7011,30Rechts abends P351,5011,500,011
P1: 5 cm kaudal des Leistenbandes am ventralen Oberschenkel; P2: zwischen P1 und P3; P3: 5 cm proximal des Oberrandes der Patella.
Tab. 2.2: Mittelwert (Mean) und Standardabweichung (SD) der Oberschenkelumfänge bei den Frauen der Kontrollgruppe ohne Lipödem und Prüfung der Veränderungen zwischen Morgen und Abend auf statistische Signifikanz mittels t-Test für gepaarte Stichproben, n2 =10. (n.s.: nicht signifikant)

Vergleich der Umfangmaße an den Oberschenkeln zwischen beiden Gruppen

Im statistischen Vergleich der Differenzen (Abendwert minus Morgenwert) mittels t-Test für unabhängige Stichproben zeigen sich bei der zweiseitigen Testung keine signifikanten Unterschiede zwischen den Frauen mit Lipödem und den Frauen der Kontrollgruppe (Tab. 3). D. h. Frauen mit Lipödem erfahren im Tagesverlauf in dieser kleinen Stichprobe die gleichen – und wie in Tabelle 1 bereits gezeigt, im Wesentlichen nicht statistisch signifikanten – Veränderungen der Oberschenkelumfänge wie die Frauen der Kontrollgruppe mit gesunden Beinen.

Differenz in cm zwischen
abends und morgens

Lipödem

Mean

Lipödem

SD

Kontrolle

Mean

Kontrolle

SD

t-Test

(zweiseit.)

p

Links P10,070,830,600,84n.s.
Links P2-0,141,030,500,71n.s.
Links P30,000,780,700,95n.s.
Rechts P10,500,650,500,71n.s.
Rechts P20,141,030,300,82n.s.
Rechts P30,640,930,800,79n.s.
P1: 5 cm kaudal des Leistenbandes am ventralen Oberschenkel; P2: zwischen P1 und P3; P3: 5 cm proximal des Oberrandes der Patella.
Tab. 3: Vergleich der Unterschiede der Oberschenkelumfänge im Tagesverkauf von Frauen mit Lipödem und Frauen mit gesunden Beinen (Differenzen Abend – Morgen in cm), Mittelwerte der Differenzen (Mean) in cm, Standardabweichung (SD). (n.s.: nicht signifikant).

Messungen mit dem Delfin MoistureMeter D 

In den Tabellen 4 und 5 sind die Ergebnisse der Messung des Flüssigkeitsanteils des subkutanen Fettgewebes am Morgen und am Abend aufgeführt bei Frauen mit Lipödem. In den Tabellen 6 und 7 sind die Vergleiche zwischen den Messpunkten und Probandinnen mit und ohne Lipödem dargestellt. 

Aufgrund der kleinen Anzahl von Probandinnen wurde auf die Darstellung der Prozentwerte verzichtet und nur die Häufigkeit n für unauffällige, beobachtungswürdige und kritische Werte der mit dem Delfin MoistureMeter D gemessenen Flüssigkeit angegeben. 

Morgens≤ 40
n
> 40 und ≤ 
50

> 50

n

RangeMeanSD
Links lateral113–29–4337,144,00
Links ventral131–29–4135,863,35
Links medial131–28-4133,714,86
Links dorsal113–30–4237,793,38
Rechts lateral122–32–4136,792,94
Rechts ventral14––29–4035,213,22
Rechts medial104–32–4237,363,37
Rechts dorsal104–31–4137,363,27
Gemessen auf Höhe von P2: in der Mitte des Oberschenkels.
Tab. 4: Ergebnisse der Messungen mit einem Delfin MoistureMeter D bei den Frauen mit Lipödem n1 =14, dargestellt in n pro Kategorie, ergänzend Range, Mittelwert (Mean) und Standardabweichung (SD) am Morgen.
Abends

≤ 40

n

> 40 und ≤ 50

n

> 50

n

RangeMeanSD
Links lateral131–32–4437,002,88
Links ventral122–29–4135,504,13
Links medial14––30–3934,363,05
Links dorsal113–32–4237,643,50
Rechts lateral131–30–4236,003,35
Rechts ventral131–31–4136,293,02
Rechts medial122–32–4237,293,12
Rechts dorsal122–35–4238,432,10
Gemessen auf Höhe von P2: in der Mitte des Oberschenkels.
Tab. 5: Ergebnisse der Messungen mit einem Delfin MoistureMeter D bei den Frauen mit Lipödem n1 =14, dargestellt in n pro Kategorie, ergänzend Range, Mittelwert (Mean) und Standardabweichung (SD) am Abend.
Morgens

Lipödem

Mean

Lipödem

SD

Kontrolle

Mean

Kontrolle

SD

t-Test

p

Links lateral37,144,0037,103,14n.s.
Links ventral35,863,3536,102,64n.s.
Links medial33,714,8636,403,92n.s.
Links dorsal37,793,3836,803,55n.s.
Rechts lateral36,792,9437,701,77n.s.
Rechts ventral35,213,2236,403,47n.s.
Rechts medial37,363,3738,002,94n.s.
Rechts dorsal37,363,2735,103,04n.s.
Gemessen auf Höhe von P2: in der Mitte des Oberschenkels.
Tab. 6: Vergleich des Flüssigkeitsanteils des äußeren Subkutangewebes gemessen mit MoistureMeter D bei Frauen mit Lipödem versus Frauen der Kontrollgruppe mit gesunden Beinen – am Morgen.
Abends

Lipödem

Mean

Lipödem

SD

Kontrolle

Mean

Kontrolle

SD

t-Test (zweiseit.)

p

Links lateral37,002,8837,703,34n.s.
Links ventral35,504,1336,003,80n.s.
Links medial34,363,0536,402,22n.s.
Links dorsal37,643,5035,702,63n.s.
Rechts lateral36,003,3536,702,79n.s.
Rechts ventral36,293,0237,704,03n.s.
Rechts medial37,293,1237,903,51n.s.
Rechts dorsal38,432,1035,202,530,003
Gemessen auf Höhe von P2: in der Mitte des Oberschenkels.
Tab. 7: Vergleich des Flüssigkeitsanteils des äußeren Subkutangewebes gemessen mit MoistureMeter D bei Frauen mit Lipödem versus Frauen der Kontrollgruppe mit gesunden Beinen – am Abend.

Aufgrund der kleinen Anzahl von Probandinnen wurde auf die Darstellung der Prozentwerte verzichtet und nur die Häufigkeit n für unauffällige, beobachtungswürdige und kritische Werte der mit dem Delfin MoistureMeter D gemessenen Flüssigkeit angegeben. 

Hämatomneigung

9 der 14 Frauen mit Lipödem geben subjektiv eine Hämatomneigung an. Eine Patientin präsentierte Hämatome, die jedoch in Zusammenhang mit einem Fahrradsturz standen. Darüber hinaus konnten weder bei der Aufnahmeuntersuchung noch bei der Untersuchung am Tag der Messung Hämatome festgestellt werden. Zwei Patientinnen hatten die Blaufärbung einzelner, kleiner Besenreißer als Hämatome aufgefasst. 
In der Kontrollgruppe geben drei von zehn Frauen subjektiv eine Hämatomneigung an. Auch diese konnte in der ärztlichen Untersuchung nicht bestätigt werden. Es sind bei diesen Frauen zu den Untersuchungszeitpunkten ebenfalls keine sichtbaren Hämatome vorhanden.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Bei jenen Frauen mit ärztlich gesicherter Diagnose Lipödem, die gleichzeitig die subjektive Wahrnehmung von Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel dokumentieren, werden die Veränderungen der Oberschenkelumfänge im Tagesverlauf erfasst und miteinander verglichen. Dabei können die subjektiven Wahrnehmungen von Prallheit und Schwellneigung in den objektiven Messungen im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht bestätigt werden.

Vergleicht man die Veränderungen im Tagesverlauf, so ergeben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Frauen mit Lipödem und den Frauen ohne Lipödem und beschwerdefreien Beinen.

Mit anderen Worten: Die Frauen in unserer Stichprobe ohne Lipödem erfahren an Sommertagen die gleichen minimalen Veränderungen in den Oberschenkelumfängen wie die Frauen mit Lipödem.

Ebenso ergeben die Messungen mittels MoistureMeter D im äußeren Subkutangewebe keinerlei Hinweise auf eine Ödemkomponente – weder bei den untersuchten Frauen mit Lipödem noch bei der Kontrollgruppe beschwerdefreier Frauen ohne Lipödem. 

Diskussion

Der BMI der Frauen mit Lipödem liegt – bei völlig identischem durchschnittlichen WHtR – leicht über dem der Kontrollgruppe. Dies dürfte zumindest teilweise die Disproportion der Beine beim Lipödem widerspiegeln (Abb. 3 bis Abb. 5). Die Verteilung des BMI der vorliegenden Stichprobe entspricht auch der in der Literatur zu diesem Thema beschriebenen Verteilung von Adipositas beim Lipödem (11, 19–24). Das Alter beider Gruppen unterschied sich nicht. 

Optimal wäre es gewesen, Frauen in der Kontrollgruppe zu haben mit dysproportionaler Fettverteilung, aber ohne Schmerz, sprich mit schmerzfreier Lipohypertrophie im Bereich der Beine. Dies gestaltete sich als schwierig, da diese Frauen in der Regel nicht in einer lymphologischen Fachklinik vorstellig werden. Für eine weitere möglichst multizentrische Studie wären diese Probandinnen als Kontrollgruppe sehr sinnvoll. 

Die Umfangsveränderung im Lauf des Tages betrug bei den Frauen mit Lipödem zwischen 0 und 0,64 cm, bei den Probandinnen in der Kontrollgruppe zwischen 0,3 und 0,8 cm – allesamt keine großen Beträge. Mit der Einschränkung der kleinen Gruppe ergab sich eine diskrete statistische Signifikanz an zwei Messwerten am rechten Oberschenkel bei Frauen mit Lipödem. 

Von Anfang an stellte sich die Frage, ob Veränderungen der Oberschenkelumfänge und damit eine Volumenveränderung typisch für ein Lipödem sind oder ob an warmen Sommertagen auch bei Frauen mit gesunden Beinen ähnliche Veränderungen der Oberschenkelumfänge festgestellt werden können. Aus diesem Grunde wurde von Beginn an eine Kontrollgruppe an denselben Messtagen einbezogen. Da bei wenigen Frauen mit Lipödem doch minimale Veränderungen des Oberschenkelumfanges festzustellen sind, wurden die Differenzen zwischen morgens und abends bei den Frauen mit Lipödem mit jenen bei den Frauen mit beschwerdefreien Beinen verglichen. Die Ergebnisse der Berechnungen zeigen keine statistisch signifikanten Unterschiede der – mit durchschnittlich weniger als 0,8 cm gering erscheinenden – Umfangsveränderung zwischen Beinen mit Lipödem und beschwerdefreien Beinen im Tagesverlauf. Die Frauen der Kontrollgruppe hatten darüber hinaus Wahrnehmungen von Prallheit oder Schwellneigung im Gewebe dezidiert verneint.

Die manuelle Messung der Umfänge kann als nicht standardisiert gewertet werden und soll daher diskutiert werden. Tatsächlich ist das Messen von Beinumfangmaßen ein schwieriges Unterfangen. Die exakteste Volumetrie wäre immer noch nach dem Archimedes-Prinzip das Eintauchen der Beine in einen Wasserbehälter und das Messen des überlaufenden Wassers. Für die Messung der Oberschenkel müsste man dafür jedoch erst einmal das Volumen der Wade messen und dann vom Volumen des Gesamtbeins abziehen. Dies Verfahren wird daher kaum noch angewendet und erfordert auch große Erfahrung. 

Die elektronische Vermessung der Umfangmaße am Bein ist seit einigen Jahren etabliert, um Kompressionsstrümpfe sicherer zu vermessen und wurde auch in Studien eingesetzt (25). Ihr Einsatz bei Beinen mit Deformitäten hat jedoch Einschränkungen, weswegen z. B. bei der Vermessung von Flachstrickstrümpfen immer noch manuelle Messungen eingesetzt werden, trotz ihrer vermeintlich schlechteren Reproduzierbarkeit. Hier kommt es definitiv auf Expertise an – und möglichst darauf, bei wiederholten Messungen immer die­selbe Person messen zu lassen. Dies wurde in diesem Fall eingehalten: Es war dieselbe erfahrene Mitarbeiterin der Klinik, die an den Probandinnen morgens und abends die Messungen vorgenommen hat. 

Bei elektronischen Messungen gibt es ab einem Gewicht von 150 kg bei den Messungen am Oberschenkel eine Einschränkung, da es nicht möglich ist, die dann in Kontakt stehenden Oberschenkelinnenseiten als einzelnes Bein elektronisch zu vermessen. 

Auch wenn also idealerweise eine mechanische Messung zum Einsatz kommen sollte, ist die händische Messung durch eine erfahrene Person in den Augen der Autoren immer noch die praktikabelste und beste Lösung für das Vermessen der Umfangmaße. Außerdem ist die Fehlermöglichkeit in beide Richtungen möglich (zu großer Umfang, zu geringer Umfang) und würde sich bei einer größeren Gruppe aufheben. 

Zusätzlich zum Umfang der Oberschenkel wurde auf Höhe von Punkt 2 (in der Mitte des Oberschenkels) mit einem Delfin MoistureMeter D der Flüssigkeitsgehalt im äußeren Subkutangewebe gemessen. Die Messergebnisse zeigen weder bei den Frauen mit Lipödem noch bei den Frauen der Kontrollgruppe signifikante Veränderungen des Flüssigkeitsanteils des äußeren Subkutangewebes – und dies obwohl die untersuchten Frauen mit Lipödem subjektiv eine Prallheit und Schwellneigung des Gewebes wahrnehmen.

Das Maß von über 50 % Feuchtigkeit wird bei der MoistureMeter-Messung nach Herstellerangaben in der Lymphologie als Kriterium für eine Ödemkomponente angegeben (26). Dieser Wert wird von keiner der untersuchten Lipödem-Patientinnen – und auch von keiner der Kontrollgruppe – erreicht. Der höchste Wert liegt in beiden Gruppen bei 42 % – und damit deutlich unterhalb des Kriteriums für ein Ödem. Es gibt beim MoistureMeter noch keine großen Untersuchungen bei Patientinnen mit Lipödem. Daher hat die Erhebung in dieser Reihe einen rein exploratorischen Charakter, sollte dem Leser aber nicht vorenthalten werden. 

Die vorliegenden ersten Ergebnisse vergleichender Messungen im Tagesverlauf zeigen, dass sich subjektive Wahrnehmung von Patientinnen mit Lipödem und Ergebnisse objektiver Messungen klar unterscheiden, was nicht bedeutet, dass die Gefühle nicht real wären. 

Die Erkenntnis, dass die subjektive Wahrnehmung von somatischen Symptomen wie Schwere oder Schwellung der Beine nicht systematisch mit bestimmten Krankheitsbildern einhergeht, wurde auch bereits in der Phlebologie beschrieben (25). Beschwerden der Beine (bei Blättler und Mendoza „homeostatic feelings“ oder „vein symptoms“ genannt) treten in dieser Studie mit N=127 Patienten sowohl bei Personen mit nachgewiesener Venenerkrankung auf als auch bei jenen Personen ohne jegliche Zeichen einer venösen Insuffizienz. Diese Patienten standen zehn Minuten auf dem elektronischen Umfang- und Volumenmessgerät BT 600 (Bodytronic® 600, Bauerfeind), einmal mit Kompression, einmal ohne. Das Beinvolumen wurde am Anfang und am Ende der unbewegten Steh-Phase gemessen und ebenso die Beinschmerzen in einer Analogskala von 0 – 10 erfasst. Unabhängig von ihrer venösen Grunderkrankung und der sehr diskreten Volumenzunahme in diesen zehn Minuten hatten alle Probanden starke Schmerzsymptome beim unbewegten Stehen, die unter Kompression deutlich gelindert werden konnten. Darüber hinaus zeigen auch die Ergebnisse einer weiteren Studie aus dem phlebologischen Spektrum (27), dass allein die Angst vor Varikose selbst bei völlig gesunden Männern und Frauen Spannungs- und Schweregefühle in den Beinen verstärkt. Interessanterweise sind dies auch die typischen Symptome bei Frauen mit Lipödem.

Damit widersprechen die objektiven Daten einer weit verbreiteten Meinung, ein vermehrtes Empfinden von Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel gehe mit einer Flüssigkeitseinlagerung und Volumenvermehrung einher, diese Flüssigkeitseinlagerung sei sogar die Ursache dieser Missempfindung. Wie schon von Blättler et al. 2019 (25) beschrieben, verringert Kompression hoch signifikant die Missempfindungen/Schmerzen im Stehversuch. Möglicherweise liegt der Schmerzlinderung durch Kompression bei Lipödem ein ähnlicher Zusammenhang zugrunde. 

Die vorliegenden Ergebnisse weisen in dieselbe Richtung wie eines der Resultate einer 2020 publizierten Studie zu Lip­ödem und Schmerz (11): Dort konnte u. a. gezeigt werden, dass die Schmerzwahrnehmung beim Lipödem unabhängig von einem – grundsätzlich aus anderer Genese stammenden (z. B. adipositasassoziierten oder primären Lymphödem) – Ödem ist. 
 

Limitationen der Erhebung

Die kleine Fallzahl stellt eine deutliche Limitation dar. Die Frage, ob die häufig subjektiv angegebene Zunahme des Ödems am Oberschenkel im Laufe des Tages sich objektivieren lässt, sollte in einer ersten einfachen Erhebung untersucht werden. Die Autoren haben sich trotz der kleinen Gruppe wegen der Homogenität der Ergebnisse zur Publikation entschieden, um auf diese Problematik aufmerksam zu machen und dieser eher deskriptiven Fallbeschreibung eine Studie folgen zu lassen. 

Die Interpretation der MoistureMeter-Werte gestaltet sich als diffizil. Die Werte können nicht als absolute Größen gesehen, sondern nur im Kontext von Werten für andere Körperpunkte oder relativen Veränderungen an einem bestimmten Körperpunkt interpretiert werden (26). Dennoch werden sie immer wieder gefordert als „objektive“ Messung des Flüssigkeitsgehaltes im Gewebe und wurden daher mit durchgeführt. Die hier vorliegenden Ergebnisse sollten im Rahmen größerer Fallzahlen repliziert werden, wenn möglich ebenfalls in der warmen Jahreszeit. 

Fazit

Viele Frauen mit Lipödem erleben häufig subjektiv Prallheit und Schwellneigung im Oberschenkel. Diese Missempfindungen gehen jedoch, wie unsere ersten Beobachtungen belegen, nicht mit messbaren Veränderungen in Oberschenkel­umfängen oder Flüssigkeitseinlagerungen im Subkutangewebe einher. Dennoch sollten diese real erlebten Beschwerden von Behandlern ernstgenommen werden und ihre Ursachen gesucht, gefunden und dann therapiert werden. 

Darüber hinaus konnte die von Patientinnen wahrgenommene Hämatomneigung im Rahmen klinischer Untersuchungen nicht bestätigt werden.

Die Ergebnisse dieser ersten Beobachtungen und Messungen an Patientinnen mit einem Lipödem der Oberschenkel weisen darauf hin, dass die subjektive (und ganz real erlebte) Wahrnehmung von im Tagesverlauf zunehmender Prallheit und Schwellneigung im Bereich der Oberschenkel eher als Facette des Schmerzerlebens oder der Wahrnehmung von Körpersymptomen einzuordnen ist. Es sind sowohl Untersuchungen mit Kombination von händischem und elektronisch basierten Mess-Systemen an größeren Patienten-Kohorten im Vergleich auch zu Frauen mit Lipohypertrophie ohne Schmerzerleben zur Erhärtung unserer Ergebnisse sinnvoll als auch die weitere Suche nach den Ursachen der wahrgenommenen und nicht objektivierbaren Volumenzunahme. 

1.    Hirsch T, Schleinitz M. et al. Ist die Differentialdiagnostik des Lipödems mittels hochauflösender Sonografie möglich? Phlebologie 2018;47:182-187.
2.    Cellina M, Gibelli, D, Soresina M et al. Non-contrast MR Lymphography of lipedema. Magnet Resonance Imaging 2020;71:115-124.
3.    Felmerer G, Hägerling R, Gousopoulos E et al. Adipose Tissue Hypertrophy, An Aberrant Biochemical Profile and Distinct Gene Expression in Lipedema. J Surg Res 2020;253:294-303.
4.    Wolf S, Deuel JW, Hollmén M et al. A Distinct Cytokine Profile and Stromal Vascular Fraction Metabolic Status without Significant Changes in the Lipid Composition Characterizes Lipedema3Int. J. Mol. Sci. 2021;22:3313. https://doi.org/10.3390/ijms22073313.
5.    Felmerer G, Stylianaki A, Hollmén M et al. Increased levels of VEGF-C and macrophage infiltration in lipedema patients without changes in lymphatic vascular morphology. Sci Rep 2020;10:10947. doi.org/10.1038/s41598-020-67987-3
6.    Bertsch T, Erbacher G. Lipödem – Mythen und Fakten, Teil 1. Phlebologie 2018;47:84–92.
7.    Bertsch T, Erbacher G. Lipödem – Mythen und Fakten, Teil 2. Phlebologie 2018;47:120-126.
8.    Lipedema – Guidelines in the Netherlands 2014. Abrufbar unter www.gdlymph.eu/assets/pdf/Dutch-lipoedema-guideline-2014.pdf.
9.    Bertsch T, Erbacher G, Corda D et al. Lipödem – Mythen und Fakten, Teil 5. Streitschrift für eine European Best Practice of Lipoedema - Zusammenfassung des Konsensus des European Lipoedema-Forums. Phlebologie 2020;49(01):31-50. DOI: 10.1055/a-1012-7670.
10.    Bertsch T, Erbacher G, Elwell R, Partsch H. Lipoedema: a paradigm shift and consensus. J Wound Care 2020; 29(11Suppl2): S1–S52. Abrufbar unter: www.magonlinelibrary.com/pb-assets/JOWC/JWC_Consensus_Lipoedema.pdf.
11.    Erbacher G, Bertsch T. Lipödem und Schmerz – Welche Rolle spielt die Psyche? Phlebologie 2020:49(5):305–316. doi 10.1055/a-1238-6657. 
12.    Klose G. Therapy for lipedema - Incorporating new clinical guidelines. Pathways. Canadas Lymphedema Magazine; Winter 2020. 
13.    Bertsch T, Erbacher G, Klose G. In Response to Herbst´s Letter to the Editors of Pathways. Pathways Spring 2021;10(2):21-22.
14.    Reich-Schupke S, Altmeyer P, Stücker M. Dicke Beine – Nicht immer ist es ein Lipödem. J Dtsch Dermatol Ges. 2013;11(3):225-33.
15.    Gensior M, Cornely M. Der Lipödemschmerz und seine Folgen auf die Lebensqualität betroffener Patientinnen – Ergebnisse einer Patientenbefragung mittels Schmerzfragebogen. Phlebologie 2020;10.1055/a-1109-5960.
16.    Brenner E. Wie kommt der Schmerz ins Lipödem. LymphForsch 2017;21(1):40–47.
17.    Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.: Deutscher Schmerzfragebogen. Stand: Juni 2015. Im Internet (Stand: 19.06.2018): www.dgss.org/schmerzfragebogen/
18.    Erbacher G, Mendoza E, Bertsch T. Thigh swelling in patients with lipedema - subjective perception versus objective examination. Letter to the Editor; VASA; Accepted for publication on 08.09.2022.
19.    Child AH, Gordon KD, Sharpe P et al. Lipedema: An inherited condition. Am J Med Genet 2010, Part A;152A:970–976.
20.    Bosman J. Lipoedema: Poor knowledge, neglect or disinterest? Journal of Lymphoedema 2011;6(2):109–111.
21.    Dudek JE, Bialaszek W, Ostaszewski P. Quality of life in women with lipoedema: a contextual behavioral approach. Quality of Life Research 2016;25:401-408.
22.    Dudek JE, Białaszek W, Ostaszewski P, Smidt T. Depression and appearance-related distress in functioning with lipedema. Psychology, health & medicine 2018:1-8.
23.    Herbst KL et al. Lipedema Fat and Signs and Symptoms of Illness, Increase with Advancing Stage. Archive of Medicine 2015 (7). Online available at: www.lipoedema.co.uk/wp-content/uploads/2016/01/lipedema-fat-and-signs-andsymptoms-of-illness-increase-with-advancing-stage.pdf.
24.    Fink J et al. Leg Volume in Patients with Lipoedema following Bariatric Surgery. Visc Med 2020. doi: 10.1159/000511044.
25.    Blättler W, Mendoza E, Zollmann C et al. Homeostatic feelings – a novel explanation of vein symptoms derived from an experimental patient study. Vasa 2019;48(6):492-501. doi.org/10.1024/0301-1526/a000807
26.    Tugral A, Viren T, Bakar Y. Tissue dielectric constant and circumference measurement in the follow-up of treatment-related changes in lower-limb lymphedema. Int Angiol 2018;37(1):26-31. DOI: 10.23736/S0392-9590.17.03843-3.
27.    Blaettler W, Amsler F, Mendoza E. The relative impact on leg symptoms of fears of getting varicose veins and of great saphenous vein reflux. Phlebology 2012;1-6. DOI: 10.1258/phleb.2012.011158 

Gabriele Erbacher
Földiklinik, Hinterzarten

Dr. Erika Mendoza
Venenpraxis Wunstorf

Dr. Tobias Bertsch
Földiklinik, Hinterzarten

Korrespondenzadresse
Dr. med. Erika Mendoza
Venenpraxis Wunstorf
Speckenstraße 10
31515 Wunstorf
erika.mendoza@­t-online.de