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Neue S3-Leitlinie zu Depressionen im Kindes- und Jugendalter: Prof. Möhler im Interview

Im Interview beleuchtet Prof. Dr. Eva Möhler die wichtigsten Neuerungen der im März 2026 aktualisierten S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen, darunter altersspezifische Empfehlungen und ergänzende Therapieansätze. 

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Starke Individualisierung

Sofortiger Therapiebeginn bei Depressionen: S3-Leitlinie setzt Empfehlungen für Kinder neu auf

Die aktualisierte S3-Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen“ umfasst neue, differenzierte Empfehlungen für drei Altersgruppen, stärkeren Fokus auf ergänzende Maßnahmen wie Bewegungstherapie und Alternativen zur Behandlung der ersten Wahl. 


15.04.2026
J. Gutmann
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S3-Leitlinie
“Behandlung von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen"

Auf einen Blick
 

  • Sofortiger Therapiebeginn nach Diagnosestellung bei Depressionen im Kindes- und Jugendalter
  • Behandlung grundsätzlich bei allen Schweregraden empfohlen – kein abwartendes Vorgehen mehr
  • Psychotherapeutische Verfahren als erste Wahl, medikamentöse Therapie bei mittelgradigen und schweren Verläufen bei Jugendlichen (wobei mehrere Substanzen, wie etwa Citalopram, nicht mehr empfohlen werden)
  • Einbezug von Eltern/Bezugspersonen und individuelle Therapieplanung zentral
  • Ergänzende Maßnahmen wie Bewegung und psychosoziale Unterstützung gewinnen an Bedeutung


Die aktuelle Leitlinie zu Depressionen bei Kindern und Jugendlichen soll den Behandlungserfolg weiter steigern. Weg von aktiv abwartenden Maßnahmen wie Beratung bei leichten Depressionen bei Kindern und Jugendlichen – hin zu direktem Therapie-Einstieg: Die aktualisierte S3-Leitlinie „Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen“ sieht wesentliche Neuerungen für Behandler und Behandlerinnen in der Praxis vor. Im Vergleich zur ersten Version der Leitlinie im Juli 2013 sticht unter anderem die konsensbasierte Empfehlung hervor, Kindern und Jugendlichen direkt nach Diagnosestellung eine Behandlung anzubieten. Hintergrund dieser Ergänzung stellt eine Studie aus dem Jahr 2022 dar. Diese zeigt, dass eine Behandlungsverzögerung von bis zu zwei Jahren bei einer depressiven Störung im Jugendalter zusätzlich zur Chronifizierung der Störung beiträgt.

Zudem wurde die Interpersonelle Therapie (IPT) als Alternative zur Behandlung der ersten Wahl bei Jugendlichen neu aufgenommen. Diese solle der AWMF-Leitlinie zufolge bei Jugendlichen mit depressiven Störungen, bei welchen eine kognitive Verhaltenstherapie nicht möglich oder nicht gewünscht ist, als Alternative erwogen werden. Bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren wird im Rahmen der aktualisierten Leitlinie als Therapie der ersten Wahl die Parent-Child Interaction Therapy – Emotion Development (PCIT-ED) empfohlen.

Neue Studien zu depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter: Aktualisierungsbedarf der S3-Leitlinie 

Bereits die erste deutschsprachige S3-Leitlinie wurde 2013 entwickelt, um eine evidenzbasierte Grundlage für alters- und entwicklungsspezifische Diagnostik und Therapie zu schaffen. Seither haben sich sowohl die Studienlage als auch die Versorgungsrealität substantiell verändert. Insbesondere neue randomisierte kontrollierte Studien zur Psychotherapie und Pharmakotherapie, differenziertere entwicklungsbezogene Ansätze sowie Erkenntnisse zu Prävention und Früherkennung machten eine Aktualisierung erforderlich.

Tendenz steigend: Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter – etwa die unipolare depressive Störung - stellen in Deutschland ein bedeutendes Public-Health-Problem dar. In den letzten Jahren zunehmend in den Fokus von Forschung und Versorgung gerückt ist. Bereits im Kleinkindalter können depressive Episoden auftreten, die Prävalenzraten nehmen mit dem Alter jedoch deutlich zu, wie aus der AWMF-Leitlinie hervorgeht. Im Jugendalter liege sie zwischen 8-15 Prozent. In den letzten Jahren kam es sowohl international als auch in Deutschland zu einem substantiellen Anstieg der Betroffenenzahlen, heißt es weiter. Wie aus einer Pressemitteilung der LMU München hervorgeht, verstärkte die COVID-19-Pandemie diese Entwicklung durch soziale Isolation und Zukunftsängste. International stiegen depressive Symptome demnach auf etwa 25 Prozent, in Deutschland auf bis zu 24 Prozent. Nach der Pandemie sanken die Werte wieder, die psychische Belastung blieb jedoch erhöht.

Die im Dezember 2025 veröffentlichte Zweitfassung der S3-Leitlinie „Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen“ bündelt den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Sie zielt darauf ab, die Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland weiter zu standardisieren und zu verbessern. Ziele einer optimalen leitlinienorientierten und somit evidenzbasierten Behandlung sind neben einer Verringerung der Erkrankungsdauer und des Wiedererkrankungsrisikos, unerwünschte Neben- und Folgewirkungen möglichst gering zu halten. Vor dem Hintergrund steigender Prävalenzen von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, regional unterschiedlicher Versorgungsangebote und teilweise langer Wartezeiten soll der Leitlinie zudem eine zentrale Rolle für die Qualitätssicherung in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung zukommen. 

Federführend wurde die Leitlinie von Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München, und seinem Team bearbeitet. Diese hatten dafür neue wissenschaftliche Studien ausgewertet und für aktuelle Behandlungsempfehlungen verwendet.

 

 „Es war beeindruckend, wie viele neue Studien zur Behandlung der Depression im Kindes- und Jugendalter in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, die Eingang in die neuen Empfehlungen gefunden haben. (…) Vor allem die frühzeitige Beteiligung der Kinder und Jugendlichen mit einer Depression an den Therapieentscheidungen auf der Basis einer alters- und entwicklungsangemessenen Aufklärung und Partizipation ist eine wichtige Neuerung in der Leitlinie. (…) Eine wichtige neue Empfehlung ist, dass unabhängig vom Schweregrad der Depression nach der fachärztlichen Diagnosestellung eine Behandlung immer erfolgen soll."

Prof. Schulte-Körne, LMU Klinikum München

Wesentliche Aktualisierungen der S3-Leitlinie “Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen” im Überblick:

 

Stärkere Partizipation von Patienten, Patientinnen und Bezugspersonen

Erstmals wird explizit empfohlen, Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern bzw. Sorgeberechtigte systematisch in Behandlungsentscheidungen einzubeziehen. Dies reflektiert ein modernes, partizipatives Behandlungsverständnis („shared decision making“), das nachweislich die Therapieadhärenz und den Behandlungserfolg verbessern kann. Zu den zur Verfügung stehenden Werkzeugen zählen hier unter anderem einfache Sprache, die den aktuellen Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt. Auch der Einbezug von individuellen Bedürfnissen spielt eine wesentliche Rolle, damit Entscheidungen über die Therapie gemeinsam mit den Behandelnden sowie basierend auf klinisch-wissenschaftlicher Evidenz und individuellen Präferenzen, Ressourcen und Erwartungen getroffen werden können.

Altersdifferenzierte Behandlungsempfehlungen

Die Zweitfassung der Leitlinie differenziert klar zwischen drei Altersgruppen (3–6, 7–12, 13–18 Jahre). Diese Differenzierung soll entwicklungspsychologischen Unterschieden Rechnung tragen und eine präzisere Auswahl evidenzbasierter Interventionen ermöglichen.

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Frühzeitiger Behandlungsbeginn unabhängig vom Schweregrad

Neu ist die Empfehlung, nach Diagnosestellung grundsätzlich eine Behandlung anzubieten – auch bei leichten Depressionen. Damit verlassen Behandler und Behandlerinnen das frühere Konzept eines initialen „watchful waiting“, um Chronifizierung und funktionelle Beeinträchtigungen frühzeitig zu verhindern. 

Erweiterung psychotherapeutischer Erstlinienverfahren

Die aktualisierte Leitlinie erkennt die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) als gleichwertige Alternative zur kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) bei Jugendlichen an. Zudem werden altersabhängige Erstlinienverfahren definiert. Dazu zählen KVT bei 7–12-Jährigen und Parent-Child Interaction Therapy mit Zusatzmodul Emotion Development bei Vorschulkindern. Dies stärkt die Individualisierung der Therapieplanung. 

Differenzierte Empfehlungen zur Pharmakotherapie

Die pharmakologischen Optionen wurden erweitert: Neben Fluoxetin empfiehlt die Leitlinie nun auch Sertralin und Escitalopram als Erstlinienmedikation bei Jugendlichen mit mittelgradiger bis schwerer Depression. Gleichzeitig erfolgt eine restriktivere Bewertung einzelner Substanzen (z. B. Citalopram, Vilazodon, Vortioxetin, Desvenlafaxin und Selegilin nicht mehr empfohlen). Für jüngere Kinder gilt weiterhin, dass von Pharmakotherapie abgesehen werden sollte. 

Integration komplementärer und multimodaler Ansätze

Erstmals aufgenommen sind evidenzbasierte Empfehlungen zu körperlicher Aktivität, Lichttherapie und Omega-3-Fettsäuren. Ergänzend werden konsensbasierte Empfehlungen zu kreativen Therapieformen und Maßnahmen der Jugendhilfe formuliert, was den multimodalen Behandlungsansatz unterstreicht. 

Berücksichtigung von Transitionsprozessen

Neu sind Empfehlungen zur Versorgung von Depressionen bei Jugendlichen im Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter. Ziel ist die Sicherstellung kontinuierlicher Behandlung und die Vermeidung von Versorgungslücken in einer besonders vulnerablen Phase. 

Insgesamt zeigen die Neuerungen eine stärkere Individualisierung, frühzeitige Intervention sowie eine Ausweitung multimodaler und partizipativer Behandlungsstrategien.

Literatur

S3-Leitlinie Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. AWMF-Reg.-Nr. 028 - 043

https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-043

Autorin
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