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Interview

STI-Leitlinie: Was die Aktualisierung vorsieht

Die Leitlinie „Sexuell übertragbare Infektionen (STI) – Beratung, Diagnostik, Therapie“ wird gerade grundlegend überarbeitet. Koordinator Dr. med. Jan Borch, Universitätsklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Innsbruck, gibt im Interview einen Einblick in die Aktualisierung.


13.07.2026
J. Aldinger
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Die Zahlen sind besorgniserregend: Laut dem 2025 veröffentlichten Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch-Instituts wurden im Jahr 2024 dem Institut 9.519 Syphilis-Fälle gemeldet – ein neuer Höchststand in Deutschland (Vergleich in 2023: 9.159 Fälle).1 Auch europaweit scheinen sich die Fälle von sexuell übertragbaren Krankheiten – vor allem von Syphilis und Gonorrhö – zu erhöhen.2 Setzt sich dieser Trend fort, werden auch dermatologische Praxen zunehmend mit STI-assoziierten Krankheitsbildern konfrontiert sein.

Vor diesem Hintergrund wird die Aktualisierung der Leitlinie „Sexuell übertragbare Infektionen (STI) – Beratung, Diagnostik und Therapie“, deren letzte redaktionell überarbeitete Fassung 2019 veröffentlicht wurde, immer wichtiger. An diesem Mammutprojekt sind mehrere Fachgesellschaften, Patientenvertetungen und Berufsverbände beteiligt. Wir haben mit Dr. med. Jan Borch, Facharzt für Innere Medizin, einem der Koordinatoren der Aktualisierung, über den aktuellen Stand der Überarbeitung gesprochen – und Einblicke in die Neuerungen der Leitlinie bekommen.

Im Interviw

Dr. med. Jan Borch

Universitätsklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Innsbruck

Die Aktualisierung der Leitlinie „Sexuell übertragbare Infektionen (STI) – Beratung, Diagnostik und Therapie“ ist in vollem Gange. In welchem Stadium ist die Überarbeitung der Leitlinie momentan?

Jan Borch: Die Überarbeitung in Arbeitsgruppen ist abgeschlossen, nun erfolgen noch kleinere Verbesserungen mit den 40 Autoren der Leitlinie, die Publikation ist für 2027 geplant. An dem Prozess sind 14 Fachgesellschaften, 3 Patient:innenvertretungen, 3 ärztliche Berufsverbände und eine Bundesbehörde (Robert Koch-Institut) beteiligt. Jede dieser Organisationen möchte ihre eigene Perspektive auf STI berücksichtigt sehen. Die Koordination war daher eine Mammutaufgabe, die Dr. Angela Schuster und ich ehrenamtlich durchgeführt haben.

Gerade bei Syphilis, die ja auch stark die Haut betrifft, erreichen die Zahlen in Deutschland neue Höchststände. Was meinen Sie: Sehen wir hier nur bessere Diagnostik oder tatsächlich eine reale Zunahme von STI?

Borch: Im Mai 2026 hat das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) die Zahlen für Syphilis im Jahr 2024 veröffentlicht. Seit 2015 hat sich die Zahl der Syphilis-Fälle verdoppelt. Wir sehen tatsächlich in der STI-Sprechstunde mehr Fälle von syphilitischen Ulzera, Syphilis-Exanthemen und Condylomata lata als noch vor einigen Jahren. Glücklicherweise ist der Test auf Syphilis fester Bestandteil der Schwangerschaftsvorsorge. Dadurch konnten wir einige Übertragungen auf Neugeborene verhindern. Die Dringlichkeit dieses Screenings in der Schwangerschaft wird durch die aktuellen Zahlen des ECDC unterstrichen: In 2024 kam es zu einer Verdoppelung gegenüber 2023, was die Fallzahlen von Syphilis in der Schwangerschaft betrifft.

Antibiotikaresistenzen nehmen weiter zu und werden ein immer größeres Problem. Wie haben sich in den letzten Jahren die Therapieempfehlungen bzw. wie hat sich der Stellenwert von Einmaltherapien vs. längeren Regimen insbesondere vor diesem Hintergrund verändert?

Borch: Einmaltherapien haben den Vorteil, dass sie praktisch sind und Adhärenzfehler minimieren. Bei Gonorrhoe erfolgt die Behandlung in der Regel weiterhin mit der einmaligen Gabe von Ceftriaxon. Die Frühsyphilis wird auch weiterhin mit der einmaligen intramuskulären Gabe von Benzathin-Penicillin behandelt. Leider nicht mehr möglich ist die Einmalgabe von Azithromycin bei Chlamydia trachomatis aufgrund zunehmender Resistenzen.

Zunehmend problematisch wird auch die Behandlung von Mycoplasma genitalium. Dies sind sexuell übertragene Erreger, die in der Mehrzahl der Fälle zwar nicht behandelt werden müssen, in einigen Fällen– z.B. bei anhaltenden Beschwerden oder bei Kinderwunsch von Personen mit Uterus – aber doch behandlungsbedürftig sind. Dies benötigt leider oftmals mehrere Anläufe mit zum Teil Reserveantibiotika, wie Moxifloxacin, Pristinamycin oder Sitafloxacin. Verständlicherweise klagen diese Menschen oft über psychische Belastungen infolge der erfolglosen Antibiotika-Therapien. Nicht selten kommt es dann auch zu Partnerschaftsproblemen, da in der Regel eine Paartherapie des asymptomatischen Partners erforderlich ist, was dann zu sexueller Enthaltsamkeit und Schuldzuweisungen in der Beziehung führen kann. Es ist absehbar, dass es in Zukunft mehr Fälle geben wird, bei denen eine Eradikation von Mycoplasma genitalium gar nicht mehr möglich ist. Die Betroffenen müssen dann mit einer persistierenden, nicht mehr kurativ behandelbaren Mycoplasma-Infektion leben.

Gibt es besondere Schwerpunkte, die es in die aktualisierte Leitlinie schaffen werden und auf die Sie vielleicht gesondert hinweisen möchten?

Borch: Da die Leitlinie noch nicht konsentiert wurde, kann ich nur aus dem Nähkästchen plaudern. Aber es zeichnet sich ab, dass wir sprachlich auf People-First Language achten werden. People-First Language ist ein Ansatz, der in der HIV-Medizin etabliert ist und der den Menschen in den Vordergrund stellt und nicht die Krankheit. Der Ausdruck „HIV-positiver Patient“ ist mittlerweile obsolet. Zeitgemäßer, da weniger stigmatisierend, ist zum Beispiel: „Person, die mit HIV lebt“.

Was den Zugang zur STI-Diagnostik betrifft, sollte dieser sich nicht an kategorialen Risikozuschreibungen (z. B. MSM – Männer, die Sex mit Männern haben – oder Sexworker) orientieren, sondern am individuellen Risiko der jeweiligen Person. Eine Sexualanamnese ist daher unerlässlich. Eine Neurolues kann sich beispielsweise zunächst durch Symptome wie Hörverlust, Gesichtsfeldeinschränkungen oder Lähmungserscheinungen manifestieren, und zwar in der HNO-, Augenheilkunde oder Neurologie. Auch in der Dermatologie, Urologie, Proktologie und Gynäkologie sollte bei Nachweis einer sexuell übertragbaren Infektion stets eine ergänzende Testung auf weitere STI erfolgen. Fälle, in denen beispielsweise Kondylome über Jahre behandelt werden, ohne einen HIV-Test durchzuführen, sollten der Vergangenheit angehören. Gleiches gilt für unspezifische Symptome in der Inneren und Allgemeinmedizin wie generalisierte Lymphknotenschwellungen, unklarer Gewichtsverlust, unklare Pneumonien oder Herpes zoster in jungem Alter. Solche Befunde sollten Anlass geben, an eine HIV-Infektion zu denken. Ebenso sollte bei mottenfraßartigem Haarausfall an Syphilis gedacht werden.

Außerdem empfehlen wir bei STI eine Diagnostik aller potenziell betroffenen Körperregionen. Dazu zählen neben dem Genitalbereich auch der Rachen und der Anus. Da sowohl Oral- als auch Analverkehr weit verbreitet sind und auch bei heterosexuellen Paaren häufig vorkommen, ist eine ausschließliche Testung des Genitalbereichs oft nicht ausreichend.

Weiterhin werden Public-Health-­Aspekte verstärkt aufgenommen. Zu den relativ neuen Präventionsmaßnahmen gehören z. B. die Impfung gegen Mpox sowie die HPV-Impfung für alle Geschlechter bereits im Alter von 9 bis 14 Jahren.

STI bei Säuglingen und Kindern werden voraussichtlich in die STI-Leitlinie mit aufgenommen, womit sich eine wichtige Lücke schließt. Neu werden wahrscheinlich auch Abschnitte zur STI-Beratung von Trans*Personen und zum Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt dazukommen.

Therapeutisch gibt es voraussichtlich auch wichtige Anpassungen: So empfehlen wir bei Gonorrhoe kein routinemäßiges Azithromycin mehr zusätzlich zur Ceftriaxon-Therapie und keine Behandlung von Chlamydien mehr mit Azithromycin.

Vielen Dank für das Gespräch.

Aktuelle Leitlinie „STI – Beratung, Diagnostik, Therapie“ unter https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/059-006

Literatur

1 Jansen K, Bremer V. Epidemiologisches Bulletin 39 (2025), 3-26. DOI: 10.25646/13461.3

2 Pressemitteilung „Bacterial STIs reach record highs in Europe, as congenital syphilis cases nearly double“, European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), 21.05.2026