Frauen und Männer unterscheiden sich:
- im subjektiven Erleben der Substanzwirkung
- in der Verstoffwechselung und Toxizität der Substanzen
- im Ansprechverhalten verschiedener Hirnregionen auf die Substanzen
- im Zusammenspiel endokrinologischer Faktoren und Substanzkonsum
- und bei der Bedeutung psychischer Komorbidität sowie in Hinsicht auf soziale Unterstützung.
Das Wissen um solche Unterschiede trägt zum Verständnis weiblicher Suchtverläufe bei und erleichtert die Entwicklung und Implementierung zielgerichteter Interventionen. Für die Gruppe der mittelalten und älteren Frauen müssen zusätzlich die Auswirkungen der Menopause und besondere Aspekte in der Entwicklung und Aufrechterhaltung des Substanzkonsums älterer Personen berücksichtigt werden. In den folgenden Absätzen sollen zunächst die bekannten Unterschiede zwischen Frauen und Männern referiert werden.
Pharmakologie und Toxikologie
Frauen sind vulnerabler gegenüber durch Alkohol verursachten toxischen Effekten (17). Die identisch aufgenommene Menge führt aufgrund des in der Regel geringeren Gewichts, des geringeren Wasser- und höheren Köperfettanteils und der geringeren Menge an Alkohol-Dehydrogenase im Magen im Vergleich zu Männern zu höheren Blutalkoholspiegeln. Die Unterschiede in der gastrischen Alkoholdehydrogenase zwischen den Geschlechtern sind ab dem Alter von 50 Jahren allerdings nicht mehr nachweisbar (17). Lebererkrankungen bis hin zur Zirrhose und Kardiomyopathien treten bei Frauen im Krankheitsverlauf früher auf als bei Männern. Hoher Alkoholkonsum stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Entstehung von Brustkrebs dar (18).
Neurobiologie
Hoher Alkoholkonsum führt bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu einer Abnahme des kortikalen Volumens, überraschender Weise aber nicht bei weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen (19). Im Erwachsenenalter hingegen weisen Frauen als Folge hohen Alkoholkonsums ausgeprägtere Hirnatrophiezeichen auf als Männer (20). Als Reaktion auf Stress zeigen Frauen eine ausgeprägtere Veränderung in der Amygdala, dem Zentrum für die affektive emotionale Stressregulation. Ihr Stresserleben ist mit einer ausgeprägteren Assoziation mit erhöhtem Alkoholgebrauch als dies bei Männern zu beobachten ist, verbunden (21).
Endokrinologie
Ein Zusammenhang der Geschlechtshormone mit der Bereitschaft, Alkohol in höheren Mengen zu trinken, konnte belegt werden. Erhöhte Östradiol und verminderte Progesteron-Spiegel sind mit chronischem Alkoholkonsum beider Geschlechter verbunden (22). Erhöhte Testosteronspiegel korrelieren allerdings deutlicher bei Frauen als bei Männern mit dem Trinken höherer Mengen an Alkohol (22).
Der Einfluss der Menopause
Epidemiologische Studien zeigen, dass Frauen zwischen 45 und 55 Jahren keine gesteigerte Manifestationsrate psychischer Störungen aufweisen. Einzelne Autoren schreiben allerdings dem von vielen Frauen beschriebenen erhöhten Stresserleben und Stimmungsschwankungen eine mögliche Triggerfunktion für die Entstehung von substanzbezogenen Störungen zu (23). Die exakte Bestimmung der verschiedenen Hormonspiegel während der Peri- und bis zur Postmenopause zeigt höchst individuelle und nicht vorhersagbare Änderungen in der Ausschüttung von Östrogenen, Gestagenen und Testosteron. Hoher Alkoholkonsum kann spezifische Veränderungen an den Östrogenrezeptoren auslösen und damit deren Funktion beeinträchtigen, was mit einem Risiko für das Auftreten von Osteoporose und sexueller Dysfunktion verbunden ist (24).
In der „Study of Women Across the Nation (SWAN) wurden 3.302 Frauen, beim Eintritt in die Studie zwischen 42 und 52 Jahre alt, über 10 Jahre hinweg jährlich untersucht (25). Frauen, die zu einem exzessiven Trinkverhalten neigten, tendierten über alle Phasen der Menopause hinweg zu einem moderateren Trinkverhalten. Andererseits aber tendierten Frauen mit bisherigem moderaten Konsum in der frühen Phase der Menopause zur Intensivierung ihres Trinkverhaltens.
In der klinischen Praxis sollten der individuelle Verlauf und die subjektive Wahrnehmung der von den Frauen erlebten Veränderungen und Belastungen berücksichtigt werden. Die Frauen sollten unterstützt werden, bei der Zunahme psychischer Belastungsreaktionen geeignetere Bewältigungsstrategien anzuwenden als zu Alkohol oder Sedativa bzw. Hypnotika oder Cannabis zu greifen.
Subjektiv empfundene Substanzwirkung und psychosoziale Aspekte
Die Zeitspanne zwischen dem ersten Alkoholkontakt und der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit ist bei Frauen kürzer als bei Männern (26), ein Phänomen das auch als „Teleskopeffekt“ bezeichnet wird. Spätgebärende und Frauen ohne Kinder trinken mehr als Frauen mit frühen oder mehreren Geburten (27).
Frauen setzen Alkohol und sedierende Medikamente häufiger als Männer ein, um negative Gefühle zu unterdrücken. Insgesamt ist die Assoziation zwischen Stress, negativen Gefühlen und psychischen Störungen und erhöhtem Alkoholkonsum bei Frauen ausgeprägter als bei Männern (28). Insbesondere Angst- und affektive Störungen weisen einen deutlicheren Zusammenhang mit weiblichem Suchtmittelkonsum auf, zudem treten sie bei Frauen häufiger auf (29). Besonders häufig sind substanzbezogene Störungen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) assoziiert. Frauen mit PTBS weisen statistisch häufiger einen erhöhten Substanzkonsum auf als Männer, die unter PTBS leiden. Familiäre Isolation und mangelnde emotionale Unterstützung ist bei Frauen ein häufigerer Konsumgrund als bei Männern (22). Hinzu kommt, dass Frauen subjektiv geringere soziale Unterstützung erleben und von ihren Partnern auch oft weniger Unterstützung erfahren als Männer von ihren Partnerinnen (24).
Frauen werden Benzodiazepine und Z-Substanzen ca. doppelt so häufig wie Männern verordnet (30). Diese Unterschiede sind nicht ausreichend mit dem häufigeren Auftreten von Angst- oder Schlafstörungen zu erklären. Ein höheres Begehren nach medikamentöser Unterstützung seitens der Patientinnen und nicht ausreichend reflektierte Übertragungsphänome seitens der verordnenden Ärztinnen und Ärzte können vermutet werden.
Insbesondere mit zunehmendem Alter erhöhen Benzodiazepine das Sturzrisiko, mindern die Hirnleistungsfähigkeit und können eine Demenz imitieren (12). Entgegen den Empfehlungen zur Anwendung von Benzodiazepinen bei älteren Personen (siehe PRISCUS-Liste) werden noch immer häufig langwirksame und wegen ihres vorwiegenden Abbaus in der Leber bei Älteren deutlich länger als bei Jüngeren wirkende Substanzen verordnet, was eine unnötige Gefährdung der Patientinnen und Patienten darstellt.
Inanspruchnahme von Therapie
Hoher Substanzkonsum von Frauen ist gesellschaftlich stärker stigmatisiert als dies für Männer gilt. Das trifft insbesondere für ältere Frauen zu. Dies trägt zu ausgeprägteren Schuld- und Schamgefühlen bei und führt dazu, dass Frauen seltener und später als Männer fachliche Hilfe in Anspruch nehmen (1). Ihre Behandlungsergebnisse sind indes zumindest so gut wie die der Männer, insbesondere wenn in der Behandlung auf ihre spezifische Bedarfe angemessen eingegangen wird (3).