Syphilis (Lues) als unabhängiger kardiovaskulärer Risikofaktor: Spätstadien besonders gefährdet
Patientinnen und Patienten mit einer Syphilis-Infektion tragen ein deutlich erhöhtes Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse – unabhängig von klassischen Risikofaktoren. So das Ergebnis einer retrospektiven Kohortenstudie aus New Orleans, die kürzlich in JAMA Network Open erschienen ist. Besonders auffällig: Das Risiko für ein Aortenaneurysma oder eine Aortendissektion verdoppelte sich den Studienergebnissen zufolge, das Risiko für einen hämorrhagischen Schlaganfall (Apoplex) stieg um 92 Prozent. Angesichts der wieder steigenden Syphilis-Inzidenz in den USA – laut US-Gesundheitsbehörde CDC ein Anstieg von 80 Prozent zwischen 2018 und 2022 – sehen die Studienautoren Veränderungen in der Versorgung als wichtig an.
„Dies ist eine der wenigen großen modernen Bevölkerungsstudien, die zeigen, dass Syphilis mit katastrophalen kardiovaskulären und neurologischen Folgen verbunden sein kann. (…) Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in den USA, und angesichts der in letzter Zeit steigenden Syphilis-Fallzahlen ist dieser Zusammenhang etwas, dessen sich alle Ärzte, die Hochrisikopatienten behandeln, bewusst sein sollten."
Eli Tsakiris, Tulane University School of Medicine
Studiendesign mit gematchten Kontrollen
Das Forschungsteam um Eli Tsakiris von der Tulane University analysierte elektronische Patientenakten aus drei Krankenhäusern in New Orleans, Louisiana, über einen Beobachtungszeitraum von 15 Jahren (Januar 2011 bis Juli 2025). Eingeschlossen wurden 8.814 erwachsene Personen, davon 1.469 mit dokumentierter Syphilis-Diagnose (ICD-10) und 7.345 Kontrollen ohne Syphilis. Die Kontrollgruppe wurde im Verhältnis 5:1 mit den Syphilis-Patienten abgeglichen. Die Zuordnung erfolgte dabei anhand von Alter, Geschlecht, BMI sowie relevanter Komorbiditäten wie Diabetes, Hypertonie, Hyperlipidämie, KHK, COPD, chronischer Nieren- oder Lebererkrankung, Autoimmunerkrankungen und Krebs. Patienten mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden ausgeschlossen, um den Zusammenhang besser zu isolieren.
Das mittlere Alter der Studienteilnehmer lag bei 50 Jahren, 53,9 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug rund 2.388 Tage. Die Auswertung erfolgte mittels Kaplan-Meier-Überlebenskurven sowie multivariabler Cox-Regression mit Adjustierung für den BMI, der trotz Matching zwischen den Gruppen leicht differierte.
Syphilis-Patienten mit stark erhöhtem Risiko für Schlaganfall und Aortenaneurysma
In der adjustierten Analyse zeigte sich für Syphilis-Patientinnen und -Patienten ein signifikant höheres Risiko für ein Aortenaneurysma oder eine Aortendissektion (HR 2,08), einen ischämischen Schlaganfall (HR 1,53), einen hämorrhagischen Schlaganfall (HR 1,92), eine periphere arterielle Verschlusskrankkrankheit (HR 1,28), einen Myokardinfarkt (HR 1,33) sowie für die Gesamtmortalität (HR 5,80). Keine signifikanten Unterschiede ergaben sich hingegen für Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, Aortenklappeninsuffizienz und venöse Thromboembolien.
Nach statistischer Anpassung zeigte sich:
- etwa doppelt so hohes Risiko für Aortenaneurysma oder -dissektion
- 53 % höheres Risiko für ischämischen Schlaganfall
- 92 % höheres Risiko für hämorrhagischen Schlaganfall
- 31 % höheres Risiko für Herzinfarkt
- 28 % höheres Risiko für periphere arterielle Verschlusskrankheit
Die Subgruppenanalyse nach Krankheitsstadium offenbarte eine deutliche Risikosteigerung im Spätstadium: Bei Tertiärsyphilis stieg das Risiko für ein Aortenaneurysma oder eine Dissektion auf das 5,57-Fache, für einen ischämischen Schlaganfall auf das 3,23-Fache. Auch Mortalität (HR 6,93), Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern waren in dieser Gruppe signifikant erhöht. Das erhöhte Risiko trat vor allem bei Infektionen auf, die länger als ein Jahr bestanden. Bei Menschen in den frühen Krankheitsphasen (primäre und sekundäre Syphilis) hat die Studie keinen Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefunden.
„Wir wissen, dass Syphilis systemische Entzündungen verstärken kann. Das ist wichtig, da bekannt ist, dass Entzündungen Prozesse in Gang setzen und beschleunigen können, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen antreiben. (…) Wir haben hier gezeigt, dass diese Folgen von Syphilis oft übersehen werden, aber nicht ignoriert werden sollten."
Amitabh C. Pandey, Tulane University School of Medicine
Limitationen beachten
Die Autorinnen und Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen hin: Als retrospektive Beobachtungsstudie erlaubt die Arbeit etwa keine Kausalaussagen. Laborwerte wie RPR-Titer oder Angaben zur antibiotischen Therapie mit Benzathin-Penicillin G fehlten – damit ließ sich nicht differenzieren, ob eine aktive oder behandelte Infektion vorlag. Ein erheblicher Teil der Fälle war zudem als „nicht näher bezeichnete Syphilis" kodiert, was Fehlklassifikationen begünstigt. Die Studienautoren betonen, dass weitere Längsschnittstudien mit längeren Nachbeobachtungszeiträumen dazu beitragen werden, den zeitlichen Verlauf der kardiovaskulären Risiken einer Syphilis-Infektion genauer zu beschreiben.
Konsequenzen für die Praxis: Kardiovaskuläres Risiko im Blick
Die Studienergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer frühen Diagnostik und Behandlung der Lues – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen. Dem Robert Koch-Institut wurden im Jahr 2023 9.159 Syphilis-Fälle gemeldet, im Jahr 2024 waren es 9.519 Fälle – ein neuer Höchststand in Deutschland. Die Behandlung ist in der Regel einfach: Eine derzeit übliche Antibiotikatherapie sei bei Syphilis weitgehend wirksam, so die Forschenden der Tulane University. Manchmal reiche bereits eine einzige Penicillin-Injektion aus, um die Krankheit erfolgreich zu behandeln.
Die Studienautoren regen an, bei Patientinnen und Patienten mit Syphilis-Anamnese eine kardiovaskuläre Risikoeinschätzung (Blutdruck, Lipide, Knöchel-Arm-Index) in das Versorgungskonzept zu integrieren. Für formelle Empfehlungen zum kardiovaskulären Screening bei Patienten mit Syphilis oder zur Syphilis-Diagnostik bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen liegen allerdings noch keine ausreichenden Daten vor. Ärzte, die Patienten mit nachgewiesener oder ungeklärter vaskulärer Pathologie (insbesondere Aortenerkrankungen) untersuchen, können in geeigneten klinischen Kontexten nach einer gründlichen Anamnese eine Lues-Diagnostik in Betracht ziehen – obwohl bisher kein routinemäßiges Screening empfohlen werden kann, so die Studienautoren.
Autorin: Juliane Gutmann