Bei der Therapie von Oberschenkelfrakturen lag der Fokus von Behandlern und Behandlerinnen bis dato auf der chirurgischen Versorgung durch eine OP. Im Rahmen der neuen S3-Leitlinie zur Therapie hüftgelenknaher, pertrochantärer Oberschenkelfrakturen ergeben sich weitere Therapie-Empfehlungen. Es handelt sich um ein Upgrade der seit 2019 abgelaufenen S2e-Leitlinie „Pertrochantäre Oberschenkelfraktur“ (AWMF Reg-Nr. 012 – 002). Im Fokus stehen strukturierte Entscheidungsprozesse, interdisziplinäre Versorgung und ein erweitertes Verständnis der Patientenkomplexität. Für Behandler wie Orthopäden, Unfallchirurgen, aber auch Pflegefachpersonen bedeutet das mehr Orientierung, aber auch klar definierte Anforderungen an Diagnostik, Therapie und Organisation.
Ziel der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU): Die Behandlung von älteren Menschen mit einem hüftgelenknahen Oberschenkelbruch weiter verbessern. Durch konkrete, evidenzbasierte Handlungsempfehlungen soll die Therapie standardisierter, sicherer, nachvollziehbarer und stärker am Patienten ausgerichtet werden.
Zentrale Neuerung: Ganzheitlicher Ansatz bei der Therapie der Oberschenkelfraktur
Eine der wichtigsten Änderungen betrifft den Perspektivwechsel in der Behandlung. Die Oberschenkelfraktur wird nicht mehr größtenteils isoliert als chirurgisches Problem betrachtet. Stattdessen rückt die Leitlinie die Gesamtsituation des Patienten in den Mittelpunkt. Gerade ältere Patienten weisen häufig multiple Begleiterkrankungen auf. Diese beeinflussen den Verlauf erheblich und erhöhen das Risiko für Komplikationen wie Infektionen. Die Leitlinie fordert daher explizit, Komorbiditäten systematisch zu erfassen und in die Therapie einzubeziehen.
Für die Praxis bedeutet das auch eine klare Verankerung der interdisziplinären Zusammenarbeit. Orthopäden und andere Behandler müssen die Behandlung enger mit anderen Disziplinen abstimmen und über die operative Versorgung hinausdenken.
Umgang mit Antikoagulanzien in EvidenT-HiP-Leitlinie geregelt
Ein klarer Fortschritt sind die neu eingeführten Entscheidungsalgorithmen. Sie adressieren typische Herausforderungen im Alltag – und liefern konkrete Handlungsempfehlungen. Besonders relevant ist hier der Umgang mit Antikoagulanzien. Durch den demographischen Wandel und die Einführung des CHAD2DS2-VASc-Scores sind Patienten mit pertrochantärer Oberschenkelfraktur zum Zeitpunkt der Behandlung zunehmend pharmakologisch antikoaguliert. Das erschwert die Planung einer frühzeitigen Operation. Die neue S3-Leitlinie bietet hier erstmals eine strukturierte Risikobewertung und unterstützt bei der Entscheidungsfindung. Auch die Implantatauswahl wird systematisiert. Ein eigener Algorithmus hilft, abhängig von Frakturstabilität und Morphologie die geeignete operative Strategie zu wählen.
„Insbesondere hinsichtlich des optimalen Zeitpunkts für die Operation herrschten in der Praxis häufig Unsicherheiten. (…) Viele Patientinnen und Patienten nehmen aufgrund von Begleiterkrankungen, wie beispielsweise am Herzen, blutverdünnende Medikamente ein, die vor einer Operation zunächst reduziert oder pausiert werden müssen – das kostet Zeit. Anderenfalls besteht das Risiko lebensbedrohlicher Blutungen unter der Operation.“
Dr. Carl Neuerburg, Leiter der DGU-Sektion Alterstraumatologie
66 Empfehlungen zur optimalen Behandlung von Oberschenkelfrakturen
Die Leitlinie formuliert insgesamt 66 Empfehlungen und bündelt sie in einem durchgängigen Behandlungspfad. Von der Aufnahme über die Operation bis zur Nachbehandlung sind die einzelnen Schritte definiert. Behandler und Behandlerinnen erhalten damit eine strukturierte Orientierung entlang des gesamten Versorgungsprozesses.
Die Empfehlungen umfassen unter anderem die Einbindung von Vertrauenspersonen wie in Empfehlung 7: “Personen mit Betreuungsbedarf und V. a. eine pertrochantäre Oberschenkelfraktur sollen die Möglichkeit erhalten, von einer Vertrauensperson im Krankentransport und in der Notaufnahme begleitet zu werden”. Auch Regelungen zur KI-Unterstützung in Empfehlung 13: “Auf Basis des gegenwärtigen Evidenzstandes ist es nicht zu rechtfertigen, dass die KI-unterstützte Auswertung der Röntgenaufnahmen die fachärztliche Analyse durch Radiologen/ Unfallchirurgen ersetzt” oder Empfehlungen zur Physiotherapie wie in Empfehlung 55: ”Tägliche Physiotherapie oder Mobilisierung/aktivierende Pflege soll den Patienten mit pertrochantärer Oberschenkelfraktur so zeitnah wie möglich nach operativer Versorgung, spätestens jedoch am Tag nach der Operation zur Verfügung stehen" sind im Behandlungspfad enthalten. Die Empfehlungen schließen ab mit Punkt 66: “Die Sturzangst älterer Menschen soll durch ein angemessenes, individualisiertes Körpertraining im Trainingsprozess berücksichtigt werden”.
Operationszeitpunkt: Schnell handeln, aber differenziert entscheiden
Die EvidenT-HiP-Leitlinie bestätigt die zentrale Bedeutung einer frühzeitigen Operation. Der Eingriff sollte möglichst innerhalb von 24 Stunden erfolgen. Insbesondere bei Patienten unter Antikoagulation liefert die Leitlinie konkrete Empfehlungen je nach Therapie, um das Blutungsrisiko gegen den Zeitfaktor abzuwägen. Auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) definiert diese Zeitvorgabe als Qualitätsstandard in der Versorgung von Hüftfrakturen. Im Januar 2021 hatte der G-BA die verbindliche Richtlinie eingeführt, die festlegt, dass nur maximal 24 Stunden zwischen Sturz und Operation vergehen sollen.