Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Gefäßmedizin, Medizin Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 4/23

Ulcus cruris venosum: Behandlungsalgorithmus in enger Zusammenarbeit von Hausarztpraxis, Klinik und Wundmanagement

In dieser Kasuistik berichten wir über eine 58-jährige Patientin mit chronischem Ulcus cruris venosum (UCV) aufgrund einer chronischen venösen Insuffizienz (CVI). Die Patientin lebt im ländlichen Bereich und arbeitet als Erzieherin in einem kleinen Dorf (1.200 Einwohner). Die Betreuung erfolgt über eine hausärztliche Landarztpraxis. Im Beitrag wird die enge Zusammenarbeit von Arztpraxis, Homecare und klinischer Wundexpertin bei der Therapie des UCV dargestellt.


01.07.2024
C. Oltenau et al.
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(4): 126-127

Die Übernahme der Wundversorgung in der Hausarztpraxis erfolgte im Frühjahr 2023. Die Patientin stellte sich mit desolaten Wundverhältnissen im Bereich des rechten Unterschenkels vor. Es zeigten sich großflächige ulzeröse Läsionen im Bereich des ventralen Unterschenkels. Die durchgeführte Wundversorgung war inadäquat, eine notwendige Kompressionstherapie wurde bisher nicht durchgeführt. Die Wunde zeigte deutliche Zeichen eines bakteriellen Biofilms mit inadäquater Kapillardurchblutung des Wundbettes und der Wundränder (Abb. 1). Wegen einer kongenitalen Spina bifida occulta der 58-jährigen Patientin (BMI 39,4/Adipositas Grad II) bestand ein chronisches Schmerzsyndrom, das zum Behandlungsbeginn bereits mit einer multimodalen Schmerztherapie eingestellt war. Unter bestehender Therapie mit Tilidin comp. 50 mg/4 mg sowie Novalgin und Citalopram gab die Patientin eine Schmerstärke von 6 auf der Visuellen Analogskala (VAS) an. 



Als zusätzlicher Belastungsfaktor ist eine maligne Grunderkrankung des Ehemanns der Patientin zu nennen. Hier lag aufgrund eines Prostatakarzinoms eine infauste Prognose mit palliativer Situation vor. Die genannten Kontextfaktoren sind als psychische sowie zeitliche Belastungsfaktoren zu sehen und bedurften im Behandlungsfall eines besonderen Augenmerks.

Für das Ehepaar war in der palliativen Situation bei infauster Prognose und kurz- bis mittelfristig drohender Verschlechterung des Gesundheitszustandes besonders wichtig, die verbleibende Zeit als Ehepaar intensiv wahrnehmen zu können. Die Patientin sollte keinesfalls über einen unabsehbaren Zeitraum hospitalisiert werden. Die Herausforderung war somit, die spezifische Wundbehandlung sowie das Wundmanagement in einem ambulanten Setup zu gewährleisten.

Diagnostik und Behandlung

Mit Aufnahme der Behandlung erfolgte zunächst eine Ergänzung der Diagnostik zur Abklärung der weiteren Kontextfaktoren. Der Gefäßstatus zeigte eine adäquate arterielle Versorgung bei Vorliegen einer chronischen venösen Insuffizienz. Der HbA1c-Wert befand sich an der Schwelle zum Prädiabetes mit 6 %. Neben einer Hypothyreose sowie der Spina bifida occulta konnten keine weiteren Einflussfaktoren nachgewiesen werden. Im Hausarztsetting erfolgte zunächst ein oberflächliches Wunddebridement des Wundbettes und der Wundränder sowie eine kalkulierte orale Antibiotikatherapie. Die mikrobiologische Untersuchung zeigte einen Befall mit Escherichia coli, Pseudomonas aeruginosa, Enterococcus faecalis sowie Bacteroides vulgatus. Eine Kompressionstherapie mit einem Zwei-Lagen-Kompressionssystem wurde begonnen. Es zeigte sich bereits eine diskrete Verbesserung der Vitalität des Wundgrundes sowie der Wundränder, daher wurde die Indikation zum operativen Wunddebridement mit Anlage eines Systems zur Unterdruck-Wundtherapie (NPWT) gestellt. Im Rahmen eines 14-tägigen klinischen Aufenthaltes erfolgte die operative Maßnahme sowie eine gefäßchirurgische Vorstellung mit Planung einer weiteren operativen Therapie im Verlauf. CT-angiographisch begründete sich die CVI auf einer älteren tiefen Beinvenen­thrombose. Eine Resistogramm-gerechte intravenöse Antibiose mit Vancomycin und Meropenem wurde verordnet. 

Ambulante NPWT

Die Patientin wurde zur Weiterbehandlung in den hausärztlichen Bereich zurückübernommen (Abb. 2). Hier fand die weitere Betreuung mit Wechsel des NPWT-Systems statt. Nach 14 Tagen erfolgte die Abnahme des Systems und die Beendigung dieser Versorgung. Die Wundbehandlung wurde mit granulationsfördernden Wundauflagen mit adäquatem Feuchtigkeits­management sowie einem Zwei-Lagen-Kompressionssystem durchgeführt. Im weiteren Verlauf wurde auf einen angepassten Kompressionsstrumpf gewechselt.

Im Rahmen der Behandlung standen Hausarztpraxis, Homecare sowie klinische Wundmanagerin in engem Kontakt. Die Wundbehandlung erfolgte gesichert im Wechsel zwischen den Instanzen mit einem ständigen intensiven Austausch. Nach Unterweisung in der Wundversorgung konnte die Patientin – wie sie es als Herzenswunsch äußerte – die voraussichtlich letzte gemeinsame Urlaubsreise nach Dänemark mit ihrem Ehemann antreten. Es zeigte sich eine hohe Compliance sowie ein verantwortungsbewusster Umgang mit dem Wundmanagement. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub fand eine weitere chirurgische Therapie mit epidermaler Deckung durch eine Cellutome-Behandlung statt. Diese konnte schmerzfrei ambulant in der Klinik durchgeführt werden (Abb. 3). Im weiteren Verlauf gab die Patientin nur noch eine Schmerz­stärke von 2 auf der VAS an. Die vollständige Konsolidierung der Wunde ist nun nahezu abgeschlossen. 

Die vorliegende Fallvorstellung soll besonders auf die große Bedeutung der Abrechnungsfähigkeit der ambulanten Vakuumversiegelungstherapie durch den Allgemeinmediziner aufmerksam machen. Nur die Anerkennung der Abrechnungsziffern der Unterdruck-Wundtherapie durch den Allgemeinmediziner machte es möglich, der Patientin die oben genannte ambulante Wundbehandlung zu ermöglichen. Des Weiteren zeigt der vorliegende Fall auf, wie immens wichtig die enge Zusammenarbeit sowie der engmaschige Austausch der einzelnen Behandlungsträger Hausarztpraxis, Homecare und klinische Wundexpertin ist. Nur Hand in Hand kann eine moderne, adäquate Wundtherapie für die Patienten gewährleistet und ein Behandlungserfolg gesichert werden. 

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag auf dem DEWU Deutscher Wundkongress & Bremer Pflegekongress, der vom 15.–17.05.2024 in Bremen stattfand.

Autoren:
C. Oltenau1, J. Schomber2, U. Klimkeit1, H. Klimkeit1, N. Hachem1
1 Gemeinschaftspraxis Klimkeit;
2 Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Gießen, Stabsstelle Wundmanagement, Fachtherapeutin Wunde ICW

Korrespondenzadresse

Jennifer Schomber
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Stabsstelle Wund­management
Klinikstraße 33, 35392 Gießen
Jennifer.Schomber(at)uk-gm.de