Die Datengrundlage bildet eine Auswertung anonymisierter Abrechnungsdaten von 3,3 Millionen gesetzlich Versicherten. Im Mittelpunkt der Analyse standen die Prävalenz der Erkrankungen und die Anwendung der medizinischen Kompressionstherapie (MKT) über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Mit Blick auf die Versorgungsrealität stellen sich zunehmend Fragen nach der tatsächlichen Umsetzung leitlinienbasierter Maßnahmen im Alltag der ambulanten Versorgung. Insbesondere bei älteren, multimorbiden Patienten mit chronisch venösen Leiden ist eine frühzeitige und konsequente Kompressionstherapie von zentraler Bedeutung – sowohl im Hinblick auf die Wundheilung als auch zur Vermeidung von Rezidiven und Krankenhausaufenthalten. Die vorgestellte Untersuchung liefert wichtige Einblicke in das Behandlungsgeschehen und deckt bestehende Lücken in der Umsetzung bewährter Standardtherapien auf.
Prävalenz von Ulcus cruris venosum und chronisch venöser Erkrankungen und Versorgungsdefizite
Insgesamt wurden 16.615 Versicherte mit der Diagnose eines UCV identifiziert, was einer Prävalenz von 0,5 % entspricht. Für CVD wurde eine Prävalenz von 6,9 % ermittelt (n = 243.681). Damit liegt die Häufigkeit des UCV im Bereich der bisherigen Schätzungen aus Routinedatenanalysen (0,28–0,9 %). Bereits im Indexquartal 2017 erhielten 32,8 % der UCV- und 28,6 % der CVD-Patienten eine MKT. Die Abbildung 1 stellt dar, dass im Verlauf der fünfjährigen Nachbeobachtungszeit dieser Anteil deutlich anstieg (UCV: 75,8 %, CVD: 53,1 %).
Die Daten zeigen jedoch auch, dass rund ein Viertel der UCV-Betroffenen nicht einmal in den fünf Beobachtungsjahren mit einer Kompressionstherapie versorgt wurde. Dieser Befund ist insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Rezidivneigung und der relevanten Behandlungsdauer kritisch zu bewerten.
Patientencharakteristika
Die analysierten Versichertendaten verdeutlichen zudem eine hohe Morbiditätslast innerhalb der Kohorte: Der mittlere Charlson Comorbidity Index lag bei Patienten mit MKT bei 4,1 (UCV) bzw. 2,7 (CVD). Der Altersdurchschnitt betrug 74,1 Jahre (UCV) bzw. 68,6 Jahre (CVD), der Frauenanteil lag bei 59,6 % bzw. 70,9 %. Die Komplexität der Versorgung dieser Patientengruppen stellt damit nicht nur medizinisch, sondern auch versorgungsökonomisch eine Herausforderung dar.
Antibiotikaverordnungen im Therapieverlauf
Ein weiterer Analyseaspekt war der Einsatz von Antibiotika im Verlauf. Im ersten Nachbeobachtungsjahr erhielten 51,4 % der UCV- und 40,0 % der CVD-Patienten mit MKT mindestens eine Antibiotikaverordnung. Im fünften Jahr lag dieser Anteil bei den UCV-Betroffenen noch bei 35,3 %. Dies entspricht einem Rückgang von 16,1 Prozentpunkten, deutet jedoch auf eine weiterhin hohe Therapielast hin.
Fazit
Die vorgestellten Daten unterstreichen die anhaltend hohe Krankheitslast durch UCV und CVD sowie bestehende Versorgungslücken in der Anwendung der Kompressionstherapie. Insbesondere angesichts des demografischen Wandels und der hohen Komorbidität der betroffenen Patienten sollte die MKT als Therapie der ersten Wahl konsequent in der Versorgungspraxis umgesetzt werden. Dies gilt gemäß der AWMF-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum“ insbesondere für das UCV, der schwersten Verlaufsform einer chronisch venösen Insuffizienz.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag beim Deutschen Wundkongress vom 07.-09.05.2025 in Bremen.