Nur die Integration von Bewegung, Funktion, Mechanik und psychosozialen Faktoren würden, so der Experte anlässlich der Kongress-Pressekonferenz, eine präzise Diagnose und wirksame, personalisierte Therapie ermöglichen.
Jedes Jahr benötigt etwa jeder dritte Erwachsene in Deutschland ärztliche Hilfe aufgrund von Rückenschmerzen. Bis zu 20 % entwickeln chronische Beschwerden. Trotz zahlreicher chirurgischer, medikamentöser und rehabilitativer Maßnahmen habe sich die Prävalenz chronischer Rückenschmerzen in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, so Schmidt. „Ein zentrales Problem besteht darin, dass herkömmliche diagnostische Verfahren – wie statische Bildgebung oder einmalige Bewegungs- und Schmerzanalysen bzw. einmalige Messung der mentalen Gesundheit – das dynamische Verhalten der Wirbelsäule im Alltag nicht erfassen und dadurch häufig zu Fehldiagnosen führen“, betonte er.
Mechanismen der Chronifizierung bei Rückenschmerzen
Schmidts Forschungsgruppe „FOR 5177 – Dynamics of the Spine“ beschäftigt sich deshalb damit, die Mechanismen zu verstehen, die zur Chronifizierung von Rückenschmerzen führen, um innovative diagnostische Methoden zu entwickeln. Dabei untersucht das Team Schmerzen aus biopsychosozialer Perspektive – von der Bandscheibe bis hin zum sozialen Umfeld der betroffenen Personen.
Die Bewegungen der Wirbelsäule sind laut Schmidt keine rein mechanischen Abläufe: Wahrnehmung, Emotionen und Motivation spielen dabei eine entscheidende Rolle – psychosoziale Prozesse beeinflussen die Mechanik des Körpers und umgekehrt. Seine Forschung zeige, dass konventionelle Diagnosen und Messmethoden die Komplexität der Wirbelsäulenfunktion nicht ausreichend detailliert und die dynamische Natur von Schmerzen bzw. der Schmerzwahrnehmung nicht angemessen abbilden würden.
„Der Rücken lügt nicht. Er spiegelt die tatsächlichen Belastungen und Anpassungen wider – dynamisch, individuell und messbar. Fehlinterpretationen durch statische Diagnosen führen zu ineffektiven Therapien und unnötiger Chronifizierung.
Prof. Hendrik Schmidt, Berlin
Schmidt kritisierte, dass fehlende dynamische Diagnostik oft zu nicht zielgerichteten Therapien führen würden, sei es chirurgisch, medikamentös oder rehabilitativ. Patientinnen und Patienten erhielten häufig Behandlungen, die die zugrundeliegenden funktionellen Einschränkungen nicht adressieren würden, während die ursächlichen biomechanischen und psychosozialen Faktoren unbeachtet blieben.
Relevant für Diagnostik und Therapie
- Individuelle Diagnostik: Echtzeit-Messungen von Schmerzwahrnehmung, mentaler Gesundheit, Bewegungsmustern, Muskelaktivität und segmentalen Belastungen ermöglichen in der Zukunft personalisierte Therapiepläne.
- Interdisziplinäre, multimodale Interventionen: z.B. Kombination aus Bewegungstherapie, gezielter Muskelaktivierung, Psychotherapie, falls erforderlich, pharmakologischer Unterstützung.
- Früherkennung: Erkennen von Risikopatientinnen und -patienten bevor chronische Beschwerden entstehen, um präventive Strategien einzuleiten.
Holistischer biopsychosozialer Ansatz zur Behandlung von Rückenschmerzen
„Unsere Daten zeigen, dass Kompensationsmechanismen in angrenzenden Wirbelsäulenbereichen und psychosoziale Faktoren wie Bewegungsangst oder Selbstwirksamkeit zentrale Treiber bzw. Schutzmechanismen chronischer Beschwerden darstellen. Nur ein holistischer biopsychosozialer Ansatz, der Morphologie, Motion, Mechanics und psychosoziale Faktoren integriert, kann die Wirksamkeit therapeutischer Interventionen signifikant erhöhen und zur Verbesserung von bestehenden Präventionsangeboten beitragen“, führte er aus. Praktisch und klinisch relevant seien deshalb eine individuelle Diagnostik sowie interdisziplinäre, multomodale Interventionen und die Früherkennung von Risikopatientinnen und -patienten (s. Infobox).
Quelle: Pressekonferenz am 23.10.2025 anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. in Mannheim.