Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt gehören zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Behandlung und Vorbeugung basieren heute maßgeblich auf Thrombozytenaggregationshemmern und Gerinnungshemmern. Diese hemmen oder verhindern die Blutgerinnung und vermeiden so die Bildung von Thromben und damit auch lebensgefährliche Akutereignisse wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Sie bringen aber auch das Problem mit sich, dass durch den direkten Eingriff in die Blutstillung das Risiko für gefährliche Blutungen erhöht sein kann.
Verringerung von Thrombosen und Gefäßverschlüssen ohne Erhöhung des Blutungsrisikos
Den Forschenden rund um Dr. Marcel Benkhoff (Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie, Universitätsklinikum Düsseldorf) gelang es im Rahmen einer nun in der renommierten Fachzeitschrift Science Advances veröffentlichten Studie, einen neuartigen Therapieansatz abzubilden. Im Zentrum der Studie standen die beiden körpereigenen Stoffe Sphingosin-1-phosphat (S1P) und Thrombomodulin (TM). Im Zell- und im Mausmodell konnten die Forschenden nachweisen, dass S1P direkt im Gefäß einen Mechanismus aktiviert, der die Bildung von Thromben verhindert. Das geschieht, indem der Botenstoff in der Gefäßinnenwand ein Signal aktiviert, dass zu einer erhöhten Produktion von TM führt. Dieses TM verhindert nun die Bildung von Thromben. So wurde die Entstehung von arteriellen Thrombosen und Gefäßverschlüssen im Mausmodell deutlich verringert, ohne dabei das Risiko für Blutungen zu erhöhen.
Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt auf Basis körpereigener Vorgänge reduziert
Weitere Untersuchungen zeigten außerdem, dass das Risiko für Thromben und Gefäßverschlüsse erneut massiv ansteigt, wenn die Produktion von TM durch ein Fehlen von S1P wieder abnimmt. Ein Effekt, der sich durch eine Gabe von S1P wieder umkehren lässt. S1P kann im Gefäß also wie ein Schalter agieren, der das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte auf Basis körpereigener Vorgänge verringern kann.
Nachdem die Versuche im Labor diese vielversprechenden Ergebnisse zeigten, haben die Forschenden im nächsten Schritt untersucht, ob sich die Ergebnisse auch im klinischen Alltag reproduzieren lassen. Dazu wurden insgesamt 74 Patientinnen und Patienten, die von einer Herz-Kreislauferkrankung betroffen sind, in die Studie einbezogen. Auch bei ihnen zeigte sich, dass ein höherer S1P-Spiegel im Blut zu einer niedrigeren Gerinnungsaktivität führte, die für ein verringertes Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko spricht.
Neuer Therapieansatz zur Vorbeugung von Schlaganfall und Herzinfarkt
In der Patientenversorgung könnten diese Studienergebnisse künftig einen einzigartigen neuen Therapieansatz möglich machen. „Wir können hier auf einen körpereigenen Mechanismus zurückgreifen, der direkt in den Blutgefäßen wirkt, nicht im ganzen Körper“, erläutert Erstautor Benkhoff.
„Wir schützen also vor Schlaganfällen und Herzinfarkten, ohne dabei das Blutungsrisiko zu erhöhen, welches die gängigen Blutverdünner mit sich bringen."
Dr. Marcel Benkhoff
Besonders für Risikopatientinnen und -Patienten, für die Blutverdünner aufgrund des hohen Blutungsrisikos nicht in Frage kommen, könnte dadurch künftig eine präventive Therapie möglich werden, wie die Forschenden einordnen.
Prof. Dr. Amin Polzin, korrespondierender Autor der Studie, betont außerdem den möglichen Therapienutzen bei einem akuten Herzinfarkt. „Wir wissen aus früheren Studien, dass S1P das Herzgewebe auch bei einem akuten Infarkt direkt vor Zellschäden schützt“, ordnet er ein. „Damit erweist der Botenstoff sich als ein spannender Ansatz zur Entwicklung neuer, zielgerichteter Medikamente.“
Neben der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und dem Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) waren auch die Universität Wien, die Universität Oldenburg und das Imperial College London beteiligt.