Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Allgemein- & Innere Medizin, Kardiologie, Geriatrie, Medizin, CME Allgemein- & Innere Medizin Allgemein- & Innere Medizin

 Diesen Beitrag finden Sie als Fortbildung zur kostenlosen Teilnahme auch hier:

Teilnahme

Die Teilnahme ist vom 08.06.2026 - 07.06.2027 möglich!

Kardiologie

Vorhofflimmern beim geriatrischen Patienten

Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung und betrifft vor allem ältere Menschen. Die Therapie umfasst Komorbiditäten, Schlaganfallprophylaxe sowie Rhythmus- oder Frequenzkontrolle. Der Beitrag beschreibt medikamentöse und interventionelle Optionen bei geriatrischen Patienten.


26.06.2026
Schaack, Chun
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Einführung

Vorhofflimmern ist die weltweit häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung und stellt insbesondere im höheren Lebensalter ein relevantes gesundheitliches Problem dar. Mit zunehmender Lebenserwartung und der Alterung der Bevölkerung steigt die Zahl der betroffenen Patienten kontinuierlich. Die klinische Präsentation von Vorhofflimmern ist im geriatrischen Kollektiv häufig unspezifisch. Neben klassischen Symptomen wie Palpitationen, Dyspnoe oder Belastungsintoleranz können auch unspezifische Beschwerden wie Schwindel, Stürze, reduzierte Leistungsfähigkeit oder kognitive Veränderungen auftreten. 

Epidemiologie

Die Prävalenz von Vorhofflimmern liegt in der Allgemeinbevölkerung bei bis zu 5,9%.1 Mit zunehmendem Alter steigt sie jedoch deutlich an. Die Kombination aus einer insgesamt alternden Bevölkerung, der Zunahme von Komorbiditäten, welche das Auftreten von Vorhofflimmern begünstigen und verbesserter Vorhofflimmererkennung führt zu einer zunehmenden Prävalenz. In Europa wird sich die Anzahl der Menschen, die an Vorhofflimmern leiden, zwischen 2010 und 2060 schätzungsweise mehr als verdoppeln.2 Aktuell ist bereits davon auszugehen, dass mehr als einer von drei Menschen im Laufe des Lebens Vorhofflimmern entwickeln wird. Der Hauptteil der Zunahme der Prävalenz ist dabei der Bevölkerungsgruppe der >80jährigen zuzuschreiben.

Diagnostik

Die Diagnosestellung von Vorhofflimmern basiert auf dem Elektrokardiogramm (EKG). Gerade im hausärztlichen Setting kommt der frühzeitigen Erkennung eine große Bedeutung zu, da Vorhofflimmern zunächst asymptomatisch verlaufen kann. Für Risikogruppen wird daher ein opportunistisches Screening empfohlen. Bei Patienten ≥75 Jahre oder bei erhöhtem Schlaganfallrisiko sollte bei ärztlicher Vorstellung unabhängig vom Anlass der Vorstellung zumindest einmalig ein 12-Kanal EKG aufgezeichnet werden.4

Vorhofflimmern gilt als diagnostisch gesichert, wenn eine Dokumentation in einem 12-Kanal EKG gelingt oder in einem 1-Kanal- oder Mehrkanal-EKG eine Episode von >30 Sekunden aufgezeichnet wird. 

Einteilung

Vorhofflimmern wird entsprechend seines zeitlichen Verlaufs, des Verteilungsmusters und des therapeutischen Ziels in verschiedene Formen eingeteilt (Tabelle 1). Diese sehr grobe Einteilung wird der komplexen Pathophysiologie der Erkrankung nur bedingt gerecht. Insbesondere die auf einem Expertenkonsensus beruhende Grenze einer Episodendauer von sieben Tagen als Unterscheidung zwischen paroxysmalem und persistierendem Vorhofflimmern wird zunehmend hinterfragt. Im Allgemeinen handelt es sich bei Vorhofflimmern um eine chronische progrediente Erkrankung und der Übergang von der paroxysmalen in die persistierende Form ist fließend. 

Erstdiagnostiziertes VorhofflimmernErstmaliger Nachweis von Vorhofflimmern unabhängig von Dauer, Symptomatik oder spontaner Terminierung
Paroxysmales VorhofflimmernSelbstlimitierende Episoden, die innerhalb von 7 Tagen spontan terminieren oder durch Kardioversion terminiert werden
Persistierendes VorhofflimmernEpisoden, die länger als 7 Tage andauern oder nach mehr als 7 Tagen durch Kardioversion terminiert werden
Langanhaltend persistierendes VorhofflimmernKontinuierliches Vorhofflimmern über ≥ 12 Monate bei weiterhin angestrebter Rhythmuskontrolle
Permanentes VorhofflimmernDauerhaft bestehendes Vorhofflimmern, bei dem gemeinsam von Arzt und Patient entschieden wurde, keine Rhythmuskontrolle mehr anzustreben
Tab. 1: Klassifikation von Vorhofflimmern

Therapie

Das therapeutische Management basiert unter Berücksichtigung der aktuellen Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie1 auf den vier Säulen des CARE-Prinzips:

  • Comorbidities: Behandlung der Komorbiditäten
  • Avoid stroke and thromboembolism: Schlaganfallprophylaxe
  • Reduce symptoms: Rhythmuskontrolle oder Frequenzkontrolle
  • Evaluation and dynamic reassessment: regelmäßige Überprüfung der Therapieerfolge und Therapieziele

Da sich die Behandlung der Komorbiditäten sowie die regelmäßige Überprüfung der Therapieziele bei geriatrischen Patienten nur bedingt von anderen Patientenkollektiven unterscheiden, fokussiert sich dieser Artikel auf die Rhythmuskontrolle, Frequenzkontrolle und Schlaganfallprophylaxe (Tabelle 2). 

Therapie-SäuleZielmedikamentöse Therapieinterventionelle Therapie
RhythmuskontrolleWiederherstellung des SinusrhythmusAmiodaron, Flecainid, Propafenon, Dronedaron, SotalolKatheterablation (Pulmonalvenenisolation)
FrequenzkontrolleKontrolle der ventrikulären FrequenzBetablocker, Kalziumkanalblocker, DigitalispräparateHerzschrittmacherimplantation und AV-Knoten-Ablation (Pace-and-Ablate Strategie)
SchlaganfallprophylaxePrävention thromboembolischer EreignisseDOAK oder VKAVorhofohr-Verschluss (Okkluder-Implantation, chirurgischer Verschluss)
Tab. 2: Überblick über die Therapieoptionen

Rhythmuskontrolle

Die Rhythmuskontrolle zielt auf die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Sinusrhythmus ab. Während diese Strategie früher primär der Symptomkontrolle diente, zeigen neuere Daten auch prognostische Vorteile. So konnte die EAST-AFNET-4-Studie zeigen, dass eine frühzeitige Rhythmuskontrolle bei Patienten mit neu diagnostiziertem Vorhofflimmern zu einer signifikanten Reduktion kardiovaskulärer Endpunkte führt.5

Auf Grundlage dieser Ergebnisse empfehlen aktuelle Leitlinien, bei Patienten mit neu diagnostiziertem Vorhofflimmern grundsätzlich die Indikation zu einer frühzeitigen Rhythmuskontrolle zu prüfen.4

Gerade bei geriatrischen Patienten können durch Vorhofflimmern verursachte Symptome wie Schwindel oder reduzierte Leistungsfähigkeit unspezifisch sein und daher fälschlicherweise anderen Ursachen zugeschrieben werden. In solchen Fällen kann eine vorübergehende Rhythmisierung mittels elektrischer oder medikamentöser Kardioversion hilfreich sein, um zu beurteilen, ob sich die Symptomatik unter Sinusrhythmus bessert und somit eine langfristige rhythmuskontrollierende Strategie sinnvoll erscheint.

Medikamentöse antiarrhythmische Therapie

Zur pharmakologischen Rhythmuskontrolle stehen verschiedene Antiarrhythmika zur Verfügung (Tabelle 3). Die Auswahl richtet sich primär nach dem Vorliegen struktureller Herzerkrankungen sowie nach Begleiterkrankungen. Gerade im geriatrischen Patientenkollektiv ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich, da altersbedingte Veränderungen der Pharmakokinetik, Polypharmazie sowie eingeschränkte Organfunktionen das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen können. Die in Deutschland üblicherweise eingesetzten Medikamente zur Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern sind Amiodaron, Flecainid, Propafenon, Dronedaron und Sotalol.

MedikamentKommentar
AmiodaronKann auch bei struktureller Herzerkrankung eingesetzt werden. Umfangreiches Nebenwirkungsprofil. Halbwertszeit 20–100 Tage
FlecainidKontraindiziert bei Zustand nach Myokardinfarkt, mittel- bis hochgradig eingeschränkter systolischer linksventrikulärer Funktion und ausgeprägter linksventrikulärer Hypertrophie
PropafenonSiehe Flecainid
DronedaronNebenwirkungsärmer als Amiodaron. Enthält im Gegensatz zu Amiodaron kein Iod. Weniger potent als Amiodaron. Kontraindiziert bei dekompensierter Herzinsuffizienz
SotalolBetablocker und Klasse-III-Antiarrhythmikum. Proarrhythmische Effekte mit insbesondere Gefahr von Torsade-de-pointes-Tachykardien. Kontraindiziert bei mittel- bis hochgradig eingeschränkter LV-Funktion. Vorsichtige Dosierung bei eingeschränkter Nierenfunktion
Tab. 3: Medikamentöse Rhythmuskontrolle

Amiodaron ist ein Antiarrhythmikum der Vaughan-Williams-Klasse III. Es blockiert Kaliumkanäle, besitzt jedoch auch Natriumkanal-, Kalziumkanal- sowie β-blockierende Effekte. Ein wesentlicher Vorteil besteht darin, dass es auch bei struktureller Herzerkrankung und eingeschränkter linksventrikulärer Funktion eingesetzt werden kann, weshalb es im geriatrischen Kontext häufig eine bevorzugte Option darstellt. Demgegenüber steht ein breites Nebenwirkungsprofil mit unter anderem Schilddrüsenfunktionsstörungen, Lungenfibrose, Hepatotoxizität, Phototoxizität und QT-Zeit-Verlängerung sowie eine sehr lange Halbwertszeit von 20 bis 100 Tagen. Daher sollte eine langfristige Amiodarontherapie nach Möglichkeit vermieden und regelmäßig auf ihren Nutzen überprüft werden.4

Flecainid und Propafenon gehören zu den Klasse-IC-Antiarrhythmika und wirken primär über eine Blockade schneller Natriumkanäle. Sie können zur Rezidivprophylaxe sowie im Rahmen einer „pill-in-the-pocket“-Strategie eingesetzt werden. Aufgrund des Risikos proarrhythmischer Effekte dürfen sie jedoch nur bei Patienten ohne strukturelle Herzerkrankung angewendet werden. Bei Zustand nach Myokardinfarkt, mittel- bis hochgradig eingeschränkter systolischer linksventrikulärer Funktion und ausgeprägter linksventrikulärer Hypertrophie besteht eine Kontraindikation. Bei leichtgradig eingeschränkter systolischer linksventrikulärer Funktion, leichtgradiger linksventrikulärer Hypertrophie oder stabiler koronarer Herzkrankheit ohne stattgehabten Myokardinfarkt existieren keine Daten, die eine prinzipielle Kontraindikation rechtfertigen würden und eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist notwendig.4

Dronedaron ist strukturell mit Amiodaron verwandt, weist jedoch ein günstigeres Nebenwirkungsprofil auf. Die antiarrhythmische Wirksamkeit ist allerdings geringer. Zudem ist es bei dekompensierter Herzinsuffizienz kontraindiziert und insbesondere im geriatrishen Kontext müssen zahlreiche mögliche Arzneimittelinteraktionen berücksichtigt werden.

Sotalol besitzt sowohl β-blockierende Eigenschaften als auch eine Kaliumkanalblockade. Seine Anwendung ist durch das Risiko proarrhythmischer Effekte, insbesondere Torsade-de-pointes-Tachykardien, limitiert. Da das Medikament renal eliminiert wird, ist bei eingeschränkter Nierenfunktion eine Dosisanpassung erforderlich.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Auswahl des geeigneten Antiarrhythmikums bei älteren Patienten häufig eingeschränkt ist. Da strukturelle Herzerkrankungen im höheren Lebensalter häufig vorliegen, scheiden Klasse-IC-Antiarrhythmika in vielen Fällen aus. In dieser Situation stellt Amiodaron oft die einzige pharmakologische Option zur Rhythmuskontrolle dar. Gleichzeitig erfordert das Nebenwirkungsprofil jedoch eine sorgfältige Indikationsstellung und regelmäßige Überwachung. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch bei Patienten im hohen Lebensalter die Katheterablation als Strategie zur Rhythmuskontrolle zunehmend an Bedeutung.

Katheterablation

Die Katheterablation hat sich als effektive Therapieoption zur Rhythmuskontrolle etabliert. Ziel ist in der Regel die elektrische Isolation der Pulmonalvenen, da diese eine Region mit häufigen elektrischen Impulsen als Trigger für Vorhofflimmerepisoden darstellen. Im Hinblick auf einen langfristigen Rhythmuserhalt ist die Katheterablation der medikamentösen antiarrhythmischen Therapie bei symptomatischen Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern überlegen.6 Diese Aussage kann jedoch nicht ohne weiteres auf ein geriatrisches Patientenkollektiv übertragen werden, da in frühen randomisierten Studien zur Katheterablation Patienten ≥75 Jahren oder ≥80 Jahren meist exkludiert wurden und auch in späteren Studien ohne Altersbeschränkung nur wenige Patienten mit höherem Alter eingeschlossen wurden.7 Eine Meta-Analyse zur Katheterablation bei Vorhofflimmerpatienten ≥75 Jahre zeigt, dass diese im Vergleich zu jüngeren Patienten sowohl ein erhöhtes Risiko für periprozedurale Komplikationen als auch ein erhöhtes Risiko für Arrhythmierezidive nach dem Eingriff haben.8 

Als modernes Ablationsverfahren kann die Pulsed Field Ablation einen Teil dieser Nachteile möglicherweise ausgleichen. Anders als bei den klassischen thermischen Verfahren zur Katheterablation wird bei der Pulsed Field Ablation durch starke elektrische Felder eine sogenannte irreversible Elektroporation und hierdurch der weitestgehend gezielte Zelltod von Kardiomyozyten erzeugt. Im Vergleich zu thermischen Ablationsverfahren bietet dieses Verfahren kürzere Prozedurzeiten und durch die hohe Gewebeselektivität ein geringeres Risiko für Komplikationen durch Verletzungen umliegenden Gewebes, etwa des Ösophagus oder des Nervus Phrenicus.9 Gerade bei älteren Patienten könnte die Pulsed Field Ablation aufgrund der kürzeren Analgosedierung sowie des günstigen Sicherheitsprofils zukünftig eine wichtige Rolle spielen.

Frequenzkontrolle

Die Frequenzkontrolle stellt weiterhin eine zentrale therapeutische Strategie bei Vorhofflimmern dar. Ziel dieser Behandlung ist nicht die Wiederherstellung des Sinusrhythmus, sondern die Kontrolle der ventrikulären Herzfrequenz, um Symptome zu reduzieren und eine tachykardie-induzierte Kardiomyopathie zu verhindern. Insbesondere im geriatrischen Patientenkollektiv wird häufig eine frequenzkontrollierende Strategie gewählt. Diese sollte jedoch nicht die primäre Therapiestrategie darstellen, sondern erst nach Fehlschlagen einer rhythmuskontrollierenden Strategie, bei Kontraindikationen gegenüber einer solchen oder aufgrund einer Patientenpräferenz gewählt werden. 

Medikamentöse Frequenzkontrolle

Die medikamentöse Frequenzkontrolle erfolgt durch Substanzen, die die atrioventrikuläre Überleitung am AV-Knoten verlangsamen. Zu den wichtigsten Medikamentengruppen zählen Betablocker, nicht-Dihydropyridin-Kalziumkanalblocker sowie Digitalispräparate (Tabelle 4).

MedikamentenklasseKommentar
BetablockerMittel der ersten Wahl zur Frequenzkontrolle. Kontraindiziert bei Asthma bronchiale
Kalziumkanalblocker (Verapamil, Diltiazem)Kontraindiziert bei reduzierter systolischer LV-Funktion
Digitalispräparate (Digitoxin, Digoxin)Enge therapeutische Breite. Führen zu einer Kontrolle der Ruheherzfrequenz, jedoch weniger zu einer Kontrolle der Belastungsherzfrequenz. Bei Digoxin Dosisreduktion bei eingeschränkter Nierenfunktion notwendig
Tab. 4: Medikamentöse Frequenzkontrolle

Betablocker stellen in vielen Fällen die Therapie der ersten Wahl dar. Sie senken die ventrikuläre Frequenz durch Hemmung der sympathischen Aktivität und Verlangsamung der AV-Knotenleitung und kontrollieren sowohl Ruhe- als auch Belastungsfrequenz effektiv. Gerade bei älteren Patienten sollte die Dosis vorsichtig auftitriert werden, um Bradykardien und orthostatische Beschwerden zu vermeiden.

Die Kalziumkanalblocker Verapamil und Diltiazem wirken ebenfalls über eine Hemmung der AV-Knotenleitung und stellen insbesondere bei Patienten mit Asthma bronchiale eine Alternative zu Betablockern dar. Bei eingeschränkter linksventrikulärer systolischer Funktion oder manifester Herzinsuffizienz sind sie jedoch kontraindiziert.

Die Digitalispräparate Digoxin und Digitoxin verlangsamen ebenfalls die AV-Knotenleitung und wirken zusätzlich positiv inotrop. Sie kontrollieren jedoch vor allem die Ruhefrequenz und sind weniger effektiv unter Belastung. Daher werden sie häufig in Kombination mit Betablockern oder bei eher wenig aktiven Patienten eingesetzt. Aufgrund der engen therapeutischen Breite sind insbesondere zu Therapiebeginn Kontrollen der Medikamentenspiegel sinnvoll.

Hinsichtlich der Zielherzfrequenz hat sich eine moderate Frequenzkontrolle von <110/min in vielen Fällen als ausreichend erwiesen. In der randomisierten RACE-II-Studie war diese einer strengen Frequenzkontrolle (<80/min) nicht unterlegen.10 Entsprechend wird zunächst eine Zielherzfrequenz von <110/min angestrebt. Bei persistierenden Symptomen kann eine strengere Kontrolle mit Ziel <80/min sinnvoll sein. Werden die Therapieziele medikamentös nicht erreicht, kann eine AV-Knoten-Ablation mit Schrittmacherimplantation („Pace-and-Ablate“-Strategie) erwogen werden.

Pace-and-Ablate-Strategie

Bei der Pace-and-Ablate Strategie erfolgt zunächst eine Schrittmacherimplantation, gefolgt von einer Katheterablation des AV-Knotens. Dadurch wird die Überleitung vom Vorhof auf die Kammern unterbrochen und die ventrikuläre Frequenz vollständig durch den Schrittmacher kontrolliert. 
Die randomisierte APAF-CRT Studie konnte einen Vorteil der Pace-and-Ablate Strategie gegenüber einer medikamentösen Frequenzkontrolle im Hinblick auf die Gesamtmortalität zeigen.11 Speziell im Kontext geriatrischer Patienten ist die Pace-and-Ablate Strategie insbesondere dann eine gute Therapieoption, wenn ohnehin bereits ein Herzschrittmacher oder implantierbarer Defibrillator vorhanden ist und nur die Katheterablation des AV-Knotens notwendig ist. Diese ist als sehr kurzer und risikoarmer Eingriff auch für Patienten im hohen Lebensalter mit multiplen Komorbiditäten einfach durchführbar.

Schlaganfallprophylaxe

Von besonderer klinischer Bedeutung bei der Behandlung von Vorhofflimmern ist das erhöhte Risiko für thromboembolische Ereignisse. Zur Abschätzung des individuellen Risikos wird seit 2024 der CHA₂DS₂-VA-Score empfohlen (Tabelle 5).1 In diesem wurde – anders als im vorher gebräuchlichen CHA₂DS₂-VASc-Score – der Faktor “weibliches Geschlecht“ gestrichen, weil sich das Geschlecht in aktuellen Untersuchungen lediglich als altersabhängiger Risikomodifikator und nicht als eigenständiger Risikofaktor zeigt.12 

RisikofaktorPunkte
C – Herzinsuffizienz1
H – Arterielle Hypertonie1
A2 – Alter ≥ 75 Jahre2
D – Diabetes mellitus1
S2 – Schlaganfall, TIA oder systemische Embolie in der Vorgeschichte2
V – Vaskuläre Erkrankung (z. B. KHK, pAVK)1
A – Alter 65–74 Jahre1
Tab. 5: CHA2DS2-VA-Score

Orale Antikoagulation

Die Standardtherapie zur Vermeidung thromboembolischer Ereignisse bei Vorhofflimmern ist die orale Antikoagulation. Prinzipiell muss die Entscheidung über die Einleitung einer solchen Therapie unter Abwägung des Thromboembolie-Risikos gegenüber dem Blutungsrisiko erfolgen. In der Regel sollte ab einem CHA₂DS₂-VA-Score von zwei Punkten eine orale Antikoagulation empfohlen werden und bei einem CHA₂DS₂-VA-Score von einem Punkt diese individuell geprüft werden. Da ein Alter ≥75 Jahre mit zwei Punkten gewertet wird, besteht bei vielen geriatrischen Patienten bereits allein aufgrund des Alters eine klare Indikation zur oralen Antikoagulation.

Heute werden hierfür bevorzugt die direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban oder Dabigatran eingesetzt. Diese zeigen im Vergleich zu Vitamin-K-Antagonisten (VKA) eine vergleichbare Effektivität bei gleichzeitig reduziertem Risiko für schwere Blutungen. Ein häufiges Problem in der Praxis ist jedoch, dass DOAK insbesondere bei älteren Patienten zu häufig unterdosiert werden, ohne dass die Kriterien für eine Dosisreduktion erfüllt sind. Eine große Registerstudie zeigt, dass eine solche Unterdosierung mit einer erhöhten Mortalität assoziiert ist.13 Die Kriterien für eine Dosisreduktion unterscheiden sich zwischen den unterschiedlichen DOAK und sollten sorgfältig geprüft werden.

Eine weitere Besonderheit im geriatrischen Kontext stellt der Umgang mit einer bereits bestehenden VKA-Therapie dar. Während bei Neueinleitung einer oralen Antikoagulation DOAK bevorzugt werden, wird bei bereits bestehender VKA-Therapie bei Patienten ≥75 Jahren von einer Umstellung abgeraten. Diese Empfehlung basiert auf der randomisierten FRAIL-AF Studie, welche bei älteren multimorbiden Patienten eine Zunahme von Blutungskomplikationen bei Umstellung einer VKA- auf eine DOAK-Therapie im Gegensatz zu einer Beibehaltung der VKA-Therapie zeigt.14

Vorhofohrverschluss

Da Thromben, die bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern entstehen können, meist im linken Vorhofohr lokalisiert sind, kann ein interventioneller oder operativer Vorhofohrverschluss das Thromboembolie-Risiko reduzieren und ein Absetzen der oralen Antikoagulation ermöglichen. Ein interventioneller Vorhofohrverschluss bei Vorhofflimmerpatienten sollte erwogen werden, wenn eine orale Antikoagulation kontraindiziert ist. Speziell im geriatrischen Kontext muss hierbei bedacht werden, dass zur Implantation des Vorhofohr-Okkluders ein invasiver Eingriff mit möglichen prozeduralen Komplikationen notwendig ist. Dennoch konnte auch bei Patienten ≥80 Jahre ein vergleichbarer Nutzen wie bei Patienten <80 Jahre gezeigt werden, weshalb diese Therapie Patienten im höheren Alter nicht prinzipiell vorenthalten werden sollte.15

Eine andere Situation besteht, wenn ein herzchirurgischer Eingriff aus anderen Gründen – etwa zum Herzklappenersatz oder zur Anlage eines Koronarbypasses – notwendig wird. In einem solchen Fall sollte bei Vorhofflimmerpatienten ein periprozeduraler chirurgischer Verschluss des Vorhofohrs erfolgen, da dieser sogar ergänzend zu einer fortgeführten oralen Antikoagulation das Thromboembolie-Risiko weiter senken kann.16
 

Fazit

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung und eine klinisch bedeutsame Erkrankung im höheren Lebensalter. Die Rhythmuskontrolle mittels medikamentöser Therapie oder Katheterablation sollte auch bei geriatrischen Patienten zunehmend die primäre Therapiestrategie darstellen. Bei Fehlschlagen einer Rhythmuskontrolle und einer medikamentösen Frequenzkontrolle kann eine Pace-and-Ablate Strategie erwogen werden. Darüber hinaus ist besonders bei älteren und multimorbiden Patienten eine konsequente Schlaganfallprophylaxe von zentraler Bedeutung.

 David Schaack, Kyoung-Ryul Julian Chun

1.    Van Gelder IC, Rienstra M, Bunting KV, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS): Developed by the task force for the management of atrial fibrillation of the European Society of Cardiology (ESC), with the special contribution of the European Heart Rhythm Association (EHRA) of the ESC. Endorsed by the European Stroke Organisation (ESO). European Heart Journal. 2024;45(36):3314-3414. doi:10.1093/eurheartj/ehae176
2.    Krijthe BP, Kunst A, Benjamin EJ, et al. Projections on the number of individuals with atrial fibrillation in the European Union, from 2000 to 2060. Eur Heart J. 2013;34(35):2746-2751. doi:10.1093/eurheartj/eht280
3.    Hindricks G, Potpara T, Dagres N, et al. 2020 ESC Guidelines for the diagnosis and management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS): The Task Force for the diagnosis and management of atrial fibrillation of the European Society of Cardiology (ESC) Developed with the special contribution of the European Heart Rhythm Association (EHRA) of the ESC. Eur Heart J. 2021;42(5):373-498. doi:10.1093/eurheartj/ehaa612
4.    Deutsche Gesellschaft für Kardiologie. S3-Leitlinie Vorhofflimmern – Version 1.1. Published online February 11, 2025. Accessed March 10, 2026. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/019-014
5.    Kirchhof P, Camm AJ, Goette A, et al. Early Rhythm-Control Therapy in Patients with Atrial Fibrillation. New England Journal of Medicine. 2020;383(14):1305-1316. doi:10.1056/NEJMoa2019422
6.    Turagam MK, Musikantow D, Whang W, et al. Assessment of Catheter Ablation or Antiarrhythmic Drugs for First-line Therapy of Atrial Fibrillation: A Meta-analysis of Randomized Clinical Trials. JAMA Cardiol. 2021;6(6):697-705. doi:10.1001/jamacardio.2021.0852
7.    Boehmer AA, Kaess BM, Ruckes C, et al. Pulmonary Vein Isolation or Pace and Ablate in Elderly Patients With Persistent Atrial Fibrillation (ABLATE Versus PACE)—Rationale, Methods, and Design. Canadian Journal of Cardiology. 2024;40(12):2429-2440. doi:10.1016/j.cjca.2024.07.021
8.    Boehmer AA, Rothe M, Ruckes C, Eckardt L, Kaess BM, Ehrlich JR. Catheter Ablation for Atrial Fibrillation in Elderly Patients: an Updated Meta-analysis of Comparative Studies. Canadian Journal of Cardiology. 2024;40(12):2441-2451. doi:10.1016/j.cjca.2024.08.263
9.    Urbanek L, Bordignon S, Schaack D, et al. Pulsed Field Versus Cryoballoon Pulmonary Vein Isolation for Atrial Fibrillation: Efficacy, Safety, and Long-Term Follow-Up in a 400-Patient Cohort. Circ: Arrhythmia and Electrophysiology. 2023;16(7):389-398. doi:10.1161/CIRCEP.123.011920
10.    Gelder ICV, Groenveld HF, Crijns HJGM, et al. Lenient versus Strict Rate Control in Patients with Atrial Fibrillation. New England Journal of Medicine. 2010;362(15):1363-1373. doi:10.1056/NEJMoa1001337
11.    Brignole M, Pentimalli F, Palmisano P, et al. AV junction ablation and cardiac resynchronization for patients with permanent atrial fibrillation and narrow QRS: the APAF-CRT mortality trial. European Heart Journal. 2021;42(46):4731-4739. doi:10.1093/eurheartj/ehab569
12.    Wu VCC, Wu M, Aboyans V, et al. Female sex as a risk factor for ischaemic stroke varies with age in patients with atrial fibrillation. Heart. 2020;106(7):534-540. doi:10.1136/heartjnl-2019-315065
13.    Camm AJ, Cools F, Virdone S, et al. Mortality in Patients With Atrial Fibrillation Receiving Nonrecommended Doses of Direct Oral Anticoagulants. JACC. 2020;76(12):1425-1436. doi:10.1016/j.jacc.2020.07.045
14.    Joosten LPT, van Doorn S, van de Ven PM, et al. Safety of Switching From a Vitamin K Antagonist to a Non–Vitamin K Antagonist Oral Anticoagulant in Frail Older Patients With Atrial Fibrillation: Results of the FRAIL-AF Randomized Controlled Trial. Circulation. 2024;149(4):279-289. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.123.066485
15.    Sulaiman S, Roy K, Wang H, et al. Left Atrial Appendage Occlusion in the Elderly: Insights From PROTECT-AF, PREVAIL, and Continuous Access Registries. JACC: Clinical Electrophysiology. 2023;9(5):669-676. doi:10.1016/j.jacep.2023.02.007
16.    Whitlock RP, Belley-Cote EP, Paparella D, et al. Left Atrial Appendage Occlusion during Cardiac Surgery to Prevent Stroke. New England Journal of Medicine. 2021;384(22):2081-2091. doi:10.1056/NEJMoa2101897

Korrespondenzadresse

David Schaack

Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie
CCB am Agaplesion
Markus Krankenhaus
Wilhelm-Epstein-Str. 4
60431 Frankfurt a. M.
d.schaack@ccb.de

 Diesen Beitrag finden Sie als Fortbildung zur kostenlosen Teilnahme auch hier:

Teilnahme

Die Teilnahme ist vom 08.06.2026 - 07.06.2027 möglich!