Welche Effekte hat Diabetes in der Schwangerschaft auf die neurologische Entwicklung des Kindes?
Laut einer neuen Meta-Analyse ist Diabetes in der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind assoziiert – besonders bei vorbestehendem Diabetes. Laut Experten liegt jedoch nicht genug Evidenz vor, um diesen Zusammenhang zu belegen.
© Dragana Gordic - shutterstock
Frühere Studien wiesen bereits darauf hin, dass Diabetes in der Schwangerschaft das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen erhöhen kann. Die S2e-Leitlinie „Diabetes in der Schwangerschaft“ hält jedoch fest, dass die Evidenz zum Einfluss von Diabetes auf die neurologische Entwicklung bisher noch nicht ausreicht, um daraus Maßnahmen oder Empfehlungen abzuleiten. Eine Meta-Analyse, erschienen in „The Lancet Diabetes & Endocrinology“, bestärkt nun den Zusammenhang.
Metaanalyse zum Zusammenhang von mütterlichem Diabetes und neurologischen Entwicklungsstörungen
In der Meta-Analyse wurden auf Grundlage von 202 Beobachtungsstudien und 56.082.462 Mutter-Kind-Paaren die Auswirkungen von Diabetes bei Müttern auf die neurologische Entwicklung ihrer Kinder untersucht.
Das sind die Ergebnisse:
Ein maternaler Diabetes vor oder während der Schwangerschaft ist mit einem um 28 % erhöhten Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind assoziiert. Das relative Risiko (RR) für die einzelnen Erkrankungen betrug:
- 1,25 für Autismus
- 1,30 für ADHS
- 1,32 für geistige Behinderung
- 1,27 für spezifische Entwicklungsstörungen
- 1,20 für Kommunikationsstörungen
- 1,17 für motorische Störungen
- 1,16 für Lernstörungen
Außerdem war ein vorbestehender Diabetes mit einem stärkeren Risikoanstieg verbunden (RR 1,39) als ein Gestationsdiabetes (RR 1,18)
Kein kausaler Beweis, aber Hinweise verdichten sich
„Es ist die bisher größte Meta-Analyse zum Einfluss von Hyperglykämie in der Schwangerschaft auf die neuronale Entwicklung der Kinder in Form von verschiedenen Störungen/Erkrankungen nach ICD11 und DSM 5“, ordnet Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Medizinische Universität Wien, Österreich, die Studie ein.
Trotz der hohen Fallzahl betonen Experten jedoch, dass die Daten lediglich Assoziationen aufzeigen – keine Kausalität. Heterogene Diagnosekriterien sowie die unzureichende Berücksichtigung von Einflussfaktoren wie Body-Mass-Index und HbA1c-Werten schränken die Aussagekraft ein.
„Die Ergebnisse scheinen frühere Daten zu bestätigen, aber ein kausaler Zusammenhang zwischen Diabetes in der Schwangerschaft und neurologischen Beeinträchtigungen des Kindes ist nicht bestätigt", merkt Prof. Dr. Jardena Puder, Universitätsspital Lausanne, Schweiz, an.
Auch Prof. Dr. Christoph Bührer, Charité – Universitätsmedizin Berlin, sieht Einschränkungen: „Beim Gestationsdiabetes wurde zwar eine Assoziation mit ASD und ADHS beobachtet, nicht aber in den Geschwisterstudien. Dies spricht gegen einen direkten Kausalzusammenhang – die Assoziation zwischen Diabetes und den neuropsychiatrischen Erkrankungen dürfte mehr durch die genetischen und Lebensstil-Gemeinsamkeiten von Müttern und Kindern bedingt sein.“
Keine Änderungen der Empfehlungen
Die aktuelle Evidenz reiche nicht aus, um konkrete Empfehlungen abzugeben. Bührer betont: „Die kleine Zunahme des absoluten Risikos bei Kindern diabetischer Mütter rechtfertigt keine Sonderbehandlung und berge eher die Gefahr einer Stigmatisierung.“ Und ergänzt: „In der Diskussion wird darauf hingewiesen, dass Beunruhigungen der Mütter durch Hinweise auf mögliche kindliche Langzeitfolgen womöglich mehr Schaden als Nutzen anrichten können.“
Die Autorinnen und Autoren der aktuellen Studie empfehlen weitere Untersuchungen, um einen kausalen Zusammenhang zweifelsfrei feststellen zu können. „Die Limitationen dieser Analyse im Blick sollten prospektive, groß angelegte, bevölkerungsbezogene Studien durchgeführt werden, die gemeinsame, familiäre und genetische Faktoren sowie viele potenzielle Störfaktoren einbeziehen (und zwar in allen Populationen gleich) – einschließlich Geschwister-, Zwillings- und Adoptionsstudien,“ so das Fazit von Prof. Puder.
Originalstudie: Ye W et al. (2025): Association between maternal diabetes and neurodevelopmental outcomes in children: a systematic review and meta-analysis of 202 observational studies comprising 56·1 million pregnancies. The Lancet Diabetes & Endocrinology.
Weitere Statements der Experten finden Sie beim Science Media Center
Quelle: Science Media Center Germany