Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Allgemein- & Innere Medizin, Gastroenterologie, Neurologie, Medizin Neurologie, Allgemein- & Innere Medizin Allgemein- & Innere Medizin, Neurologie
Darm-Hirn-Achse

Welchen Einfluss hat der Magen-Darm-Trakt auf das Parkinson-Syndrom?

Durch die Forschungen der letzten Jahre sind zunehmend neue Erkenntnisse über die Entstehung und Ausbreitung der Parkinson-Erkrankung gewonnen worden. Diskutiert werden Zusammenhänge mit dem enterischen Nervensystem. Der Beitrag beschreibt die aktuellen Hypothesen zur Krankheitsentstehung. 


16.09.2024
D. Woitalla
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Die Parkinson-Erkrankung ist klinisch durch das Auftreten von Tremor, Rigor und Hypokinesie charakterisiert. Verantwortlich hierfür ist eine Degeneration dopaminerger Zellen insbesondere in den Basalganglien des Gehirns. Pathologisch wird die Krankheit durch das Auftreten von Levy-Körperchen definiert, die wiederum als wesentlichen Bestandteil Alpha-Synuclein enthalten. Die genetischen Arbeiten der 1990er Jahre haben viel zum Verständnis der Pathogenese beigetragen, insbesondere konnte hierdurch Alpha-Synuclein als ein Schlüsselprotein der Erkrankung identifiziert werden.

Die Ursache der Parkinson-Erkrankung ist nach wie vor unbekannt. Genetische Formen sind für etwa 13 % der Parkinsonmanifestationen verantwortlich, der Großteil der Parkinsonerkrankten wird jedoch dem sogenannten idiopathischen Parkinson-Syndrom zugeordnet, dessen Ursachen weiterhin nicht erforscht sind.

Konzept der definierten Ausbreitung über den Vagusnerv

Von großer wissenschaftlicher Bedeutung ist das Konzept der definierten Ausbreitung der Erkrankung durch die Forschungs­arbeiten von Heiko Braak. Nach diesem Modell breitet sich die Erkrankung kaskadenförmig im Gehirn aus und beginnt primär im dorsalen Vaguskern. Diese Studien legten den Verdacht nahe, dass die Krankheit über den Vagusnerv in das Gehirn gelangt. Da der Vagusnerv seinen Ursprung in den enterischen Nervenzellen des oberen Gastrointestinaltrakts nimmt, fokussierte sich die Forschung in den folgenden Jahren auf den Zusammenhang der Parkinson-Erkrankung mit dem enterischen Nervensystem.

Bereits 1988 bemerkte Wakabayashi das Auftreten von Levy-Körperchen, den charakteristischen pathologischen Veränderungen der Parkinson-Erkrankung, im enterischen Nervensystem. Diesen Beobachtungen wurde über viele Jahre jedoch keine Bedeutung beigemessen. Dabei gab es eine Vielzahl von klinischen Erkenntnissen, die gastrointestinale Symptome mit der Parkinson-Erkrankung in Verbindung brachten.

So war bereits seit Längerem bekannt, dass eine reduzierte Stuhlfrequenz mit einer erhöhten Prävalenz der Parkinson-Erkrankung verknüpft ist. Schluckstörungen und Magenbeschwerden sind weitere typische Beschwerden des Parkinson-Syndroms. Die Hypothese einer Ausbreitung der Erkrankung von Zelle zu Zelle wurde durch pathologische Arbeiten über die spezifischen Veränderungen im embryonalen, transplantierten Gewebe unterstützt. Im Gehirn von Patienten, die sich einer Stammzelltransplantation unterzogen hatten, wies man nach wenigen Jahren Levy-Körperchen im embryonalen Gewebe nach. Diese Untersuchungen lieferten den Beleg für die Ausbreitung der pathologischen Veränderungen von Zelle zu Zelle und stützten damit das Braak´sche Stufenmodell.

Das enterische Nervensystem

Unterstützung fand die Hypothese einer primären Eintrittspforte der Erkrankung im Darm durch die Analyse von Registerdaten, nach denen vagotomierte Patienten seltener eine Parkinson-Erkrankung aufweisen als nicht vagotomierte Patienten.

Das enterische Nervensystem kontrolliert die intestinale Motilität und Sekretion und arbeitet weitgehend unabhängig vom Zentralen Nervensystem. Es besteht aus ca. 80 bis 100 Millionen Neuronen, somit der gleichen Zahl von Nervenzellen wie das Rückenmark.

Der Darm wird durch zahlreiche Bakterien besiedelt, die kumulativ als Mikrobiom bezeichnet werden. Im menschlichen Ökosystem gibt es 100 Billionen Bakterien. 

Tab. 1: Enterotypen des menschlichen Mikrobioms
  1. Bacterioides, assoziiert mit dem westlichen Ernährungstyp, charakterisiert durch tierische Fette und proteinreiche Nahrung
  1. Ruminococcus
  1. Prevotella, charakterisiert durch eine Ernährung mit komplexen Kohlenstoffen, Früchten und gemüsereicher Ernährung

Dabei zeigt das Mikrobiom eine große interindividuelle Heterogenität. Nur 57 der 300 dominanten Spezies finden sich bei 90 % der untersuchten Probanden und nur 18 von 300 der dominanten Spezies bei allen Probanden. Erst durch neuere genetische Untersuchungsmethoden konnte das Mikrobiom weiter entschlüsselt werden, da 85 % der genetisch nachweisbaren Bakterien kulturell nicht angezüchtet werden können. Man unterscheidet drei verschiedene Enterotypen, die einen flexiblen Übergang aufweisen (s. Tab. 1).  

Als mögliche Einflussfaktoren einer möglichen Verschiebung der Enterotypen werden neben der Ernährung auch die Einnahme von Antibiotika diskutiert. 

Beziehung zwischen Darm und Gehirn

Die Beziehungen zwischen Darm und Gehirn wurde in den letzten Jahren sehr intensiv erforscht. Neben der direkten Verbindung über den Nervus vagus existieren indirekte Verbindungen, definiert über endokrine, immunologische und metabolische Mechanismen. Zu den intramuralen Faktoren, die eine Beziehung zwischen Darm und Gehirn herstellen, zählen neben dem Mikrobiom auch neuroprotektive Faktoren, insbesondere das Vorhandensein kurzkettiger Fettsäuren, die von den Nahrungs­gewohnheiten abhängen.  

All diese Faktoren bestimmen die Zusammensetzung des Mikrobioms und damit auch die Funktion der intestinalen Grenzschicht. Darauf aufbauend wurde das Konzept der Symbiose und Dysbiose entwickelt. Die Verminderung der Mikrobiomdiversität führt hiernach sekundär zu einer Schädigung der Mukosaschicht, in der Folge tritt eine pathologische Besiedlung der intestinalen Villi auf, die mit einer Epithelschädigung verknüpft ist. Die chronische Entzündung führt zu einer Rarefizierung der Villi, schließlich zur Einwanderung von Immunzellen und einer lokalen Entzündung. Basierend auf diesem lokalen Entzündungsmechanismen sollen antimikrobielle Peptide gesteigert produziert werden, gegen die der Körper zielgerichtete Antikörper entwickelt. Hierdurch wird die lokale Entzündung systemisch. Dabei gilt die Lamina propria als der Ort der primären immunologischen Reaktion. 

Induktion einer Alpha-Synuclein-Aggregation

Der submuköse Plexus wird gegenüber Mikrobiotika, aber auch Nahrungsbestandteilen und Medikamenten exponiert. Dies induziert eine immunologische Antwort, mit einem Priming der im submukösen Plexus gelegenen neuronalen Zellen. Basierend auf dieser Hypothese soll hierdurch eine Aggregation von Alpha-Synuclein hervorgerufen werden, die schließlich zu einer Reduktion der dopaminergen Sekretion führt. Die Präsentation von Alpha-Synuclein-Aggregaten durch Antigen-präsentierende Zellen gegenüber nativen CD4+-T-Zellen wird als Trigger weiterer lokaler Inflammation gesehen. Die Stimulation proinflammatorischer Moleküle in Form von Zytokinen und Chemokinen sowie die plaquebedingte Aktivierung von Mikroglia und Astrozyten soll zu einer Rekrutierung peripherer Myeloidzellen in das ZNS führen und hier durch den proinflammatorischen Zyklus perpetuieren. 

Neben dieser Hypothese werden eine Vielzahl weiterer, wobei sehr unterschiedlicher Mechanismen der Induktion der Inflammatorischen Antwort diskutiert. An weiteren Erkenntnissen über den Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom, der gestörten Dysbiose und dem Auftreten eines Parkinson-Syndroms wird zurzeit intensiv geforscht. 

Protektiver Einfluss der Nahrung wird diskutiert

In Mäuseversuchen konnte nachgewiesen werden, dass in zwei Jahren nach Injektion von Lewy-Körperchen in den Darm oder das Gehirn eine zerebrale dopaminerge Depletion auftritt. Gleichzeitig wurde in diesen Experimenten kein pathologisches Alpha-Synuclein im Nervus vagus nachgewiesen. Diese Untersuchungen stellen die vagale Ausbreitung, wie sie von Braak postuliert wird, infrage. Auch systemische Effekte über die Blutzirkulation werden als mögliche Hypothese der Krankheitsausbreitung genannt. 

Eine Vielzahl von Untersuchungen studierte Unterschiede im Mikrobiom zwischen Parkinson-Patienten und gesunden Kontrollen. In diesen Untersuchungen konnten keine konsistenten Ergebnisse gezeigt werden, das pathologische Bakterium existiert genauso wenig wie ein protektives. Gleichwohl zeigt sich bei den Parkinson-Patienten auch in Abhängigkeit vom Krankheitsstadium eine Veränderung der mikrobiellen Diversität. 

Der mögliche protektive Einfluss der Nahrung ist ein viel diskutiertes Thema. So wird die Einnahme von Polyphenolen und deren Metaboliten neuroprotektiv gegen das Auftreten von Plaques gewertet. Einen großen Einfluss auf die Mikroglia und damit die entzündlichen Veränderungen im Darm hat die Aufnahme von kurzkettigen Fettsäuren. Flavonoide steigern den Tryptophan-Metabolismus und führen hiermit indirekt zu einer Modulation der Inflammation. 
 

Fazit

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Erforschung der Interaktion zwischen Darm und Gehirn inzwischen in der Wissenschaft einen hohen Stellenwert genießt. Gleichzeitig bleibt jedoch festzuhalten, dass die Erkenntnisse in diesem Bereich noch sehr unzureichend sind, sodass die Forschung der nächsten Jahre abgewartet werden muss, bevor zuverlässige Empfehlungen zur Modifikation von Mikrobiom oder Nahrung gegeben werden können.

 


Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Dirk Woitalla
Klinik für Neurologie
Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel gGmbH
Heidbergweg 22–24
45257 Essen
D.Woitalla(at)contilia.de