Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Dermatologie, Onkologie Dermatologie Dermatologie, Onkologie, HAUT
Checkpoint-Inhibitoren

Wenn die Krebsbehandlung zum Diabetes führt

Moderne Immuntherapien können das Leben von Menschen mit Krebs deutlich verlängern. Die Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren kann jedoch verschiedene endokrine Nebenwirkungen mit sich bringen, unter anderem eine Entzündung der Hirnanhangdrüse mit Ausfall lebenswichtiger Hormone oder einen neuartigen, ­insulinpflichtigen Autoimmun-Diabetes (CIADM).


13.08.2025
M. Richter
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Zitierweise: HAUT 2025; 36 (4): 192-193

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) fordern deshalb im Rahmen einer Krebstherapie regelmäßige Stoffwechselkontrollen sowie den Ausbau spezialisierter endokrinologisch-diabetologischer Strukturen in Kliniken.

Checkpoint-Inhibitoren haben die Behandlung von Krebs revolutioniert. Sie aktivieren die Immunabwehr gegen Tumoren, sodass körpereigene Abwehrzellen wieder in die Lage versetzt werden, Krebszellen angreifen zu können. Eingesetzt werden sie unter anderem bei schwarzem Hautkrebs und bei Nierenzellkrebs, mit oft beachtlichen Erfolgen, aber auch Nebenwirkungen. Denn das aktivierte Immunsystem kann auch gesunde Zellen angreifen. „In bis zu 40 % der Fälle sind hormonbildende Organe wie Schilddrüse, Hirnanhangsdrüse oder die Nebennieren betroffen“, erklärt Professor Andreas Fritsche, Past-Präsident der DDG. 

Besonders gefährlich sei auch eine selten auftretende Entzündung der Bauchspeicheldrüse, bei der insulinproduzierende Zellen zerstört werden. „Die Folge ist ein insulinpflichtiger Autoimmun-Diabetes, der sogenannte Checkpoint-Inhibitor-assoziierte Diabetes mellitus, kurz CIADM“, so der Diabetologe und Ernährungsmediziner an der Universität Tübingen.



Diabetes als lebensbedrohliche ­Nebenwirkung

CIADM tritt meist innerhalb von 3 Monaten nach Beginn der Immuntherapie auf. Er ähnelt dem klassischen Typ-1-Diabetes, geht aber immer mit einem völligen Insulinmangel einher. Häufig kommt es zu einer Ketoazidose, einer gefährlichen Übersäuerung des Blutes. In 40 % der Fälle sind Autoantikörper nachweisbar, wie sie auch bei Typ-1-Diabetes vorkommen. „CIADM darf keinesfalls mit einem vor­bestehenden Typ-2-Diabetes verwechselt werden“, warnt Fritsche. 

„Nur eine intensive Insulintherapie mit Schulung und Begleitung kann hier Leben retten.“ 

- Prof. Andreas Fritsche

Genau wie beim Typ-1-Diabetes erfordert die Behandlung eine Basal-Bolus-Insulin­therapie: Es müssen sowohl das Grund­bedürfnis an Insulin als auch die Insulinspitzen zu den Mahlzeiten abgedeckt werden. Diese komplexe Therapieform setzt voraus, dass Betroffene umfassend geschult und engmaschig begleitet werden.

Kliniken brauchen mehr endokrinologisch-diabetologische Kompetenz

Trotz der Schwere der Erkrankung fehlen in Deutschland bislang verlässliche Daten zur Häufigkeit der Checkpoint-Inhibitor-assoziierten endokrinen Nebenwirkungen. Denn es existiert kein zentrales, vollständiges Register zu Zahlen und Behandlungsdetails der mit Checkpoint-Inhibitoren behandelten Patientinnen und Patienten. 

Schätzungen zufolge entwickeln bis zu 17 % eine potenziell lebensbedrohliche Hypophysitis – Entzündung der Hirn­anhangdrüse – und etwa 1 bis 2 % der Behandelten einen CIADM. Bei einem angenommenen Behandlungskollektiv von 100.000 Personen würde das 17 000 Personen mit Hypophysitis und 1.000 bis 2.000 Betroffene mit Autoimmun-Diabetes (CIADM) bedeuten. Hinzu kommt eine noch größere Zahl an Patienten, die Schilddrüsenüber- oder -unterfunktionen entwickeln. „Gerade in Krebszentren, wo Immuntherapien häufig eingesetzt werden, sehen wir daher zunehmend Patientinnen und Patienten mit dieser Form an Nebenwirkungen“, so Fritsche.

DDG und DGE fordern daher, an allen onkologischen Zentren Endokrinologie-/Diabetes-Units einzurichten. Hormonelle Fehlfunktionen, etwa der Schilddrüse, der Nebennieren, der Hirnanhangsdrüse oder des Pankreas treten auch in Kombination auf. Diese Kombination verschiedener hormoneller Störungen erschwert die Stoffwechselkontrolle und macht eine individuelle, engmaschige Betreuung erforderlich. „Gerade bei älteren Krebspatientinnen und -patienten mit mehreren Erkrankungen kann die Behandlung dadurch besonders anspruchsvoll werden“, erklärt der Experte aus Tübingen. 

„Deshalb brauchen wir in Krebszentren spezialisierte Teams, die diese komplexen Krankheitsbilder sicher versorgen können.“

- Prof. Andreas Fritsche

Zugang zur richtigen Behandlung kann Leben retten

Wie wichtig spezialisierte Versorgung ist, zeigen aktuelle Auswertungen: Kliniken mit einer Zertifizierung der DDG weisen bei Patienten mit Diabetes als Hauptdiagnose eine geringere Krankenhaussterblichkeit auf – und dass, obwohl sie häufig Menschen mit einer höheren Krankheitslast behandeln. Diese Ergebnisse unterstreichen den Nutzen fachlich spezialisierter Versorgungseinheiten. 

„Gerade für Menschen mit Ausfällen lebenswichtiger Hormone wie Insulin, Kortisol oder Schilddrüsenhormonen ist eine frühzeitige Diagnose und strukturierte Behandlung entscheidend“, betont Fritsche. „Deshalb fordern wir, in der anstehenden Krankenhausreform die Leistungsgruppe ‚komplexe Endokrinologie und Diabetologie‘ flächendeckend zu verankern, um solche Versorgungsstrukturen dauerhaft und breit verfügbar zu machen.“

Interessenkonflikte: Professor Andreas Fritsche gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

Quelle: Michaela Richter, Deutsche Diabetes-Gesellschaft.