Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Allgemein- & Innere Medizin, Angiologie, Diabetologie, Gefäßchirurgie, Gefäßmedizin, Geriatrie, Phlebologie Allgemein- & Innere Medizin, Gefäßmedizin Allgemein- & Innere Medizin, Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 6/24

Wie die Gehstrecke bei pAVK medikamentös verbessert werden kann

In der neu vorgestellten ESC-Leitlinie (1) zur peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) erhält das Gehtraining eine besondere Bedeutung. Der Beitrag beschreibt, welche Medikamente zusätzlich für die Verbesserung der Gehstrecke eingesetzt werden können.


08.11.2024
K. Gebauer
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

In der neu vorgestellten ESC-Leitlinie (1) zur peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) wird dem Gehtraining eine besondere Bedeutung zugeschrieben. So erhält das „supervised exercise training – SET“ eine Klasse-Ia-Empfehlung bei symptomatischer pAVK und sollte vor einer endovaskulären Revaskularisation mindestens dreimal wöchentlich über einen Zeitraum von 30 min mit niedriger bis moderater Intensität durchgeführt werden. 

Neben der Verbesserung des funktionalen Status, der Symptomkontrolle sowie der Gehstrecke hat das strukturierte Gehtraining auch positive Effekte auf die Arteriogenese, die endotheliale Funktion und die chronische Inflammation. Auch für Patienten nach endovaskulärer Revaskularisation wird das SET als adjuvante Therapie mit einer Klasse-Ia-Empfehlung angeraten. Sollte ein strukturiertes Gehtraining im Rahmen einer Gefäßsportgruppe nicht zur Verfügung stehen, ist das „home-based excercise training – HBET“, idealerweise unterstützt durch Apps, Logbücher oder regelmäßigen telefonischen Support, eine Alternative, um die Patienten beim kontinuierlichen Gehtraining zu unterstützen und für ein dauerhaftes Training zu motivieren. 

Medikamentöse Verbesserung der Gehstrecke

Welche Medikationsklassen können für die Verbesserung der Geh­strecke eingesetzt werden (Tab. 1)? Der Calcium-Antagonist Verapamil wurde im Rahmen einer doppelt verblindeten Cross-Over-Studie über einen Zeitraum von 13 Wochen geprüft und konnte eine Zunahme der schmerzfreien Gehstrecke von + 29  % erreichen. Die maximale Gehstrecke konnte sogar um 49 % erweitert werden (2).

 MWD (m)95 % CI
Plättchenaggregationshemmer59,136,92 / 81,28
ASS + Rivaxoraban 2 x 2,5 mg68,019 / 116
Statine162,583,15 / 241,8
Naftidrofuryl90,514,11 / 166,82
Cilostazol 50 mg35,6830,38 / 40,98
Cilostazol 100 mg69,947,26 / 95,24
Pentoxifyllin59,2337,46 / 81,00
Tab. 1: Medikamentös bedingte Verlängerung der maximalen Gehstrecke (MWD) bei pAVK-Patienten (adaptiert nach (3, 5)). (CI: Konfidenzintervall).

In einer umfassenden Metaanalyse wurden verschiedene Substanzklassen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auf die Gehstrecke bei pAVK-Patienten untersucht (3). Hierbei konnte für plättchenaggregationshemmende Substanzen wie Ticlopidine, Cloricromene, Mesoglycan, Indobufen und Defibrotide eine Zunahme der Gehstrecke um durchschnittlich 59 m belegt werden. In einer Doppelblindstudie mit ASS und Clopidogrel mit 229 pAVK-Patienten konnte im Rahmen eines dreimonatigen Reha-Programms die initiale Claudicatiodistanz durch Clopidogrel um 35 % sowie durch ASS um 30 % erweitert werden. Die maximale Claudicatiodistanz erhielt Zuwächse von 38 % und 43 % durch die vorgenannten Substanzen (4). 

In einer kürzlich veröfffentlichten randomisierten Open-Label-Multicenterstudie mit Klaudikanten konnte die Gehstrecke durch die Gabe von 100 mg ASS plus 2 x 2,5 mg Rivaroxaban um 68 ± 24 m (95  % CI 19–116 m, p = 0,007) gegenüber einer alleinigen Therapie mit ASS erweitert werden, was einer relativen Zunahme der Gehstrecke um 327 % entsprach (5).

HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren verlängerten die maximale Gehstrecke um 163 m (95 % CI: 83–242 m), wohingegen der Vasodilatator Naftidrofuryl eine Streckenzunahme von 90 m ermöglichte.

Der Phosphodiesterase-Inhibitor Cilostazol konnte dosisabhängig die maximale Gehstrecke um 36 m (2 x 50 mg Cilostazol) bis zu 70 m (2 x 100 mg Cilostazol) verlängern. Für Pentoxiphylline war immerhin eine Gehstreckenzunahme von 28 m nachweisbar (3). 

Substanzen ohne gesicherte Wirkung auf die Gehstrecke gemäß einer Cochrane-Analyse sind Prostanoide, Buflomedile, L-Arginin und Gingko biloba.

Die Substanz Nicotinamid-Ribosid als Vorläufer von Vitamin B3 konnte in einer randomisierten Studie eine Gehstreckenzunahme von 31 m erreichen, hatte aber eine Häufung von gastrointestinalen Nebenwirkungen zur Folge (6).

Hingegen konnte der GLP1-Agonist Liraglutid in der STARDUST-Studie bei pAVK-Patienten mit Diabetes mellitus eine Zunahme der Gehstrecke von 25 m erzielen und ebenso eine Abnahme der Albuminurie sowie des C-reaktiven Proteins (CRP) als anti-inflammatorischen Effekt bewirken (7). 

Ob der GLP1-Agonist Semaglutid sich ebenfalls positiv auf die Gehstrecke bei pAVK auswirkt, wird aktuell im Rahmen der STRIDE-Studie untersucht, bei der 800 Patienten mit Diabetes mellitus placebokontrolliert Semaglutid erhalten. Die Ergebnisse der Studie werden für 2025 erwartet (8).

Für die bei Diabetes mellitus und anderen Indikationen ebenfalls etablierte Substanzklasse der SGLT-2-Inhibitoren gibt es aktuell keine Daten für Gehstreckeneffekte bei pAVK. Die Patienten profitieren aber von einer Reduktion von kardiovaskulärem Tod, Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz und einer Abnahme von Amputationen um 16  %. Das vormals in einer einzelnen Studie nachgewiesene Risiko für Amputationen bei Canagliflozin konnte in umfangreichen Metaanalysen ausgeräumt werden (9, 10).

Fazit

Die Gehstreckenverlängerung durch strukturiertes Gefäßtraining bei pAVK-Patienten kann durch Plättchenaggregationshemmer wie Clopidogrel und ASS, letzteres auch in Kombination mit Rivaroxaban, ebenso verlängert werden wie durch Gabe von Cilostazol und Naftidrofuryl. Die Applikation von Statinen führt zu den stärksten Effekten und wirkt sich ebenfalls positiv auf kardiovaskuläre Ereignisse und Amputationen aus, weshalb sie als Basisbaustein in der Therapie bei pAVK eingesetzt werden.

Vielversprechende Ansätze der GLP1-Agonisten zur Gehstreckenverlängerung müssen noch in Studien bestätigt werden.

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag auf der 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefäßmedizin in Leipzig am 19.–21.09.2024.



Literatur
  1. Mazzolai L, Teixido-Tura G, Lanzi S et al. 2024 ESC Guidelines for the management of peripheral arterial and aortic diseases. Eur Hear J 2024:ehae179.
  2. Bagger JP, Helligsoe P, Randsbaek F t al. Effect of Verapamil in Intermittent Claudication: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Cross-over Study After Individual Dose-Response Assessment. Circulation 1997;95:411–414.
  3. Momsen AH, Jensen MB, Norager CB et al. Drug Therapy for Improving Walking Distance in Intermittent Claudication: A Systematic Review and Meta-analysis of Robust Randomised Controlled Studies. Eur J Vasc Endovasc Surg 2009;38:463–474.
  4. Singer E, Imfeld S, Staub D et al., Group on behalf of the ACNT. Effect of Aspirin Versus Clopidogrel on Walking Exercise Performance in Intermittent Claudication - A Double-Blind Randomized Multicenter Trial. J Am Hear Assoc 2012;1:51–56.
  5. Ramacciotti E, Volpiani GG, Britto KF et al. Rivaroxaban for Patients with Intermittent Claudication. NEJM Évid 2024;3:EVIDoa2400021.
  6. McDermott MM, Martens CR, Domanchuk KJ et al. Nicotinamide riboside for peripheral artery disease: the NICE randomized clinical trial. Nat Commun 2024;15:5046.
  7. Caruso P, Maiorino MI, Longo M et al. Liraglutide for Lower Limb Perfusion in People With Type 2 Diabetes and Peripheral Artery Disease. JAMA Netw Open 2024;7:e241545.
  8. Sillesen H, Debus ES, Enggaard RBB et al. Effects of semaglutide on functional capacity in patients with type 2 diabetes and peripheral arterial disease: rationale and design of the STRIDE trial. Eur Hear J 2021;42:ehab724.2027.
  9. Verma S, Mazer CD, Al-Omran M et al. Cardiovascular Outcomes and Safety of Empagliflozin in Patients With Type 2 Diabetes Mellitus and Peripheral Artery Disease: A Subanalysis of EMPA-REG OUTCOME. Circulation 2018;137:405–407.
  10. See RM, Teo YN, Teo YH et al. Effects of Sodium-Glucose Cotransporter 2 on Amputation Events: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized-Controlled Trials. Pharmacology 2022;107:123–130.
     
Autorin

Dr. med. Katrin Gebauer
Klinik für Kardiologie I: Koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Angiologie
Universitätsklinikum Münster
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A1
48149 Münster
Katrin.Gebauer(at)ukmuenster.de