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Mentale Gesundheit

Wie Hass entsteht und verlernt werden kann

Der ARD-Dokumentarfilm „Tobi Krell – Wege aus dem Hass“ zeigt, dass Zugehörigkeit, Begegnung und strukturierte Traumabearbeitung destruktive Muster durchbrechen können. Er verdeutlicht anhand realer Biografien, wie Zugehörigkeit, Begegnung und Traumabearbeitung Menschen aus destruktiven Mustern führen.


15.12.2025
L. Abraham
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Hass ist keine Emotion, sondern eine erlernte Bewältigungsstrategie – und damit prinzipiell verlernbar.

Psychische Belastungen, soziale Spannungen und Aggression nehmen weltweit zu. Vor diesem Hintergrund untersucht der ARD/SWR-Dokumentarfilm „Tobi Krell – Wege aus dem Hass“ die psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen, die zur Entstehung von Hass beitragen, und zeigt Strategien zu seiner Überwindung.

Moderator Tobi Krell, hauptsächlich bekannt durch seine Arbeit im Kinderfernsehen, thematisiert den Gegensatz zwischen pädagogischem Anspruch und zunehmender Aggression im öffentlichen Diskurs. Seine filmische Spurensuche führt nach Bosnien, Mexiko und Kanada, wo Betroffene nach Krieg, Verlust oder Radikalisierung Wege emotionaler Stabilisierung gefunden haben.

Kindheit und Emotionsbildung - Entstehung von Hass

Zu Beginn besucht Tobi Krell eine Berliner Grundschule, an der Kinder lernen, über Ärger,Angst und Enttäuschung zu sprechen. Kinderpsychologe Dominik Aigner erklärt, dass Kinder noch nicht hassen können. Hass, so Aigner, sei kein Gefühl, sondern eine erlernte Strategie zur Kompensation von Schmerz. Erst mit der Reifung des präfrontalen Kortex in der Pubertät entstehe die Fähigkeit, Ohnmacht, Trauer oder Scham in Abgrenzung, also Hass, umzuleiten. 

Der Film macht deutlich, dass kindliche Wut oder Frustration in vielen Fällen fehlinterpretiert werden. Werden diese emotionalen Reaktionen vorschnell und undifferenziert als „Hass“ bezeichnet, bleibt der notwendige Raum für eine gesunde und konstruktive Gefühlsregulation weitgehend ungenutzt. Eine frühzeitige Emotionsbildung – verstanden als das bewusste Erkennen, Benennen und Verstehen von Gefühlen – gilt daher als ein wesentlicher Schutzfaktor für die Entwicklung psychischer Stabilität. In diesem Zusammenhang zeigt der Film, dass pädagogische Programme zur emotionalen Bildung langfristig dazu beitragen können, die Ausbildung destruktiver Verhaltensmuster zu verhindern und die Resilienz von Kindern nachhaltig zu fördern.

  Die Produktion ist bis zum 05.Mai 2030 in der ARD Mediathek abrufbar: 

Tobi Krell - Wege aus dem Hass (SWR)

Kanada – Ausstieg aus rechtsextremen Strukturen

Psychologische Mechanismen von Empathie und sozialer Reintegration

In Kanada begleitet Tobi Krell die Geschichte von Lauren Manning, die heute für die Organisation Life After Hate arbeitet. Mit 16 Jahren verliert sie ihren Vater an Leukämie – Isolation, Wut und Orientierungslosigkeit folgen. 

Über NS-Black-Metal-Foren gerät sie in Kontakt mit rechtsextremen Rekrutierern. Die neue Gruppe bietet Aufwertung, Zugehörigkeit und klare Strukturen – ein scheinbarer Halt, der sie zunehmend in ein Milieu aus Gewalt, Alkohol und Instabilität führt.

Der Wendepunkt kommt, als sie von Mitgliedern der eigenen Szene schwer verletzt wird. In der Klinik behandelt sie ein nicht-weißer Arzt ohne Vorurteil – eine Erfahrung, die ihr Weltbild erschüttert und den Beginn ihres Ausstiegs markiert. Ihre Mutter hält trotz Scham den Kontakt. „Die Tür offen zu halten“, beschreibt Lauren rückblickend, sei entscheidend gewesen. 

Heute berät und unterstützt sie andere beim Verlassen solcher Strukturen – als Teil der Organisation Life After Hate, einer gemeinnützigen US-Organisation, die Aussteigerinnen und Aussteigern mit psychologischer Begleitung, Familienarbeit und sozialer Reintegration hilft. Der Fall verdeutlicht, wie Hass psychologisch entsteht – oft aus Verlust, Überforderung oder Gruppendruck – und wie soziale Unterstützung, Empathie und Selbstwirksamkeit zentrale Faktoren der Deradikalisierung sein können.

Bosnien – Nachkriegstrauma & kollektive Heilung

Psychosoziale Folgen und Chancen kollektiver Resilienz

In Bosnien trifft Tobi Krell den ehemaligen Soldaten Adnan, der ihn durch das belagerte Sarajevo führt. Während der vierjährigen Blockade war die Stadt massiven Angriffen ausgesetzt – ein kollektives Trauma, das bis heute nachwirkt. Adnan unterscheidet zwischen vergebbaren Kampfhandlungen und unverzeihlichen Kriegsverbrechen. 

„Wenn du Opfer von Gewalt wirst, ist es normal zu hassen. Aber du musst weitergehen – sonst bleibst du Gefangener dieses Hasses“

Die Dokumentation verdeutlicht, dass die psychischen Folgen von Krieg und Gewalt auch Jahrzehnte später Verhalten und Erleben prägen können. In Mostar, einer durch den Bosnienkrieg geteilten Stadt im Süden des Landes, wird sichtbar, wie tief die Spaltung zwischen den Bevölkerungsgruppen bis heute reicht. Kinder bosnischer und kroatischer Herkunft besuchen dort getrennte Schulen – das Modell „zwei Schulen unter einem Dach“ hält die Trennung aufrecht.

Tobi Krell stellt den Musiker Oha vor, der in Mostar die „Mostar Rock School“ gegründet hat, in der Jugendliche verschiedener Herkunft gemeinsam Musik machen. Die kreative Zusammenarbeit fördert Begegnung, Vertrauen und Empathie – ein soziales Lernfeld, dass Vorurteile abbaut und emotionale Entlastung ermöglicht. Der Fall macht deutlich, dass die Verarbeitung kollektiver Traumata dort am ehesten gelingt, wo Dialog und kulturelle Kooperation Raum finden. Solche gemeinschaftsorientierten Projekte können psychosoziale Stabilisierung fördern und damit zur seelischen Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen beitragen.

Mexiko – Vergebung als Therapieprinzip

Emotionale Verarbeitung und soziale Reintegration als Schutzfaktoren

In Monterrey begleitet Tobi Krell die Geschichte von Anni, die in einem Umfeld aus Gewalt, Demütigung und Missbrauch aufwuchs. Hass, sagt sie, verhalte sich „wie ein Virus“ – er übertrage sich über Generationen, solange er nicht bearbeitet werde. Als Mutter gerät Anni selbst in Überforderung, bis ein Zusammenbruch sie in das Programm ESPERE („Schulen der Vergebung und Versöhnung“, spanisch: Escuelas de Perdón y Reconciliación) führt, das von der Friedensorganisation Fundación para la Reconciliación entwickelt wurde.

Das Programm entstand 2003 in Kolumbien als Reintegrationsmaßnahme für ehemalige Kämpfer der Guerillaorganisation FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und verbreitete sich später in ganz Lateinamerika. 

Ziel ist es, den Kreislauf von Gewalt und Vergeltung zu durchbrechen, indem Betroffene ihre Erfahrungen sprachlich und emotional verarbeiten. Teilnehmende lernen, traumatische Erlebnisse anzuerkennen, in Worte zu fassen und in ihr Lebensnarrativ zu integrieren. Vergebung bedeutet hier keinen Freispruch des Geschehenen, sondern die Befreiung aus dem „inneren Gefängnis“ von Wut und Schuld. 

Anni kann ihrer Mutter, die sie in der Kindheit misshandelt hatte, schließlich vergeben. Eine weitere Teilnehmerin, deren Sohn entführt und gefoltert wurde, berichtet, sie habe im Kurs „wieder atmen“ gelernt. Der Fall verdeutlicht, dass Vergebung weniger ein moralischer Akt als ein psychologischer Prozess ist. Sie kann emotionale Integration, körperliche Entlastung und die Wiederherstellung sozialer Bindung fördern. Solche Programme zeigen, wie psychosoziale Interventionen langfristig Resilienz stärken und gesellschaftliche Stabilität unterstützen können.

Michanismen der Heilung und Prävention

Hass ist kein spontaner Affekt ist, sondern als erlernte Bewältigungsstrategie zu verstehen – häufig im Zusammenhang mit Verlust, Demütigung oder traumatischer Ohnmacht. Emotionale Überforderung, soziale Isolation und fehlende Bindung gelten als Risikofaktoren, die aggressive Kompensationsmuster begünstigen können. 

Der Weg zur Heilung verläuft über den gegenteiligen Prozess: über Zugehörigkeit, Empathie und die bewusste Integration von Emotionen. Beziehungserfahrungen – ob in Gruppen, gemeinschaftlichen Projekten oder Programmen zur Versöhnung – können die Stressregulation und Selbstwirksamkeit nachhaltig stärken. 

Aus medizinischer Sicht weist die Dokumentation darauf hin, dass emotionale Bildung, strukturierte Traumabearbeitung und soziale Reintegration zentrale Schutzfaktoren psychischer Gesundheit sind. Eine frühzeitige Förderung emotionaler Kompetenz, insbesondere in Kindheit und Jugend, kann das Risiko destruktiver Bewältigungsmuster verringern. Der Film verdeutlicht damit die enge Verbindung zwischen psychischer Gesundheit, Traumabewältigung und sozialem Frieden – und wie psychologische sowie auch medizinische Interventionen dazu beitragen können, destruktive Emotionen in konstruktive Bewältigungsstrategien zu überführen.

1 SWR Jahrespressegespräch 2025: Höhepunkte 2025. Programmankündigungen und redaktionelle Schwerpunkte. Stuttgart: SWR; April 2025.

2 Fundación para la Reconciliación. Programa ESPERE – Escuelas de Perdón y Reconciliación. Bogotá (Kolumbien): Fundación para la Reconciliación; 2003–2024. Verfügbar unter: https://fundacionparalareconciliacion.org

3 Life After Hate. Program description for disengagement and reintegration support. Chicago (IL, USA): Life After Hate; 2024. Verfügbar unter: https://www.lifeafterhate.org
 

Quelle: ARD/SWR 2025: Tobi Krell – Wege aus dem Hass. Dokumentarfilm, Erstausstrahlung: 6. Mai 2025, ARD-Mediathek

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