Wie spreche ich mit meinen Patientinnen und Patienten über sexuelle Themen?
Die Überwindung von Tabu und Scham in der Arzt-Patienten-Kommunikation kann eine Herausforderung sein. Doch gerade über sexuelle Themen werde deshalb zu wenig geredet, erklärte Prof. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung, auf dem DGN-Kongress 2025. Er gab hilfreiche Tipps für die schwierigen Gespräche in der ärztlichen Sprechstunde.
Man könnte meinen, dass es für Ärztinnen und Ärzte einfacher sei, mit ihren Patientinnen und Patienten über Sexualität zu sprechen, als beispielsweise in Partnerschaften. Ärztinnen und Ärzte hätten eine gewisse Distanz zum Thema, säßen „sozusagen auf dem Wissenschaftstableau“, wie Erbguth es ausdrückte. Dennoch würden auch in der Kommunikation zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten gesellschaftliche Tabus und Scham eine Rolle spielen.
Sexualität wird zur Nebensache im Arzt-Patienten-Gespräch
Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen beispielsweise haben sehr häufig unter sexuellen Störungen zu leiden. „Aber kommunikativ scheint es Nebensache zu sein“, bemerkte Erbguth. Natürlich müsse nicht jeder Patient mit Karpaltunnelsyndrom auf seine Sexualität angesprochen werden – auch wenn man natürlich auch hier über mögliche Masturbationsprobleme sprechen könne, ordnete der Präsident der Deutschen Hirnstiftung ein. Anders sähe es jedoch aus, wenn es um Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Epilepsie ginge. Dort spielen sexuelle Störungen häufig eine bedeutendere Rolle: 50 – 90 % der Patientinnen und Patienten berichten von Beeinträchtigungen der Libido, der sexuellen Erregungsfähigkeit oder Ejakulations- und Orgasmusstörungen.1
Der Bedarf, über sexuelle Probleme zu sprechen, ist je nach Fachrichtung sehr unterschiedlich: In der Gynäkologie, Neurologie oder Urologie haben Ärztinnen und Ärzte naturgemäß eine andere Nähe zum Thema als beispielsweise in der Handchirurgie. Dennoch sprechen über alle Fachbereiche hinweg nur ungefähr 20 % der Ärztinnen und Ärzte Sexualität aktiv an2 – damit ginge laut Erbguth ein wichtiger Teil der gesundheitlichen Versorgung verloren. Diese kommunikative Abwertung von Sexualität als Nebensächlichkeit habe Folgen: unerkannte Beschwerden, verpasste Therapieoptionen und Vertrauensverlust auf Seiten der Patientinnen und Patienten.
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Behandelnde und Betroffene gehen mit einer ähnlichen Erwartungshaltung an die Sache heran: „Jeder erwartet vom anderen, dass er das Thema einbringt“, erklärte Erbguth das Phänomen, was er als „Erwartungs-Pingpong“ bezeichnete. Scham und Peinlichkeit führten dazu, dass Patientinnen und Patienten sich vor Bewertung fürchten und die Hemmschwelle über intime Themen zu sprechen, sehr hoch sei. Sie hofften darauf, dass Ärztinnen und Ärzte das Thema eröffnen, und blieben selbst stumm. Ärztinnen und Ärzte wiederum möchten ihre Patientinnen und Patienten nicht durch „übergriffige“ Fragen verunsichern, hielten das Thema selbst für zu intim und könnten oft die Zeit für ein weitreichendes Gespräch in diese Richtung gar nicht aufbringen.3
Hinweis
50–75% der Ärztinnen und Ärzte fühlen sich unzureichend informiert/geschult (sowohl inhaltlich als auch kommunikativ).4
„Stichwort Pingpong: ‚Das wird der Patient schon ansprechen, wenn er das für relevant hält‘“, gab Erbguth die Haltung der befragten Ärztinnen und Ärzte wieder – während Patientinnen und Patienten vom Gegenteil ausgingen. Ein Beispiel aus der MS-Forschung zeige, dass sich 84 % wünschen, aktiv auf das Thema angesprochen zu werden – doch nur 18 % der Behandelnden kamen diesem Wunsch nach.3
Kommunikationshilfen für das patientenorientierte Gespräch
Um den Bedürfnissen ihrer Patientinnen und Patienten gerecht zu werden, sollten Ärztinnen und Ärzte das Gespräch über sexuelle Themen also eröffnen. Dafür stehen verschiedene Kommunikationsmodelle zur Verfügung, die eine strukturierte Orientierung bieten und helfen, Hemmschwellen abzubauen. Der Einbezug eines solchen Modells in die Gesprächspraxis kann es erleichtern, sensible Inhalte klar und respektvoll anzusprechen. In den beiden folgenden Tabellen werden zwei Modelle hervorgehoben.
Das PLISSIT-Modell5
Ebene
Bedeutung
Ziel / Beispiel
Permission
Signale geben, über Sexualität zu sprechen
„Viele Menschen mit Ihrer Erkrankung berichten von Veränderungen in ihrer Sexualität – möchten Sie, dass wir darüber sprechen?“
Limited Info
Gezielte, einfache Information zur Aufklärung
„Das ist eine häufige Folge nach z.B. einem Schlaganfall – es hat nichts mit fehlender Zuneigung zu tun, sondern mit der Nervenschädigung.“
Specific Suggestions
Konkrete Hinweise oder Strategien
„Sie können gemeinsam mit Ihrer Partnerin Positionen ausprobieren, die die betroffene Seite entlasten.“; „Eine Anpassung Ihrer Medikation kann helfen.“
Intensive Therapy
Überweisung an Spezialistinnen und Spezialisten (Sexualmedizin, Psychotherapie, etc.)
Bei komplexen Problemen (z. B. partnerschaftliche Konflikte, Trauma, Hypersexualität).
Das BETTER-Modell6
Buchstabe
Bedeutung
Ziel / Beispiel (neurologisch)
Bring up the topic
Proaktiv zur Sprache bringen
Wie PLISSIT
Explain
Erklären, warum Sexualität relevant ist (medizinisch, ganzheitlich)
„Sexuelle Gesundheit ist Teil Ihres Wohlbefindens – Medikamente oder Nervenschäden können einen Einfluss haben.“
Tell
Versichern, dass das Thema legitim und häufig ist.
„Das ist sehr häufig nach einem Schlaganfall – Sie sind damit nicht allein.“
Timing
Falls Patientin oder Patient zögern anbieten, später darauf zurückzukommen
„Wenn Sie lieber ein anderes Mal darüber sprechen möchten, ist das völlig in Ordnung.“
Educate
Basisinformationen oder Ressourcen anbieten
Wie PLISSIT
Record
Dokumentieren, dass Sexualität besprochen wurde; ggf. Follow-up oder Überweisung
„Ich notiere, dass wir das Thema angesprochen haben – falls Sie später Fragen haben, können wir darauf zurückkommen.“
Stolpersteine und Flexibilität in der Kommunikation
Die Kommunikation über sexuelle Themen zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten kann durch viele Hindernisse zusätzlich erschwert werden. Kulturelle Unterschiede, Geschlechterrollen, gesteigerte Unsicherheiten, sprachliche Barrieren – hier hilft nur ein möglichst sensibler Umgang mit der jeweiligen Barriere. Die Gleichgeschlechtlichkeit der Gesprächspartner ist z.B. oft vorteilhaft. Es können auch Fragebögen eingesetzt werden.
Gespräche sollten zu Beginn stets „unter vier Augen“ geführt werden. Erst danach könnten mögliche Partnergespräche folgen. Erbguth sprach hier auch davon, dass bei Sprachbarrieren die Rolle des Übersetzenden bedacht werden müsse, wenn es um sexuelle Themen gehe. Handele es sich hierbei beispielsweise um den eigenen Sohn einer Patientin, sei das sicherlich ein Fehlgriff, meinte der Medzinier.
Im Anschluss an den Vortrag von Erbguth teilte eine Sprecherin aus dem Publikum noch folgenden Tipp mit: Auch das Praxispersonal könne in dieser Hinsicht geschult und als Brücke zum ärztlichen Kollegium eingesetzt werden. In intimen Momenten, wie bei einer Infusion oder Blutabnahme, könnten die MFA gezielte Fragen in diese Richtung stellen. Hier wäre dann später ein Tipp an die Ärztin, oder den Arzt möglich: „Frag da mal nach.“
Fazit
Sexuelle Themen im Arzt-Patienten-Gespräch
Die Kommunikation über sexuelle Themen ist nicht leicht, aber sie ist ein wichtiger Teil der gesundheitlichen Versorgung.
Der erste Schritt ist, über die wichtigsten Probleme der Patientinnen und Patienten informiert zu sein (Erkrankungen, Störungen und Stellschrauben).
Der zweite Schritt betrifft die Kommunikation: Modelle könne helfen, die eigene Kommunikationsbereitschaft zu signalisieren (z. B. PLISSIT, oder BETTER).
Der dritte Schritt ist eine sensible Herangehensweise: Fingerspitzengefühl bei kulturellen und geschlechtlichen Unterschieden, Vier-Augen-Gespräche und Fragebögen können unterstützen.
1 Hentzen C et al. Lancet Neurol 2022. DOI: 10.1016/S1474-4422(22)00036-9.
Quelle: „‚Let’s talk‘ – ist nicht so easy“, Veranstaltung der DHS, DGN-Kongress (13.11.2025, Berlin & digital). Vortragender: Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung
ros
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