Herr Burak, eine weit verbreitete Annahme ist definitiv falsch: Gebärdensprache ist keine Pantomime und nicht universell, sprich international einheitlich. Wie kann man die Struktur der Gebärdensprache erklären und was bedeutet sie für die von Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit Betroffenen?Heiko Burak: Das ist richtig. Die Gebärdensprache geht über Pantomime und das Reden mit Händen und Füßen hinaus. Genauso wie die Lautsprachen haben sich Gebärdensprachen in jedem Land unterschiedlich entwickelt. Deswegen gibt es zum Beispiel im deutschsprachigen Raum die Deutsche Gebärdensprache, die Österreichische und die Deutschschweizer Gebärdensprache. Das Gleiche gilt im englischsprachigen Raum, wo die Amerikanische Gebärdensprache historisch bedingt mehr Ähnlichkeiten mit der Französischen statt mit der Britischen Gebärdensprache hat. Die Struktur der Gebärdensprach-Grammatik orientiert sich komplett an den visuellen tatsächlichen oder gedanklich vorgestellten Gegebenheiten. Aus diesem Grund gibt es zum Beispiel kein „der, die, das“ und auch keine klassische Konjugation der Verben. Durch die visuelle Sichtweise verändert sich zum Beispiel die Gebärde für Laufen, je nachdem, ob man vorwärts, rückwärts oder hochläuft. Wie kann man Gebärdensprache erlernen und wie schnell kann man sich darin ggf. verständigen? Muss der Aufwand riesig sein?Heiko Burak: Die Gebärdensprache lernt man am besten genauso, wie jede andere Fremdsprache auch. Zu beachten ist, dass wir von den Schulen auf eine bestimmte Art des Fremdsprachenlernens geprägt wurden. Dieser Weg ist nicht unbedingt für jeden Menschen die beste Art und Weise, eine Sprache zu lernen. Unsere Erfahrung ist, dass man die Gebärdensprache sehr gut in ca. 3 Monaten so lernen kann, dass man sich dann auch darin unterhalten kann. Wichtig hierbei ist, dass das Lernen mit einem vielbeschäftigten Alltag gut vereinbar gemacht wird und die Vorteile der Gebärdensprache beim Lernen gezielt genutzt werden. Zum Beispiel gibt es zahlreiche Wörter, die jeder Mensch spontan machen und verstehen kann. Zum Beispiel kann jedes Kind die Gebärde für Essen, Trinken, Haus und Brille zeigen. Wenn man weißt, dass diese intuitiven Wörter ca. 1/3 der Gebärdensprache ausmachen, dann kann man das gezielt beim Sprachen lernen nutzen. Damit ist der Aufwand, die Gebärdensprache zu lernen, bedeutend geringer als in anderen Fremdsprachen. Ärztinnen und Ärzte kommen häufig in Kontakt mit gehörlosen oder schwerhörigen Patientinnen und Patienten. Bei komplexen Themen kann der rein akustische oder schriftliche Kontakt zeitaufwendig, schwierig und anstrengend werden. Was kann Gebärdensprache dort leisten?Heiko Burak: Grundsätzlich werden Gebärdensprachdolmetscher in Deutschland bei Arztbesuchen von den Krankenkassen bezahlt. Theoretisch lässt sich somit der zeitaufwendige und anstrengende Kontakt vermeiden. Insbesondere lassen sich so auch eventuelle Missverständnisse, die nicht immer aufgedeckt werden, vermeiden. In der Praxis gibt es leider noch zu wenig Gebärdensprachdolmetscher, sodass vor allem bei kurzfristigen medizinischen Notfällen kein Dolmetscher verfügbar ist. Wenn keine Gebärdensprachkenntnisse vorhanden sind, dann sind alle beteiligten auf den schriftlichen Kontakt oder auf die Kommunikation mit Händen und Füßen angewiesen. Wie schon erwähnt ist diese Art der Kommunikation sehr zeitaufwendig und auch mit Ungenauigkeiten behaftet. Die Grundlagen der Gebärdensprache ermöglichen es, in diesen Situationen mit den gehörlosen Patienten zu kommunizieren und auf einer persönlichen Ebene Ängste zu nehmen. Vielen Dank für Ihre Zeit. |