Kompression bei Adipositas – Übersicht über die Literatur und Darstellung eigener Erfahrungen
Aktuelle Studien belegen, dass es mit zunehmendem Body-Mass-Index (BMI) zu schwereren Zeichen eines Venenleidens kommen kann. Relativ gering ist der Anstieg der Prävalenzratio der Varikose mit dem BMI (Tab. 1) (2). Die Prävalenzratio gegenüber Normalgewichtigen ist bei einem BMI über 30 nach Adjustierung der Daten auf 1,57 erhöht.
09.09.2024
M. Stücker
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ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(5): 159-160
Stärker als die Prävalenzratio der Varikose steigt die Prävalenzratio des Ödems mit zunehmendem BMI, sie liegt bei einem BMI ≥ 30 bei 3,47 (2). Ebenfalls stärker als die Varikose erhöht sich die Häufigkeit fortgeschrittener Stadien einer chronischen Veneninsuffizienz (CVI, klinisches Stadium C4–C6 der CEAP-Klassifikation) (Abb. 1). Die Prävalenzratio liegt bei 2,86 bei einem BMI > 30 (2). Diese Daten weisen darauf hin, dass bei der Entstehung einer CVI bei Adipositas noch andere Faktoren als eine Varikose eine Rolle in der Pathogenese spielen.
In diese Richtung weisen auch die Daten einer Fallkontrollstudie von Yin et al., die zeigen konnte, dass die Odds Ratio für ein Ulcus cruris venosum bei einem BMI ≥ 28 auf 2,73 erhöht ist (10). Wenn geriatrische Patienten nicht internistische Ödeme ohne eindeutig nachweisbare Veneninsuffizienz entwickeln, steigt das Risiko für zusätzliche Hautkomplikationen im Ödemareal bei Immobilität und Adipositas signifikant an (8). Nicht selten kommt es zur Ausbildung von Ulcera crurum venosa bei Adipositas ohne Reflux oder Okklusion der Beinvenen (7).
Kategorie (nach WHO)
BMI (kg/m²)
Normalgewicht
18,5–24,9
Übergewicht (Praeadipositas)
25–29,9
Adipositas Grad I
30–34,9
Adipositas Grad II
35–39,9
Adipositas Grad III (Adipositas permagna oder morbide Adipositas)
≥ 40
Tab. 1: Die Adipositas wird entsprechend den Empfehlungen der WHO nach dem Body-Mass-Index (BMI) klassifiziert.
In einem eleganten In-vivo-Modell konnte die Arbeitsgruppe um Willenberg zeigen, dass mit zunehmendem abdominellen Druck, der über eine Druckmanschette ausgeübt wurde, der intravenöse Druck der V. femoralis steigt und gleichzeitig die mittlere venöse Blutflussgeschwindigkeit in der V. femoralis sinkt. Die Reduktion der mittleren venösen Blutflussgeschwindigkeit bei einem abdominalen Manschettendruck von 40 mmHg entspricht den Verhältnissen bei einer Adipositas mit einem BMI über 30 (9). Diese Veränderungen im Bereich der Beinvenen sind ganz wesentlich abhängig von der Ausprägung des Bauchfetts. Die Arbeitsgruppe um Kahle konnte signifikante Änderungen der Durchmesser sowohl der V. femoralis als auch der V. saphena magna durch die Verlagerung des Bauchfetts bei adipösen Patienten zeigen (3). Dies hat zur Folge, dass die Zunahme des Bauchumfangs mit einer zunehmend schwereren Ausprägung eines postthrombotischen Syndroms korreliert (4).
Besonderheiten der Kompression bei Adipositas
Bei Adipositas entwickeln sich zunehmend Hyperkeratosen im Bereich der Füße, aber auch im Bereich der Unterschenkel (1). Hauterkrankungen wie eine Tinea pedum und ein Stauungsekzem kommen gehäuft vor (5). Auf dem Boden dieser Hautveränderungen treten auch Hautinfekte, insbesondere Erysipele, vermehrt bei Adipositas auf (1). Dementsprechend ist ein besonderes Augenmerk auf die Hautpflege und dermatologische Hauttherapie zu legen. Aufgrund der Häufigkeit der Hautschuppung und Hauttrockenheit sollten ureahaltige Externa empfohlen werden. Ekzeme und Interdigitalmykosen sollten sorgfältig behandelt werden. Oft ist das Trockenhalten der Hautfalten durch Streifeneinlagen sinnvoll.
Welche Kompression bei Adipositas?
Da bei der adipositasassoziierten funktionellen CVI häufig begleitend ein Lymphödem auftritt, kommt es öfter als bei anderen Formen der CVI zu Ödemen im Bereich der Füße. Durch die Adipositas können atypische Beinformen mit Ausbildung von Falten, Wammen und Kalibersprüngen entstehen. Vor diesem Hintergrund stößt die reguläre Rundstrickversorgung in der Kompressionstherapie bei Adipositaspatienten nicht selten an technische Grenzen, sodass Flachstrickversorgungen sinnvoll sein können. Dies ist auch durch entsprechende Empfehlungen der aktuellen AWMF-Leitlinie zur Kompressionstherapie gedeckt. Adipöse Patienten sind aufgrund des Übergewichtes oft unbeweglicher und haben eher Probleme, ihre Kompressionsstrümpfe anzulegen (6). Daher ist die Verordnung von Anziehhilfen und geteilten Versorgungen in Betracht zu ziehen.
Literatur 1. Darlenski R, Mihaylova V, Handjieva-Darlenska T. The Link Between Obesity and the Skin. Front Nutr. 2022;9:855573. 2. Kraus AL, Rabe E, Kowall B et al. Differences in risk profile associated with varicose veins and chronic venous insufficiency - results from the Bonn Vein Study 1. Vasa. 2024;53(2):145-154. 3. Langan EA, Wienandt M, Bayer A, Ellebrecht L, Kahle B. [Einfluss von Adipositas auf die Hämodynamik der Beinvenen]. J Dtsch Dermatol Ges. 2023;21(6):622-630. 4. Rattazzi M, Callegari E, Sponchiado A et al. Visceral obesity, but not metabolic syndrome, is associated with the presence of post-thrombotic syndrome. Thromb Res. 2015;136(2):225-8. 5. Reich-Schupke S, Murmann F, Altmeyer P, Stücker M. Compression therapy in elderly and overweight patients. Vasa. 2012;41(2):125-31. 6. Reich-Schupke S. Kompressionstherapie bei adipösen Patienten. Phlebologie 2015;44: 71-76. 7. Scholl L, Dörler M, Stücker M. Ulkus bei Adipositas-assoziierter chronischer Veneninsuffizienz [Ulcers in obesity-associated chronic venous insufficiency]. Hautarzt. 2017;68(7):560-565. 8. Suehiro K, Morikage N, Harada T et al. Dependent Leg Edema in Older Patients with or without Skin Lesion. Ann Vasc Dis. 2023;16(3):174-180. 9. Willenberg T, Clemens R, Haegeli LM et al. The influence of abdominal pressure on lower extremity venous pressure and hemodynamics: a human in-vivo model simulating the effect of abdominal obesity. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2011;41(6):849-55. 10. Yin C, Tang F, Lao J et al. Risk factors for venous ulceration in patients with varicose veins of lower extremities. Wound Repair Regen. 2024;32(1):47-54.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie am 02.-05.10.2024 in Freiburg im Breisgau.
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Markus Stücker Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken Kliniken der Ruhr-Universität Bochum, Im St. Maria-Hilf-Krankenhaus Hiltroper Landwehr 11–13, 44805 Bochum markus.stuecker(at)klinikum-bochum.de www.venenzentrum-uniklinik.de
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