Kann Schmerz objektiv gemessen werden?
Schmerz ist eine subjektive Erfahrung. Die Internationale Gesellschaft zur Erforschung von Schmerz (IASP) definiert Schmerz als „eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit einer tatsächlichen oder potenziellen Gewebeschädigung einhergeht oder dieser ähnelt“ (2). Patientinnen und Patienten beschreiben Schmerz häufig mittels der 11-schrittigen „visuellen analogen Schmerzskala (VAS)“. Dieses Vorgehen misst nicht den Schmerz an sich, stattdessen stellt es eine Mischung aus z. B. biologischen, psychologischen und insbesondere auch sozialen Faktoren, wie Kommunikationswillen und Kommunikationsziel, dar. Wie stark der Schmerz ist, bleibt daher oft unklar.
Schmerz kann derzeit nicht in seiner Gesamtheit gemessen werden. Messungen gewinnen an Aussagekraft, je mehr sie sich auf objektivierbare Teilaspekte beschränken. Fragebögen wie z. B. der Deutsche Schmerzfragebogen können schmerzmodulierende Faktoren wie Stress, Angst und Depression sowie daraus resultierende Einschränkungen zugänglich machen. Sensorische Veränderungen können z. B. durch „Quantitativ Sensorische Testung“ (3–5) objektiviert werden. Mit physikalischen Reizen unterschiedlicher Stärken werden so z. B. die taktile und die Druckschmerzschwelle bestimmt.
Druckschmerz- und Vibrationsdetektionsschwellen sind selektiv bei Lipödem verändert
Wir haben jenseits psychologischer Fragebögen erstmals die sensorischen Veränderungen bei Lipödem adressiert (6). In einer Kohorte von 40 Frauen mit und ohne Lipödem fanden wir keine Hinweise, die das Schmerzempfinden wesentlich beeinflussten oder sogar psychische Auffälligkeiten hervorriefen. Frauen mit Lipödem beschrieben jedoch starke, persistierende Schmerzen mit zirkadianen Fluktuationen von eher somatischem als affektivem Charakter.
Wie erwartet waren die sensorischen Schwellen an den nicht betroffenen Händen vollständig normal. Auch am betroffenen lateralen Oberschenkel waren fast alle sensorischen Schwellen im Normbereich. Im Einklang mit den Betroffenenberichten detektierten wir aber selektiv deutlich sensiblere Druckschmerzschwellen sowie reduzierte Vibrationsdetektionsschwellen bei Frauen mit Lipödem (Abb. 1A).
Veränderte Schmerz- und Vibrationsschwellen haben vielversprechendes diagnostisches Potential
Könnten Frauen mit und ohne Lipödem anhand dieser Schwellen unterschieden werden? Wir berechneten post hoc mit Hilfe von ROC-Analysen und Bayesscher Statistik die verlässliche Unterscheidungsmöglichkeit beider Kohorten (Abb. 1B). Eine Zusammenfassung der Schmerz- und Vibrationsschwellenwerte an Bein und Hand zu einem PVTH (Pressure-, Vibration-, Thigh-, Hand-)-Score ermöglichte die korrekte Zuordnung von 95 % der Frauen zur Lipödem- oder Kontrollgruppe. Der PVTH-Score könnte daher eine zeiteffiziente und kostengünstige diagnoseunterstützende Methode darstellen. Eine validierende multizentrische Studie an einer großen unabhängigen Kohorte ist bereits auf den Weg gebracht. Als möglicherweise erster „Bedside-Test“ bei Lipödem eröffnet dies nicht nur neue Perspektiven für die Diagnostik, sondern auch für die Erforschung und Therapie dieser belastenden Erkrankung und gibt Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensqualität für die Betroffenen.
Literatur
1. Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie e.V. S2k Leitlinie Lipödem, Stand 2024. AWMF online, register.awmf.org/assets/guidelines/037-012l_S2k_Lipoedem_2024-01_01.pdf
2. Raja SN, Carr DB, Cohen M et al. The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: concepts, challenges, and compromises. Pain. 2020;161(9):1976-82.
3. Rolke R, Baron R, Maier C et al. Quantitative sensory testing in the German Research Network on Neuropathic Pain (DFNS): standardized protocol and reference values. Pain. 2006;123(3):231-43.
4. Rolke R, Magerl W, Campbell KA et al. Quantitative sensory testing: a comprehensive protocol for clinical trials. Eur J Pain. 2006;10(1):77-88.
5. Schafer AG, Hall TM, Rolke R et al. Low back related leg pain: an investigation of construct validity of a new classification system. J Back Musculoskelet Rehabil. 2014;27(4):409-18.
6. Dinnendahl R, Tschimmel D, Löw V, Cornely M, Hucho T. Non-obese lipedema patients show a distinctly altered quantitative sensory testing profile with high diagnostic potential. PAIN Reports. 2024;9(3):e1155.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie am 02.-05.10.2024 in Freiburg im Breisgau.
Autoren
R. Dinnendahl1, T. Hucho1,2
1 Translationale Schmerzforschung, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Köln
2 Schmerzzentrum, Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Köln