Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Angiologie, Diabetologie, Gefäßchirurgie, Gefäßmedizin, Medizin, Phlebologie Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 5/24

Sind GLP-1-Rezeptor-Agonisten eine Alternative zur Adipositaschirurgie bei Patienten mit adipositasassoziiertem Lymphödem?

Erstmalig stehen mit den Inkretin-(Poly-)Agonisten (I-PAg) hochwirksame Medikamente zur Adipositastherapie zur Verfügung (1, 2). Moderne I-PAg wie Semaglutid oder Tirzepatid versprechen einen Gewichtsverlust von 14–22 % des Körpergewichtes innerhalb von 68–72 Wochen (1, 2). 


10.09.2024
J. Fink
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(5): 172-173

Die Stimulation von Inkretinrezeptoren im Gastrointestinaltrakt führt zu einer verlangsamten Magen-Darm Passage und optimierten Insulinausschüttung. Eine Stimulation der Rezeptoren im zentralen Nervensystem reduziert den Appetit. Somit konsumieren Patienten unter I-PAg im Endeffekt kleinere Mahlzeiten (3). Nebenwirkungen erklären sich vor allem durch die verlangsamte Magen-Darm-Passage und bestehen aus Vollgefühl, Übelkeit und Stuhlunregelmäßigkeiten. Darüber hinaus sind schwerwiegende Nebenwirkungen wie Pankreatitis und eine erhöhte Anzahl von Schilddrüsenkarzinomen beschrieben (1, 4). 

Gewichtsstabilität und Gewichtsreduktion wichtig bei Lymphödem

Adipositaschirurgie reduziert das Körpergewicht langfristig um 20–30 % (5). Der Wirkmechanismus beruht dabei auf einer mechanischen Restriktion der Nahrungsaufnahme durch einen verkleinerten Magen sowie Stimulation einer Inkretinausschüttung durch eine schnellere Passage von Speise in den Dünndarm (6, 7). Da im Verlauf der Zeit durch Dehnung des Magens auch wieder größere Nahrungsportionen konsumiert werden können, ist der Inkretin-Mechanismus für die langfristige Gewichtsstabilität postbariatrischer Patientinnen und Patienten maßgeblich (6). GLP-1 oder auch GIP, welche auch in I-PAg enthalten sind, machen dabei nur einen kleinen Anteil der freigesetzten Inkretinhormone aus (7). Dadurch wird klar, dass Adipositaschirurgie nicht nur zu einer stärkeren Gewichtsreduktion führt als I-PAg, sondern diese auch über eine vielschichtige Stimulation vermittelt wird.

Menschen mit Lymphödem profitieren erheblich von Gewichtsstabilität und Gewichtsreduktion (8). Durch diese lässt sich nicht nur die mechanische Belastung der Lymphgefäße reduzieren, sondern möglicherweise auch die Mikroinflammation des Fettgewebes, wodurch der damit verbundene Schaden an den Lymphgefäßen positiv beeinflusst wird (9). Bezüglich Adipositaschirurgie konnte in einer holländischen Fallserie eine signifikante Volumenreduktion der Beine gezeigt werden (10). Für GLP-1-Analoga wurde in einer Fallvorstellung eine signifikante Verbesserung eines Lymphödems beschrieben (11). I-PAg wirken zudem dezidiert antiinflammatorisch, sodass diese möglicherweise die Ausbildung von Lymphödemen auch ursächlich beeinflussen können (9). 

Stellenwert beider Therapieformen

Doch wo liegt der Stellenwert beider Therapieformen für Menschen mit Adipositas und Lymphödem? Basis jeder Adipositastherapie ist eine Ernährungsberatung, ohne die weder die Indikation zur medikamentösen noch operativen Therapie gestellt werden kann (12). Abbildung 1 skizziert eine Orientierung am Body-Mass-Index (BMI) für die weitere Therapie. Bei Menschen mit BMI 27,5–34,9 kg/m2 besteht unter dezidierten Voraussetzungen die Indikation zur medikamentösen Adipositastherapie, nicht aber zur Adipositaschirurgie. Umgekehrt reicht ein Gewichtsverlust von 15–20 % bei Menschen mit BMI > 40 kg/m2 für eine ausreichende Beweglichkeit und Teilhabe am täglichen Leben oft nicht aus. Selbst Adipositaschirurgie führt in dieser Gruppe nicht zu einem normalen BMI. Beispielhaft reduziert ein Magenbypass bei einem 180 cm großen Menschen mit BMI 45 kg/m2 das Gewicht auf ca. 100 kg, entsprechend einem BMI von 31 kg/m2, bei einem BMI von 55 kg/m2 auf einen BMI von 34 kg/m2. Somit wird deutlich, dass insbesondere für Menschen mit BMI > 50 kg/m2 künftig eine Kombinationstherapie aus Medikation und Chirurgie in Frage kommt. Dies trifft auf Menschen mit Lymphödem gleichermaßen zu. 

Weniger eindeutig sind die Therapieoptionen für Menschen mit Lymph­ödem und BMI 35–39,9 kg/m2. Bei Vorliegen adipositas­assoziierter Begleiterkrankungen besteht auch für diese Gruppe eine Indikation zur Adipositaschirurgie (12). Dennoch überschätzt der BMI bei Menschen mit klinisch relevantem Lymph­ödem möglicherweise das metabolische Risiko, sodass insbesondere für Individuen aus dem unteren Bereich dieser Gruppe eine medikamentöse Therapie eine wirksame Alternative darstellt. 

Abzuwägen ist dann eine potentiell lebenslange medikamentöse Therapie und deren Kosten, die bislang in Deutschland nicht von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden, gegenüber der Adipositaschirurgie und deren Langzeitfolgen (13). Aus praktischer Sicht scheint ein Therapieversuch mit I-PAg bei Menschen mit Adipositas und Lymphödem nahezu immer gerechtfertigt. Bei der Beratung dieser Patientinnen und Patienten müssen die potentiell lebenslange Therapie, Nebenwirkungen und der zu erwartende Effekt klar benannt werden (13). Für Menschen mit Lymphödem und BMI > 40 kg/m2 wird eine alleinige I-PAg-Therapie nur in einzelnen Fällen zu einem ausreichenden Effekt führen, sodass für diese Gruppe die Adipositaschirurige als beste Option einer langfristigen Gewichtskontrolle in erster Linie diskutiert werden sollte.

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie am 02.-05.10.2024 in Freiburg im Breisgau. 

1.    Wilding JPH, Batterham RL, Calanna S et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. N Engl J Med. 2021;384(11):989-1002.
2.    Jastreboff AM, Aronne LJ, Ahmad NN et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity. N Engl J Med. 2022;387(3):205-16.
3.    Zhao X, Wang M, Wen Z et al. GLP-1 Receptor Agonists: Beyond Their Pancreatic Effects. Front Endocrinol (Lausanne). 2021;12:721135.
4.    Bezin J, Gouverneur A, Penichon M et al. GLP-1 Receptor Agonists and the Risk of Thyroid Cancer. Diabetes Care. 2023;46(2):384-90.
5.    Arterburn DE, Telem DA, Kushner RF et al. Benefits and Risks of Bariatric Surgery in Adults: A Review. JAMA. 2020;324(9):879-87.
6.    Fink J, Seifert G, Bluher M et al. Obesity Surgery. Dtsch Arztebl Int. 2022;119(5):70-80.
7.    Yin M, Wang Y, Han M et al. Mechanisms of bariatric surgery for weight loss and diabetes remission. J Diabetes. 2023;15(9):736-52.
8.    Sudduth CL, Greene AK. Current Overview of Obesity-Induced Lymphedema. Adv Wound Care (New Rochelle). 2022;11(7):392-8.
9.    Bowman C, Rockson SG. The Role of Inflammation in Lymphedema: A Narrative Review of Pathogenesis and Opportunities for Therapeutic Intervention. Int J Mol Sci. 2024;25(7).
10.    Hendrickx AA, Damstra RJ, Krijnen WP, van der Schans CP. Improvement of Limb Volumes After Bariatric Surgery in Nine End-Stage Primary, Secondary, and Obesity-Induced Lymphedema Patients: A Multiple Case Report. Lymphat Res Biol. 2022;20(1):64-70.
11.    Crowley F, Brown S, Gallagher EJ, Dayan JH. GLP-1 receptor agonist as an effective treatment for breast cancer-related lymphedema: a case report. Front Oncol. 2024;14:1392375.
12.    DGAV DGfAuV. Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen, Version 2.3, 2018.
13.    Aronne LJ, Sattar N, Horn DB et al. Continued Treatment With Tirzepatide for Maintenance of Weight Reduction in Adults With Obesity: The SURMOUNT-4 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2024;331(1):38-48.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Jodok Fink
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie 
Sektion für Adipositas und Metabolische Chirurgie
Universitätsklinikum Freiburg 
Hugstetter Straße 55, 79106 Freiburg 
jodok.fink(at)uniklinik-freiburg.de