Digitalisierung und Bürokratie
Die Digitalisierung, obwohl zur Effizienzsteigerung gedacht, führt oft zu zusätzlichem bürokratischem Aufwand, etwa durch kostenintensive IT-Betreuung und Anschaffung von Software, Lizenzen und Hardware. Die Einführung von Telematik und die geplante elektronische Gesundheitskarte sollten beispielsweise die Verwaltung vereinfachen, haben jedoch das Gegenteil bewirkt. Pflichtmaßnahmen wie Brandschutzübungen erfordern mittlerweile zum Teil Kooperationen mit der Feuerwehr vor Ort und/ oder teure Brandschutzbeauftragte (750 Euro plus MWSt.). Weitere rechtliche Neuregelungen, wie die Anpassung der KV-Notdienste, verpflichtende Arbeitszeiterfassungen, Arbeitsschutzprüfungen und betriebsärztliche Untersuchungen, stellen zusätzliche Herausforderungen dar. Das Einhalten der Datenschutzgrundverordnung und IT-Sicherheitsmaßnahmen verursachen ebenfalls erhebliche Kosten. In der Weiterbildung bei Zulassungen zu Facharztgesprächen gibt es zunehmend Uneinigkeit bei der Anerkennung geleisteter und sorgfältig dokumentierter Inhalte in niedergelassenen Praxen. Dieser enorme Verwaltungsaufwand lässt oft wenig Raum für die eigentliche Patientenversorgung und erfordert ein Umdenken.
Demografische Entwicklung in der Dermatologie
In der Dermatologie ist das Durchschnittsalter der ambulant tätigen Ärzte relativ hoch. Von den 6.382 berufstätigen Dermatologen sind 4.892 im ambulanten Bereich tätig, davon 1.502 angestellt und 3.390 selbstständig. Von den niedergelassenen Dermatologen sind 2.544 mindestens 50 Jahre alt, verglichen mit 846 unter 50 Jahren. 2022 wurden 287 neue Fachärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten anerkannt, von denen 210 Frauen waren. Diese demografische Entwicklung bietet neue Perspektiven für die zukünftige Ärztegeneration und mögliche Kooperationsmodelle. Teilzeitmodelle sind in größeren Wirtschaftsverbünden besser organisier- und finanzierbar.
Politische Herausforderungen und Thema MVZ
Die Politik, unsere Standesvertretung und die Kassenärztliche Vereinigung stehen vor der Herausforderung, den Auftrag zur Patientenversorgung zu erfüllen, medizinische Fortschritte umzusetzen und die steigende Nachfrage nach Terminen zu bewältigen. Mit der Einführung von medizinischen Versorgungszentren (MVZ) vor fast zwei Jahrzehnten wurde eine neue Organisationsform für die ambulante Versorgung geschaffen. Bis Ende 2022 gab es 4.574 zugelassene MVZ, von denen 82,7 % ausschließlich angestellte Ärzte beschäftigen. 46,2 % der MVZ sind in Trägerschaft von Krankenhäusern und 13 % werden von professionellen Investoren und Private-Equity-Unternehmen getragen. Die Beteiligung von nichtärztlichen Investoren führt seit Jahren zu Diskussionen.
Gründe für einen Verkauf an Investoren
Die Abgabe einer Praxis an Investoren bietet zahlreiche Vorteile, darunter einen attraktiven Verkaufspreis, finanzielle Sicherheit im Ruhestand und Schutz vor Risiken wie langwierigen Erkrankungen oder Berufsunfähigkeit. Zudem entlastet die Abgabe von administrativen und regulatorischen Aufgaben, da viele gruppenübergreifende Lösungen implementiert werden können. Synergieeffekte und kollegialer Austausch innerhalb der Gruppe sind weitere Vorteile. Ärzte haben die Möglichkeit, in Führungsrollen aufzusteigen und innerhalb der Gruppe auf verschiedenen Ebenen Verantwortung zu übernehmen. Dies kann zu interessanten Dynamiken und neuen beruflichen Perspektiven führen. Auch nach der Übergangsphase besteht die Möglichkeit, weiter in der Praxis tätig zu sein oder das Arbeitspensum zu reduzieren. So entscheiden sich zunehmend Dermatologinnen und Dermatologen, die ihre Praxis verkauft haben, nach dem regulatorisch vorgeschriebenen Mindestzeitraum von 3 Jahren weiterhin tätig zu sein, in welcher Funktion, mit welchen Aufgabenstellungen und in welchem Umfang auch immer. Auch dies ist ein sehr attraktiver Aspekt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dies wird auch von den Investoren natürlich sehr gern gesehen und versteht sich von selbst.
Ein Problem, über das häufig nachgedacht wird und das vordergründig gegen einen Verkauf spricht, ist das Argument, dass Kinder im Medizinstudium oder in der dermatologischen Weiterbildung als künftige Wunschnachfolger gesehen werden. Die Realität zeigt, dass dies vielfach leider nur eine theoretische Option ist. Wollen die eigenen Kinder wirklich noch so hart arbeiten, wie man es selbst über viele Jahre getan hat? Möchten sie nicht lieber deutlich stundenreduziert, in Teilzeit oder ungebunden mit weniger Verantwortung in einem Angestelltenverhältnis tätig werden? Möchten sie oder ihre Partner überhaupt an den bisherigen Praxisstandort gebunden sein oder sich vielleicht eher in Richtung einer spannenderen Großstadt orientieren? So kann der berechtigte Wunsch, dass die eigenen Kinder die Praxis weiterführen sollen, zu einer Bürde und Belastung für das Lebenskonzept der nachfolgenden Generation werden.
Unterschiedliche Unternehmensphilosophien bei den Investoren
Ein extrem wichtiger und zum Teil auch berechtigter Kritikpunkt am Investorenmodell ist es, weiterhin in allen ärztlichen Entscheidungen unabhängig bleiben zu können und keinesfalls rein wirtschaftlichen Interessen dienen zu müssen. Hier ist es entscheidend, die Unterschiede zwischen verschiedenen Investoren zu evaluieren und sicherzustellen, dass das bisherige ethische ärztliche Denken und eine empathische Unternehmensführung weiterhin erhalten bleiben. Die Vorstellungen der Investoren variieren, insbesondere bei der Kommunikation mit Ärzten und Mitarbeitern nach dem Verkauf, sowie auch die Verkaufsmodalitäten. Für Verkäufer ist es somit sehr wichtig, einen nachhaltigen fairen bilateralen Umgang gesichert zu wissen, sinnvolle Veränderungen nach dem Verkauf zu verstehen und die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass sie den eigenen Ambitionen und Vorstellungen entspricht.
Für Ärzte am Ende der beruflichen Laufbahn bietet diese Exitstrategie jedenfalls die Möglichkeit, einen attraktiven Kaufpreis zu erzielen, der als angemessene Kompensation für jahrzehntelanges intensives Arbeiten gesehen werden kann. Man sollte allerdings nur mit einem Investor den weiteren Weg gehen, wenn man sich wirklich sicher ist, dass die bisherigen ethischen Wertvorstellungen künftig im gleichen Maße geschätzt werden und erhalten bleiben.
Verkaufsprozess und Ansprechpartner
Mit einer professionellen Transaktionsbegleitung ist ein zügiger und zielgerichteter Verkaufsprozess möglich, da nur mit einer Partei verhandelt werden muss und nicht mit zahlreichen unterschiedlichen potenziellen Interessenten, die dann doch wieder, aus welchen Gründen auch immer, das Interesse an einer Übernahme verlieren. Wirtschaftlich kompetente und sachorientierte Ansprechpartner auf Käuferseite erleichtern die Gespräche und können bei individuellen Bedürfnissen weiterhelfen.
Fazit
Eine aktuelle Zipp-Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hat ergeben, dass nur jeder zweite niedergelassene Arzt aktuell davon ausgeht, seine Praxis bis zum Renteneintrittsalter fortzuführen. Als Gründe für eine vorzeitige Praxisabgabe werden vor allem eine zu hohe Arbeitsbelastung, zu hohe Praxiskosten und der Fachkräftemangel genannt. 14 % davon planen, ihre Praxis aufzugeben, um sich in einer anderen Praxis oder einem MVZ anstellen zu lassen. Die Präsenz von Investoren im Gesundheitsmarkt ist unumkehrbar, jedoch gibt es erhebliche Unterschiede in der „Chemie“ beim zwischenmenschlichen Umgang mit den Ärzten und auch bei den Verkaufsmodalitäten. Für potenziell abgebende Ärzte stellt sich die Frage, inwieweit ein möglichst uneingeschränktes und freies berufliches Agieren vom Investor auch künftig akzeptiert wird.
Die Höhe und die Abwicklung des Kaufpreises sind sicher wichtige Kriterien, sollten aber bei der Entscheidung nicht an erster Stelle stehen, da sich die Angebote diesbezüglich nicht wesentlich unterscheiden.
Es ist wichtig, die individuelle Lebenssituation zu analysieren, persönliche Lebenspläne aufzustellen und Investorenangebote sorgfältig zu prüfen. Die richtige Entscheidung ist für das Team und die Mitarbeiter von wesentlicher Bedeutung. Ratschläge und Erfahrungen von Kollegen, die den gleichen Weg gegangen sind, sollten angehört werden. Empfehlenswert ist auch das Back-up durch spezialisierte Anwaltskanzleien. Eine intensive Beschäftigung mit dieser Nachfolgeoption ist in Anbetracht der aktuellen gesundheitspolitischen Situation angeraten und kann als innovative Zukunftschance gesehen werden.
Interessenkonflikte
Die Autoren erklären, dass sie sich bei der Erstellung des Beitrags von keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließen und dass kein Interessenkonflikt besteht. Prof. Dr. Jörg Faulhaber war von 2020 – 2022 Teil der Corius-Gruppe. Prof. Christian Raulin ist gemeinsam mit Dr. Sabine Raulin Leiter des 2005 gegründeten MVZ Dres. Raulin und seit 2023 Teil der Medermis-Clinics-Gruppe.