ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(6): 220
Klinisches Bild
Klinisch imponiert eine meist scharf begrenzte Rötung mit lokalen Schmerzen und Ödem sowie Fieber und regionaler Lymphknotenschwellung (Abb. 1) (1, 2). Jede Körperregion kann betroffen sein, aber eine der häufigsten Lokalisationen sind die unteren Extremitäten. Ausgangspunkt der bakteriellen Infektion ist in der Regel eine Eintrittsstelle mit Hautdefekt. Im Bereich der Beine ist das oft der Zehenzwischenraum, evtl. im Rahmen einer Interdigitalmykose mit Mazeration (1, 2).
Differentialdiagnostisch kommen andere entzündliche Erkrankungen und auch eine oberflächliche oder tiefe Beinvenenthrombose in Betracht (4). Die Ausbreitung der Infektion erfolgt meist über Lymphbahnen.
Neben der klassischen Verlaufsform, die nach Antibiotikagabe unproblematisch abheilt, kommen auch bullöse und nekrotisierende Verläufe vor (Abb. 2). Differentialdiagnostisch muss dann auch eine Phlegmone oder eine nekrotisierende Fasziitis in Betracht gezogen werden (4).
Bei schweren Verlaufsformen sollten begleitende Erkrankungen wie pAVK, chronische venöse Insuffizienz und Diabetes mellitus ausgeschlossen werden.
Durch das Erysipel kann es zur Schädigung der initialen und ableitenden Lymphbahnen kommen und nach Abheilung der Infektion kann sich ein persistierendes lymphatisches Ödem entwickeln. Ein vorbestehendes Lymphödem ist ein Risikofaktor für ein Erysipel. Das Erysipel ist eine häufige Komplikation des Lymphödems.
Im Blut findet sich meist eine Leukozytose sowie eine CRP- und BSG-Erhöhung.
Therapie
Therapie der Wahl ist in der Regel eine orale antibiotische Systemtherapie mit Penicillin V (3 x tgl. 1,2–1,5 Mio. IE für 10 Tage). Bei Penicillin-Unverträglichkeit oder Resistenz kommen andere Antibiotika (z. B. Clindamycin) in Betracht (1, 2, 5). Bei schweren Verlaufsformen ist eine intravenöse Antibiose indiziert.
Zusätzlich zur Antibiose sollte beim Erysipel im Extremitätenbereich eine Kompressionstherapie erfolgen (6, 7). Dies reduziert das Ödem, die Entzündung und die Schmerzhaftigkeit. Villefrance hat die begleitende Kompression schon 2017 empfohlen (7). Seit 2018 findet sich diese Empfehlung auch in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie (DGPL) (6).
Eder et al. konnten 2021 in einer retrospektiven Analyse zeigen, dass die Kompression keine negativen Auswirkungen auf den Infektionsverlauf hat, wie früher befürchtet (3). Webb et al. konnten 2020 demonstrieren, dass bei Patienten mit Erysipel und Ödem die Rezidivrate des Erysipels hochsignifikant durch eine fortgeführte Kompressionstherapie gesenkt werden konnte (8).
Eine wichtige Maßnahme zur Rezidivprophylaxe ist auch die Sanierung der Eintrittspforte. Bei mazerierter Interdigitalmykose beinhaltet dies auch eine lokale antimykotische Therapie. Bei rezidivierendem Verlauf sollte auch eine prophylaktische Langzeit-Antibiose (z. B. Depotpenicillin oder Penicillin V in niedriger Dosierung) erwogen werden (5)