ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(6): 213-219
Zusammenfassung
Der Begriff des postthrombotischen Syndroms (PTS) beschreibt einen Folgezustand der tiefen Venenthrombose. Einmal aufgetreten stellt es einen irreversiblen und chronisch progredienten Prozess dar. Das klinische Bild kann erheblich variieren in Abhängigkeit von begleitenden Einflussfaktoren wie z. B. dem Vorhandensein einer Varikose, Adipositas oder Immobilität. Die Diagnose wird primär klinisch gestellt. Seitens der Leitlinie wird mit starkem Konsensus die Anwendung des Villalta-Scores zur Klassifizierung der Schwere des PTS empfohlen. Wesentliche Therapiemaßnahme des PTS ist die Kompressionstherapie, bevorzugt mit knielangen Medizinischen Kompressionsstrümpfen der Kompressionsklasse 2 oder 3.
Der Beitrag fokussiert auf das PTS des Beines beim Erwachsenen. Grundsätzlich sind gleichartige Veränderungen auch an den oberen Extremitäten bei Zustand nach einer Armvenenthrombose möglich, spielen im Praxisalltag und in der Literatur aber eine eher untergeordnete Rolle.
Schlüsselwörter: Postthrombotisches Syndrom, tiefe Venenthrombose, Villalta-Score, Kompressionstherapie
Einleitung
Bei einem postthrombotischen Syndrom (PTS) handelt es sich um einen Folgezustand der tiefen Venenthrombose (TVT), welcher erheblichen Einfluss auf das weitere Leben des Betroffenen (bzgl. Symptomen und Lebensqualität) und das sozioökonomische System (bzgl. Arbeitsfähigkeit, Folgeerkrankungen) haben kann (2, 15, 17). Einmal aufgetreten stellt es einen irreversiblen und chronisch progredienten Prozess dar. Die internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) verschlüsselt die Diagnose „postthrombotisches Syndrom“ unter der Ziffer I87.0. Die Diagnosestellung und Erfassung der Krankheitsschwere ist jedoch nicht immer einfach, da die Entwicklung des PTS nach einer TVT mitunter schleichend und chronisch progredient erfolgt. Das klinische Bild kann erheblich variieren in Abhängigkeit von begleitenden Einflussfaktoren wie z. B. dem Vorhandensein einer Varikose, Adipositas oder Immobilität.
Definition
Es existieren verschiedene Definitionen des PTS. Allen gemeinsam ist eine dokumentierte TVT, in deren Folge sich chronische Beinbeschwerden (s. u. Symptome) als Konsequenz einer langanhaltenden venösen Hypertension entwickeln. Es finden sich Refluxe und/oder Obstruktionen in den tiefen Beinvenen. Das klinische Bild variiert von einer diskreten Schwellung bis zu schweren trophischen Störungen mit zirkumferenten Ulzerationen (30).
Epidemiologie
Eine multidisziplinäre Expertengruppe unter Leitung von Susan Kahn erstellte 2014 im Auftrag der American Heart Association ein Übersichtspapier zum PTS. Hier wurde die Inzidenz des PTS mit 1–3 von 1.000 Menschen pro Jahr in der Gesamtbevölkerung angegeben. Die Entwicklung eines PTS wird für 20–50 % der Patienten mit TVT erwartet (19). In anderen Untersuchungen wurde eine Prävalenz des PTS von 1–5 % berichtet (28, 27). Ein schwergradiges PTS wird laut Kahn bei 5–10 % der Betroffenen beobachtet (19).
Aus den Beobachtungen des klinischen Alltags heraus ist zu vermuten, dass die Inzidenz, Prävalenz und Schwere des PTS mit weiterer Nutzung der direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) in der Therapie der TVT abnimmt. Es lassen sich unter DOAK bereits in den frühen Verlaufskontrollen deutliche Rekanalisierungen nachweisen, wie man es von der zuvor üblichen Standardtherapie aus Heparinen und Vitamin-K-Antagonisten nicht gewohnt war. Epidemiologische Daten dazu gibt es aber nach Kenntnis der Autorin bisher nicht. Erste Hinweise zu einer geringen Rate von PTS unter DOAK finden sich auch in der Literatur (31).
Pathophysiologie
Die Entwicklung des PTS ist ein Resultat einer anhaltenden venösen Hypertension auf der Basis einer persistierenden akuten oder residualen venösen Obstruktion und einem venösen Reflux durch Schädigung der Venenklappen (20).
Zum Verständnis der Pathophysiologie ist die von Hach und Hach-Wunderle eingeführte Untergliederung in drei Erkrankungsstadien didaktisch sinnvoll. Als postthrombotisches Frühsyndrom bezeichnen die Autoren die Phase der Rekanalisierung und Kollateralisierung in den ersten Wochen nach der Phlebothrombose, die vor allem von einer Ödembildung geprägt ist. Dem schließt sich das PTS (im engeren Sinne) an, welches über viele Jahre stabil sein kann und durch die Ginsbergsche Symptom-Tetralogie (s. u. Symptome) gekennzeichnet ist. Nach Jahren bis Jahrzehnten schließlich entwickelt sich als Ausdruck einer Dekompensation der Kollateralvenen das postthrombotische Spätsyndrom. In dieser Phase lassen sich häufig eine Perforansinsuffizienz und eine sekundäre Stammvarikose feststellen. Im klinischen Erscheinungsbild können Hautveränderungen bis hin zum Ulcus cruris hinzukommen (11).
An dem dargestellten Entwicklungsprozess sind umfangreiche inflammatorische Prozesse sowie Rekanalisierung mit diversen Zytokinen, Adhäsionsmoleküle und Endothel beteiligt. Je schneller es zur Auflösung des Thrombus kommt, desto geringer soll der resultierende Klappen- und Wandschaden ausfallen.
Diagnosestellung
Bisher gibt es keinen Goldstandard als Biomarker, physiologischen Test oder als Bildgebung für das PTS. Die Diagnose des PTS ist primär eine klinische Diagnose (23). Eine ergänzende Duplexsonographie sowie Funktionsuntersuchungen wie die Digitale Photoplethysmographie (DPPG) oder Venenverschluss-Plethysmographie (VVP) können hilfreich sein, um das Ausmaß der Abflussbehinderung besser abschätzen und im Verlauf beurteilen zu können (23). Als invasives Verfahren ist die Phlebodynamometrie geeignet, eine venöse Hypertension nachzuweisen (23). Inwieweit aus den Ergebnissen differentialtherapeutische Implikationen abgeleitet werden können, ist nicht gut untersucht (23).
Merke!
Die Diagnosestellung des PTS erfolgt primär klinisch.
Definitionsgemäß gibt es keinen akuten, sondern einen eher schleichenden Beginn der klinischen Symptomatik. Häufig gehen die abklingenden Beschwerden der Thrombose nahtlos in die beginnenden Beschwerden des PTS über. Ebenso ist es aber auch möglich, dass der Patient nach der akuten TVT unter Antikoagulation und Kompression zunächst eine Besserung seiner Beschwerden erfährt, dann aber einige Monate oder Jahre nach der akuten Therapie wieder neue Beschwerden auftreten (13, 23). Die klinischen Symptome des PTS sind meist nicht vor Ablauf von zwölf Monaten nach der TVT-Diagnose zu erwarten. In der Regel liegt der Diagnosezeitpunkt des PTS etwa 18 bis 24 Monate nach dem Akutereignis (5, 26, 35). Über drei bis sechs Monate anhaltende Beschwerden nach einer TVT sind verdächtig auf ein PTS (23).