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Dermatologie, Pädiatrie, Medizin Dermatologie Dermatologie, Pädiatrie, HAUT
Leitfaden

Management von hereditären Verhornungsstörungen

Genetisch bedingte Verhornungsstörungen sind eine Gruppe von Hautkrankheiten, die durch verstärkte Schuppenbildung, Verhornungen sowie oft Entzündungen und Blasenbildung gekennzeichnet sind. Sie können den gesamten Körper (Ichthyosen) oder nur Hände und Füße (Palmoplantarkeratosen, PPK) betreffen. Bisher wurden Mutationen in über 50 Genen identifiziert, die für diese Erkrankungen ursächlich sind. Syndromale Formen betreffen auch andere Organe. Bei hereditären Verhornungsstörungen können lebensbedrohliche Komplikationen auftreten. Die Versorgung erfolgt idealerweise in spezialisierten Zentren, wobei auch eine Zusammenarbeit mit Niedergelassenen wichtig ist.


10.12.2024
K. Süßmuth/I. Baumann
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Schlüsselwörter: Ichthyose, Palmoplantarkeratose, Verhornungsstörungen

Abstract: 
Genetically determined keratinization disorders are characterized by increased scaling, cornifications, and often inflammation and vesication. They may affect the whole body (ichthyosis), or merely hands and feet (palmoplantar keratoderma). By now, mutations in more than 50 genes have been identified which are causing these diseases. Syndromatic forms do affect other organs. Hereditary cornification disorders may be life-threatening. These diseases are ideally treated in specialized centers, where cooperation with resident physicians is important as well.
Key words: ichthyosis, palmoplantar keratoderma, keratinization disorders

Zitierweise: HAUT 2024; 35 (6): 248-253

Genetisch bedingte Verhornungsstörungen umfassen eine heterogene Gruppe von Hautkrankheiten, charakterisiert durch eine verstärkte Schuppenbildung und Verhornungen, oft begleitet von Entzündungen. Blasen­bildung kann ebenfalls vorkommen. Diese Veränderungen können das gesamte Hautbild betreffen (Ichthyosen, Abb. 1)1 oder auf die Hände und Füße beschränkt sein (Palmoplantarkeratosen (PPKs), Abb. 2)2. PKKs können auch im Rahmen einer Ichthyose auftreten. Bisher wurden Mutationen in über 50 Genen identifiziert, die mit Ichthyosen und PKKs in Verbindung stehen. Diese Gene codieren für epidermale Proteine (u. a. Keratine) und Lipide3.

Interdisziplinäre Versorgung

Unter den hereditären Ichthyosen und PPKs gibt es syndromale Formen, welche neben der Haut auch andere Organe betreffen, und diese können mitunter mit lebensbedrohlichen Komplikationen assoziiert sein4,5.

Die spezialisierte Versorgung von Patientinnen und Patienten mit seltenen Verhornungsstörungen erfolgt bevorzugt an Zentren und Universitätskliniken bzw. durch Maximalversorger in Zusammenarbeit mit der kontinuierlichen Versorgung durch niedergelassene Fachärztinnen und -ärzte aus den Bereichen Dermatologie, Pädiatrie, Allgemeinmedizin und anderen. Die Seltenheit der Erkrankungen kann naturgemäß Ärztinnen und Ärzte im praktischen Alltag vor Herausforderungen stellen. Aufgrund der lebenslangen Notwendigkeit einer medizinischen Versorgung bei angeborenen Erkrankungen ist eine Mitversorgung dieser Patientinnen und Patienten im niedergelassenen Bereich wünschenswert und dringend erforderlich. Daher möchten wir in diesem Beitrag Hinweise und Hilfestellung zur ambulanten Mitbetreuung und Identifizierung von Betroffenen dieser seltenen Erkrankungsgruppe geben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Diagnostik seltener ­Verhornungsstörungen

Die Verdachtsdiagnose einer hereditären Ichthyose oder PPK kann mithilfe der Anamnese und Klinik gestellt werden. Eine molekulargenetische Diagnostik bietet die Möglichkeit der Bestätigung und Zuordnung zu einem Subtyp. Diese darf prinzipiell von jedem approbierten Arzt und jeder approbierten Ärztin in die Wege geleitet werden. Sie wird von den gesetzlichen Krankenkassen und in der Regel auch von privaten Krankenkassen (nach vorherigem Kosten­voranschlag) übernommen. Zur Durchführung der molekulargenetischen Diagnostik muss jedoch eine Verdachtsdiagnose vorliegen. Dafür ist es sinnvoll, Fachärztinnen und -ärzte der Humangenetik, Dermatologie oder Pädiatrie mit Spezialisierung auf dem Gebiet der Ichthyosen und PPKs zu konsultieren. 

 Eine Übersicht der in Deutschland verfügbaren Spezialistinnen und Spezialisten bietet die Homepage der Selbsthilfegruppe Ichthyose:

https://www.ichthyose.de/verein/beirat 

Die meisten Ichthyosen und PPKs sind auf die Haut beschränkt und haben eine gute Prognose. Dennoch gibt es einige relevante klinische Merkmale, die eine rasche Diagnostik und sichere Einordnung der Erkrankung erfordern. Denn es gilt, schwerwiegende und teils letale Komplikationen in Zusammenhang mit der Beteiligung weiterer Organe zu verhindern. Bei solche syndromalen Formen kommt es unter anderem zu Immundefekten, Wachstumsretardierung, kognitiven Entwicklungsverzögerungen oder kardialen Beteiligungen. Daher kann eine molekulargenetische Diagnostik zur weiteren Einordnung der Diagnose empfohlen werden6-8.

Lokaltherapie: durch besondere Regelung erstattungsfähig

Das Hauptanliegen der Patientinnen und Patienten mit genetischen Verhornungsstörungen ist die Versorgung mit großen Mengen von Lokaltherapien. Die meisten Betroffenen cremen sich mehrmals täglich ein und baden häufig9. Insbesondere nach dem 12. Lebensjahr ist die Erstattung von Lokaltherapien ohne aktiven Inhaltsstoff schwierig. Für Ichthyosen gibt es in Deutschland eine Regelung, welche das Verschreiben von Harnstoff-haltigen Cremes mit mind. 5 % Urea unter Angabe der Diagnose einer Ichthyose ermöglicht. Auch die Kombination mit Milchsäure, Natriumchlorid, Dexpanthenol und Glycerin ist verschreibungsfähig! Vor dem 12. Lebensjahr wird eine größere Auswahl an Cremes von den Krankenkassen übernommen.

Systemtherapien und weitere Betreuung

Einige Patientinnen und Patienten erhalten Systemtherapien, die regelmäßige Laborkontrollen erfordern. Hierfür ist die Kommunikation mit mitbehandelnden Ärztinnen und Ärzten besonders wichtig, um bei der interdisziplinären Betreuung Unmut und Missverständnisse zu vermeiden – wie etwa ein unklares Zuständigkeitsgefühl bezüglich Laborkontrollen, Rezeptierungen oder Überweisungen. Eine gute Zusammenarbeit und Kommunikation aller Fachbereiche kann für Patientinnen und Patienten ein großer Gewinn sein, da so insbesondere die Belastung durch teils lange Fahrtwege zu spezialisierten Zentren und fehlende Ansprechpartner bei akutmedizinischen Behandlungsanlässen reduziert wird.

Regelmäßige Facharztbesuche in den Bereichen HNO, Ophthalmologie und Pädiatrie sind die Regel für viele Patientinnen und Patienten mit genetisch bedingten Verhornungsstörungen. Die feste Anbindung an (pädiatrische) Spezialsprechstunden erfordert außerdem regelmäßig Überweisungen.

Bei vielen außermedizinischen Fragestellungen kann die Selbsthilfegruppe Ichthyose e.V. unterstützen. Sollten ärztliche Schreiben für Kostenübernahmeanträge, Schulbescheinigungen oder ähnliches notwendig sein, unterstützt diese ebenfalls beim Kontaktieren entsprechender Ansprechpartnerinnen und -partner und stellt Informationsmaterialien oder Vordrucke zur Verfügung.

Drei Säulen der Behandlung hereditärer Verhornungsstörungen

Die konservative Therapie stützt sich auf drei Hauptkomponenten, welche Patientinnen und Patienten ein Leben lang anwenden müssen: regelmäßiges Eincremen mit rückfettenden und/ oder keratolytischen Präparaten, das Baden und das mechanische Entfernen der Schuppen.

Topische Behandlung mit Emollienzien und Keratolytika

Emollienzien werden für alle Subtypen der Ichthyosen zur mehrmals täglichen Anwendung empfohlen, da sie das Stratum corneum hydratisieren. Urea ist das am häufigsten eingesetzte Keratolytikum, meist in Konzentrationen von bis zu 10 % für den ganzen Körper und bis zu 40 % für lokalisierte Verhornungen. Urea in Konzentrationen ab 10 % sollte jedoch bei Kindern unter zwei Jahren mit Vorsicht verwendet werden6-8. Auch andere Keratolytika wie Milchsäure, häufig in Kombination mit Urea, kommen zum Einsatz. Einige Kinder vertragen die isolierte Anwendung von Milchsäure aufgrund einer milderen Hautreizung besser als Urea isoliert oder in Kombination mit Milchsäure.

Aufgrund der beeinträchtigten Hautbarriere kann die großflächige Anwendung von Keratolytika zu einer erhöhten Resorption und zu systemischen Nebenwirkungen führen. Besonders bei Kindern sind salicylhaltige Produkte kontraindiziert, und auch bei Erwachsenen sollte eine großflächige Anwendung vermieden werden6-8. Eine gezielte, lokal begrenzte Anwendung ist bei PPKs jedoch erlaubt und kann bei manchen Ichthyosen in Einzelfällen erwogen werden. Auch die Creme-Grundlage ist nicht außer Acht zu lassen, da sie die Anwendbarkeit, die Praktikabilität im Alltag und das Hautgefühl maßgeblich beeinflusst.

Das Neue-Rezeptur-Formularium (NRF) bietet zahlreiche passende Rezepturen für Ichthyosen, unter anderem mit Urea 5 bis 10 %. Hydrophile Cremes können bei milder Schuppung und wärmeren Temperaturen hilfreich sein (z. B. NRF 11.71), während lipophile Cremes (z. B. NRF 11.129) oder Salben bei stärkerer Schuppung und bei PPKs empfohlen werden können.

Viele Betroffene haben allerdings bereits langjährige Erfahrungen mit einer Rezeptur oder einem Fertigprodukt und benötigen keine neuen Therapien. Prinzipiell gilt, dass die Lokaltherapie sehr individuell ist und die Erstanwendung immer an einem kleinen Areal erprobt werden sollte. Zudem gibt es die Möglichkeit, je eine Körperhälfte im Halbseitenversuch über einen gewissen Zeitraum mit zwei verschiedenen Präparaten zu behandeln, um das individuell geeignetere Präparat zu identifizieren.

Balneotherapie

Viele Betroffene baden täglich, wobei die Bäder oft lange dauern müssen (45 bis 60 Minuten), um die Schuppen ausreichend aufzuweichen und mechanisch entfernen zu können9. Badezusätze wie Natriumhydrogencarbonat (6 g/l für Erwachsene, 3 g/l für Kinder ab zwei Jahren) oder Salz (1 - 8 %, bei Kindern maximal 4 %) können hilfreich sein, wobei Salz gelegentlich brennende Empfindungen auslöst6. Das anschließende Eincremen ist entscheidend für die Wirksamkeit der Balneotherapie.

Mechanisches Entfernen der Schuppen

Zum mechanischen Entfernen der Schuppen werden häufig Bimssteine, Peelinghandschuhe oder Waschlappen verwendet, wobei Vorsicht notwendig ist, um keine potenziellen Eintrittspforten für Erreger zu schaffen und um Schmerzen zu minimieren.

Systemische Therapien

Acitretin ist derzeit die einzige zugelassene systemische Therapie6-8. Aufgrund des Nebenwirkungsprofils und der möglichen negativen Auswirkungen auf bestimmte Ichthyose-Formen ist die Anwendung begrenzt – so ist eine Verschlechterung der Dermatitis beim Netherton-Syndrom möglich oder vermehrte Blasenbildung bei epidermolytischen Ichthyosen mit Keratin-1-Mutation6. Bei lamellärer Ichthyose werden maximal 1 mg/kg Körpergewicht empfohlen6, wobei langfristig niedrigere Dosen angestrebt werden sollten. Der Einsatz im Kindesalter ist aufgrund unerwünschter Wirkungen, u. a. Effekte auf die Knochen, begrenzt und interdiszipliniär zu diskutieren6-8. Frauen im gebärfähigen Alter sollten kein Acitretin erhalten, da es auch nach Absetzen für weitere drei Jahre stark teratogen bleibt und eine sichere Kontrazeption gewährleistet sein muss.

Langfristige Maßnahmen

Eincremen, Baden und Entfernen der Schuppen bleiben lebenslange Maßnahmen. Bei der X-chromosomal-rezessiven Ichthyose, die sich im Sommer oft bessert, kann eine saisonale systemische Behandlung im Winter hilfreich sein. Bei allen Formen der Ichthyosen ist eine jahreszeitabhängige Reevaluation der aktuellen topischen Behandlung indiziert.

Neue Entwicklungen in der Therapie

 Zusätzlich gibt es präklinische Daten zu Enzymersatz- und Gentherapien10. Einige Zentren in Deutschland bieten klinische Studien zu Ichthyosen an: ClinicalTrials.gov

Angesichts der begrenzten und zeitaufwendigen Therapieoptionen besteht ein Bedarf an neuen Ansätzen. Fallberichte und eine klinische Studie zur Anwendung von Biologika bei Ichthyosen zeigen ein sehr unterschiedliches Ansprechen, meist mit milden Effekten. Für einzelne Patientinnen und Patienten können Biologika allerdings hilfreich sein, um gezielt Symptome wie Pruritus zu behandeln oder die Lebensqualität durch eine Reduktion der täglichen Therapiezeit zu verbessern.

Allgemeine Maßnahmen

Ichthyosen gehen mit einer verminderten bis fehlenden Schwitzfähigkeit einher6. Dies kann insbesondere im Sommer zu einer Hyperthermie führen und sollte auch während fieberhafter Infekte beachtet werden. Kinder und Jugendliche äußern diese Überhitzung nicht immer, was im schlimmsten Fall zu Synkopen bis hin zu einem Hitzschlag während oder kurz nach körperlicher Aktivität führen kann. Auf Zeichen der Über­hitzung – z. B. ein geröteter Kopf oder Wesensveränderungen – ist daher insbesondere bei sportlicher Aktivität zu achten, aber auch bei Kindern in der Nacht. Aufenthalt in kühlen Räumen, Kühlkrawatten, Wasser-/ Thermalsprays und Klimaanlagen können bei warmen Temperaturen helfen. Beachte: Auch sehr milde Ichthyosen können eine ausgeprägte Hyperthermie zeigen.

ErkrankungGenErbgangKlinische MerkmaleWeitere mögliche AuffälligkeitenWichtige Maßnahmen
IchthyoseNetherton- SyndromSPINK5 (Protein: LEKTI)ARichthyosiforme Erythrodermie, Bambushaar (Trichorrhexis invaginata)Allergien, Gedeihstörungen, ImmundefektAnbindung Immunologie und Gastroenterologie (ggf. Ernährungsberatung)
SAM-SyndromDSG1
DSP
ARichthyosiforme Erythrodermie, PPK, Hypotrichosemultiple Allergien, schwere Gedeihstörungen, rezidivierende Infekte, kardiale BeteiligungAnbindung an Kardiologie, Immunologie und Gastroenterologie 
(ggf. Ernährungsberatung)
Sjögren-Larsson-SyndromALDH3A2ARBeugeseiten-betonte, gelbliche Keratosenmentale Retardierung, Sprachentwicklungs-Störungen, Spastiken, Epilepsie, Makuladegenerationneuropädiatrische und augenärztliche Anbindung, Physio- und Ergotherapie, Logopädie, ggf. SPZ- Anbindung
KID-SyndromGJB2
GJB6
AR/ADprogrediente verruköse hyperkeratotische Plaquespunktförmige Keratitis und progrediente Vaskularisierung der Kornea, angeborene Schwerhörigkeit (meist sensorisch-neural), erhöhtes Risiko für Schleimhaut- und PlattenepithelkarzinomeHNO, pädaudiologische und augenärztliche Anbindung, ggf. SPZ-Anbindung; regelmäßige dermatologische Ganzkörperuntersuchung
CHILD-SyndromNSDHLXDNävus: unilateraler erythematöser Plaque mit gelblich- wachsartiger Schuppung und meist scharfer BegrenzungFehlbildungen auf Nävus-Seite (Skelettsystem und innere Organe), letal für männliche Embryonenpädiatrische/ internistische Abklärung, orthopädische Abklärung, genetische Beratung für betroffene Mütter bei Kinderwunsch (die Erkrankung verläuft für männliche Embryonen letal)
PPKNaxos- u. Carvajal-Huerta-SyndromJUP 
DSP
ARPPK (meistens striär), WollhaareKardiomyopathie (Synkopen, ­anhaltende ventrikuläre Tachykardien, plötzlicher Herztod möglich)frühe kardiologische Anbindung
Papillon-Lefèvre-SyndromCTSCARpsoriasiforme Hautveränderungen, früher Zahnverlust, Neigung zu bakteriellen InfektionenSepsis mit Staphylococcus aureus, Leberabszessezahnärztliche Anbindung zur Behandlung der Paradontitis, die zu einem frühen Zahnverlust führen kann, ggf. antibiotische Prophylaxe vor operativen Eingriffen
Tab. 1: Übersicht über einige syndromale Sonderformen genetischer Verhornungsstörungen.Abkürzungen: AR: autosomal-rezessiv, AD: autosomal-dominant, XD: x-chromosomal-dominant, KID: Keratitis-Ichthyose-Taubheits-Syndrom (engl.: Keratitis-Ichthyosis-Deafness-Syndrom); CHILD: angeborene Halbseiten­fehlbildung mit entzündlich-schuppendem Hautmal und Gliedmaßendefekten (engl.: Congenital Hemidysplasia with Ichthyosiform Nevus and Limb Defects); SAM: schwere Dermatitis-multiple-Allergien-metabolisches-Verlust-Syndrom (engl.: severe Dermatitis-multiple allergies and metabolic wasting syndrome), SPZ: sozialpädiatrisches Zentrum.

Das Vermeiden von Sonne und eine ausgeprägte Schuppung könnten Erklärungsansätze für niedrige Vitamin-D-Werte sein11. Die regelmäßige Bestimmung des Vitamin-D-Wertes und ggf. Substitution gehört daher zu der Basisversorgung von Patientinnen und Patienten mit Ichthyose.

Es ist bekannt, dass Pruritus bei Ichthyosen eine hohe Prävalenz hat12. Daher sollte neben der Therapie der Haut auch an die Therapie assoziierter Symptome gedacht werden. Zur Behandlung des Pruritus können lokale und systemische Therapien infrage kommen. Gute Parameter zur Einschätzung sind insbesondere bei Kindern das Schlafverhalten mit möglichen Ein- und Durchschlafstörungen sowie die Konzentrationsfähigkeit.

Bei den PPKs spielen Schmerzen eine große Rolle. Diese sind besonders bei blasenbildenden Verhornungsstörungen relevant und können im Alltag stark einschränkend sein.

Bei einer sehr ausgeprägten Verhornung oder schmerzbedingten Schonhaltungen kann die Beweglichkeit der Gelenke vermindert sein und das Risiko, Kontrakturen zu entwickeln, ist erhöht. Einige Patientinnen und Patienten benötigen daher Physiotherapie.

Bei einigen Ichthyosen häufen sich Hautinfektionen. Diese können sich teils atypisch im Hinblick auf Effloreszenz und Ausbreitung präsentieren. Auch Hauttumoren treten bei einigen Verhornungsstörungen gehäuft auf (Tab. 1). Diese Komplikationen sollten bei der körperlichen Untersuchung und ­Planung von Terminen (ggf. regelmäßige Hautkrebsscreenings) beachtet werden.

Im Rahmen von Infektionen zeigt sich oft eine Verschlechterung des Hautbildes bei Verhornungsstörungen. Diese ist im Infekt supportiv zu behandeln. Jedoch kann die Haut im Infekt sensibler sein und unter Umständen muss auf mildere Cremes oder ein anderes Creme-Regime zurückgegriffen werden.

Psychische Belastung

Das Leben mit einer chronischen Erkrankung mit ihren Einschränkungen kann als Belastung wahrgenommen werden. Darüber hinaus besteht durch die Sichtbarkeit der Ichthyosen und PPKs für Patientinnen und Patienten ein erhöhtes Risiko, gesellschaft­liche Stigmatisierung und Ausgrenzung zu erfahren. Das kann zu einem reduzierten Selbstwertgefühl führen. Verstärkt werden kann dies durch die täglichen zeitintensiven Therapien, welche nicht nur die Teilnahme an Freizeitaktivitäten einschränken können, sondern auch für sich gesehen belastend sind9. Hier gibt es etwa die Möglichkeit einer psychotherapeutischen Anbindung oder die Kontaktvermittlung an den Selbsthilfeverein zum Austausch mit anderen Betroffenen. Zudem sollte in partizipativer Entscheidungsfindung das individuelle Therapieziel definiert werden und im Verlauf dynamisch angepasst werden. Je nach Erbgang und Ausprägung der Symptome können Sorgen und Ängste im Hinblick auf die Familienplanung auftreten. Dann kann eine humangenetische Beratung hilfreich sein.

Aktuelles Therapieziel: 
Frageja/ neinaktuelle Maßnahmen und eingeleitete Therapien
Ist die aktuelle topische Therapie alltagstauglich und entspricht sie dem Therapieziel bezüglich des Hautbildes?  
Ist eine ausreichende Versorgung mit Lokaltherapie sichergestellt?  
Besteht Pruritus?  
Sind Schmerzen vorhanden?  
Sind Infektionen vorhanden oder häufen sich?  
Sind neue Laborkontrollen notwendig?  
Sind Kontrollen durch Zentren oder andere Fachdisziplinen sinnvoll und geplant?  
Tab. 2: Checkliste für die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit seltenen Verhornungsstörungen.

Weitere Empfehlungen

Neben der Therapie der Haut ist die Diagnostik und Behandlung weiterer Symptome eine Herausforderung: etwa Schmerzen an den Fußsohlen, Pruritus, verminderte Schwitzfähigkeit, Hautinfektionen oder Vitamin-D-Mangel. Der Kontakt zu Selbsthilfegruppen kann sowohl für Betroffene als auch für Ärztinnen und Ärzte hilfreich sein. Die europäische7,8 und die deutsche Leitlinie6 bieten einen Überblick über die Therapieoptionen, ein Update ist in Arbeit.

Für Patientinnen und Patienten mit seltenen Erkrankungen sollten klinische Studien in Erwägung gezogen werden, damit sie die bestmögliche Behandlung erhalten.

Im Praxisalltag sind viele Dinge zu beachten, wenn Patientinnen und Patienten mit seltenen Erkrankungen behandelt werden, zumal dies für die meisten Niedergelassenen eher die Ausnahme als der Alltag ist. Als kleine Stütze stellen wir eine kurze Checkliste vor, die individuell an die Patientinnen und Patienten angepasst werden kann (Tab. 2).

1. Oji V, Tadini G, Akiyama M et al. Revised nomenclature and classification of inherited ichthyoses: Results of the First Ichthyosis Consensus Conference in Sorèze 2009. Journal of the American Academy of Dermatology. 2010 Oct;63:607-41.

2. Bolognia JL, Schaffer JV, Cerroni L. Dermatology, Chapter 58 (Palmoplantar Keratodermas). 5th Edition, 20.1.2024, Hardback, ISBN: 9780702082252.

3. Gutiérrez-Cerrajero C, Sprecher E, Paller AS et al. Ichthyosis. Nat Rev Dis Primers 2023(Jan)19;9(1):2.

4. Sperelakis-Beedham B, Lopez M, Girodon E et al. Génétique des kératodermies palmoplantaires complexes et syndromiques [Genetics of complex and syndromic palmoplantar keratoderma]. Ann Biol Clin (Paris). 2021(Dec)1;79:551-565.

5. Fischer J, Hotz A, Komlosi K. Syndromic ichthyoses. Med Genet. 2023(Apr)5;35(1):23-32.

6. DDG/AWMF-Leitlinie (S1) zur Diagnostik und Therapie der Ichthyosen (Aktualisierung).

7. Mazereeuw-Hautier J, Vahlquist A, Traupe H et al. Management of congenital ichthyoses: European guidelines of care, part one, British Journal of Dermatology 2019(Feb);180(2):272-81.

8. Mazereeuw-Hautier J, Hernández-Martín A, O‘Toole EA et al. Management of congenital ichthyoses: European guidelines of care, part two. British Journal of Dermatology 2019(Mar);180(3):484-495.

9. Klein C, Oji V, Sommer R et al. Personal, financial and time burden in inherited ichthyoses: A survey of 144 patients in a university-based setting. J Eur Acad Dermatol Venereol 2024(Sep);38(9):1809-1817.

10. Joosten MDW, Clabbers JMK, Jonca N et al. New developments in the molecular treatment of ichthyosis: review of the literature. Orphanet J Rare Dis. 2022(Jul 15);17(1):269.

11. Kim MR, Oji V, Valentin F et al. Vitamin D Status in Distinct Types of Ichthyosis: Importance of Genetic Type and Severity of Scaling. Acta Derm Venereol. 2021(Sep 15);101;(9):adv00546.

12. De Palma AM, Mazereeuw-Hautier J, Giehl K et al. Burden of itch in ichthyosis: a multicentre study in 94 patients. J Eur Acad Dermatol Venereol 2019(Nov);33(11):2095-2100.

Literatur Tabellen:

www.altmeyers.org

www.orpha.net

Korrespondenzadresse

Dr. med. Kira Süßmuth
Oberärztin Dermatologie
Helios Klinikum Berlin-Buch GmbH
Schwanebecker Chaussee 50,
13125 Berlin
E-Mail: kira.suessmuth@helios-gesundheit.de