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Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie, Pädiatrie, Medizin, Kaffeepause Pädiatrie, Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie Kaffeepause, HAUT
Medizingeschichte

Pädiatrische Kasuistiken im Corpus Galenicum, Teil 1

Die häufigsten Erkrankungen von Kindern, mit denen sich der griechisch-römische Arzt Galen von Pergamon (129 – 215/ 216 n. Chr.) konfrontiert sah, waren Fieber, traumatische Läsionen, Tonsillitis, Lähmungen, Delir und Epilepsie. Die Ausführungen zur Wahl der Therapie zeigen: Dem Arzt der Antike standen für die Behandlung der kranken Kinder kaum spezifische Maßnahmen zur Verfügung.


11.12.2024
W. Golder
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Zitierweise: HAUT 2024; 35 (6): 283-284

Die mehr als 430 galenischen Kasuistiken umfassen alle Aspekte der praktischen Medizin. Meistens werden Einzelfälle geschildert. Es gibt aber auch Sammel­beschreibungen von Patienten mit gleichen oder ähnlichen Erkrankungen2. Prominente Kranke einschließlich des Kaisers und des Prinzen werden beim Namen genannt. Die Aussagen der Patienten und die vielfach leidenschaftlichen Auseinandersetzungen mit anderen Ärzten werden ausführlich wiedergegeben.

Operation am offenen Herzen (I)

Aus: Praktische Anatomie VII 13
(K II 632-633)

Da wurde ein Junge in der Ringschule am Brustbein verletzt. Zunächst kümmerte man sich gar nicht um ihn, danach war die Versorgung mangelhaft. Nach vier Monaten zeigte sich Eiter an der Wunde. Um ihn zu entfernen, schnitt ein Arzt mit dem Messer ein und brachte die Wunde, wie er glaubte, rasch zur Abheilung. Später aber flammte die Entzündung wieder auf und es bildete sich ein Abszess. Wieder wurde inzidiert, allerdings ohne dauerhaften Erfolg zu erzielen. Deshalb rief der Hausherr mehrere Ärzte, darunter auch mich, herbei und forderte uns auf, über die Fortsetzung der Behandlung zu beraten. Als nun alle sahen, dass sich am Brustbein ein tiefer entzündlicher Defekt entwickelt hatte und man links davon das Herz schlagen sah, wollte keiner den kranken und verfaulten Knochen he­rausschneiden, weil er fürchtete, dabei den Brustkorb zu eröffnen. Ich aber kündigte an, den Eingriff ohne die von den Kollegen zu Recht befürchtete Perforation durchführen zu können. Die vollständige Heilung konnte ich natürlich nicht versprechen, weil nicht klar war, ob sich substernal ein Krankheitsherd befand, und wenn ja, wie ausgedehnt er war. Ich legte das erkrankte Areal frei, konnte freilich keine Befunde entdecken, die uns nicht von Anfang an aufgefallen waren, und setzte den Eingriff auch deshalb mit größerer Zuversicht fort, weil die Ränder der Wunde, unter denen die Arterien und Venen verliefen, beidseits intakt waren. Nachdem ich den erkrankten Anteil des Knochens vornehmlich an der Stelle entfernt hatte, wo die perikardiale Umschlagfalte angewachsen war und das Herz nun blank lag, weil auch der Herz­beutel stark entzündet war, schöpfte ich augenblicklich Hoffnung für den Jungen. Und tatsächlich erholte er sich in gar nicht langer Zeit, ja, er genas vollständig.

Milch und Säfte (II)

Aus: Über die Eigenschaften der Nahrungsmittel III 15 (K VI 686)

Muttermilch, die aus schlechten Säften gebildet wird, verdirbt auch bei den Kindern, die sie bekommen, die Mischung der Körperflüssigkeiten. So entwickelte ein Säugling, der, nachdem die erste Amme gestorben war, die Milch von einer anderen erhielt, die schlechte Säfte hatte, am ganzen Körper zahlreiche Geschwüre. Die zweite Amme ernährte sich nämlich von wild wachsenden Kräutern, da gerade Frühling war und es nicht genug zu essen gab. Und auch sie selbst und andere Leute, die auf demselben Acker nach Nahrung gesucht suchten, bekamen diesen Aussatz. Und das gleiche Schicksal traf sehr viele andere ­stillende Mütter zu dieser Zeit.

Der Erblindung entkommen (III)

Aus: Über die Ursachen der Krankheiten I 2 (K VII 100)

Eine seltsame und vollkommen ungewöhnliche Beobachtung machten wir bei einem Knaben, dem man mit einem Griffel in den Augapfel gestochen hatte. Unmittelbar danach trat wässrige Flüssigkeit aus dem Auge aus, der Augapfel verkleinerte sich und die Hornhaut legte sich in Falten. Er ist davon jedoch genesen und konnte später wieder gut sehen, nachdem sich die zunächst verlorene Flüssigkeit binnen kurzer Zeit erneuert hatte. Aber das kommt nur selten vor. In den meisten Fällen führen ­solche Verletzungen zu Blindheit.

Galenische Fallberichte (I-IX)

Die Übersetzungen der neun ausgewählten Fallbeschreibungen stammen vom Verfasser und wurden ausschließlich für diese Beiträge angefertigt. Im Sinne der guten Lesbarkeit werden manche antike Termini in einer modernen Version wiedergegeben. Das Kürzel „K“ bezeichnet die Position des Texts innerhalb der trotz ihres Alters (Erscheinungszeitraum: 1821 – 1833) noch heute viel verwendeten 20-bändigen (I-XX) Ausgabe der Werke Galens von Karl Gottlob Kühn, Leipzig5.

Aus dem Halsmark überleben (IV)

Aus: Über die erkrankten Körperteile I 6 (K VIII 50-51)

Ein Junge, der aus großer Höhe gestürzt und mit dem Rücken auf den Boden geprallt war, konnte am dritten Tag nach dem Unfall nur noch ganz leise sprechen und verlor am vierten Tag die Stimme ganz. Auch die Beine waren gelähmt, die Hände allerdings vollständig intakt. Und auch die Atmung war ganz normal. Da das gesamte Rückenmark kaudal der Halsregion betroffen war, konnte der Thorax nur mithilfe des Zwerchfells und der sechs oberen Muskeln bewegt werden, weil die zugehörigen Nerven aus dem Halsmark entspringen. Die Nerven für die Interkostalmuskeln, die bekanntlich für die Exspiration verantwortlich sind, waren auch betroffen. Als die behandelnden Ärzte mehr oder weniger planlos aktiv werden wollten, und zwar sowohl an den gelähmten Extremitäten als auch an dem funktions­losen Kehlkopf, schritt ich ein und ordnete an, sich nur um die für die funktionellen Ausfälle verantwortliche Region, also das Halsmark, zu kümmern. Und tatsächlich erholte sich dieser Bereich und vom achten Tag an kehrten bei dem Kind nach und nach sowohl die Stimme als auch die Motilität der unteren Extremitäten zurück.

Aszendierender Fieberkrampf (V)

Aus: Über die erkrankten Körperteile III 11 (K VIII 193-194)

Selten manifestiert sich das Krampfleiden auch in einer anderen differenzialdiagnostisch bedeutsamen Variante. Dabei spürt der Kranke, wie sich die Sensationen in der Körperperipherie entwickeln und von dort in den Kopf aufsteigen. Diese Beobachtung machte ich – damals noch selber im Kindesalter, aber an der Seite der besten Ärzte jener Zeit, die sich getroffen hatten, um miteinander über die Wahl der Behandlung zu entscheiden – bei einem 13-jährigen ­Jungen. Ich hörte ihn also sagen, dass der Anfall in der Wade beginne und von dort rasch und ohne Umwege über die Oberschenkel, die Flanken und die Rippen in den Hals und schließlich in den Kopf aufsteige. Wann das zum ersten Mal passiert sei, daran könne er sich nicht mehr erinnern. Als ihn dann die Ärzte fragten, wie er dieses aufsteigende Gefühl beschreiben würde, konnte das Kind keine Auskunft geben. Ein anderer Jüngling aber, der noch voll orientiert und dessen Empfindungs­vermögen erhalten war und der sich besser verständlich machen konnte als der andere, sagte, die aufsteigenden Gefühle seien so ähnlich wie ein Strom kalter Luft.

Galen im Delir (VI)

Aus: Über die erkrankten Körperteile IV 2 (K VIII 226-227)

Ich war noch ein kleiner Junge, als ich im Sommer hohes Fieber bekam und plötzlich den Eindruck hatte, als ob trockene dunkle Gräser aus meinem Bett ragten und außerdem Wollflöckchen in meinen Kleidern steckten. Als ich sie entfernen wollte, aber ins Leere griff, versuchte ich es nochmals und gab mir dabei jede erdenkliche Mühe. Da hörte ich zwei meiner Freunde, die sich in der Nähe aufhielten und einander zuflüsterten: Da hat ja einer Flöckchen heraus­gezogen und Grashalme eingesammelt. Natürlich bemerkte ich sofort, dass sie damit mich meinten. Da ich mir aber fest vorgenommen hatte, weder die Orientierung noch den Verstand zu verlieren, sagte ich: „Recht habt ihr, bitte helft mir aber jetzt auch, damit ich nicht vollends irre werde.“ Daraufhin schütteten sie mir reichlich Wasser über den Kopf und ich wurde den ganzen Tag und auch die folgende Nacht von so schrecklichen Träumen geplagt, dass ich immer wieder laut schrie und aufsprang. Bis zum nächsten Morgen aber hatten sich all diese unangenehmen Erscheinungen dann zurückgebildet.


Teil 2 des Beitrags finden Sie hier: Pädiatrische Kasuistiken im Corpus Galenicum - Der niedergelassene Arzt

1. Boudon-Millot V. Greek and Roman patients under Galen`s gaze: a doctor at the crossroads of two cultures. Stud Anc Med 2014;42:7-24.

2. Marx FJ. Galen von Pergamon (129-216/217 n. Chr.) und sein Beitrag zur Urologie. Teil II: Urologische Behandlung in Theorie und Praxis. Urologe 2013;A 52:706-715.

3. Mattern SP. Galen and the rhetoric of healing. Baltimore 2008.

4. Mattern S. Galen and his patients. Lancet 2011;378:P478-479.

5. Schubring K. Bemerkungen zu der Galenausgabe von Karl Gottlob Kühn und zu ihrem Nachdruck. Bibliographische Hinweise zu Galen. Sonderdruck aus Claudii Galeni Opera omnia, tom. 1965;XX (Konrad Schubring) Hildesheim. I – LXII.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Dr. phil. Werner Golder
23 rue de l` Oriflamme
F-84000 Avignon / Frankreich
E-Mail: werner.golder@outlook.de

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