Die Depression ist eine sehr verbreitete psychische Erkrankung, die weltweit eine der Hauptursachen für Krankheit und Behinderung darstellt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden über 264 Millionen Menschen auf der Welt an Depressionen.1,2 Im vorliegenden CME-Beitrag geht es um die verschiedenen Formen der Depression, um ihre multifaktorielle Genese, um ihre Risikofaktoren sowie um die Diagnostik und Klassifikationsmodelle.
19.12.2024
J. M. Fasshauer, M. Walter
Teilen auf:
drucken
Gefällt mir
merken
Neue Hoffnungen für therapieresistente Depressionen
Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch anhaltende Traurigkeit, Interessenverlust und eine Vielzahl von emotionalen und körperlichen Symptomen, welche in ihrer Gesamtheit das tägliche Leben vieler Menschen erheblich beeinträchtigt. Depressionen sind mit einer hohen Mortalität verbunden, die WHO geht davon aus, dass ca. 850.000 Tote pro Jahr im Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen stehen.1 Die Prävalenz von Depressionen variiert stark nach Region, Geschlecht und Altersgruppe. In Deutschland liegt die Lebenszeitprävalenz von Depressionen bei etwa 16-20 %.3,4
Die Depression ist eine multifaktorielle Erkrankung und die Ätiologie depressiver Erkrankungen ist Gegenstand vieler Studien. Es konnten in der Vergangenheit multiple Risikofaktoren herausgearbeitet werden, welche die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten depressiver Erkrankungen erhöhen. Frauen erkranken laut einer großen Metaanalyse ungefähr doppelt so häufig an Depressionen wie Männer.5 Zum einen spielen psychosoziale Stressoren, wie der Verlust von Angehörigen, finanzielle Probleme oder berufliche Belastungen eine entscheidende Rolle.6 Des Weiteren werden aufgrund familiärer Häufungen auch genetische Faktoren und Prädisposition diskutiert. Personen mit einem erstgradig depressiven Verwandten haben ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken.7 Auch werden biochemische Faktoren, wie Dysregulationen des Serotonin-, Dopamin- und Noradrenalin-Stoffwechsels und das Vorliegen chronischer körperlicher Erkrankungen (Diabetes, Koronare Herzkrankheit) und chronischen Schmerzen bei der Ätiologie von Depressionen diskutiert.8,9 Zusammengefasst: Die Depression ist ein häufiges, heterogenes Erkrankungsbild, welches durch endogene und exogene Faktoren beeinflusst wird und aufgrund der hohen Prävalenz allein in Deutschland direkte und indirekte Kosten von mehr als 20 Milliarden Euro jährlich verursacht.10,11
Die Einteilung der Depression hat in den vergangenen Jahren wiederholt deutliche Veränderungen erfahren. Im Wesentlichen sind drei Klassifikationssysteme in der ärztlichen Praxis relevant. In Deutschland wird die Depression nach wie vor nach der International Classification of Diseases (ICD)-10 kodiert und für die Abrechnung bei den Krankenkassen verwendet. Dabei wird zwischen der einmaligen depressiven Episode (F32) und der rezidivierenden depressiven Störung (F33) unterschieden.12 Die Hauptkriterien umfassen eine gedrückte Stimmung, verminderten Antrieb sowie Interessenlosigkeit, von denen mindestens zwei Symptome über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen bestehen müssen. Abhängig von der Anzahl der Nebenkriterien (siehe Tab.١) wird zwischen leichten, mittelgradigen und schweren Episoden unterschieden, wobei bei schweren depressiven Episoden auch psychotische Symptome wie Schuld- oder Verarmungswahn auftreten können. Ein weiteres geläufiges Klassifikationssystem bietet die American Psychiatric Association mit dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM)-5. Dieses führt neun Kriterien auf, von denen mindestens fünf Symptome über einen Zeitraum von zwei Wochen vorliegen müssen, um als Major Depressive Disorder (MDD) bezeichnet zu werden. Dabei muss entweder die depressive Stimmung oder der Verlust von Interessen erfüllt sein.13 Beide Systeme verwenden ähnliche diagnostische Kriterien, jedoch agiert das DSM-5 detaillierter in der Beschreibung der Symptome.
Mit der Erarbeitung des ICD-11 wurde auch die Einteilung der affektiven Erkrankungen angepasst. Auch hier werden einmalige Episoden (6A70) von rezidivierenden depressiven Störungen (6A71) abgegrenzt, wobei mindestens drei Kernsymptome (niedrige Stimmung, Interessenverlust, verminderte Energie) mit zusätzlichen Symptomen einhergehen müssen.14 Relevant für die Einteilung in leicht-, mittel- und schwergradig ist auch hier die Beeinträchtigung des Patienten in der täglichen Funktion. Zudem ist die ICD-11 präziser und detaillierter, da sie im Vergleich zur ICD-10 auch spezifizierte und nicht spezifizierte Kategorien beinhaltet. Die ICD-11 orientiert sich somit stärker an klinischen Behandlungsansätzen und ist insgesamt praxisnaher gestaltet.12,14
Neben den oben angegebenen Formen werden ätiologisch und klinisch weitere Arten der Depression diskutiert und teilweise in neueren Klassifikationssystemen abgegrenzt. Die Dysthymie bzw. chronische Depression wird im DSM-5 definiert als eine depressive Grundstimmung an den meisten Tagen, die über zwei Jahre anhält, ohne dass es hierbei eine symptomfreie Periode von mehr als zwei Monaten gegeben hat.15,16 Zudem entsteht durch die Symptomatik ein erheblicher Leidensdruck sowie eine chronische Beeinträchtigung der Betroffenen. Zu den Symptomen zählen Schlaf- und Appetitstörungen, geringer Selbstwert, Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten. Nach ICD-10 gehört die Dysthymie als eigenständiger Code (F34.1) zu den anhaltenden affektiven Störungen, die in ihrer Gesamtheit jedoch nicht schwer genug sind, um als rezidivierende depressive Störung klassifiziert zu werden. Im Gegensatz zur Major Depressive Disorder (MDD) ist die Dysthymie nicht durch einen episodischen, sondern primär chronischen Verlauf gekennzeichnet, und die Ausprägung der depressiven Symptome ist meist weniger stark. Der Leidensdruck bei Dysthymie entsteht primär durch ihre langanhaltende, unveränderliche Symptomatik ohne Phasen deutlicher Besserung.12,13
Mit der saisonal affektiven Störung (SAD) wurde eine weitere Form der Depression beschrieben. Hier zeigt sich eine klare Abhängigkeit der depressiven Symptomatik von bestimmten Jahreszeiten, die vorrangig im Winter und Herbst auftritt, während die Symptome im Frühling und Sommer kaum vorhanden sind.17,18 Weder im ICD-10 noch im ICD-11 wird der SAD eine eigene Diagnose zugeordnet, obwohl es Hinweise auf eine ätiologische Eigenständigkeit und damit einen unterschiedlichen Therapieansatz gibt.18
Ebenfalls Gegenstand aktueller Forschung ist die postpartale Depression (PPD), welche weder im ICD-10 noch im DSM-5 als eigenständige Diagnose berücksichtigt wird. Die depressive Symptomatik tritt hier im zeitlichen Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes auf, in der Regel bis zu sechs Wochen danach. Die Symptomatik ist oft schwerwiegend, und in der Literatur werden verschiedene Ursachen wie autoimmunologische, hormonelle und sozioökonomische Faktoren diskutiert.19–21
Im Gegensatz zum „Baby Blues“, einem vorübergehenden Zustand der Enttäuschung, des Schlafmangels und der Überforderung, der meist 3-5 Tage nach der Geburt eines Kindes auftritt, ist die PPD eine schwerwiegende und langfristige Erkrankung. Sie geht mit erheblichem Leidensdruck für die Betroffenen sowie Beeinträchtigungen im Bindungsverhalten zwischen Kind und Eltern einher.22
Typische Symptome sind ausgeprägte emotionale Labilität, die Unfähigkeit, positive Gefühle für das eigene Kind zu entwickeln, sowie starkes Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten als Elternteil. Darüber hinaus können Zwangsgedanken auftreten, das eigene Kind zu schädigen. Jüngste Studien legen nahe, dass intergenerationale psychische Erkrankungen eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von PPD spielen könnten. Es wurde gezeigt, dass Mütter mit einer familiären Vorbelastung für Depressionen ein höheres Risiko haben, selbst an PPD zu erkranken, was auf komplexe Interaktionen zwischen genetischen und umweltbedingten Faktoren hinweist.23
Die immun-metabolische Depression (IMD) ist ein Konzept, das darauf abzielt, die Heterogenität der Depression besser zu verstehen, indem es den Zusammenhang zwischen atypischen depressiven Symptomen und metabolisch-inflammatorischen Dysregulationen untersucht. IMD zeichnet sich durch Symptome wie gesteigerter Appetit, Gewichtszunahme, Hypersomnie, extreme Müdigkeit und das Gefühl der „bleiernen Schwere“ aus, begleitet von erhöhten Entzündungsmarkern wie C-reaktivem Protein (CRP) und metabolischen Veränderungen wie einem erhöhten Body-Mass-Index (BMI) und gestörtem Energiehaushalt.24
Studien zeigen, dass Patienten mit höherem CRP-Spiegel und anderen IMD-Merkmalen schlechter auf Standard-Antidepressiva ansprechen. Diese Erkenntnisse lassen vermuten, dass Patienten mit IMD möglicherweise stärker von Behandlungsansätzen profitieren könnten, die auf immunmetabolische Wege abzielen, z. B. durch entzündungshemmende Therapien.25
Hauptkriterien
Nebenkriterien
Depressive Stimmung in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmaß, anhaltend und nahezu unbeeinflussbar
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
Interessen- oder Freudeverlust an Aktivitäten, die normalerweise angenehm sind
Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
Verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit
Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
Suizidgedanken oder -handlungen
Schlafstörungen
Appetitstörungen
Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung
Tab. 1: Haupt- und Nebenkriterien der Depression nach ICD-10
Die Diagnostik der Depression gemäß der „Nationalen VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression“ von 2022 basiert auf einem umfassenden, multidimensionalen Ansatz, der sowohl die Symptomatik als auch die funktionellen Beeinträchtigungen und psychosozialen Auswirkungen berücksichtigt. Zentrales Element ist die strukturierte klinische Beurteilung durch standardisierte Interviews wie das SCID-5-CV (Structured Clinical Interview for DSM-5 Disorders, Clinician Version) oder die CIDI (Composite International Diagnostic Interview). Ein bedeutender Bestandteil der Diagnostik ist die Erfassung der Schwere der depressiven Episode, die über Skalen wie das Beck-Depressions-Inventar (BDI) oder die Hamilton-Depressions-Skala (HAM-D) erfolgt. Diese Skalen helfen, die Symptomintensität zu quantifizieren und die individuelle Belastung der Patientin bzw. des Patienten zu beurteilen.26
Die Leitlinie betont die Bedeutung der differentialdiagnostischen Abklärung, um komorbide psychische Störungen (z. B. Angststörungen, bipolare Störungen) und somatische Erkrankungen, die depressive Symptome verursachen können, auszuschließen. Hierzu werden umfassende Anamnesen, körperliche Untersuchungen und labordiagnostische Tests empfohlen.
Ein neuer Ansatz in der Diagnostik ist die ICF-basierte (International Classification of Functioning, Disability and Health) Erfassung der funktionalen Beeinträchtigungen. Dies ermöglicht eine genauere Bestimmung der psychosozialen Folgen und Einschränkungen der Teilhabe, was für die Formulierung individueller Therapieziele und die Planung rehabilitativer Maßnahmen essentiell ist. Ein wesentlicher Aspekt der Depressionsdiagnostik ist die körperliche Ausschlussdiagnostik, die darauf abzielt, somatische Erkrankungen, die depressive Symptome verursachen oder verstärken können, zu identifizieren und zu behandeln. Die S3-Leitlinie (2022) empfiehlt eine umfassende körperliche Untersuchung und die Durchführung spezifischer labordiagnostischer Tests.26
Weitere spezifische Untersuchungen können basierend auf der individuellen Anamnese und dem klinischen Bild erforderlich sein, einschließlich bildgebender Verfahren wie cMRT, cCT oder Lumbalpunktion bei Verdacht auf neurologische Ursachen. Ein fundierter differentialdiagnostischer Ansatz hilft, eine genaue Diagnose zu stellen und eine geeignete Behandlung zu planen.
Im Rahmen der Digitalisierung empfiehlt die Leitlinie zunehmend auch den Einsatz von Online-Programmen als niedrigschwellige Diagnostik- und Therapieoption. Diese Programme sollen jedoch stets durch eine fachgerechte Diagnostik und Indikationsstellung sowie ein regelmäßiges Monitoring der Adhärenz und Wirksamkeit begleitet werden.
Die „Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression“ hebt die Notwendigkeit hervor, die Diagnostik kontinuierlich zu überprüfen und anzupassen, insbesondere bei Nichtansprechen auf initiale Behandlungsansätze. Empfohlen wird dabei die Kombination von medikamentösen und psychotherapeutischen Maßnahmen oder der Einsatz von neurostimulatorischen Verfahren.
Wichtige labordiagnostische Untersuchungen sind unter anderem:
Blutbild: zur Erkennung von Anämien oder Infektionen.
Schilddrüsenfunktionstests (TSH, fT3, fT4): zur Erkennung von Hypo- oder Hyperthyreose, die depressive Symptome verursachen können.
Elektrolyte und Nierenfunktion: zur Erkennung von Elektrolytstörungen oder Niereninsuffizienz.
Leberfunktionstests: zur Erkennung von Lebererkrankungen, die mit depressiven Symptomen einhergehen können.
Glukose und HbA1c: zur Erkennung von Diabetes mellitus, der mit einer erhöhten Depressionsrate assoziiert ist.
Vitamin B12 und Folsäure: zur Erkennung von Mangelzuständen, die depressive Symptome verstärken können.
Zusammenfassung
Die Depression ist weltweit eine der häufigsten psychischen Erkrankungen und betrifft etwa 264 Millionen Menschen. Sie ist eine multifaktorielle Erkrankung, die durch psychosoziale, genetische und biochemische Faktoren beeinflusst wird. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. In Deutschland liegt die Lebenszeitprävalenz bei etwa 16-20 %. Aktuelle Klassifikationssysteme wie ICD-10, DSM-5 und das neue ICD-11 definieren diagnostische Kriterien und Schweregrade. Neben der Major Depression existieren weitere Formen wie Dysthymie, saisonale Depression und postpartale Depression. Besonders die immun-metabolische Depression (IMD) gewinnt an Bedeutung, da sie durch metabolische und entzündliche Prozesse gekennzeichnet ist, was neue therapeutische Ansätze erfordert. Die Diagnostik basiert auf standardisierten Interviews, psychometrischen Skalen und labordiagnostischen Tests zur Ausschlussdiagnostik somatischer Ursachen. Die Nationalen Versorgungsleitlinien betonen zudem den Einsatz digitaler Tools zur Diagnostik und Therapie, welche engmaschig überwacht werden sollten.
Literatur beim Verlag
Autor
Prof. Dr. Martin Walter psychiatrie@med.uni-jena.de
Finanzielle und nicht-finanzielle Interessen: Martin Walter (MW) hat Präsentationen für Bayer AG, Boehringer Ingelheim und Biologische Heilmittel Heel GmbH gehalten. MW hat zudem Studien mit institutioneller Forschungsunterstützung von HEEL und Janssen Pharmaceutical Research für klinische Studien (IIT) durchgeführt. MW erhielt von den oben genannten Unternehmen keine finanzielle Vergütung. MW ist u.a. Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychatrie, Mitglied der DGPPN.
Autor
Dr. Jonathan Mathias Faßhauer psychiatrie@med.uni-jena.de
Finanzielle und nicht-finanzielle Interessen: Jonathan Mathias Faßhauer hat keine COI.
Depressionsbehandlung im Wandel
Neue Hoffnungen für therapieresistente Depressionen
Teil 1
Teil 2
Ausgeblendeter Inhalt
Bitte erteilen Sie Ihre Cookie-Zustimmung, um alle Inhalte unserer
Website sehen und vollumfänglich nutzen zu können.
Wir erheben und verarbeiten Ihre Daten auf dieser Website, um besser zu verstehen, wie sie verwendet wird. Wir holen hierfür immer Ihre Einwilligung ein. Sie können Ihre Datenschutzeinstellungen hier ändern.
Sie haben noch kein Benutzerkonto?
Jetzt kostenlos registrieren und von Ihrem Mitgliedsstatus profitieren: