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Leitlinie Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum: Wichtige praktische Aspekte der Rezidivprophylaxe

Seit Januar 2024 steht die AWMF-S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum (UCV)“ online auf der AWMF-Homepage zur Verfügung (1). in diesem Beitrag werden die aktuellen Aspekte der Rezidivprophylaxe beim UCV basierend auf der genannten Leitlinie beschrieben.


17.01.2025
E. M. Valesky
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ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(1): 28-29

Seit dem 30.01.2024 steht die AWMF-S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum (UCV)“ online auf der AWMF-Homepage zur Verfügung (1). Sie ist unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie e. V. und Begleitung zahlreicher weiterer wissenschaftlicher Fachgesellschaften und Verbände entstanden. In diesem Beitrag werden die aktuellen Aspekte der Rezidivprophylaxe beim UCV basierend auf der genannten Leitlinie beschrieben.

Die praxisnahe und anwenderfreundliche Leitlinie umfasst 80 Seiten (1). Trotz der Schnittmengen zu angrenzenden Leit­linien ist diese Leitlinie unverzichtbar für ambulant und stationär tätige Phlebologen, Lymphologen, Allgemeinmediziner, Angiologen, Chirurgen, Dermatologen, Gefäßchirurgen, Internisten und die Gesamtheit der Pflegefachpersonen und weiterer Personengruppen, die an der Behandlung, Versorgung und/oder Beratung von Patienten mit UCV oder an Entscheidungen in Bezug auf die Betroffenen beteiligt sind (1).

Die Leitlinie liefert in den Kapiteln „Diagnostik“, „Konservative Therapie“, „Invasive Therapie“, „Rezidivprophy­laxe“ und „Alltägliche Herausforderungen“ mit 70 Empfehlungen konkrete Antworten auf die entscheidenden Fragen in der täglichen Praxis und dem Anspruch, auch durch die Vermeidung möglicher „Fehler“, die Versorgungsqualität beim UCV zu verbessern.

Eine Kurzversion wie auch Teilaspekte der konservativen und invasiven Therapie sind bereits publiziert (2–4). Nachfolgend werden die aktuellen Aspekte der Rezidivprophylaxe beim UCV basierend auf der genannten Leitlinie beschrieben.

Prophylaxe eines Rezidivs beim Ulcus cruris venosum 

Patienten mit einem UCV leben häufig in einem lebenslangen Zyklus von Ulzeration, Abheilung und Rezidiv. Da 50–70 % der venösen Beingeschwüre innerhalb von zwölf Monaten nach der Abheilung erneut auftreten, ist ein umfassendes Wissen über die Faktoren und deren Möglichkeiten zur Beeinflussung, die mit einem erneuten Auftreten verbunden sind, für alle Beteiligten essentiell (5).

Empfehlung: 
Nach Abheilung eines Ulcus cruris venosum soll den Betroffenen das Tragen von Medizinischen Kompressionsstrümpfen empfohlen werden. 

Empfehlung: 
Zur Rezidivprophylaxe des Ulcus cruris venosum sollen in Abwägung zwischen medizinischer Indikation und Adhärenz der Patienten Medizinische Kompressionsstrümpfe verwendet werden und zwar mindestens der Kompressionsklasse I und mindestens der Länge A–D. 

Neben der Behandlung der zugrundeliegenden Pathologie im oberflächlichen und/oder tiefen Venensystem ist für die Prävention von Rezidiven entscheidend, dass die medizinische Kompressionstherapie auch nach Abheilung eines UCV fortgeführt wird (6). So zeigten Vandongen et al., dass sich die Rate der UCV-Rezidive von 54 % in der Placebogruppe auf 24 % in der Behandlungsgruppe reduzierte (6). Bei der Auswahl der Anpressdrucke gilt, auch wenn eine Metaanalyse geringere Rezidivraten für höhere Kompressionsklassen zeigte, dass diese mit einer schlechteren Adhärenz einhergehen (7–9). Eine schlechte Therapietreue steigert wiederum das Risiko für ein UCV-Rezidiv (10), sodass die Kompressionsklasse in Abwägung zwischen medizinischer Indikation und Adhärenz erfolgen soll (1).

Empfehlung: 
Bei abgeheiltem Ulcus cruris venosum soll eine Insuffizienz des oberflächlichen Venensystems zur Reduktion des Rezidivrisikos operativ/ablativ behandelt werden. Das gilt auch bei Refluxen im tiefen Venensystem. 

Die invasive Therapie der zugrundeliegenden Insuffizienz der oberflächlichen Venen beschleunigt nicht nur die Abheilung eines UCV, sondern senkt auch das Risiko für ein Rezidiv (11, 12). Dieser Effekt besteht trotz Vorhandensein einer sekundären Leitveneninsuffizienz weiter (13), sodass ein bestehender Reflux im tiefen Venensystem keine Kontraindikation für eine invasive Therapie darstellt. 

Empfehlung: 
Bei floridem oder abgeheiltem Ulcus cruris venosum und einer relevanten Beckenvenenobstruktion im Rahmen eines postthrombotischen Syndroms können rekanalisierende Maßnahmen (z. B. Angioplastie mit Stent-Implantation) zur Reduktion des Rezidivrisikos empfohlen werden.

Langzeitdaten, die den Stellenwert rekanalisierender Maßnahmen in der Prävention eines UCV-Rezidivs beim postthrombotischen Syndrom zeigen, fehlen bislang. Es gibt Hinweise, dass rekanalisierende Maßnahmen, die zusätzlich zur medizinischen Kompressionstherapie durchgeführt werden, möglicherweise einen weiteren Nutzen haben können (14).

Empfehlung: 
Bei Patienten mit abgeheiltem Ulcus cruris venosum sollen edukative Maßnahmen eingesetzt werden, die Informationen über das Krankheitsbild und Risikofaktoren sowie Strategien der Prävention umfassen. 

Mehrere Studien zeigten, dass Edukation einen positiven Einfluss auf die Abheilung eines UCV nimmt (15–17). Edukation verbessert eindrücklich die Adhärenz, die wiederum die medizinische Kompressionstherapie betreffend eine bedeutsame Rolle in der Rezidivprävention spielt. Edukative Maßnahmen umfassen auch Aspekte der Nachsorge mit der Kenntnis von ersten Anzeichen eines Rezidivs, um frühzeitig einen Arzt aufzusuchen. Auch wenn bislang Studienergebnisse fehlen, die den direkten Zusammenhang zwischen Edukation und Rezidivprävention zeigen, so ist ein positiver Einfluss anzunehmen und dementsprechend sind edukative Maßnahmen zu empfehlen (1). 
 

Empfehlung: 
Bei abgeheiltem Ulcus cruris venosum soll zur Prävention eines Rezidivs weiterhin körperliche Aktivität empfohlen werden. 

Bekannte Risikofaktoren für die Entstehung eines UCV sind neben eingeschränkter Sprunggelenksbeweglichkeit auch mangelnde körperliche Bewegung (18). Bewegungsprogramme mit unterschiedlichen Übungen tragen zu einer Verkleinerung und Abheilung bestehender UCV bei (19–21). Belastbare Daten aus randomisierten klinischen Studien zum Effekt von Bewegungsübungen auf die Prävention von Rezidiven fehlen bislang. Ungeachtet dessen und in Kenntnis der positiven Effekte auf floride UCV sollen Patienten auch nach Abheilung körperliche Aktivitäten und Bewegungsübungen empfohlen werden, die der Förderung des venösen Rückflusses dienen (1).

Empfehlung: 
Bei abgeheiltem Ulcus cruris venosum und einer Adipositas soll zur Prävention eines Rezidivs eine Gewichtsnormalisierung empfohlen werden.

Die Adipositas gilt als ein weiterer Risikofaktor in der Entstehung eines UCV. Hautveränderungen, die mit einer chronischen venösen Insuffizienz (CVI) assoziiert sind, einschließlich eines UCV, bessern sich nach Gewichtsreduktion (22, 23). Die Fragestellung, ob eine Gewichtsreduktion bei Adipositas auch die Rezidivrate des UCV senkt, ist aktuell unbeantwortet. Randomisierte klinische Studien fehlen. 

Vor dem Hintergrund der Komorbiditäten adipöser Patienten, der Verschlechterung einer vorbestehenden CVI durch die adipositasbedingte Erhöhung des intraabdominellen Drucks sowie der stoffwechselbedingten Entzündung durch das Übergewicht, ist auch bei Patienten mit UCV (floride oder abgeheilt) mit einer Adipositas eine Gewichtsreduktion zu empfehlen (1). 

Fazit für die Praxis

Nach heutigen Kenntnissen gelingt es, die Inzidenz von UCV-Rezidiven effektiv zu senken, wenn zum einen frühzeitige Maßnahmen zur Behandlung der zugrunde liegenden Veneninsuffizienz eingeleitet und die medizinische  Kompressionstherapie fortgeführt werden und zum anderen Änderungen des Lebensstils unterstützt werden sowie eine Aufklärung und Überwachung der frühen Anzeichen eines Rezidivs erfolgen.

Eine Rezidivrate von bis zu 70 % über einen Zeitraum von zwölf Monaten nach Abheilung unterstreicht die zusätzliche Bedeutung der Primärprävention eines UCV. Eine chronische venöse Insuffizienz darf nicht erst im Stadium C5 oder C6 als medizinisches Problem angesehen werden. Umso wichtiger sind im klinischen Alltag die Kenntnisse über Risikofaktoren und verschlechternde Komorbiditäten, um Risikopatienten frühzeitig zu erkennen und geeignete Präventionsmaßnahmen vor Erstmanifestation eines UCV einzuleiten. 
 

Literatur
  1. Deutsche Gesellschaft für Phlebologie u. Lymphologie e.V. (DGPL). S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum, Stand 2024. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/037-009
  2. Valesky EM, Hach-Wunderle V, Protz K et al. Diagnosis and treatment of venous leg ulcers: S2k Guideline of the German Society of Phlebology and Lymphology (DGPL) e. V. JDDG – Journal of the German Society of Dermatology. 2024;22(7):1039–51.
  3. Schmedt CG, Mühlberger D, Dissemond J, Meissner M, Schmitz-Rixen T, Valesky E. Chirurgische Aspekte der neuen Leitlinie zum Ulcus cruris venosum. Gefässchirurgie. 2024;29(4):207–11.
  4. Valesky E, Protz K, Hach-Wunderle V et al. Kompressionstherapie des Ulcus cruris venosum. Phlebologie. 2024;53(05):213–21.
  5. Raffetto JD, Ligi D, Maniscalco R et al. Why venous leg ulcers have difficulty healing: overview on pathophysiology, clinical consequences, and treatment. J Clin Med. 2020;10(1):29.
  6. Vandongen YK, Stacey MC. Graduated compression elastic stockings reduce lipodermatosclerosis and ulcer recurrence. Phlebology 2000;15(1):33–7. https://doi.org/10.1177/026835550001500106
  7. Ontario HQ. Compression stockings for the prevention of venous leg ulcer recurrence: a health technology assessment. Ont Health Technol Assess Ser. 2019;19(2):1–86.
  8. Kapp S, Miller C, Donohue L. The clinical effectiveness of two compression stocking treatments on venous leg ulcer recurrence: a randomized controlled trial. Int J Low Extrem Wounds. 2013;12(3):189–98.
  9. Nelson EA, Bell-Syer SEM. Compression for preventing recurrence of venous ulcers. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2014;2014(9).
  10. Moffatt C, Kommala D, Dourdin N, Choe Y. Venous leg ulcers: patient concordance with compression therapy and its impact on healing and prevention of recurrence. Int Wound J. 2009;6(5):386–93.
  11. van Gent WB, Catarinella FS, Lam YL et al. Conservative versus surgical treatment of venous leg ulcers: 10-year follow up of a randomized, multicenter trial. Phlebology 2015;30(1 Suppl):35–41. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25729066/
  12. Barwell JR, Davies CE, Deacon J et al. Comparison of surgery and compression with compression alone in chronic venous ulceration (ESCHAR study): randomised controlled trial. Lancet. 2004;363(9424):1854–9.
  13. Gohel MS, Barwell JR, Taylor M et al. Long term results of compression therapy alone versus compression plus surgery in chronic venous ulceration (ESCHAR): randomised controlled trial. BMJ 2007;335(7610):83–7. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17545185/
  14. Yin M, Shi H, Ye K et al. Clinical assessment of endovascular stenting compared with compression therapy alone in post-thrombotic patients with Iliofemoral obstruction. Eur J Vasc Endovasc Surg 2015;50(1):101-7. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25920630/
  15. Probst S, Bobbink P, Séchaud L et al. Venous leg ulcer recurrences – the relationship to self-efficacy, social support and quality of life – a mixed method study. J Adv Nurs 2021;77(1):367–75. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jan.14611
  16. O’Brien J, Finlayson K, Kerr G, Edwards H. Evaluating the effectiveness of a self-management exercise intervention on wound healing, functional ability and health-related quality of life outcomes in adults with venous leg ulcers: a randomised controlled trial. Int Wound J. 2017;14(1):130–7.
  17. Bar L, Brandis S, Marks D. Improving adherence to wearing compression stockings for chronic venous insufficiency and venous leg ulcers: a scoping review. Patient Prefer Adherence. 2021;15:2085–102.
  18. Robertson L, Lee AJ, Gallagher K et al. Risk factors for chronic ulceration in patients with varicose veins: a case control study. J Vasc Surg 2009;49(6):1490–8. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19497512/
  19. Kulprachakarn K, Nantakool S, Rojawat C et al. Effectiveness of combined conventional treatment with a tailored exercise training program on wound healing in patients with venous leg ulcer: a randomized controlled trial. J Tissue Viability. 2022;31(1):190–6.
  20. Mutlak O, Slam MA, Dfield NS. The influence of exercise on ulcer healing in patients with chronic venous insufficiency. Int Angiol 2018;37(2):160–7.
  21. Smith D, Lane R, McGinnes R et al. What is the effect of exercise on wound healing in patients with venous leg ulcers? A systematic review. Int Wound J. 2018;15(3):441–53.
  22. Parkyn W, Chan CY, van Rij A. Skin Problems in the Lower Legs of Morbidly Obese Patients and the Possible Role of Bariatric Surgery. J Obes Weight Loss Ther. 2014;4.
  23. Shaalan W, El Emam A, Lotfy H, Naga A. Clinical and hemodynamic outcome of morbidly obese patients with severe chronic venous insufficiency with and without bariatric surgery. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2021;9(5):1248-1256.e2. 
Autorin

Prof. Dr. med. Eva Maria Valesky
Goethe-Universität Frankfurt 
Universitätsmedizin Frankfurt, Klinik für Dermatologie 
Venerologie und Allergologie, Theodor-Stern-Kai 7 
60590 Frankfurt am Main
valesky(at)med.uni-frankfurt.de