Diagnose und Therapie von Haut- und Weichteilinfektionen
Der Beitrag beschreibt die Diagnose und Therapie von Haut- und Weichteilinfektionen, die sehr häufig in der Praxis vorkommen. Im deutschsprachigen Raum werden sie mit Begriffen wie Erysipel, Phlegmone, Abszess und Fasziitis bezeichnet. Aber auch diabetische Fußsyndrom wird im Beitrag behandelt.
22.01.2025
T. Karl
Teilen auf:
drucken
Gefällt mir
merken
ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(1): 20-26
Zusammenfassung
Haut- und Weichteilinfektionen sind eine vielfältige Gruppe von Erkrankungen, die häufig in der ambulanten und stationären medizinischen Praxis auftreten. Im deutschsprachigen Raum werden sie mit Begriffen wie Erysipel, Phlegmone, Abszess und Fasziitis bezeichnet, wobei Biss- und Verbrennungswunden sowie das diabetische Fußsyndrom (DFS) aufgrund ihrer speziellen Ursachen gesondert betrachtet werden. Die klinische Präsentation reicht von milden, lokal begrenzten Infektionen bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen. Komplizierte Infektionen erfordern neben einer antiinfektiven Therapie oft eine schnelle chirurgische Behandlung. Der Beitrag befasst sich mit Diagnose und Therapie von Haut- und Weichteilinfektionen sowie dem DFS.
Schlüsselwörter:Haut- und Weichteilinfektionen, Erysipel, Phlegmone, Fasziitis, diabetisches Fußsyndrom
Haut- und Weichteilinfektionen umfassen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, die zu den häufigsten Infektionen in der ambulanten und stationären Praxis gehören. Im englischsprachigen Sprachraum werden diese unter den Akronymen SSTI (skin and soft tissue infections), SSSI (skin and skin structure infections), cSSSI (complicated skin and soft tissue infections), nSTI (necrotizing skin and tissue infections) sowie ABSSSI (acute bacterial skin and skin structure infections) zusammengefasst. Im deutschsprachigen Raum werden überwiegend die Begriffe Erysipel, Phlegmone, Abszess und Fasziitis verwendet. Biss- und Verbrennungswunden und insbesondere auch das diabetische Fußsyndrom (DFS) werden aufgrund ihrer unterschiedlichen Ätiologie hiervon unterschieden. Weltweit finden sich zahlreiche Leitlinien, Klassifikationen, Expertenempfehlungen und Therapiealgorithmen, die in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht wurden. In der Vielzahl der Publikationen spiegelt sich die Herausforderung wider, der Komplexität der unter dem Begriff SSTI zusammengefassten, ätiologisch heterogenen Erkrankungen gerecht zu werden.
Die klinische Ausprägung reicht von harmlosen, lokal begrenzten oberflächlichen Infektionen bis hin zu Infektionen mit einem akut lebensbedrohlichen, foudroyanten Verlauf und hoher Letalität. Aus prognostischen, aber auch therapeutischen Aspekten wird zwischen komplizierten (schweren) und nicht komplizierten (leichten) Haut- und Weichteilinfektionen unterschieden. Da die üblichen serologischen Infektparameter unspezifisch sind, steht im Vordergrund eine genaue Anamnese und die klinische Untersuchung. Bildgebende Verfahren können ergänzend erfolgen, dürfen die dringlich notwendige operative Therapie aber nicht verzögern.
Komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen erfordern neben einer antiinfektiven Therapie eine rasche – bei der nekrotisierenden Fasziitis unverzügliche – chirurgische Behandlung, deren Zeitpunkt und Radikalität insbesondere bei der nekrotizierenden Fasziitis für die Prognose entscheiden sind.
Epidemiologie
Haut- und Weichteilinfektionen gehören zu den häufigsten Infektionen in der ambulanten Praxis und in Kliniken1. Die Inzidenz und Behandlungskosten von Haut- und Weichteilinfektionen nehmen weltweit zu, in Deutschland werden etwa 8,7 % der Sepsisfälle durch Haut- und Weichteilinfektionen hervorgerufen2. Die Inzidenz des Erysipels beträgt etwa 200 / 100.000 Personenjahren und ist damit einer der häufigsten Hautinfektionen3,4 mit einem saisonalen Zuwachs in den Sommermonaten.
Hingegen ist die nekrotisierende Fasziitis mit geschätzten 0,04 Fällen pro 1.000 Patientenjahre5 eine seltene Erkrankung mit jedoch steigender Inzidenz. In Deutschland werden geschätzt ca. 250 Krankheitsfälle pro Jahr beobachtet6.
Pathogenese und Erreger
Das Ausmaß, der Verlauf und die Prognose von Haut- und Weichteilinfektionen sind von verschiedenen Faktoren abhängig. Neben der Virulenz und Pathogenität der Erreger spielen Grund- und Vorerkrankungen und die Immunität eine entscheidende Rolle.
Als Erreger kommen sämtliche Mikroorganismen in Betracht. Überwiegend handelt es sich um bakterielle Erreger. Pilze, Viren und Parasiten sind die Ausnahme und betreffen überwiegend immunkompromittierte Patienten. Zu den häufigsten bakteriellen Erregern zählen Streptokokken, Staphylococcus aureus, Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli, aber auch Anaerobier. Mischinfektionen sind insbesondere beim diabetischen Fußsyndrom und der nekrotisierenden Fasziitis anzutreffen.
Haut- und Weichteilinfektionen werden in leichte und komplizierte Formen, diese wiederum hinsichtlich der Dringlichkeit der chirurgischen Therapie unterteilt7,8.
S.-aureus-Infektionen können in oberflächliche (follikulär gebundene bzw. nicht follikulär gebundene) und tiefe Pyodermien unterteilt werden. Von Ulzera oder Wunden ausgehende Weichgewebeinfektionen lassen sich zwar klinisch vom streptogenen Erysipel abgrenzen, werden aber ansonsten nicht einheitlich bezeichnet. In englischsprachigen Ländern ist die Bezeichnung „Cellulitis“ und im deutschsprachigen Raum der Begriff „Phlegmone“ gebräuchlich.
Schwere Phlegmonen sind wiederum von den als nekrotisierende Weichgewebeinfektionen (necrotizing skin and soft tissue infections, nSTI) bezeichneten Formen abzugrenzen. Hierzu zählen u. a. Myonekrose (Gasbrand), die nekrotisierende Fasziitis (inklusive der Fournier‘schen Gangrän) und der sekundär infizierte Spritzenabszess. Zusätzlich zu den genannten primären Hautinfektionen sind sekundäre Pyodermien und durch S.-aureus-Toxine bedingte lokale sowie nicht auf den Kolonisationsort begrenzte Erkrankungen (toxische epidermale Nekrolyse und Toxic-Shock-Syndrom) in die differentialdiagnostischen Überlegungen miteinzubeziehen9.
Klinisches Bild
Leitsymptom aller Haut- und Weichteilinfektionen ist die Rötung, die in unterschiedlicher Ausprägung vorliegen kann. Oftmals korreliert der klinische Befund nicht mit der tatsächlichen Ausdehnung der Infektion (Abb. 1).
Merke: Bei überproportional heftigen Schmerzen und ausgeprägtem Ödem, das über die Rötung hinausreicht, sollte unbedingt an eine nekrotisierende Fasziitis gedacht werden.
Mit oder auch bereits vor dem Erythem aufgetretenes Fieber und/oder Unwohlsein sind fast immer ein Hinweis für ein Erysipel. Das Kardinalsymptom des Erysipels ist die scharf begrenzte, hellrote Rötung. Bullöse und/oder hämorrhagische Hautveränderungen sollten an ein kompliziertes Erysipel, aber differentialdiagnostisch unbedingt auch an eine nekrotisierende Fasziitis denken lassen.
Eine eher dunkelrote-livide und unscharf begrenzte Rötung ist bei einer Phlegmone zu finden. Bestehen überproportional heftige Schmerzen und ein ausgeprägtes Ödem, besteht der dringende Verdacht auf eine nekrotisierende Fasziitis. Hierbei liegen oftmals bereits Blasen und Hautnekrosen vor, das Fehlen dieser schließt eine nekrotisierende Fasziitis ebenso wenig aus wie fehlende Krepitationen und Knistern, welche nur bei Anaerobier-Infektionen (Gasbrand) zu beobachten ist. Die häufigsten mit einer nekrotisierenden Fasziitis, aber auch mit anderen Haut- und Weichteilinfektionen assoziierten Komorbiditäten sind Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Adipositas und Hypercholesterinämie12. Weitere Risikofaktoren sind eine Niereninsuffizienz, periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) und die chronisch venöse Insuffizienz (CVI).
Diagnostik
Haut- und Weichteilinfektionen werden primär klinisch diagnostiziert. Eine mikrobiologische Diagnostik ist obligat. Abstriche sollten aus Wunden mit Infektionszeichen vor dem Beginn einer empirischen Antibiotikatherapie entnommen werden. Bei Ulzera, die länger als 30 Tage bestehen, bzw. tiefergehenden Wunden ist eine Biopsie oder eine Kürettage nach einer Reinigung der Wunde zur Gewinnung von Material zur mikrobiologischen Untersuchung vorzuziehen13. Bei systemischen Entzündungszeichen empfiehlt sich die (wiederholte) Entnahme von Blutkulturen.
Die Spezifität und Sensitivität von serologischen Parametern sind gering. Der Labor-Risikoscore für die nekrotisierende Fasziitis (LRINEC) wurde 2004 erstmals beschrieben14. Er basiert auf sechs gängigen Serumparametern: C-reaktives Protein > 150 mg/l (CRP), Leukozytenzahl > 15.000/μl, Hämoglobin < 13,5 g/dl, Serumnatrium < 135 mmol/l, Kreatinin > 1,6 mg/dl und Glukose > 180 mg/dl.
Borschitz et al. haben eine Erweiterung des LRINEC-Scores um vier klinische Parameter (Fieber, Schmerzen, Tachykardie und akute Nierenschädigung) vorgeschlagen15. Dennoch ist die Sensitivität der Scores gering, sie können die Diagnose daher nur stützen. Die Einleitung einer chirurgischen Therapie darf nicht von diesen Scores abhängig gemacht werden. In dubio hat eine chirurgische Exploration zu erfolgen!
Eine radiologische Schnittbildgebung mittels CT oder MRT kann hilfreich sein, dies darf aber insbesondere bei Verdacht auf nekrotisierende Fasziitis nicht zu einer Verzögerung der chirurgischen Therapie führen. Konventionelle Röntgenuntersuchungen liefern im Frühstadium keine richtungsweisenden Befunde16.
Sonographisch typische Befunde sind eine diffuse Verdickung des Subkutangewebes sowie eine Flüssigkeitsansammlung > 4 mm entlang der Faszien.
Diesen Beitrag finden Sie als Fortbildung zur kostenlosen Teilnahme auch hier:
Teilnahme
Die Teilnahme ist vom 17.01.2025 bis zum 16.01.2026 möglich!
Ausgeblendeter Inhalt
Bitte erteilen Sie Ihre Cookie-Zustimmung, um alle Inhalte unserer
Website sehen und vollumfänglich nutzen zu können.
Wir erheben und verarbeiten Ihre Daten auf dieser Website, um besser zu verstehen, wie sie verwendet wird. Wir holen hierfür immer Ihre Einwilligung ein. Sie können Ihre Datenschutzeinstellungen hier ändern.
Sie haben noch kein Benutzerkonto?
Jetzt kostenlos registrieren und von Ihrem Mitgliedsstatus profitieren: