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Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie, Pädiatrie, Medizin, Kaffeepause Dermatologie, Pädiatrie, Allgemein- & Innere Medizin Kaffeepause, HAUT
Medizingeschichte

Pädiatrische Kasuistiken im Corpus Galenicum, Teil 2

Die häufigsten Erkrankungen von Kindern, mit denen sich der griechisch-römische Arzt Galen von Pergamon (129 – 215/ 216 n. Chr.) konfrontiert sah, waren Fieber, traumatische Läsionen, Tonsillitis, Lähmungen, Delir und Epilepsie. Die Ausführungen zur Wahl der Therapie zeigen: Dem Arzt der Antike standen für die Behandlung der kranken Kinder kaum spezifische Maßnahmen zur Verfügung.


11.02.2025
W. Golder
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Zitierweise: HAUT 2025; 36 (1): 44-46

Aderlass – kein Kinderspiel (VII)

Aus: Allgemeine Behandlungslehre V 7 (K X 334-335)

Wir beobachteten nämlich bei Frauen und Kindern sowohl fest verwachsene als auch allseits von wucherndem Fleisch umgebene Arterien, und zwar sowohl an der Stirn als auch am Knöchel und am Handgelenk. So ähnlich war es auch bei einem Bauern­jungen, der im Frühling zur Ader gelassen werden sollte, wie es in unserer Bevölkerung üblich ist. Als nämlich der Arzt, der den Aderlass durchführen wollte, den Arm abgebunden hatte, kam es dazu, dass sich die Arterie krümmte und er sie anstelle der Vene inzidierte. Der Schnitt war zwar nur klein, aber das blasse, feine und warme Blut schoss pulsierend heraus. Und der Arzt, der noch jung war und mit der Technik keine Erfahrung hatte, glaubte, er habe die Vene getroffen. Als ich und ein anderer älterer Arzt sahen, was passiert war, besorgte ich ein blutstillendes Pflaster, legte die Schnitt­ränder einander an, trug anschließend die Arznei auf und deckte sie mit ganz weichem Schaum ab. Als sich der Kollege, der in die Arterie geschnitten hatte, über meine Art der Behandlung wunderte, verließen wir die Wohnstatt des Patienten und ich erklärte ihm meine Taktik. Ich trug ihm zudem auf, den Verband weder in meiner Abwesenheit noch vor dem vierten Tag abzunehmen, sondern ihn so zu belassen, wie er war, und nur den Schwamm immer wieder zu befeuchten. Nachdem wir am vierten Tag beobachtet hatten, dass sich der verklebte Spalt etwas gelockert hatte, verwendeten wir das gleiche Mittel nochmals. Dadurch kam es zum Wundverschluss, der sich auch nach vielen Tagen nicht löste. Allerdings war dieser Junge der einzige Patient, bei dem die Inzision in der Ellenbeuge ausheilte; bei den anderen entwickelte sich ein mal mehr, mal weniger großes Aneurysma.

Fieber und Schweiß – schlingernde Prognosen (VIII)

Aus: Schrift an Epigenes über die ­Prognostik X (K XIV 651-655)

Sextus also, der Sohn des Antoninus*, erkrankte so schwer, dass es den Anschein hatte, als ob er den siebten Tag ohne eine plötzliche Wende nicht überleben werde… Was mit ihm passieren könnte, erkannte ich am vierten Tage und teilte diese Prognose auch dem Kammerdiener Peitholaos mit, der mich um Aufklärung gebeten hatte. Er wandte sich mit dieser Frage an mich, da er wusste, dass ich mir viele Prognosen zutraute, zu denen selbst die weisesten Ärzte nicht fähig gewesen waren. Ich lachte und gab ihm zur Antwort, dass die Krankheit nicht über den siebten Tag hinaus fortschreiten könne und die Wende auf jeden Fall am sechsten oder siebten Tag eintreten werde. Wenn sie am sechsten Tag eintrete, sei mit einem Rezidiv zu rechnen, wenn am siebten, werde die Wende dauerhaft und auf jeden Fall mit Schweiß verbunden sein. Als die Wende dann am sechsten Tag eingetreten war, wusch sich Sextus, so streitsüchtig wie er war und um zu beweisen, dass es gar nicht zur Wende gekommen war, jeden Tag und trank auch keinen Wein, sondern nur noch Gerstengrütze, mal ohne und mal mit einem Stück Brot. Oft gab er sich auch mit Brot zufrieden, das in Wasser eingeweicht worden war. Diese Ernährungsweise hielt er bis zum zwölften Tag durch und rühmte sich, damit meine Prognose ad absurdum geführt zu haben. Am 13. Tag zur dritten Stunde trank er dann eine kleine Menge verdünnten Weins und gestaltete die gesamte Ernährungsweise etwas üppiger als zuvor, freilich ohne die grundsätzliche Zurück­haltung aufzugeben. Als er aber am Folgetag, dem insgesamt 14. Krankheitstag, wieder zu fiebern begann, ließ er mich darüber nicht informieren, weil er annahm, es werde nicht so schlimm werden und nicht länger als einen Tag anhalten. Nachdem das Fieber aber im weiteren Verlauf stetig zunahm, machte sich Claudius Severus, der gerade in sein nahegelegenes Haus zurückgekehrt war und von dem Rückfall erfahren hatte, zu ihm auf und fand ihn tatsächlich in hoch fieberhaftem Zustand vor. Da fragte er zunächst, welche Meinung ich denn wohl über den Ursprung des Rezidivs hätte. Als dann die Wahrheit ans Licht kam, nämlich dass Sextus mich aus Rechthaberei nicht hatte informieren lassen, forderte mich Claudius persönlich auf, ans Krankenbett zu kommen. Auf die Frage nach meiner Meinung zu dem Rückfall gab ich zur Antwort, was ich vorher schon dem Sextus gesagt hatte, nämlich dass das starke Fieber noch drei Tage anhalten und danach zurückgehen, die Wende also am 17. Tag eintreten werde. Diese Nachricht hörte er gern und fasste rasch Hoffnung auf baldige Genesung. Jeder hat diesen Wunsch und glaubt fest daran, dass es so kommen werde. Auch Severus schöpfte Vertrauen und glaubte an meine Vorhersage über die Rettung des Sextus. An den Termin, an dem er endgültig von der Krankheit befreit sein sollte, aber glaubte er nicht, weil er es für schwierig hielt, sichere Aussagen über den Verlauf innerhalb der nächsten vier Tage zu machen, ohne die nächsten 24 Stunden abzuwarten. Aus diesem Grund gab er frühmorgens den Angehörigen des Sextus den Auftrag, mich zu rufen und mich aufzufordern, nach der Visite dann bei ihm vorbeizukommen. Das tat ich auch und bekam dort die Frage zu hören, ob ich bei der Prognose von gestern bliebe oder sie geändert habe. Als ich zur Antwort gab, die Vorhersage vom Vortag habe sich mehr als bestätigt, rief er mich nach dem Frühstück wiederum zu sich und wollte noch einmal wissen, ob ich an meiner Vorhersage über die Wende in der Erkrankung des Sextus festhalte. Da bekam er von mir zu hören, dass die Überzeugung heute sogar noch stärker sei als gestern. Nachdem er die gleiche Frage am zweiten Tag noch einmal stellte, gab ich zur Antwort, keine der Aussagen habe sich als haltlos erwiesen, vielmehr sei noch ein weiteres Argument hinzugekommen. Und als er an diesem Punkt nachhakte, bekam er die Auskunft, dass am 17. Tag, und zwar genau um zwei Uhr nachts, der rettende Schweißausbruch einsetzen werde…

* Sextus Quintilius Condianus, Konsul (180 n. Chr.)

Die Mandelentzündung des Prinzen Commodus (IX)

Galenische Fallberichte (I-IX)

Die Übersetzungen der neun ausgewählten Fallbeschreibungen stammen vom Verfasser und wurden ausschließlich für diesen Beitrag angefertigt. Im Sinne der guten Lesbarkeit werden manche antike Termini in einer modernen Version wiedergegeben. Das Kürzel „K“ bezeichnet die Position des Texts innerhalb der trotz ihres Alters (Erscheinungszeitraum: 1821 – 1833) noch heute viel verwendeten 20-bändigen (I-XX) Ausgabe der Werke Galens von Karl Gottlob Kühn, Leipzig5.

Aus: Schrift an Epigenes über die ­Prognostik XII (K XIV 661-662)

Zur achten Stunde – er war eben aus der Ringschule zurückgekommen, hatte aber noch nicht gegessen – bekam Commodus** hohes Fieber. Ich tastete den Puls und hatte den Verdacht auf eine Entzündung. Als Peitholaos*** dies hörte, sprach er mich an und wollte wissen, ob die Entzündung der Mandeln die Pulsunregelmäßigkeit ausgelöst habe; keine andere Region des Körpers sei nämlich entzündet. Dann öffnete er dem Kind den Mund und ließ mich hineinsehen. Da die Region rau und ziemlich gerötet erschien, die Entzündung aber nicht zu einer außergewöhnlichen Schwellung geführt hatte, fragte ich, wer dem Jungen ein Mittel gegeben habe, das zu einer Schrumpfung geführt habe, die stärker ausgeprägt sei, als dem Kind guttue. Als Peitholaos zur Antwort gab, er selbst sei es gewesen, der Commodus mit einer Mischung aus Honig und Rhus**** eingerieben habe, gab ich die Anweisung, auf Honigsaft und abgekochte Rosen überzugehen und sich auf diese Mischung zu beschränken, sie aber die Nacht über, dann den ganzen nächsten Tag und auch in der folgenden Nacht jeweils mehrfach anzuwenden. Am frühen Morgen des dritten Tages, als sich die Zeichen der Entzündung vollständig zurückgebildet hatten und der Junge nahezu fieberfrei war, gab ich dem Peitholaos dann den Rat, ihn in das Bad neben dem Kinderzimmer zu bringen, der Wanne reichlich Wasser zu entnehmen, alle erkrankten Körperteile zu benetzen, den Kopf aber mit Wasser geradezu zu überschütten…

** Sohn Mark Aurels, römischer Kaiser (180 – 192 n. Chr.)

*** Kammerdiener am Hofe Mark Aurels

**** Sumach, Färberbaum

Analyse

Den Fallbeschreibungen des Corpus Galenicum schenkt die historische Forschung seit langem große Aufmerksamkeit – und dies, obwohl mancher der Texte zu den wissenschaftlich weniger bedeutsamen Passagen innerhalb der einzelnen Schriften gerechnet wird. Die lange Liste der Analysen und Kommentare zu den Kranken­geschichten und thematisch verwandten Abschnitten demonstriert eindrucksvoll, dass die Fallbeschreibungen als Favoriten unter den Sujets der galenischen Realien­forschung gelten und für Biografie, Medizin- und Sozialgeschichte bis ins Detail ausgewertet wurden und werden1.

Es liegt in der Natur persönlicher Mitteilungen des Arztes, dass Fallbeschreibungen wie die in den Werken Galens in der Regel unter der fehlenden Bestätigung durch andere Gewährsleute oder unabhängige Quellen leiden. Die meisten der von ihm beschriebenen Erkrankungen hat Galen selbst diagnostiziert, die meisten der von ihm erwähnten Behandlungen selbst durchgeführt oder miterlebt. Kasuistiken, die er aus zweiter und dritter Hand erhalten hat, sind in der Minderzahl. Weder hat man die Tätigkeitsberichte Galens aus seiner beruflichen Praxis später in nennenswertem Umfang zitiert oder kommentiert, noch kennt man die Quellen der Sekundär­anekdoten in allen Details. Immerhin unterscheidet Galen ausdrücklich und systematisch zwischen eigenen Leistungen und denen seiner Kollegen. Das Bemühen um diese Art der Differenzierung ist ein nicht unwichtiger allgemeiner Hinweis auf die Glaubwürdigkeit der autobiografischen Angaben innerhalb der Kasuistiken. In manchen Fällen dominieren hingegen die Argumente, die eher Skepsis nähren und Anlass zu einer zurückhaltenden Beurteilung geben4.

Viele Medizinhistoriker haben aus einem offenkundigen Urvertrauen heraus eine Reihe von Details der beruflichen Tätigkeit, die Galen festgehalten und literarisch verarbeitet hat, bereitwillig in den Fundus ihres Quellenmaterials integriert. Bei der Fülle und Vielfalt der Beschreibungen und Deutungen schienen gewisse Übertreibungen und manche eindeutig zweckbestimmte Passagen nicht so ins Gewicht zu fallen, dass man die Seriosität der historischen Analyse insgesamt bedroht sah. Systematische Verzerrungen in der Darstellung der Fakten hatte man Galen jedenfalls nicht nachweisen können. Die Forschung sah also keinen Grund, sich von punktueller Schönfärberei davon abhalten zu lassen, unter den literarischen Fassaden nach den historischen Fundamenten zu suchen. Wenn man das Corpus Galenicum aus diesem Blickwinkel betrachtet, sind die rhetorischen Eskapaden nicht ein Hindernis, sondern vielmehr eine zusätzliche Herausforderung an die Analyse und kritische Beurteilung der Fallberichte und ihres Beitrags zur Karriere Galens. Die Aufmerksamkeit galt folgerichtig zunächst der örtlichen und zeitlichen Zuordnung der Kasuistiken zu den Stationen in Galens Leben und der Präzisierung der biografisch bedingten Unterschiede und Entwicklungslinien. Im Zuge dieser Untersuchungen konnten die Merkmale der pergamenischen und der römischen Praxistätigkeit herausgearbeitet werden. Danach wandte man sich der soziologischen Differenzierung der Patienten und der Beurteilung der aktiv und passiv in die Behandlungsfälle eingebundenen ärztlichen Kollegen zu. Erschöpfend untersucht worden sind die Übereinstimmungen und Widersprüche zwischen den Ansichten Galens und denen der Wett­bewerber über die Diagnose, Therapie und Prognose der zahlreichen beschriebenen Krankheitsbilder. So wurde auch immer wieder unter Berufung auf medizinische Experten verschiedener Fachrichtungen versucht, die antiken Krankheitsbezeichnungen mit den modernen Krankheits­namen abzugleichen, um auf diese Weise an die nosologischen Kenntnisse des modernen Lesers zu appellieren – obwohl das Prinzip der retrospektiven- bzw. Paläodiagnostik von vielen Seiten immer wieder in Frage gestellt wird.

Fazit für die Praxis

Die Lektüre der Fallberichte zeigt, dass Galen sowohl eine Autorität auf dem Gebiet der Kinderheilkunde als auch ein in der römischen Öffentlichkeit angesehener Praktiker war. Die pädiatrischen Kasuistiken erlauben unerwartete Einblicke in den Grenzbereich zwischen Physiologie, Therapie und medizinischer Ethik. Aber auch wenn Galen in seinen Patientenberichten die systematische Beobachtung vorbildlich gepflegt hat, ist es ihm nicht gelungen, damit ein generell anwendbares Schema für die literarische Präsentation diagnostischer, therapeutischer und prognostischer Mitteilungen zu schaffen. Umso lohnender ist der Vergleich der Kasuistiken Galens mit denen sowohl seiner Vorgänger als auch der Zeitgenossen und Nachfolger in der Medizin der griechisch-römischen Antike.


Teil 1 des Beitrags finden Sie hier: Pädiatrische Kasuistiken im Corpus Galenicum - Der niedergelassene Arzt

1. Boudon-Millot V. Greek and Roman patients under Galen`s gaze: a doctor at the crossroads of two cultures. Stud Anc Med 2014;42:7-24.

2. Marx FJ. Galen von Pergamon (129-216/217 n. Chr.) und sein Beitrag zur Urologie. Teil II: Urologische Behandlung in Theorie und Praxis. Urologe 2013;A 52:706-715.

3. Mattern SP. Galen and the rhetoric of healing. Baltimore 2008.

4. Mattern S. Galen and his patients. Lancet 2011;378:P478-479.

5. Schubring K. Bemerkungen zu der Galenausgabe von Karl Gottlob Kühn und zu ihrem Nachdruck. Bibliographische Hinweise zu Galen. Sonderdruck aus Claudii Galeni Opera omnia, tom. 1965;XX (Konrad Schubring) Hildesheim. I – LXII.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Dr. phil. Werner Golder
23 rue de l` Oriflamme
F-84000 Avignon / Frankreich
E-Mail: werner.golder(at)outlook.de 

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