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Buchtipp

„Hypersexed und Overporned?“

Wie stark ist die Hypersexualisierung in Medien & Co.? Interview mit einem der Autoren von „Hypersexed und Overporned? Erfahrungen zwischen Lust & Leid“.


28.02.2025
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Sex-Selfies in den sozialen Medien, digitale Darstellungen von sexualisierter Gewalt, Sexualisierung in Marketingstrategien: Sind das nur einige Beispiele für eine bedenkliche Hypersexualisierung und Pornografisierung unserer Gesellschaft? Unter der Leitung von Prof. Dr. Kurt Möller haben Studierende der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege, im Rahmen eines Projekts das Buch „Hypersexed und Overporned? Erfahrungen zwischen Lust & Leid“ verfasst; der Interviewband ist beim Verlag Hirnkost erschienen. 

Hypersexualisierung in den Medien – Interview

Wir haben Fragen zur Hypersexualisierung in den (Sozialen) Medien an Prof. Dr. Möller gestellt. Im Interview gibt er einen Rundumblick auf das Thema und erläutert zudem, was der Prozess der Hypersexualisierung für den ärztlichen Versorgungsbereich bedeuten kann.

Interviewpartner

Prof. Dr. Kurt Möller

Kurt.Moeller@hs-esslingen.de

Ist das Thema „Hypersexed und Overporned“ ein generationen­spezifisches Thema und existiert es im Wesentlichen auf und in Sozial Media-Dimensionen?

Sexualisierungen und deren Zuspitzung als Hypersexualisierung und Pornografisierung – also Belegung von Dingen, Sachverhalten, Lebewesen, Aktionsweisen und Personen mit mehr oder weniger expliziten sexuellen Konnotationen – erfahren wir vielerorts. Besonders häufig fallen sie aber wohl in bestimmten Medien, etwa in Musik-Videos, im (nicht nur Spät-)Programm privater TV-Sender und auf Internetseiten, oder bei Werbestrategien ins Auge.

Hier werden dann etwa vom Verwendungskontext her völlig sexualitätsferne Gegenstände wie Motorräder, Autos, Werkzeuge oder Pralinen mithilfe von (meist nackter oder kaum bekleideter) Models, Minenspiel, Gesten etc. mit einschlägigen Attraktivitätsassoziationen aufgeladen und zu verkaufen gesucht. Diese Tendenzen greifen mithin weitaus breiter um sich als nur auf Social Media.

Sicherlich handelt es sich auch nicht nur um etwas Generationenspezifisches. Zwar sind die in sexualisierten Zusammenhängen auftauchenden Personen zum Großteil junge Menschen, die von ihnen Adressierten finden sich aber in allen Altersklassen.

Allerdings ist insbesondere das „world wide web“ zunehmend zum globalen Umschlagplatz von (Hyper-)Sexualisierungen und Pornografie geworden. Umso mehr gilt es, gerade die bekanntlich besonders internetaffinen nachwachsenden Generationen für einen adäquaten Umgang damit zu qualifizieren.

Sind Frauen und Männer unterschiedlich „unterwegs“ bei dieser Thematik?

Bekanntlich werden Frauen und Mädchen ganz deutlich häufiger als Jungen und Männer sexualisiert dargestellt. Dies geschieht – nicht nur im Feld der Porno­grafie – offensichtlich vor allem, um Angehörige des männlichen Geschlechts auf diese Weise anzusprechen und als Konsumenten zu gewinnen.

Aber auch zahlreiche Frauen und Mädchen selbst orientieren sich an den so transportierten Bildern vom eigenen Geschlecht und sehen sich persönlich unter Druck, ihnen gerecht werden zu müssen, um als attraktiv wahrgenommen werden zu können. Gerade jüngere Frauen und Mädchen geraten damit in Selbstinszenierungszwänge, die bis hin zu Essstörungen und schönheitschirurgischen Eingriffen reichen können.

Wo sehen sie Möglichkeiten, Chancen und Lösungsmöglichkeiten?

Da Medienzensur demokratischen Prinzipien widerspricht und das Jugendschutzrecht spätestens dort nicht mehr greift, wo zum einen – wie dies heute der Fall ist – der Zugang zu Pornografie im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht über ein paar Clicks erfolgen kann und zum anderen die medialen Angebote über nationale Grenzen hinweg gestreut werden, kommen wir nicht umhin, den Umgang mit Sexualisierungen und Pornografie vorrangig als Erziehungs- und Bildungsaufgabe zu verstehen. Es bedarf schlichtweg mehr Pornokompetenz. Darunter verstehe ich ein bestimmtes Teilsegment von Medienkompetenz, nämlich jenes, das – kurz gesagt – auf die Entwicklung der Fähigkeit zielt, die Ökonomisierung des Sexuellen durchschauen, ihre sexuellen Inszenierungen als ebensolche und nicht als die Abbilder von Realitäten erkennen und sich vor dem Hintergrund des eigenen sexuellen Begehrens sowie seiner ethischen Einbindung persönlich dazu ins Verhältnis setzen zu können. Und wir brauchen soziale Einrichtungen und Schulen, die ebendas vermitteln.

Gibt es Bedarf, auch im ärztlichen Versorgungsbereich solche Thematik/Problematik und deren Folgen bekannter zu machen?

Ich bin kein Mediziner, aber aus meiner Perspektive des Sozialwissenschaftlers sehe ich einen solchen Bedarf auf mehreren Gebieten.

Um nur einige neben den damit verbundenen allgemeinen Herausforderungen gesundheitlicher Aufklärung, etwa „safer sex“, zu nennen: Pornosucht wird im ICD-11 seit einigen Jahren als zwanghaftes Sexualverhalten eingestuft. Auch niedergelassene Ärzte sollten darum wissen und an adäquate Hilfen, wie etwa Psychotherapie und Selbsthilfegruppen, weitervermitteln können. Essstörungen sind vor dem Hintergrund von Sexualisierungen zu sehen. Pädo- und Hebephilie bzw. entsprechende -sexualität, die sich z. T. auch im Konsum von Kinder- und Jugendpornografie, besser: von fotorealistischen Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, niederschlägt, ist eine ICD-Diagnose.

Zur Behandlung gibt es unter anderen ein Projekt wie „Kein Täter werden“ an der Charité und zum Austausch Betroffener auch Selbsthilfegruppen wie z. B. „Gemeinsam statt allein“. Hinzu kommt aber auch, dass es Menschen gibt, die nicht oder nur kaum als Trägerinnen oder Träger sexueller Rechte wahrgenommen werden: Menschen mit Behinderung. Ihnen bei Bedarf Zugänge zu Sexualassistenz bzw. Sexualbegleitung zu vermitteln, kann auch als ärztliche Aufgabe gesehen werden – spätestens dann, wenn sie als Patientinnen und Patienten um Rat fragen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Beratungsangebote für Frauen (und Männer)
Hypersexed und Overporned? Erfahrungen zwischen Lust & Leid

Einblick in den Klappentext:

„Sex-Selfies als Social-Media-Trend, frauenfeindliche Rap- und Partysongs zum Mitgrölen, (…) digitale Darstellungen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch von Kindern, Cybermobbing und -grooming, Herabwürdigung und sexuelle Ausbeutung per Dating-Apps und Unmengen von kinderleicht zugänglichen Pornoangeboten im Internet … alles Anzeichen für eine bedenkliche Hypersexualisierung und Pornografisierung unserer Gesellschaft? (…)

Dieses Buch sucht Antworten. Im Schwerpunkt nicht aus wissenschaftlicher Außenperspektive, sondern aus der authentischen Innensicht von unmittelbar Beteiligten an derartigen Prozessen: von Leuten, die ihr Brot im Sexgeschäft verdienen, von Personen, die den Pornomarkt als Konsumentinnen und Konsumenten erleben, von Menschen, die Lust, aber auch Leid dabei erfahren, und von solchen, die mit all dem klarzukommen scheinen und sich zu helfen wissen.“

300-seitiges Hardcover für 32 Euro auf der Webseite des Hirnkost Verlags oder im Buchhandel erhältlich. Die ISBN-Nummer der Printausgabe lautet 978-3-98857-027-7. Der Band erscheint in Kürze als eBook.

Leseprobe unter https://shop.hirnkost.de

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