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Pilzforschung

Pilze im Gesundheitscheck

Sind Pilze gesund? Sie schmecken fantastisch auf Pizza oder im Risotto, bilden Grundlagen für manche Antibiotika und sind gleichzeitig aber selbst für viele unerfreuliche Krankheiten verantwortlich. PD Dr. Christiane Baschien spricht über die ambivalente Rolle der Organismen im menschlichen Leben.


25.02.2025
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Fliegenpilz, Steinpilz, Schimmelpilz, Hautpilz – Pilze kommen genau wie Pflanzen und Tiere überall auf der Erde vor. Sie sind Jedoch weder der Pflanzen- noch der Tierwelt zuzuordnen, sondern bilden ihr eigenes Reich. Hier können sie keine eigene Energie produzieren, sondern ernähren sich durch den Abbau von organischem Material wie Laub oder leben als Parasiten auf Pflanzen, Tieren oder auch anderen Pilzen. Damit erfüllen sie wichtige Funktionen im Ökosystem.   

Pilze wachsen aber nicht nur zum romantischen Sammeln im Wald, sondern auch weniger erwünscht im heimischen Kühlschrank oder auf menschlicher und tierischer Haut. So zeigt sich für “Pilze im Gesundheitscheck”: Einerseits helfen Pilze bei der Herstellung mancher Lebensmittel und einiger Medikamenten. Andere Pilze machen uns jedoch krank. Die Pilzforscherin PD Dr. Christiane Baschien verrät im Interview, warum Pilze Fluch und Segen zugleich sein können, warum der Mensch ohne sie nicht auskommt und welcher ihr Lieblingspilz ist. Sie ist Kuratorin am Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung für Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH und leitet die Arbeitsgruppe Gesundheitsrelevante Pilze. Außerdem ist sie Lehrbeauftragte für Mikrobiologie an der Technischen Universität Braunschweig.

Viele denken bei Pilzen entweder an Champignons oder an gefährliche Schimmelpilze. Doch Pilze gibt es in etlichen Formen. Wo finden wir überall Pilze?

Pilze finden wir wirklich überall. Was wir als Pilz auf dem Waldboden sehen, ist oft nur der Fruchtkörper des Pilzes. Diesen bildet er, wenn es im Herbst kälter wird und die Feuchtigkeit steigt. Pilze, mit Ausnahme der Hefen, sind eigentlich alle fadenförmig. Das Geflecht ihrer Fäden, das Myzel, liegt zum Beispiel im Wald unter der Erde. Über ihre Wurzeln leben 80 % aller Landpflanzen in Symbiose mit diesen unterirdischen Pilzen. Diese Symbiose, Mykorrhiza genannt, erfüllt eine sehr wichtige Funktion: Die Pilze helfen den Pflanzen bei der Wasserversorgung und erleichtern ihnen die Aufnahme von Nährstoffen. Im Gegenzug erhalten die Pilze von der Pflanze Zucker aus der Photosynthese. Mykorrhiza ist ein wichtiger Vorgang, der Pflanzen widerstandsfähiger macht, etwa gegen Schädlinge und eine sich verändernde Umwelt. 

Pilze sind nicht nur allgegenwärtig, sondern auch sehr vielfältig: Es gibt Schimmelpilze auf dem Brot, an der Wand, aber auch solche, die in der Lebensmittelindustrie nützlich sind. Schimmelpilze können zum Beispiel Zitronensäure produzieren oder sind Teil verschiedener Gärungsprozesse. Pilze sind auch die Destruenten unserer Welt. Das heißt, sie bauen organisches Material ab – auch komplexes organisches Material wie Holz oder Laub. Ohne Pilze würden die Stoffkreisläufe in unseren Wäldern und Gewässern nicht funktionieren. Denn die Pilze sind die Basis: Mit ihrem speziellen Enzymbesteck zerkleinern sie das organische Material, bevor die Energie in der Nahrungskette zum Beispiel an Bakterien und andere Mikroorganismen weitergegeben werden kann.

Pilze im Gesundheitscheck: Gerade Schimmelpilze gelten gemeinhin als gesundheitsschädlich. Wie können Pilze unseren Alltag und unsere Gesundheit unterstützen?

Schimmelpilze können gesundheitsschädlich sein. Sie kommen in schlecht sanierten Wohnungen oder auch auf Lebensmitteln vor. Dazu gibt es Hautpilze, die bei etwa 30 Grad Celsius wachsen. Und wenn es ganz schlimm kommt und das eigene Immunsystem geschwächt ist, können Pilze den Menschen besiedeln. Pilze können aber auch Pflanzen „befallen“ und verursachen so weltweit jedes Jahr Milliardenschäden an Nutzpflanzen. Sie erschweren so auch die Nahrungsmittelproduktion. 

Andererseits stellen wir aus bestimmten Pilzen auch Antibiotika her, um damit Krankheiten zu bekämpfen, zum Beispiel Penicillin. Pilze sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken: Unsere „Lieblingshefe“ heißt Saccharomyces cerevisiae. Sie liefert uns CO2 als Treibmittel beim Backen von Brot und Kuchen oder vergärt für uns den Alkohol in Bier und Wein. Auch bei der Käseherstellung kommen Pilze zum Einsatz. Berühmt ist der Camembert, bei dem Penicillium camemberti nach der Reifung sozusagen die Schutzschicht um den Käse bildet. Diese Schutzschicht verhindert, dass andere Mikroorganismen in den Käse eindringen können und macht ihn haltbarer. 

Natürlich kann man Pilze auch einfach so essen. Sie sind eine gute Proteinquelle und eine Alternative, wenn man auf Fleisch verzichten möchte. Es gibt eine Vielzahl von Speisepilzen, die auch gezüchtet werden können. Außerdem werden Sekundärmetabolite von Pilzen untersucht, die als Nahrungsergänzungsmittel nützlich sein könnten. Dazu gibt es wenig Forschung und viele Fehlinformationen diesbezüglich im Internet. Da wäre ich sehr vorsichtig. Es gibt aber viel wichtigere Forschungsprojekte, in denen Sekundärmetabolite von Pilzen untersucht werden, die zum Beispiel in der Krebstherapie eingesetzt werden könnten.

Wie sind Sie zum Thema Pilze gekommen?

Schon lange vor meinem Studium bin ich mit dem Thema Pilze in Berührung gekommen, da ich mich schon immer für die Natur interessiert habe. Als Jugendliche fielen mir Pilze als die “andere” Gruppe auf - keine Pflanzen, keine Tiere. Sie waren ein bisschen geheimnisvoll und das fand ich spannend. Im Studium habe ich dann versucht, so oft wie möglich Mykologie zu belegen, was in Berlin nicht so einfach war. Dann habe ich als studentische Hilfskraft an der TU Berlin angefangen, mich mit Bodenpilzen zu beschäftigen. An diesen habe ich auch in meiner Masterarbeit geforscht. 

Und zur DSMZ?

Zunächst war ich viele Jahre an der Universität. Dort habe ich promoviert und schon damals über aquatische Pilze geforscht, was auch heute noch mein Forschungsschwerpunkt ist. Nach der Promotion habe ich kurz in der Industrie gearbeitet, in einem Umweltlabor, das sich mit Schimmelpilzen beschäftigt hat. Dort habe ich die Molekularbiologie aufgebaut und bin nach acht Monaten als Postdoc an die TU Berlin zurückgekehrt. Ich war ein Jahr an einer Universität in den USA (South Carolina) und habe mich dort habilitiert. Nach meiner Rückkehr stellte mich das Umweltbundesamt ein und ich blieb für fast vier Jahre. Im Wesentlichen war ich dort für gesundheitsrelevante Pilze – Schimmelpilze – zuständig. Allerdings war mir die Arbeit im Umweltbundesamt oft zu wenig forschungsorientiert. Als dann eine Projektstelle beim Leibniz-Institut DSMZ ausgeschrieben wurde, habe ich mich beworben und die Stelle bekommen. Danach die Kuratorenstelle. Und jetzt bin ich seit zehn Jahren an der DSMZ.

Woran forschen Sie momentan?

Mein Lieblingsthema sind die aquatischen Pilze. Ich bin Taxonomin für aquatische Pilze und interessiere mich sowohl für ihre Stammesgeschichte (Phylogenie) als auch für ihre Ökologie. Am Leibniz-Institut DSMZ forsche ich hauptsächlich in Kooperationen, zum Beispiel mit dem Umweltbundesamt oder der Universität Landau. Ich habe aber auch eigene Forschungsprojekte. Aktuell betreue ich Doktorarbeiten in der Taxonomie, in denen Multilokus-Analysen und Phylogenomik durchgeführt werden. So soll die Verwandtschaft und die Evolution aquatischer Pilze untersucht werden. 

Aquatische Pilze sind die ersten Pilze, die das Laub zersetzen, wenn es ins Wasser fällt. Sie zersetzen die Blätter, die aus Zellulose und Pektin bestehen, wodurch die Blätter etwas „wobbelig“, also etwas weicher werden. Wenn die Blätter weich genug sind, können kleine Krebstiere, die „Schredder“, wie sie in der Ökologie genannt werden, die Blätter fressen. Und die „Schredder“ fressen die Pilze gleich mit, so haben sie eine Proteinquelle. Deshalb sind die aquatischen Pilze für den Stoffkreislauf in den Gewässern ausgesprochen wichtig. 

Unsere Arbeitsgruppe erforscht zum Beispiel auch welchen Einfluss die Anwendung von Fungiziden auf die Stoffkreisläufe in Fließgewässern hat. Wenn Fungizide auf einer Wein- oder Obstbaumplantage angewendet werden, dann gelangen sie in Fließgewässer. Wir schauen uns an, was das mit den Pilzgemeinschaften macht: Verändern sich die Pilzgemeinschaften? Wird weniger Laub abgebaut? Werden die Schredderkrebse vergiftet?

Was sollte man über Pilze wissen?

Dass Pilze weder Tiere noch Pflanzen sind, sondern ein eigenes Reich innerhalb der Organismen bilden. Dass Pilze nicht nur schlecht sind, sondern auch viele positive Eigenschaften haben. Und dass man vor Pilzen keine Angst haben muss. Einige Pilze schmecken außerdem gut.

Was ist Ihr Lieblingspilz und warum?

Eigentlich handelt es sich um eine Gruppe von Pilzen, nämlich die aquatischen Pilze. Sie sehen ganz besonders aus. Um sich im Wasser an Blätter heften zu können, haben sie Sporen, die sogenannten Staurosporen, die mehrfach verzweigt sind. Die Sporen der aquatischen Pilze haben schöne charakteristische Formen und sind auch relativ groß, etwa zwischen 20 bis 300 Mikrometern. Daher sind sie gut unter dem Mikroskop zu erkennen.

Was fasziniert Sie an Pilzen am meisten?

Der Hallimasch zum Beispiel hat ein Myzel, das im Dunkeln leuchten kann. Durch das Enzym Luciferase leuchtet es grün wie Glühwürmchen. Diese verwenden das gleiche Enzym zum Leuchten. Und dann sieht man im nächtlichen Wald einen pilzbewachsenen Baumstumpf, der leuchtet. Das ist faszinierend. Mich fasziniert auch, was Pilze alles können – Pilze sind unglaublich vielfältig und werden auch unglaublich vielfältig genutzt. Wenn man sieht, wie sie überall in unseren Stoffkreisläufen dafür sorgen, dass unsere Welt so aussieht, wie sie aussieht, dann ist das einfach faszinierend.


Interviewpartnerin: PD Dr. Christiane Baschien

Quelle: Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH

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