ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(2): 52-53
Was ist Kaltplasma?
Kaltplasma ist ein hochreaktives, elektrisch leitfähiges (= ionisiertes) Gas mit vielfältigen Eigenschaften und biologisch aktiver Wirkung. Es entsteht durch Energiezufuhr zu einem Gas/Gasgemisch (z. B. Argon, Helium, Sauerstoff, Stickstoff, Luft oder deren Mischung). Wesentliche Wirkkomponenten im Kaltplasma sind reaktive Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen sowie UV-A- und UV-B-Licht und ggf. hochenergetische elektrische Felder. Letztlich handelt es sich um einen Cocktail wirksamer Bestandteile. Definitionsgemäß ist Kaltplasma nicht wärmer als die Körpertemperatur.
In der Bewertung der Ergebnisse aus Studien und Fallberichten ist zu beachten, dass es verschiedene Geräte auf dem Markt gibt, die nicht unmittelbar zu vergleichen sind, da jeder Einsatz variable Einflussgrößen aufweist wie z. B. unterschiedliche Gase, Raumluft, Feuchtigkeit und Beschaffenheit der Hautoberfläche.
Was kann Kaltplasma?
Kaltplasmaanwendung
- senkt klinisch relevant die Bakterienlast von infizierten Wunden,
- ist dabei nicht von Nebenwirkungen begleitet,
- kann bei chronischen, therapierefraktären Wunden die Geschwindigkeit der Wundflächen- und Wundtiefenreduktion im Placebo-Vergleich klinisch relevant steigern,
- kann in diesem Zusammenhang die Lebensqualität verbessern.
Welche Einsatzgebiete für Kaltplasma ergeben sich aus der Wirkung?
Entsprechend der S2k-Leitlinie „Rationaler therapeutischer Einsatz von kaltem physikalischem Plasma“ werden genannt (1):
- Therapie schlecht heilender chronischer Wunden inkl. postoperativer Wundinfektionen
- Behandlung erregerbedingter Hauterkrankungen
- Behandlung mikrobiell infizierter Haut-, Schleimhaut-, Wund- und Tumoroberflächen
- (Therapie akuter Wunden/Transplantate)
In der Literatur beschrieben sind außerdem Anwendungen in folgenden Fachbereichen und Indikationen
- Dermatologie:
- Pilzinfektionen an Haut und Nägeln
- Entzündliche Hauterkrankungen wie Rosazea, Akne, atopisches Ekzem, Psoriasis
- Aktinische Keratosen
- Zahnheilkunde: Parodontitis
- Chirurgie: Desinfektion von chirurgischen Operationsfeldern und Instrumenten
- HNO: chronische Sinusitiden und Tonsillitiden
- Pneumologie: COPD und Asthma
- Gastroenterologie: Gastritis, Colitis ulcerosa
Gegenstand der Forschung ist der Einsatz von Kaltplasma bei Krebserkrankungen. Hier ist allerdings die geringe Reichweite von Kaltplasma begrenzend.
Was ist zu beachten in der Anwendung von Kaltplasma?
Patienten sollten für die Anwendung von Kaltplasma eingehend aufgeklärt und informiert werden, da es sich um ein innovatives Behandlungsverfahren handelt. Eine Musteraufklärung findet sich z. B. im Anhang der Leitlinie. Die Kaltplasmatherapie ersetzt nicht die phasengerechte Wundtherapie sowie das ggf. ergänzend notwendige Debridement der Wundfläche. Kaltplasma ist als Add-on-Therapie zu verstehen, um die Wundheilung zu unterstützen und zu beschleunigen.
Die Kosten für die Anwendung von Kaltplasma werden bisher nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Bei privaten Versicherungen ist nach unserer Erfahrung eine Anwendung bei chronischen Wunden unproblematisch. Bei anderen Einsatzgebieten empfiehlt sich vorab eine Anfrage bei der privaten Krankenkasse. Hier fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus.
Die Durchführung der Kaltplasmaanwendung ist – nach entsprechender Schulung und Einweisung – delegationsfähig. Die Durchführung der Behandlung unterscheidet sich dabei bei den verschiedenen Gerätetypen und Indikationen. Hier sind die entsprechenden Hinweise des Herstellers zu beachten. Eine Oberflächenanästhesie oder Kühlung der Behandlungsregion ist für die Anwendung von Kaltplasma nicht erforderlich.
Bei welchen Personen sollte keine Kaltplasmaanwendung erfolgen?
- Jeder Hersteller hat hier eine eigene Liste an Kontraindikationen. Entsprechend der Fa. Cinogy werden für PlasmaDerm als Kontraindikationen genannt:
- Patienten mit aktiven, implantierten Medizinprodukten, z. B. Herzschrittmachern, Defibrillatoren
- Patienten mit Herzrhythmusstörungen
- Patienten, die einen Myokardinfarkt im Zeitraum ≤ 6 Monate erlitten haben
- Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz
- Patienten mit elektrisch leitenden Implantaten
- Patienten, die unter epileptischen Anfällen leiden
- Schwangere
- Patienten unter 18 Jahren
Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?
Es sind keine schweren unerwünschten Ereignisse oder Nebenwirkungen bekannt.
In seltenen Fällen sind zu beobachten Kribbeln im Behandlungsareal, Erytheme (als Folge der gesteigerten Mikrozirkulation), Wundschmerz bei/nach erster Anwendung und ggf. auch anschließend eine gesteigerte Sekretion der Wunde.
Bei Anwendung in der Augen- und Mund–Nasenregion sollte besondere Vorsicht eingehalten werden:
- Bei intraoraler Applikation z. B. in der HNO- oder in der Zahnheilkunde kann ggf. eine Schmerzreaktion empfunden werden, wenn die Zahnoberfläche oder der Zahnhals berührt werden.
- Bei intraoraler Anwendung sollte eine Absaugung genutzt werden (CAVE: Ozon).
- Bei Anwendung in der Nähe der Augen sollte das Sehorgan durch Abdeckung geschützt werden.
Entsprechend der Leitlinie sind gravierende unerwünschte Nebenwirkungen wie Krebsentstehung oder genotoxische und mutagene Wirkungen im Zusammenhang mit Kaltplasma nicht publiziert.
Fazit für die Praxis
Die meiste Erfahrung besteht in der Anwendung bei chronischen Wunden:
- Kaltplasma ist eine sichere, nebenwirkungsarme, die Kausaltherapie unterstützende Behandlung der therapieresistenten chronischen oder komplizierten akuten Wunde unterschiedlicher Genese z. B. arteriell, venös, traumatisch, diabetisch, neuropathisch.
- V. a. auch bei Patienten mit Problemkeimen und Therapieresistenz geeignet zur Beschleunigung der Wundheilung
- Kostenübernahme ambulant bisher nur durch private Kassen, gesetzliche Krankenversicherungen und Berufsgenossenschaften auf Einzelfallanfrage
Einsatz auch bei anderen entzündliche Hauterkrankungen möglich:
- Kostenübernahme hier auch bei privaten Kassen schwierig
Therapie mittels Heimgerät möglich (Leihgerät oder Kaufgerät)