Liste unverzichtbarer Wirkstoffe gegen Arzneimittelengpässe
Mit einer Liste mit mehr als 600 unverzichtbaren Wirkstoffen in der Inneren Medizin möchte die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) eine Diskussionsgrundlage liefern, um weitere Engpässe vorzubeugen.
Arzneimittelengpässe von medizinischen Wirkstoffen stellen ein großes Problem im Gesundheitssystem dar. Gerade die daraus resultierenden Versorgungsprobleme wirken sich schnell auf Patientinnen und Patienten aus: sie müssen dann meist Alternativen anderer Hersteller einnehmen, auf die ihr Körper jedoch noch nicht eingestellt ist. Mehr als 3 Millionen gesetzlich Versicherte waren Ende 2024 laut einer Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung von Lieferengpässen bei Medikamenten betroffen.
Mit einer Auflistung von unverzichtbaren Wirkstoffen in der Inneren Medizin möchte die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) nun gemeinsam mit ihren Schwerpunktgesellschaften eine Diskussionsgrundlage liefern, damit die Gesundheitspolitik sowie die Industrie weitere Engpässe vorbeugen können.
Vorbeugung gegen Arzneimittelengpässe
„Auch in der Behandlung internistischer Erkrankungen kommt es immer wieder zu Versorgungsengpässen notwendiger Medikamente“, erläutert Professor Dr. med. Tilman Sauerbruch, der die Aufstellung federführend begleitet hat. „Dies hat uns dazu veranlasst eine Liste der Wirkstoffe zu erstellen, die für die Innere Medizin unverzichtbar sind.“
In der Auflistung wurden solche Stoffe aufgenommen, die in aktuellen Leitlinien empfohlen oder von den Schwerpunktgesellschaften als versorgungsrelevant klassifiziert werden, sofern sie bisher keinen Eingang in Leitlinien erfuhren. Sie wurde in Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und dem Institut für Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover erarbeitet und soll regelmäßig aktualisiert werden. Die Ausgangsbasis stellte die Liste der versorgungsrelevanten Wirkstoffe des BfArM dar.
Liste mit mehr als 600 Wirkstoffen
Mehr als 600 Wirkstoffe haben die Expertinnen und Experten der DGIM und der 11 Schwerpunktgesellschaften zusammengetragen. Diese sind nach Wirkstoffname geordnet und mit weiteren Eigenschaften aufgelistet wie Wirkmechanismus/Arzneistoffgruppe, klinisch gebräuchliche Bezeichnung, ATC-Code. Zudem ist gekennzeichnet, ob die Wirkstoffe aus Autorenbetrachtung versorgungsrelevant oder versorgungskritisch seien (ja/nein). Einen Auszug daraus finden Sie in der folgenden Tabelle:
| Wirkstoff | System | Wirkmechanismus/Arzneistoffgruppe | Klinisch gebräuchliche Bezeichnung | ATC-Codes | versorgungs-relevant | versorgungs-kritisch |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1,25-DIHYDROXY-COLECALCIFEROL | Vitamine | Förderung der Aufnahme von Calcium und Phosphat aus der Nahrung | aktives Vitamin D3 | A11CC | ||
| ABACAVIR/ LAMIVUDIN | Antivirale Wirkung | Nukleosidanaloga, Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTIs) und Hemmung HBV-Polymerase, Hep B / HIV | antiretrovirale Mittel, HIV-Mittel, Nukes | J05AR | ja | ja |
| ABARELIX | Releasing-Hormone (Hypothalamus) | Gonadotropin-Releasing-Hormon-Rezeptor-Antagonisten (GnRHR-Antagonisten) | Therapie des Prostatakarzinoms, Antiandrogene Therapeutika | L02BX | nein | nein |
| ABATACEPT | Immunsystem | CD80/86-CD28-Interaktionsinhibitoren | biologische Antirheumatika | L04AA | ja | ja |
| … | … | … | … | … | … | … |
Eine Diskussionsgrundlage schaffen
„Mit der Liste möchten wir eine datenbasierte Diskussionsgrundlage für Fachkreise, Gesundheitspolitik und Industrie und für gezielte Maßnahmen schaffen, um Lieferengpässen möglichst vorzubeugen“, erklärt Professor Dr. med. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM.
Seit mehr als einem Jahr steht die DGIM dazu im Dialog mit dem BfArM. Anlass zur Erstellung der Auflistung gab auch das im Jahr 2023 verabschiedete Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG), welches viele in der Inneren Medizin relevante Medikamente nicht primär adressiert.
Arzneimittelengpässe: eine gemeinsame Verantwortung
„Die Identifizierung unverzichtbarer Wirkstoffe ist ein erster Schritt – nun müssen konkrete Maßnahmen folgen“, betont Professor Dr. med. Jan Galle, Vorsitzender der DGIM.
Eine verlässliche Medikamentenversorgung sei nur durch Kooperation aller Akteure – von den Fachgesellschaften über die Industrie bis zur Politik – zu gewährleisten. Die DGIM setzt sich daher für eine enge Zusammenarbeit ein, um die Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten.
Die Liste unverzichtbarer Wirkstoffe steht ab sofort auf der Website der DGIM zum Download zur Verfügung. Sie wird kontinuierlich in Abstimmung mit den internistischen Schwerpunktgesellschaften und dem BfArM aktualisiert.
Zur DGIM-Wirkstoffliste: https://www.dgim.de/veroeffentlichungen/dgim-wirkstoffliste/
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM)