Infantile Amnesie: Ist der Hippocampus doch früher aktiv als gedacht?
Die infantile Amnesie beschreibt das Phänomen fehlender Kindheitserinnerungen in den ersten Lebensjahren. Neue Forschungsergebnisse stellen die bisherige Annahme infrage, dass ein unreifer Hippocampus dafür verantwortlich sein könnte.
Unsere ersten Erinnerungen an Erlebnisse fangen nicht bei der Geburt an. Die infantile Amnesie beschreibt dieses Phänomen der fehlenden Kindheitserinnerungen in den ersten Lebensjahren.
„Erklärt wurde die frühkindliche Amnesie bisher damit, dass die Hirnstrukturen – und hier insbesondere der Hippocampus, der für die episodische Gedächtnisbildung eine zentrale Rolle spielt – in diesem frühen Alter noch nicht voll funktionsfähig sei und die erlebten Episoden nicht richtig aufnehmen, also enkodieren, könne“, so Prof. Dr. Jan Born, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie, Eberhard Karls Universität Tübingen.
Das episodische Gedächtnis ist dafür verantwortlich, persönliche Erlebnisse langfristig zu erinnern. „Episodische Erinnerungen bestehen aus drei Komponenten: das Was, das Wo und das Wann. Es ist die relationale Bindung dieser drei Komponenten, die jede episodische Erinnerung einzigartig macht: Was ist wem, wo und wann passiert?“, erklärt Prof. Dr. Pamela Banta Lavenex, Dekanin der Fakultät Psychologie, FernUni Schweiz, Brig, Schweiz.
Infantile Amnesie doch keine Folge eines unreifen Hippocampus?
Um die unklaren Mechanismen hinter fehlenden Kindheitserinnerungen zu erklären, haben die Forschenden 26 Kinder im Alter von 4 bis 25 Monaten untersucht – eine Hälfte jünger und die andere Hälfte älter als ein Jahr. Durch funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten sie die Hirnaktivitäten der Kinder darstellen. Während der Untersuchung zeigten sie ihnen mehrere Bilder in Folge. Nach durchschnittlich einer Minute wurden in einem nachfolgenden Test Bilderpaare gezeigt: ein bereits gezeigtes und ein neues. Wenn die Kinder dem alten Bild mehr Aufmerksamkeit schenkten, war dies ein Indikator für ein Erinnern. Bei Kindern, die sich an Bilder erinnerten, zeigte der Hippocampus beim allerersten Sehen eines dann später erinnerten Bildes eine verstärkte Aktivität – im Vergleich zu Bildern, die dann vergessen wurden.
Das soll laut Studie ein Hinweis dafür sein, dass die Erinnerung beim ersten Sehen enkodiert wurde. Diese Aktivität trat nur bei Kindern, die über ein Jahr alt waren, auf und zeigte sich besonders im hinteren Teil des Hippocampus. Die Forschenden schließen aus ihren Ergebnissen, dass das Speichern durch den Hippocampus ab ungefähr einem Jahr möglich sei und daher die Gründe für die infantile Amnesie nicht beim Abspeichern, sondern bei nachfolgenden Gedächtnisprozessen liegen müssten.
„Die aktuelle Studie zeigt, dass Kleinkinder wahrscheinlich bereits ab dem ersten Lebensjahr den Hippocampus für die Enkodierung erlebter Episoden nutzen. Die Befunde sprechen damit gegen die landläufig vorgetragene Sichtweise, dass die infantile Amnesie Folge eines unreifen Hippocampus ist", so Prof. Born.
Fachleute warnen vor Überinterpretation der Ergebnisse
Trotz der interessanten Ergebnisse habe die Studie ihre Grenzen, darauf weisen Fachleute aus dem Bereich der Neurowissenschaften wie auch Prof. Born hin. So lasse die geringe Stichprobengröße (n=26) nur begrenzte Rückschlüsse zu. „Auch muss man sich im Klaren sein, dass es sich bei der auftretenden Aktivierung des Hippocampus während der Enkodierung der Bilder nur um einen rein zeitlichen Zusammenhang handelt. Das heißt: Es könnte durchaus sein, dass die Hippocampusaktivierung eine reine ‚Begleiterscheinung‘ ohne ursächliche Bedeutung für die Enkodierung ist.“
“Bei der Interpretation der Ergebnisse der aktuellen Studie ist Vorsicht geboten”
Prof. Pamela Banta Lavenex
Auch Prof. Lavenex rät vor einer Überinterpretation ab: „Bei der Interpretation der Ergebnisse der aktuellen Studie ist Vorsicht geboten: Sie können weder als Schlussfolgerung herangezogen werden, dass einjährige Kinder episodische Erinnerungen erzeugen können, noch können sie zeigen, wann oder wie episodische Erinnerungen bei Kleinkindern entstehen. Tatsächlich gibt es aktuell keine bildgebenden oder verhaltensbezogenen Belege dafür, dass der menschliche Hippocampus vor dem Alter von etwa zwei Jahren das erzeugen kann, was wir als Erwachsene als episodische Erinnerungen kennen, wie die Autoren selbst im letzten Absatz des Manuskripts einräumen: ‚Whether the encoding capacity of the infant hippocampus extends beyond items to include the contextual and relational information central to rich autobiographical memories is an open question‘.“
Zudem eröffnen die Ergebnisse neue Fragen: „Wenn Erinnerungen aus der frühen Kindheit zwar enkodiert, aber später nicht abgerufen werden können, was passiert dann mit ihnen? Verbleiben sie ein Leben lang in einem latenten Zustand?“, so Prof. Lavenex. In ihrem Labor möchte sie sich nun Nagetiermodellen zuwenden, die einen der infantilen Amnesie ähnlichen Prozess durchlaufen und für Studien besser zugänglich sind, um diese Antworten zu finden.
weitere Informationen
Yates TS et al. (2025): Hippocampal encoding of memories in human infants. Science. DOI: 10.1126/science.adt7570.
weitere Expertenstatements finden Sie beim Science Media Center
www.sciencemediacenter.de/angebote/erste-erinnerungen-bei-kleinkindern-25057
Quelle: Science Media Center
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