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Allgemein- & Innere Medizin, Infektiologie, Kardiologie, Medizin Allgemein- & Innere Medizin Allgemein- & Innere Medizin, Biofaktoren, Immunsystem
Atemwegsinfekte

Biofaktoren und ihr Einfluss auf das Immunsystem

Besonders in Zeiten erhöhter Infektionszahlen stellt sich die Frage, welche Biofaktoren wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente für ein funktionsfähiges Immunsystem von Bedeutung sind. In dem folgenden 2-Blicke-Beitrag gehen Prof. Dr. med. Hans Georg Classen und Prof. Dr. med. Klaus Kisters von der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. auf die möglichen Ursachen für eine Immunschwäche ein und beleuchten die Rolle der Biofaktoren Zink und Vitamin D.


04.04.2025
D. Birkelbach
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Interviewpartner
Bild von Prof. Dr. med. Klaus Kisters

Prof. Dr. med. Klaus Kisters

Stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)

Prof. Kisters, sprechen wir über den Nutzen von Vitamin D für das Immunsystem.

Kisters: Gerne. Bei Vitamin D geht es nicht nur um Knochenstoffwechsel und Osteoporose-Prävention. Der Biofaktor wird mittlerweile vor allem in Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen, Typ-2-Diabetes, Krebserkrankungen und chronischen Infektionen diskutiert. Vitamin D reguliert sowohl die angeborene als auch die adaptive Immunabwehr, aktiviert sowohl Teile des humoralen als auch des zellulären Abwehrsystems und schwächt die Wirkung entzündungsfördernder Zytokine ab. In den Immunzellen befinden sich spezifische Vitamin-D-Rezeptoren. Durch Modulation des Immunsystems können durch zellulären Stress ausgelöste Entzündungsprozesse gehemmt und die Bildung von Immunzellen, die Reparaturprozesse unterstützen, angeregt werden.

Gibt es Studien, die den Nutzen von Vitamin D bestätigen?

Kisters: Aus Beobachtungsstudien wissen wir, dass ein Vitamin-D-Mangel das Risiko für Immunstörungen und Entzündungen erhöht, dass also Menschen mit unzureichendem Vitamin-D-Spiegel anfälliger für Atemwegserkrankungen wie Grippe oder Erkältungen sind. So zeigte eine Metaanalyse, dass Probanden mit niedrigem Vitamin-D-Status über 80 % häufiger unter Infekten litten im Vergleich zu Probanden mit guter Vitamin-D-Versorgung. Interventionsstudien wiesen nach, dass eine Vitamin-D-Supplementierung zum Ausgleich eines Mangels helfen kann, Infektionen vorzubeugen oder deren Symptome zu lindern. Eine Metaanalyse an knapp 11.000 Studienteilnehmern zeigte, dass in den Vitamin-D-Gruppen signifikant weniger Infekte auftraten. Die positiven Effekte des Biofaktors sind in der Regel dann zu beobachten, wenn die Probanden auch tatsächlich unter einem Vitamin-D-Mangel leiden.

Welche Risikogruppen für einen solchen Vitamin-D-Mangel sind denn bekannt?

Kisters: Neben schwangeren und stillenden Frauen und Säuglingen sind gerade ältere Menschen gefährdet, einen Vitamin-D-Mangel zu entwickeln. Etwa ab dem 60. Lebensjahr nimmt die körpereigene Vitamin-D-Synthese ab. Zum einen ist der Gehalt der Vorstufe 7-Dehydrocholesterol in der Haut vermindert, zum anderen sinken Leber- und Nierenleistung, um aktives Vitamin D, das Calcitriol, zu bilden. Zudem kann es durch eine ungenügende Sonnenexposition und bei Menschen mit dunkler Hautfarbe zu einer ungenügenden Vitamin-D-Synthese über die Haut kommen. Der Vitamin-D-Status kann auch durch chronische Resorptionsstörungen vermindert sein, z .B. bei Mukoviszidose, Morbus Crohn, Zöliakie und Lebererkrankungen. Bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz wird renal mehr Vitamin D ausgeschieden und weniger aktives Vitamin D gebildet. Auch können bestimmte Arzneimittel zu sogenannten Vitamin-D-Räubern werden. Dazu finden Ihre Leser ausführliche Informationen auf der Webseite unserer Gesellschaft. Auch ein Magnesiummangel kann einen Vitamin-D-Mangel bedingen, da die beiden Biofaktoren synergistisch im Körper agieren: Magnesium fungiert als Cofaktor für die Umwandlung der inaktiven zur aktiven Vitamin-D-Form; andererseits fördert Vitamin D die intestinale Magnesiumresorption.

Welche Tagesdosis an Vitamin D ist zu empfehlen?

Kisters: Im Einklang mit der wissenschaftlichen Datenlage empfiehlt sich eine Supplementierung zwischen 1.000 bis 4.000 IE Vitamin D. Dies ist nicht nur hinsichtlich einer möglichen Hypervitaminose D zu berücksichtigen. Wir wissen: Vitamin D ist fettlöslich. Auch in Studien wie in der zitierten Metaanalyse zeigte sich, dass eine tägliche Supplementierung in den genannten Tagesdosen zu einem signifikant besseren Ergebnis führte im Vergleich zu selten verabreichten Bolusgaben. Bei Patienten mit Resorptionsstörungen oder Adipositas und um eine rasche Korrektur eines Vitamin-D-Mangels zu erreichen, können in den ersten vier bis zwölf Behandlungswochen höhere Vitamin-D-Dosen bis zu 6.000 IE pro Tag eingesetzt werden. Diese Empfehlung wurde im Rahmen eines internationalen Expertenkonsens veröffentlicht, an dem Prof. Stefan Pilz von der Universität Graz, ebenfalls Mitglied unseres wissenschaftlichen Beirates, beteiligt war.

Vielen Dank, Prof. Kisters, für das Interview.

Interviewpartner

Prof. Dr. med. Hans Georg Classen

Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)

Herr Prof. Classen, welche Patienten sind besonders gefährdet, eine Immunschwäche zu entwickeln?

Classen: Zunächst einmal zählen ältere Menschen zu den Risikogruppen. Der Alterungsprozess verschont eben auch das körpereigene Immunsystem nicht. Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs, viralen Infektionen wie HIV oder Ep­stein-Barr-Virus, aber auch einer Nieren- und Leberinsuffizienz leiden ebenfalls häufig unter einer sekundären Immunschwäche. Dies geschieht durch die Erkrankung selbst sowie durch die eingesetzten Arzneimittel – allen voran durch Immunsuppressiva. Außerdem kann eine ungesunde Lebensweise mit chronischem Stress, Schlafmangel, erhöhtem Konsum von Genussgiften oder zu wenig körperlicher Aktivität eine Immunschwäche nach sich ziehen. Und dann sollten wir natürlich an das Thema Fehl- und Mangelernährung denken: Häufige und einseitige Diäten, besondere Ernährungsweisen wie vegetarische oder vegane Kost, Nahrungsmittelaversionen oder der übermäßige Konsum industriell verarbeiteter Lebensmittel können das Risiko einer Malnutrition erhöhen und langfristig die Immunabwehr beeinträchtigen. Bei Patienten mit chronischen Erkrankungen oder im höheren Alter sind zusätzlich Geschmacks-, Kau- und Schluckstörungen sowie Inappetenz zu berücksichtigen, genauso wie psychisch-kognitive Einschränkungen und Arzneimittelnebenwirkungen. Alle diese Faktoren sind mitverantwortlich für die Entstehung einer Mangelernährung und einer daraus resultierenden Immunschwäche. Und bei einer solchen Mangelernährung fehlt es den Patienten nicht nur an Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten. Es kann auch zu einem Defizit an essenziellen Biofaktoren wie Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen kommen.

Auch Zink spielt im Zusammenhang mit der Immunabwehr eine Rolle. Warum ist der Biofaktor so wichtig?

Classen: Zink wirkt als Kofaktor in zahlreichen enzymatischen Prozessen und ist entscheidend für die Entwicklung und Aktivierung von Immunzellen. Der Biofaktor moduliert die angeborene sowie die adaptive Immunantwort. Ein Zinkmangel kann zu einer verminderten Immunantwort führen, die durch eine reduzierte Aktivität von T-Zellen, B-Zellen und dendritischen Zellen gekennzeichnet ist. Außerdem unterstützt Zink die Phagozytose durch Makrophagen und neutrophile Granulozyten, indem es die Aktivität von Enzymen wie der Superoxiddismutase und anderen antioxidativen Mechanismen zur Infektionsbekämpfung fördert.

Wie äußert sich ein Zinkmangel im Hinblick auf die Immunfunktion?

Classen: Studien wiesen nach, dass ein Zinkmangel zu einer Dysregulation des Immunsystems führt, was chronische Entzündungen fördert und das Risiko für Infektionen vor allem der oberen Atemwege erhöht. Frühzeitig und in hoher Dosis eingenommen, kann Zink zum Beispiel die Dauer und Schwere von Erkältungen reduzieren. Es hemmt das Eindringen von Rhinoviren in die Schleimhäute, indem es die Funktion von Virus-Rezeptoren stört. Wichtig: Die positiven Effekte sind in der Regel dann zu beobachten, wenn betroffene Patienten tatsächlich unter einem Zinkmangel leiden.

Welche Zinkdosis hat sich bewährt?

Classen: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät zu einer täglichen Zinkaufnahme von 10 mg für Männer und 7 mg für Frauen. Allerdings gelten diese Empfehlungen für gesunde Menschen. Bei Erkrankungen und so auch bei einer Zinkmangel-bedingten Immunschwäche und häufigen Infektionen sind oft höhere Dosen nötig – so das Fazit vieler Studien. Hier werden meist Tagesdosen von 25 mg Zink, gelegentlich über einen definierten Zeitraum auch mehr, eingesetzt. Solche Tagesdosen decken sich mit dem Tolerable Upper Intake Level (UL) von 25 mg Zink. Der UL gibt die höchste sichere Tagesdosis an, bei der auch bei lebenslanger Zufuhr keine gesundheitlichen Störungen zu erwarten sind.

Vielen Dank, Prof. Classen, für das Interview.

Weitere Informationen, beispielweise zur Labordiagnostik der hier genannten Biofaktoren, finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für Biofaktoren unter www.gf-biofaktoren.de.

Autorin

Dr. rer. nat. Daniela Birkelbach

Gesellschaft für Biofaktoren e. V.
www.gf-biofaktoren.de
E-Mail daniela.birkelbach(at)gf-biofaktoren.de