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Allgemein- & Innere Medizin, Medizin, Schmerztherapie, Neurologie Allgemein- & Innere Medizin, Neurologie Biofaktoren, Nervensystem
Interview

Was bewirken Vitamin D und Magnesium bei Migräne?

Neben schulmedizinischen Arzneimitteln spielen auch einzelne Biofaktoren wie Vitamin D und Magnesium eine Rolle in der Prävention und Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne. Welche genau, erläutern Prof. Klaus Kisters und Prof. Hans Georg Classen von der Gesellschaft für Biofaktoren im Interview.


17.04.2025
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Experte
Portrait von Prof. Kisters

Prof. Dr. med. Klaus Kisters

Stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)

“Vitamin D kann bei Kopfschmerzen auf verschiedene Weise wirken.”

 

Herr Prof. Kisters, bitte geben Sie vorab einige Hinweise zu den möglichen Ursachen von Kopfschmerzen oder Migräne.

Kisters: Zunächst einmal gilt es zwischen primären und sekundären Schmerzen zu unterscheiden. Primäre Kopfschmerzen treten ohne zugrunde liegende Erkrankung auf und umfassen neben Spannungskopfschmerzen, die am häufigsten und meist beidseitig auftreten, auch die Migräne. Bei Migräne kommt es typischerweise zu starken, pulsierenden Schmerzen, die oft nur eine Seite des Kopfes betreffen. Migräne kann durch Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Ebenfalls zu den primären Formen zählen die Cluster-Kopfschmerzen. Diese treten zwar seltener auf, sind aber sehr intensiv und schmerzhaft und können mitunter mehrere Wochen andauern. Der Schmerz ist meist einseitig und konzentriert sich um das Auge und die Schläfe.

Sekundäre Kopfschmerzen hingegen entstehen als Folge einer primären Erkrankung oder einer Verletzung. Denken wir beispielsweise an traumatische Kopfverletzungen, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumore, Infektionen wie Meningitis oder Sinusitis, Hypoglykämie oder zervikogene Kopfschmerzen.

An dieser Stelle gleich ein wichtiger Punkt: Es versteht sich natürlich von selbst, dass Biofaktoren nur bei den primären Ursachen von Kopfschmerzen eine Rolle spielen können. Und von der Datenlage her sind wiederum Spannungskopfschmerzen und Migränekopfschmerzen am besten untersucht.

Welche Faktoren können Kopfschmerzen und Migräne auslösen oder begünstigen?

Kisters: Kopfschmerzen können durch viele Faktoren ausgelöst werden, die von Muskelverspannungen über chronischen Stress bis hin zu hormonellen Veränderungen, besonders bei Frauen, reichen. Migräne ist eine spezielle Form des Kopfschmerzes, bei der die genauen Ursachen nicht vollständig geklärt sind. Neben einer genetischen Prädisposition gibt es verschiedene Hypothesen über neurologische und vaskuläre Mechanismen. Bei Migräne verändert sich die Gehirnaktivität und es kommt zu einer Erweiterung der Blutgefäße im Gehirn, was zu den typischen Schmerzen führt. Als Migräne-Trigger gelten Stress und hormonelle Schwankungen, aber auch Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel oder Wetterumschwünge. Extreme Gerüche, grelles Licht oder laute Geräusche können ebenfalls Migräneanfälle begünstigen.

Welche Biofaktoren können einen Nutzen bei Kopfschmerzen und Migräne zeigen?

Kisters: Neben Magnesium, auf das mein Kollege Prof. Classen eingehen wird, gibt es Hinweise, dass auch Vitamin D eine Rolle in der Prävention und Behandlung dieser Erkrankungen spielen könnte. Vitamin D kann bei Kopfschmerzen auf verschiedene ­Weise wirken. Zum einen besitzt es entzündungshemmende Eigenschaften, die dabei helfen, entzündliche Prozesse im Gehirn zu reduzieren, die Migräne und andere Kopfschmerzen verstärken. Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel kann diese Entzündungen fördern und so die Häufigkeit und Intensität von Kopfschmerzen erhöhen. Außerdem beeinflusst Vitamin D die Schmerzmodulation im Gehirn, indem es auf Schmerzrezeptoren und Neurotransmitter wie beispielsweise Serotonin wirkt, die die Schmerzwahrnehmung steuern. Ein Mangel an Vitamin D kann daher die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und zu stärkeren Kopfschmerzen führen. Schließlich spielt Vitamin D eine Rolle bei der Regulierung des Kalziumhaushaltes in den Nervenzellen. Ein Mangel kann die Erregbarkeit der Nerven steigern, was insbesondere Spannungskopfschmerzen begünstigen kann.

Gibt es Studien, die den Zusammenhang zwischen Vitamin D und Migräne belegen?

Kisters: Ja, diesbezüglich sind positive Hinweise bekannt. Beobachtungsstudien zeigen, dass Migränepatienten häufig unter einem Vitamin-D-Mangel leiden. Ebenfalls sind Interventionsstudien publiziert worden, bei denen eine Vitamin-D-Supplementierung die Migränefrequenz verminderte. Auch wird vermutet, dass Vitamin D die Schwelle für einen Migräneanfall erhöhen kann, indem es, wie bereits erwähnt, entzündungsfördernde Prozesse dämpft und die Schmerzempfindlichkeit im Nervensystem reguliert.

Experte

Prof. Dr. med. Hans Georg Classen

Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB)

“Magnesium zeigt Effekte auf die Schmerzhäufigkeit und Schmerzintensität bei Migräne und Spannungskopfschmerz.”

 

Prof. Classen, lassen Sie uns über den Nutzen von Magnesium bei Kopfschmerzen und Migräne sprechen.

Classen: Gerne. Wie mein Kollege Prof. Kisters bereits für das Vitamin D beschrieben hat, gibt es Hinweise, dass bei Kopfschmerz- und Migränepatienten häufig auch ein Magnesiummangel vorliegt bzw. dass ein niedriger Magnesiumspiegel mit einer erhöhten Anfälligkeit für Spannungskopfschmerzen und Migräne in Verbindung steht. Dieser Zusammenhang kann folgendermaßen erklärt werden: Magnesium ist ein wichtiger Biofaktor und Mineralstoff, der neben weiteren Aufgaben auch für die Funktion der Nerven erforderlich ist. Als zentraler Mechanismus gilt die Modulation der NMDA-Rezeptoren im Nervensystem. Diese sind unter anderem für die Schmerzübertragung zuständig. Eine übermäßige Aktivierung der NMDA-Rezeptoren kann die neuronale Erregbarkeit erhöhen und die Schmerzwahrnehmung verstärken, was zu chronischen Schmerzen wie beispielsweise Migräne führen kann. Magnesium blockiert die NMDA-Rezeptoren und dämpft so die Schmerzwahrnehmung. Darüber hinaus reduziert Magnesium die Freisetzung proinflammatorischer Substanzen, die bei der Schmerzentstehung eine Rolle spielen. Nicht zuletzt beeinflusst Magnesium den Serotoninhaushalt, der ebenfalls bei Migräne eine Rolle spielt, und stabilisiert den Blutdruck.

Gibt es auch bei Magnesium Studien, die diese Zusammenhänge bestätigen?

Classen: Es konnte tatsächlich in zahlreichen Studien nachgewiesen werden, dass ein Magnesiummangel mit einer erhöhten Anfälligkeit für Spannungskopfschmerzen und Migräne korreliert. Und Interventionsstudien, in denen eine Magnesiumsupplementation im Vergleich zu Placebo geprüft wurde, sind ebenfalls bekannt. Dabei wurden sowohl orale als auch parenterale Magnesiumsupplemente auf ihre Wirkungen untersucht.

Wie sind die Ergebnisse zu bewerten?

Classen: Eine intravenöse Magnesiumtherapie von ein bis zwei Gramm Magnesiumsulfat, je nach Schwere der Symptomatik, empfiehlt sich beim akuten Migräneanfall. Laut Datenlage kann diese Behandlung zu einer signifikanten Verminderung der Schmerzsymptomatik führen und das teilweise sogar so weit, dass die Betroffenen keine zusätzlichen Schmerzmedikamente mehr benötigten.

Und wie sieht es bei Magnesium in oraler Form aus?

Classen: Die orale Magnesiumsupplementierung hat sich vor allem in der Migräneprophylaxe bewährt. Durch Tagesdosen von bis zu zweimal 300 mg traten in verschiedenen Studien im Vergleich zu Placebo weniger Anfälle auf, die zudem auch in der Schmerzintensität abgenommen haben und zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität führten. Kurz gesagt: durch oral substituiertes Magnesium kann eine signifikante Reduktion der Migränetage und Migräneattacken erreicht werden. Insgesamt entsprechen die Ergebnisse der derzeitigen Studienlage einem Evidenzgrad C und lassen den Schluss zu, dass eine Migräneprophylaxe mit Magnesium einen Nutzen hat und als sichere und kosteneffiziente Behandlung eingeschätzt werden sollte.

Über eine solche Migräneprophylaxe sollten Betroffene laut der aktuellen Leitlinie nachdenken, wenn die Anfälle länger als 72 Stunden anhalten, pro Monat mindestens drei schwere Anfälle auftreten, die Häufigkeit der Anfälle zunehmen, von Auren begleitet sind und/oder eine Akuttherapie mit Triptane oder Analgetika nicht wirksam bzw. verträglich ist. Und neben den zur Migräneprophylaxe eingesetzten Arzneimitteln wie Betablocker, Calcium-Kanalblocker, Antiepileptika und Antidepressiva wird in der Leitlinie auch Magnesium als mögliche Alternative in der Prävention der Migräne eingestuft – allerdings mit der Einschränkung, dass die Evidenzlage zum momentanen Zeitpunkt noch vergleichsweise gering ist.

Vielleicht noch eine Anmerkung zum Thema Spannungskopfschmerz, da ich mich bei den wissenschaftlichen Untersuchungen ja deutlich auf die Migräne fokussiert habe. Spannungskopfschmerzen treten im Vergleich zu Migräneattacken meist in unregelmäßigeren Abständen und unterschiedlicher Intensität auf. Dadurch ist die Wirksamkeit einer Magnesiumsupplementierung schwerer nachzuweisen. Allerdings zeigten auch hier langjährige Erfahrungen mit dem Biofaktor positive Effekte auf die Schmerzhäufigkeit und Schmerzintensität bei Spannungskopfschmerzen.

Ist ein kombinierter Mangel an Vitamin D und Magnesium häufig?

Classen: Wir haben ja vom Kollegen Kisters einiges über den Nutzen von Vitamin D bei Kopfschmerzen und Migräne gehört. Wichtig in diesem Zusammenhang: Es gibt einen Synergismus zwischen Magnesium und Vitamin D. Magnesium wird benötigt, um Vitamin D in seinen aktiven Metaboliten, das Calcitriol, umzuwandeln. Ohne ausreichend Magnesium kann diese Umwandlung gestört sein, so dass weniger Calcitriol für den Stoffwechsel zur Verfügung steht. Umgekehrt fördert Vitamin D die intestinale Magnesiumresorption. Was bedeutet das für die Praxis? Ein Mangel der beiden Biofaktoren kann tatsächlich häufig gemeinsam auftreten und sollte dann auch gemeinsam ausgeglichen werden.

Praxis-Tipp: Informationen zur Labordiagnostik und Dosierungsempfehlungen der hier genannten Biofaktoren finden Sie unter www.gf-biofaktoren.de.

Die Gesellschaft für Biofaktoren e. V. (GfB) ist ein gemeinnütziger Verein, der das Ziel verfolgt, die wissenschaftlichen Grundlagen der Therapie und Prophylaxe mit Biofaktoren zu fördern. www.gf-biofaktoren.de.

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