“Vitamin D kann bei Kopfschmerzen auf verschiedene Weise wirken.”
Herr Prof. Kisters, bitte geben Sie vorab einige Hinweise zu den möglichen Ursachen von Kopfschmerzen oder Migräne.
Kisters: Zunächst einmal gilt es zwischen primären und sekundären Schmerzen zu unterscheiden. Primäre Kopfschmerzen treten ohne zugrunde liegende Erkrankung auf und umfassen neben Spannungskopfschmerzen, die am häufigsten und meist beidseitig auftreten, auch die Migräne. Bei Migräne kommt es typischerweise zu starken, pulsierenden Schmerzen, die oft nur eine Seite des Kopfes betreffen. Migräne kann durch Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Ebenfalls zu den primären Formen zählen die Cluster-Kopfschmerzen. Diese treten zwar seltener auf, sind aber sehr intensiv und schmerzhaft und können mitunter mehrere Wochen andauern. Der Schmerz ist meist einseitig und konzentriert sich um das Auge und die Schläfe.
Sekundäre Kopfschmerzen hingegen entstehen als Folge einer primären Erkrankung oder einer Verletzung. Denken wir beispielsweise an traumatische Kopfverletzungen, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumore, Infektionen wie Meningitis oder Sinusitis, Hypoglykämie oder zervikogene Kopfschmerzen.
An dieser Stelle gleich ein wichtiger Punkt: Es versteht sich natürlich von selbst, dass Biofaktoren nur bei den primären Ursachen von Kopfschmerzen eine Rolle spielen können. Und von der Datenlage her sind wiederum Spannungskopfschmerzen und Migränekopfschmerzen am besten untersucht.
Welche Faktoren können Kopfschmerzen und Migräne auslösen oder begünstigen?
Kisters: Kopfschmerzen können durch viele Faktoren ausgelöst werden, die von Muskelverspannungen über chronischen Stress bis hin zu hormonellen Veränderungen, besonders bei Frauen, reichen. Migräne ist eine spezielle Form des Kopfschmerzes, bei der die genauen Ursachen nicht vollständig geklärt sind. Neben einer genetischen Prädisposition gibt es verschiedene Hypothesen über neurologische und vaskuläre Mechanismen. Bei Migräne verändert sich die Gehirnaktivität und es kommt zu einer Erweiterung der Blutgefäße im Gehirn, was zu den typischen Schmerzen führt. Als Migräne-Trigger gelten Stress und hormonelle Schwankungen, aber auch Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel oder Wetterumschwünge. Extreme Gerüche, grelles Licht oder laute Geräusche können ebenfalls Migräneanfälle begünstigen.
Welche Biofaktoren können einen Nutzen bei Kopfschmerzen und Migräne zeigen?
Kisters: Neben Magnesium, auf das mein Kollege Prof. Classen eingehen wird, gibt es Hinweise, dass auch Vitamin D eine Rolle in der Prävention und Behandlung dieser Erkrankungen spielen könnte. Vitamin D kann bei Kopfschmerzen auf verschiedene Weise wirken. Zum einen besitzt es entzündungshemmende Eigenschaften, die dabei helfen, entzündliche Prozesse im Gehirn zu reduzieren, die Migräne und andere Kopfschmerzen verstärken. Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel kann diese Entzündungen fördern und so die Häufigkeit und Intensität von Kopfschmerzen erhöhen. Außerdem beeinflusst Vitamin D die Schmerzmodulation im Gehirn, indem es auf Schmerzrezeptoren und Neurotransmitter wie beispielsweise Serotonin wirkt, die die Schmerzwahrnehmung steuern. Ein Mangel an Vitamin D kann daher die Schmerzempfindlichkeit erhöhen und zu stärkeren Kopfschmerzen führen. Schließlich spielt Vitamin D eine Rolle bei der Regulierung des Kalziumhaushaltes in den Nervenzellen. Ein Mangel kann die Erregbarkeit der Nerven steigern, was insbesondere Spannungskopfschmerzen begünstigen kann.
Gibt es Studien, die den Zusammenhang zwischen Vitamin D und Migräne belegen?
Kisters: Ja, diesbezüglich sind positive Hinweise bekannt. Beobachtungsstudien zeigen, dass Migränepatienten häufig unter einem Vitamin-D-Mangel leiden. Ebenfalls sind Interventionsstudien publiziert worden, bei denen eine Vitamin-D-Supplementierung die Migränefrequenz verminderte. Auch wird vermutet, dass Vitamin D die Schwelle für einen Migräneanfall erhöhen kann, indem es, wie bereits erwähnt, entzündungsfördernde Prozesse dämpft und die Schmerzempfindlichkeit im Nervensystem reguliert.