S3-Leitlinie pAVK aktualisiert: Ein Fokus auch auf Geriatrie
Die S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) hat eine Neuauflage erhalten. Eine der gewichtigsten Neuerungen in der S3-Leitlinie pAVK ist das komplett neu hinzugefügte Kapitel „Die pAVK in der Geriatrie“.
An der frisch aktualisierten S3-Leitlinie pAVK, die zunächst bis September 2029 gültig ist, waren insgesamt 23 Fachgesellschaften beteiligt. Neben Aktualisierungen der Hintergrundtexte in den einzelnen Kapiteln und Zusammenschließungen von Kapiteln wurden auch Begriffsänderungen umgesetzt. Beispielsweise wurde der Begriff CLI (critical limb ischemia) durch CLTI (chronic limb threatening ischemia) ersetzt.
Außerdem wurde der Stellenwert der konservativen Therapie, insbesondere der Bewegungstherapie/ des Gefäßtrainings, in der aktualisierten Leitlinie aufgewertet. Zudem geht die Leitlinie in der neuen Version speziell auch auf pAVK in der Geriatrie ein.
Neues Kapitel in der S3-Leitlinie pAVK: Geriatrie
Eine der gewichtigsten Änderungen in der S3-Leitlinie pAVK betrifft ein komplett neues Kapitel: „Die pAVK in der Geriatrie“. Dieses fasst entsprechend neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in einem eigenen Schwerpunkt-Kapitel zusammen. Es werden konkrete Empfehlungen im Umgang mit älteren Patientinnen und Patienten mit einer pAVK gegeben, die aufgrund der besonderen Situation – wie zum Beispiel Gebrechlichkeit (Frailty) – teils stark von sonstigen Standardempfehlungen abweichen.
„Das hat eine große Bedeutung, wenn man sich vor Augen führt, dass mehr als 20 Prozent der Betagten eine pAVK haben – sie ist also eigentlich eine Alterskrankheit”, sagt Dr. Christoph Ploenes, Chefarzt im Fachzentrum für Angiologie der Schön Klinik Düsseldorf und Leiter der Arbeitsgruppe Gefäßerkrankungen/Angiologie bei der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Stellvertretend für die Fachgesellschaft hat er zusammen mit Dr. Hartmut Görtz neueste wissenschaftliche Erkenntnisse geprüft und in dem neuen Kapitel zusammengefasst.
Die Einführung des neuen Kapitels hat große Relevanz. Schließlich betrug die Prävalenz einer symptomatischen pAVK 32 % für Männer und 26 % für Frauen bei über 3.500 Bewohnern von Pflegeheimen mit einem Durchschnittsalter von 81 Jahren.1
Die Leitlinie betont, dass das frühzeitige Erkennen einer pAVK bei geriatrischen Personen rein expositionsprophylaktisch äußerst wichtig ist. Das Risiko von Druckläsionen wie Fersennekrosen ist bei Vorliegen einer pAVK erhöht, vor allem bei Bettlägerigkeit. Umgekehrt kann eine unerkannte pAVK nach Eingriffen an Fuß oder Unterschenkel Wundheilungsstörungen nach sich ziehen.2 Das Tasten der Fußpulse solle also laut Leitlinie bei geriatrischen Patientinnen und Patienten im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung auch ohne pAVK-Symptome Bestandteil der körperlichen Untersuchung sein.
Ausgiebig überprüft: Frailty-Syndrom und pAVK
Einen gesonderten Blick warf die S3-Leitlinie pAVK ferner auf geriatrische Patientinnen und Patienten mit dem „Frailty“-Syndrom.
„Frailty“ ist gekennzeichnet durch das Vorliegen von Muskelschwäche (Sarkopenie), verbunden mit Immobilität oder Gangunsicherheit, Zeichen der Mangelernährung mit Untergewicht oder unfreiwilligem Gewichtsverlust sowie Verminderung der Alltagsaktivitäten mit Erschöpfungssyndrom.3
Die Leitlinie vergleicht hier mehrere Studienergebnisse, beispielsweise in Bezug auf Mortalitätsrate und Behandlungsmodalitäten (konservativ, bzw. invasiv). Die Studienlage begründe dabei eine besondere Sorgfalt in der Differenzialtherapie der CLTI bei betagten Personen gerade mit Frailty-Syndrom, so die S3-Leitlinie pAVK.
„In sehr vielen von uns analysierten Registerstudien und retrospektiven Studien hat sich unisono herausgestellt, dass diese Patientengruppe von der Operation, also dem Wiederherstellen der Durchblutung, nicht profitiert hat – im Gegenteil“, so Ploenes.
Bei der Wahl des Eingriffs solle man sich laut Leitlinie daran orientieren, Beschwerden zu lindern, ohne ein unangemessen hohes Risiko einer Verschlechterung des Allgemeinzustands einzugehen.
Dies bedeute jedoch nicht, per se von Revaskularisationseingriffen Abstand zu nehmen. Vielmehr solle eben das individuelle Risiko der therapeutischen Prozedur mit dem allenfalls zu erwartenden Benefit abgeglichen werden.
S3-Leitlinie pAVK empfiehlt: Frühzeitig Fachkompetenz hinzuziehen
Die Leitlinie empfiehlt aufgrund der Komplexität der Problematik zudem, frühzeitig und bereits zu Beginn der diagnostischen/therapeutischen Kaskade geriatrische Fachkompetenz in die Beurteilung mit einzubinden.
„Es ist sehr anzustreben, dass wir eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unterschiedlicher Expertinnen und Experten erreichen."
- Dr. Christoph Ploenes, Schön Klinik Düsseldorf
Hier sei man zum Beispiel in der Alterstraumatologie schon auf einem guten Weg, so Ploenes. „Gerade bei unserer Patientengruppe sind die personalisierte Medizin und eine Differenzialtherapie von besonders großer Bedeutung”, sagt der Experte.
Die Fachleute sprechen sich außerdem dafür aus, nach Hospitalisierung oder invasiven Eingriffen bei geriatrischen Patientinnen und Patienten mit pAVK eine Einleitung einer indikationsübergreifenden geriatrischen Rehabilitation zu erwägen. Diese führe schließlich zu einer Senkung der Mortalität, Besserung des funktionellen Outcomes sowie einer Reduktion der Pflegeheim-Einweisungen.4
1 Aronow WS et al. J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2002;57(1):M45-46
2 Hafner J et al. J Am Acad Dermatol. 2000;43(6):1001-1008
3 Fried LP et al. J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2001;56(3):M146-156.
4 Bachmann S et al. BMJ. 2010;340:c1718