Warum sind solche Netze Ihrer Meinung nach denn überhaupt sinnvoll?
Dr. von Kiedrowski: Im Endeffekt wissen wir ja – und da können wir die Psoriasis als Beispiel nehmen – dass es eben nicht nur eine Hautkrankheit ist. Es ist eine systemische Entzündung, die oft nicht gänzlich versorgt wird. Und das führt zu zwei Zielen in der Netzbildung. Erstens: Um diese Patienten ganzheitlich zu versorgen, braucht es weitere Fachdisziplinen. Diesen Patienten muss eine Vernetzung mit verschiedenen Fachgruppen ermöglicht werden. Die besten Kontakte bestehen da sicherlich zu den Rheumatologen. Und es gibt auch Regionen, in denen ein Netz in der Region X auf Rheumatologen in derselben Region zurückgreifen kann, um für die Patienten die Wege kurz und gezielt zu machen. Das ist aber nicht flächendeckend gegeben. Und zweitens: Moderne Medikamente sind auf dem Markt, eine Behandlung mit diesen sollte also kein Problem sein. Die Entwicklung bei Psoriasis hat aber über die letzten 20 Jahre gezeigt, dass wir da noch lange nicht bei 100 % sind. Und deswegen kann es andersherum aus Sicht des Patienten ein Netz benötigen, in dem man möglichst nicht durchfällt. Heißt, wenn ein Kollege sagt „Da kann ich Ihnen nichts anbieten, aber ich weiß, wo es für Sie weitergeht“, ist der Patient schon besser versorgt.
Patienten können also eindeutig von der Vernetzung profitieren. Gibt es diese Vorteile auch für die Dermatologen?
Dr. von Kiedrowski: Bedingt ja, weil wir im Prinzip bei den Verhandlungen, die wir mit Kostenträgern führen, auch immer diskutieren können, gerade wenn es um bestimmte Erkrankungen geht: Was ist Leitlinie, was ist Behandlungspfad? Und was ist innerhalb der teilnehmenden
Ärzte in einem solchen Vertrag State of the Art? Und das kann ich am ehesten für eine Krankenkasse sichtbar machen, wenn ich auf Netzstrukturen hinweisen kann. Da ist zwar zusätzlich auch noch die Verbandsmitgliedschaft ein Kriterium, aber trotzdem sind Netzwerkbildungen für Kostenträger eine interessante Sache, weil sie damit flächendeckend die Versorgung für Patienten sicherstellen können.
Das alles klingt nach einem großen Arbeits- und Zeitaufwand. Wie finanzieren sich denn die Netzwerke?
Dr. von Kiedrowski: Bei PsoNet Deutschland haben wir einen echten Förderkreis, der über Jahre gewachsen ist. Dieser Förderkreis fördert die Netzwerkbestrebungen auf der Bundesebene und genauso gehen zahlreiche Unternehmen in regionale Netze und bieten im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen ebenfalls Weiterbildungen für Kollegen an. Beim Hautnetz ist es genauso geplant. Der BVDD und die DDG geben eine Anschubfinanzierung, damit die Strukturen aufgebaut werden können. Gleichzeitig gibt es für die verschiedenen Sektionen und das große verbindende
Ganze darüber hinaus die pharmazeutische Industrie, die über den Förderkreis die
administrativen Kosten auf Bundesebene übernehmen kann.
Welche zukünftigen Entwicklungen sind geplant, um die Ziele des Hautnetz Deutschland umzusetzen?
Dr. von Kiedrowski: Im Moment sind wir noch in der Aufbauphase. Vieles drum herum, also die Webseite und auch Handouts und Flyer, muss erst noch erarbeitet werden, um damit auch die Sichtbarkeit zu erhöhen. Außerdem planen wir, dass in diesem und im nächsten Jahr nach dem Muster der Psoriasis nationale Versorgungskonferenzen für andere Erkrankungen einberufen werden, um für die Öffentlichkeit, die Politik und die Kostenträger Versorgungsziele zu erstellen. Das ist in der Psoriasis seit Jahren etabliert, fehlt aber bei den anderen Krankheitsbildern. Aber das braucht es, weil man sich Ziele setzen muss, um die Versorgung zu verbessern. Und weil es z. B. bei hochpreisigen Medikamenten um viel Geld geht, müssen diese Ziele gut formuliert sein. Ohne Zielerreichung sind diese Kosten verschwendet.
Zum Schluss die für unsere Leser vielleicht wichtigste Frage: Wie kann ich Mitglied im Hautnetz Deutschland werden? Letztlich wird es so sein, dass man im Hautnetz auch als Einzelarzt Mitglied werden kann. Auf der Homepage (s. Infobox) ist ein Mitgliedsantrag zu finden, über den man als Einzelarzt oder Klinikabteilung gegen einen relativ kleinen Obolus Mitglied werden kann. Der Beitrag soll auf keinen Fall überlasten, weil das nicht die Hauptfinanzierung ist. Aber man zeigt damit Flagge, ist Mitglied und kann damit auch über die Geschicke des Hautnetz Deutschland als eingetragener Verein mit abstimmen.
Lieber Herr von Kiedrowski, vielen Dank für das Interview!
Merle Twesten
Mit freundlicher Genehmigung des Hautnetz Magazin