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vasomed 3/25

Zeitenwende im Gesundheitswesen – Perspektiven einer stärkeren Ambulantisierung

Vom 22. bis zum 23. November 2024 fand im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin zum achten Mal das Forum für Ambulantes Operieren statt, das diesmal unter dem Titel Zeitenwende im Gesundheitswesen stand. Der Titel mag zunächst esoterisch klingen, doch er spielt auf die Krise an, die mittlerweile alle Akteure erfasst hat.


07.05.2025
S. Volk
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ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(3): 84-85

Insbesondere die Finanz- und Personalprobleme sind in allen Sektoren spürbar. Dennoch sind die Beharrungskräfte noch groß, selbst dann, wenn die Ansätze und Denkmuster nichts mehr zur Lösung der Probleme beitragen können, ja sogar die Problemanalyse erschweren. 

Diskussionen beim Forum Ambulantes Operieren

Die Vertreter der Interessensgruppen versuchen noch im Umbruch Herr des Geschehens zu bleiben, was insbesondere am ersten Tag mit seinem berufspolitischen Teil zu beobachten war. Dort war von Reformen der Versorgungsstrukturen – so der diesjährige Untertitel – die Rede, obwohl diese grundsätzlich überdacht gehörten, um auf lange Sicht bezahlbare und qualitativ hochwertige Medizin zu erbringen und nicht zuletzt die Gesundheitsberufe wieder attraktiver zu machen. Dass ein disruptiver Paradigmenwechsel bzw. Strukturwandel nötig sei, kam erst am Folgetag in einem Vortrag zur Sprache. Die Referenten auf dem Podium, die selbst wieder unterschiedliche Sparten des Gesundheitswesens repräsentierten, setzten dagegen auf Kontinuität und Etatismus sowie die unendliche Geduld der Beitrags- und Steuerzahler, die strukturelle Defizite auch in Zukunft klaglos ausgleichen werden bei sich verschlechternder Versorgungsqualität und zunehmender Ineffizienz.

Bewertung des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes 

Am ersten Tag ging es ebenfalls um die Bewertung des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG). Obwohl das KHVVG noch keine umfassende Gesundheitsreform darstellt, wurde es als wichtiger Schritt zur Verbesserung der Versorgung angesehen. Allerdings gibt es Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen auf kleinere Krankenhäuser und offene Fragen bezüglich der Kosten und der Finanzierung. Unter der Moderation von Dr. Kerstin Schick, München, die selbst dem niedergelassenen Bereich zuzurechnen ist, sprachen Vertreter der Politik (Dr. Andreas Philippi, Hannover), des stationären Sektors (Dr. Gerald Gaß, Berlin), der Krankenkassen (Dr. Sabine Richard, Berlin), der Kassenärztlichen Vereinigung (Dr. Christiane Wessel, Berlin) und der Industrie (Dorothee Stamm, Berlin) miteinander. Die verschiedenen Perspektiven zu präsentieren, erbringt an sich schon einen Erkenntnisfortschritt und gehört zum Reiz der Veranstaltung, doch waren in diesem Jahr die eingeladenen Personen sich zu ähnlich, sodass eine Grundsatzdiskussion, die das gouvernementalistische, also auf Steuer- und Planbarkeit fixierte Paradigma von außen betrachtet, gar nicht erst aufkam.

Im ersten Vortrag an diesem Nachmittag verteidigte Dr. Philippi in erster Linie das KHVVG, das die Gesundheitsversorgung in Deutschland verbessern, Personal gezielter einsetzen und den Krankenhäusern neue Mittel zur Verfügung stellen solle, aber noch im Hinblick auf den ländlichen Raum weiterentwickelt werden müsse. Hier dachte er an die Förderung von kleinen Level-1i-Regionalkrankenhäusern, was in Niedersachsen bereits geschehe, wodurch eine wohnortnahe Behandlung der Patienten gesichert werde. Vom Grundsatz gleicher Lebensbedingungen in der Stadt wie auf dem Land dürfe nicht abgewichen werden. Dr. Gaß kritisierte dagegen das Zustandekommen des neuen Gesetzes und hätte sich einen Vermittlungsausschuss gewünscht, in dem ein breiter Konsens zustande gekommen wäre. Er hielt das KHVVG für unfertig. Die Ambulantisierung werde von den Kliniken begrüßt. Nur sollte man ihnen Zeit und finanzielle Anreize geben, um ambulante Versorgungsstrukturen aufbauen zu können.

Hohe Kosten bei den Krankenkassen

Dr. Richard von der AOK Berlin beklagte vor allem die hohen Kostenschübe, unter denen aktuell die Kassen leiden. Zu viele Leistungen – sie zählte dazu auch die Notfallversorgung – werden im Krankenhaus erbracht. In Zukunft müsse mehr über Patientensteuerung nachgedacht werden, da die bisher getroffenen Regelungen insbesondere im niedergelassenen Bereich zur Übervergütung der Vertragsärzte führten, verbunden mit der Konsequenz, dass die klassische, fachärztliche Grundversorgung vernachlässigt werde. Die AOK beobachte diese Tendenz sehr kritisch und begrüße daher die Absenkung auf das Vergütungsniveau nach AOP-Vertrag (Vertrag nach § 115 b Absatz 1 SGB V – Ambulantes Operieren und stationsersetzende Eingriffe im Krankenhaus), ja es gehe ihr sogar viel zu langsam vonstatten. Stattdessen schlägt sie eine „sektorenübergreifende Bedarfsermittlung und eine entsprechende darauf basierende Leistungsplanung“ vor, die insbesondere bei den Krankenhäusern ansetzt, die durch Zielvereinbarungen zur Ambulantisierung indirekt gezwungen werden sollen. 

Dr. Wessel von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin sprach sich wie ihre Vorrednerin für den eingeschlagenen Weg der Ambulantisierung aus, plädierte aber für die Beibehaltung der Hybrid-DRG als Anreiz, im niedergelassenen Bereich die benötigten ambulanten OP-Kapazitäten auszubauen. Sie kritisierte lediglich, dass die Kalkulation der Pauschalen nicht nachvollziehbar sei und zu Verteilungskonflikten mit Anästhesisten und Laborärzten führe. Insofern müsse das Verfahren weiterentwickelt und auf Vertragsärzte zugeschnitten werden. 

Rolle der Medizintechnologie 

Dorothee Stamm vom Bundesverband für Medizintechnologie unterstrich schließlich, wie wichtig ihr Wirtschaftszweig für das Gelingen der Ambulantisierung sei. Sie spreche für eine Wachstumsbranche, die ca. 13.000 Unternehmen umfasse und zurzeit ca. 500.000 Produkte vertreibe. Nicht nur erlauben schonendere Operationstechniken vermehrt Eingriffe außerhalb von Krankenhäusern, auch die ambulante, postoperative Versorgung werde durch ihre Konzepte wie Telemonitoring ermöglicht. Nur dürfe der Kostendruck auf die Firmen nicht noch größer werden, da sonst der Effizienzvorteil durch Innovationen dank Investitionen in Forschung und Entwicklung verloren gehe.

Die Podiumsdiskussion wurde durch Dr. Schick mit Fragen eingeleitet. Hier  wurden vom Publikum Probleme aus der Praxis konkret angesprochen, etwa der Moral Hazard, der bei Ärzten zu beobachten ist, sich „veralteter“ OP-Methoden wieder zu bedienen, um Sachkosten einzusparen. Ein Qualitätsverlust sei dann, so der niedergelassene Chirurg Dr. Ralf W. Schmitz, Kiel, zu befürchten. Dr. Gaß wiederum hegte Zweifel an der Verlässlichkeit der Politik. Für die Leistungserbringer gebe es keine Planungssicherheit. Kritisiert wurde ferner die kalte Enteignung der Träger kleinerer Krankenhäuser und die absehbare Entwertung der Arztsitze. Immer wieder wurde die Weiterbildung angesprochen. Die Organisation dieser Aufgabe und die zukünftige Finanzierung sei ungeklärt.

Forderung nach Neuordnung des Gesundheitssystems

Der zweite Tag widmete sich wie gewohnt Fragen und Beispielen aus der Praxis. 

Prof. Boris Augurzky vom Institute for Health Care Business in Essen schloss sich aber erst einmal aus wissenschaftlicher Perspektive den Themen des Vortags an. Er forderte eine Neuordnung des Gesundheitssystems aufgrund des Personalmangels und des demografischen Wandels. Auch über Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerung müsse gesprochen werden, da sonst die Mittel fehlten, um den Sozialstaat finanzieren zu können. Er schlug vor, alles nach dem Prinzip „digital vor ambulant vor stationär“ zu organisieren und die Eigenverantwortung zu stärken. Gleichzeitig müsste der Zugang für alle Bürger zum Gesundheitssystem flächendeckend erhalten bleiben. Dr. Jörn Weymann, Anästhesist am Krankenhaus in Pirmasens, setzte direkt an den Prozessen der Krankenhäuser den Hebel an. Er plädierte für unabhängige, ausgegliederte Organisationen, die im „Low-End-Market“ OP-Leistungen anbieten. Der niedergelassene Chirurg Dr. Ulrich Weigold aus Tübingen referierte über seine laparoskopische Leistenhernienchirurgie im eigenen OP-Zentrum.

Das Forum endete mit vielen offenen Fragen, die hoffentlich beim nächsten Mal angegangen werden können.

Quelle: 8. Forum Ambulantes Operieren in Berlin, 22.-23.11.2024.

Korrespondenzadresse

Stefan Volk
Venenzentrum Unterfranken
Kaiserstr. 23 
97070 Würzburg
s.volk(at)venenzentrum-unterfranken.de