Im September 1973 erhielt Dr. Johannes Asdonk die staatliche Konzession durch das Landratsamt in Freiburg/Breisgau zum Betrieb einer „Spezialklinik für manuelle und lymphologische Medizin“. Damit entstand weltweit erstmals eine Klinik zur Behandlung von Lymphödemen mit einer physikalischen Therapie. Im September 2023 war das 50 Jahre her und die anfänglich abgelehnte Behandlung entwickelte sich zu einer der wichtigsten physikalischen Therapien. Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag des Autors in Essen im Juni 2024 zum 25-jährigen Jubiläum des Lehrinstituts Ödemzentrum-Feldberg/St. Blasien.
09.05.2025
U. Herpertz
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ZITIERWEISE: VASOMED 2025; 37(3): 80-83
Ödeme können grundsätzlich in zwei Gruppen eingeteilt werden, nämlich in solche, die einer medikamentösen Therapie, meist Diuretika, zugänglich sind. Das sind im Wesentlichen die zur Generalisierung neigenden internistischen Ödeme, die eiweißarm sind. Liegt jedoch ein erhöhter Eiweißgehalt vor, sind sie nicht kausal durch Diuretika therapierbar. Der Prototyp davon ist das Lymphödem, das mit weiteren Ödemen zur Gruppe der lymphologischen Ödeme gehört, die in der Ödematologie das Teilgebiet der Lymphologie ausmachen.
Therapie der Lymphödeme vor 1973
Aber wie wurden diese lymphologischen Ödeme vor 1973 behandelt? Leider falsch mit Diuretika, gefährlichen und entstellenden Ödemresektions-Operationen, Arterienunterbindungen, Amputationen oder gar nicht, obwohl der österreichisch-belgische Chirurg Alexander von Winiwarter (1848–1917), ein Schüler von Theodor Billroth, bereits 1892 in der Zeitschrift „Deutsche Chirurgie“ seine Arbeit „Die chirurgischen Krankheiten der Haut und des Zellgewebes“ publiziert hatte (Abb. 1).
In deren XVII. Kapitel „Nicht infektiöse chronische Entzündungen des Subcutangewebes“ beschreibt er ausführlich die Elephantiasis und empfahl als Therapie neben Kompression eine Massage des Ödems, die an der Beinwurzel beginnen und danach auch an den distalen Beinanteilen durchgeführt werden sollte (Abb. 2).
Die von Winiwarter empfohlenen Griffe dürften am ehesten mit den heutigen Ödemgriffen der Manuellen Lymphdrainage (MLD) vergleichbar sein. Leider wurde diese Therapieempfehlung kein medizinisches Allgemeinwissen und einfach vergessen.
Grundlage zur Entwicklung der heutigen physikalischen Ödemtherapie war die Erfindung der Manuellen Lymphdrainage durch den Masseur und Philologen Dr. Emil Vodder, der ab 1929 in Cannes als Masseur mit „Schwedischer Massage, Gymnastik und Atemübungen“ arbeitete zusammen mit seiner Ehefrau Estrid, die 1923 in Berlin zur Heilpraktikerin ausgebildet worden war (Abb. 3). Ich glaube nicht, dass Vodder von Winiwarters Therapie gehört hatte, denn Vodder beschäftigte sich anfänglich mit der Massage von geschwollenen Lymphknoten zur Anregung einer verstärkten Lymphozyten-Produktion mit dem Ziel einer Verbesserung des Immunsystems. Zu der Zeit nach dem ersten Weltkrieg mit der dadurch bedingten Verarmung und schlechten Ernährung war das Krankheitsbild des sogenannten Lymphatismus nicht selten, dass zu vergrößerten Lymphknoten im Hals-Kopfbereich führte, die durch gehäufte Infekte ausgelöst wurden.
Vodder führte – entgegen der damaligen medizinischen Lehrmeinung, vergrößerte Lymphknoten wegen der Möglichkeit der Viren- und Bakterienausbreitung über den gesamten Körper (bes. Tuberkulose) in Ruhe zu lassen – mutig sanfte Massagen an den Lymphknoten durch und beobachtete dabei Erfolge in Bezug auf viral-bedingte Schwellungen im Kopf-, Hals-, Mund- und Rachenbereich. Durch die intensive Beschäftigung mit den Lymphknoten und dem Lymphgefäßsystem kam Vodder 1932 auf die Idee der Lymphdrainage. Er zog 1934 nach Paris, um sich intensiv dem Studium des Lymphsystems zu widmen. Anhand der Lymphgefäß-Darstellungen von Philibert Constant Sappey entwickelte er seine Grifftechnik der Lymphdrainage, die er erstmals 1936 mit dem Titel „Le drainage lymphatic – une nouvelle methode therapeutique“ auf der Ausstellung „Sante Pour Tous“ in Paris demonstrierte und in der Zeitschrift „Revue d‘ hygiene individuelle“ publizierte.
Sein Resümee in der Publikation: „Die Lymphdrainage: Nach vielen Jahren klinischer Erfahrung und Forschung ist es gelungen, eine rationale Behandlungsmethode zu entwickeln, die eine Erneuerung der Lymphe, eine Aktivierung der Zirkulation, eine Stimulierung der Zellvitalität und eine Regenerierung des Gesichtsgewebes ermöglicht. Die Lymphdrainage ist eine gesunde, natürliche und schmerzlose und absolut wirksame Methode, die dem Leben, der Gesundheit und Schönheit eine neue Basis gibt.“
Das Resümee seiner Publikation zeigt, dass er die Lymphdrainage der Kosmetik zuordnete, weshalb sie von der Medizin anfangs nicht beachtet wurde. Dann begann der zweite Weltkrieg und die Eheleute Vodder mussten 1939 nach Kopenhagen zurückgehen, wo sie ab 1942 ein „Institut für Lymphdrainage“ betrieben. Bedingt durch die schwierige Nachkriegszeit publizierte Vodder erst wieder ab 1955 (Abb. 4). Außerdem hielt er ab 1957 Vorträge vor Kosmetikerinnen und machte gelegentlich Lymphdrainage-Kurse in seinem Institut in Kopenhagen, später auch in verschiedenen europäischen Ländern.
In einer Veröffentlichung von Vodder zur Lymphdrainage (Kongress, Venedig 1958) heißt es: „Durch unsere Drainagemethode stimulieren wir die Bildung von Lymphozyten, welche zur Verteidigung bei Bakterienangriffen notwendig sind. Sie bilden Antikörper, durch die die Widerstandskraft des Körpers gestärkt wird. In den 25 Jahren, die wir die Methode immer angewandt haben, hatten wir stets ausgezeichnete Erfolge. Erkältungen kennen wir kaum mehr.“
1963 lernte der Essener Arzt Dr. Johannes Asdonk durch die Kosmetikerin Christa Bartetzko die Manuelle Lymphdrainage kennen, die sie bei Vodder erlernt hatte. Asdonk behandelte in seiner Allgemeinpraxis häufig chiropraktisch. Er stellte fest, dass die mit Lymphdrainage nachbehandelten Patienten bessere Therapieergebnisse zeigten als die mit Massage nachtherapierten. Es ging daher 1964 für drei Wochen zu Vodder nach Kopenhagen, um die Methode ausführlich kennenzulernen.
Ab 1965 führten Vodder und Asdonk gelegentlich gemeinsame Schulungen in Manueller Lymphdrainage in Essen durch, wobei Vodder die Grifftechnik lehrte und Asdonk die behandelbaren Krankheitsbilder vorstellte. Ein Kurs dauerte anfangs eine Woche, wurde aber ab 1966 auf zwei Wochen verlängert. Im Mai 1967 gründeten Vodder und Asdonk zusammen mit dem Masseur Günther Wittlinger und weiteren Personen die „Gesellschaft für Manuelle Lymphdrainage nach Dr. Vodder“ in Essen. Die Gesellschaft hielt dort jährliche Tagungen ab, zu denen Wissenschaftler eingeladen wurden, die sich mit der Physiologie und Anatomie des Lymphsystems beschäftigten, wie der Bonner Physiologe Prof. Dr. Eberhard Kuhnke und der ungarische Arzt Prof. Dr. Michael Földi, der Koautor von Prof. István Rusznyáks Lehrbuch der „Physiologie und Pathologie des Lymphkreislaufes“ von 1957 war.
1969 gründete Asdonk die erste permanente Lymphdrainageschule in Essen-Rüttenscheid, die er „Dr. Vodder-Schule“ nannte. In dieser Zeit sammelte Asdonk erste Erfahrungen bei der Behandlung von Schwellungszuständen, besonders Lymphödemen, wobei er lernte, dass nach der Lymphdrainage zur Erhaltung der Ödemreduktion eine Dauerkompression erforderlich war.
Abb. 4: Publikationen von Vodder von 1958–1965.
Eröffnung der weltweit ersten Lymphklinik
1972 gab Asdonk seine Praxis in Essen auf, um sich nur noch der Behandlung von Ödemen zu widmen. Er zog nach Saig in den Südschwarzwald, wo er im Kurhotel Saigerhöh das „Dr. Vodder-Zentrum“ gründete. Im September 1973 erhielt er vom Landratsamt in Freiburg im Breisgau die Konzession zum Betreiben einer „Spezialklinik für manuelle und lymphologische Medizin“, die er „Dr. Vodder Klinik“ nannte. Damit entstand weltweit die erste Lymphklinik.
1974 erreichte Asdonk durch seine beeindruckenden Erfolge bei der Lymphödembehandlung die Kassenüblichkeit der Manuellen Lymphdrainage. Mit der Kassenüblichkeit musste als Bedingung der Krankenversicherungen die Lymphdrainage-Ausbildung auf vier Wochen erweitert werden. Nun konnten Kassenpatienten zu Lasten der Krankenversicherung therapiert werden, wodurch die Patientenzahlen rasant zunahmen. Daher musste eine größere Klinik gesucht werden und die wurde in Feldberg-Altglashütten am Sommerberg gefunden, wohin 1975 umgezogen wurde. Gleichzeitig kam es zum Zerwürfnis von Asdonk mit Vodder, da nach Angaben von Asdonk Vodder die von Asdonk erdachten kräftigen Ödemgriffe grundsätzlich ablehnte. Vodder habe allein auf seinen sanften Lymphdrainage-Griffen bestanden, so Asdonk. Vodder ging dann mit dem Ehepaar Wittlinger nach Walchsee in Tirol und Asdonk nannte seine Klinik daraufhin in „Feldbergklinik Dr. Asdonk“ um.
Gründung der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie
1976 wurde die „Deutsche Gesellschaft für Lymphologie“ (DGL) in Feldberg gegründet, die seitdem jährliche lymphologische Kongresse veranstaltete.
Asdonk war mit seinen vielen Patienten allein überfordert. Als er zusätzlich eine weitere Behandlungsstätte in Feldberg Falkau eröffnete, war er daher froh, dass er ab April 1978 das Arztehepaar Földi als Mitgesellschafter gewinnen konnte. Auf Wunsch von Michael Földi wurde die Klinik umbenannt in „Feldbergklinik für lymphologische Medizin“, weil er nicht den Zusatz „Dr. Asdonk“ im Kliniknamen haben wollte. 1979 veröffentliche Földi zusammen mit Prof. Dr. Stefan Kubik ein Lehrbuch der Lymphologie. Im April 1981 trennten sich die Gesellschafter Földi und Asdonk. Die Eheleute Földi bekamen die Klinik Am Sommerberg in Altglashütten, von wo sie 1986 nach Hinterzarten umzogen. Asdonk nannte seine Klinik in Falkau wieder „Feldbergklinik Dr. Asdonk“. Gleichzeitig baute Asdonk 1981 in Falkau ein Gebäude als Lehrinstitut zur Ausbildung von Lymphtherapeuten, in dem in monatlichen, vierwöchigen Kursen an Patienten der Klinik die Ausbildung der Lymphtherapeuten erfolgte.
Im Oktober 1981wechselte der Oberarzt der Feldbergklinik Dr. Georg Deri nach Säckingen, um die Leitung der Eggbergklinik für Lymphologie zu übernehmen. Somit gab es seitdem drei Lymphkliniken, alle im Südschwarzwald. 1983 zog die Feldbergklinik von Feldberg-Falkau nach St. Blasien um, wo sie heute immer noch besteht. Ab den 1990er-Jahren wurden weitere Lymphkliniken deutschlandweit gegründet.
1952, das Geburtsjahr der Lymphologie
Für die Lymphödemgenese war das Jahr 1952 von großer Bedeutung, weil durch die damals von dem Engländer John Bernard Kinmonth eingeführte „Direkte Lymphographie“ die anatomischen Ursachen von Lymphödemen gefunden wurden, die bis dahin unbekannt waren. 1952 sehe ich daher als Geburtsjahr der Lymphologie an.
Die vielen neuen Erkenntnisse durch diese röntgenologische Untersuchung der Lymphgefäße mit Kontrastmittel führten 1966 zur Gründung der „International Society of Lymphology“ in Zürich. Seit Anfang der 1980er-Jahre konnte außerdem mittels dynamischer Lymphszintigraphie eine Funktionsuntersuchung der Extremitäten-Lymphgefäße durchgeführt werden, was für die Diagnose Lymphödem bedeutsam war, da mittlerweile die Lymphographie wegen ihrer Nebenwirkungen kaum noch durchgeführt wurde und auch nicht mehr erforderlich war.
Da ich das große Glück hatte, seit 1983 in der Lymphologie arbeiten zu dürfen, erlebte ich in den vergangenen 40 spannenden Jahren die zunehmenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Ödematologie, wobei der Schwerpunkt natürlich auf der Lymphologie lag. 1985 kam es zur Gründung der „Gesellschaft Deutschsprachiger Lymphologen“, einer reinen Ärztegesellschaft im Gegensatz zur DGL, in der Ärzte und Physiotherapeuten gleichberechtigt waren.
Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Lymphdrainageschulen
Für die Ausbildung der Lymphtherapeuten konnte die von mir im Dezember 1995 in Mannheim initiierte „Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Lymphdrainageschulen“ (AGL) in Verbindung mit der DGL erreichen, dass die deutschen Lymphdrainageschulen weiterhin die Lymphdrainage-Ausbildung durchführen durften. Es war nämlich im vom Gesundheitsministerium im Dezember 1994 in Kraft gesetzten neuen „Masseur- und Physiotherapeuten-Gesetz“ (MPhG) vorgesehen, die Lymphdrainage-Ausbildung in den Unterricht der Physiotherapeuten-Schulen zu integrieren. Dies wäre sicher mit einem Qualitätsverlust in der Lymphdrainage-Ausbildung einhergegangen, da dort die qualifizierten Lehrkräfte gefehlt hätten.
AGL, DGL und die Physiotherapeutischen Berufsverbände mussten deswegen mit der für den Verband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) in diesem Bereich federführenden IKK Bergisch-Gladbach neue Richtlinien zur Ausbildung und Prüfung der Lymphtherapeuten und Lymphdrainage-Fachlehrer vereinbaren, wozu auch das von mir entwickelte, neue vierwöchige Curriculum gehörte, das dann ab 01.07.1997 in Kraft trat. Seitdem sind nur jene Kursanbieter in Deutschland, die sich an die IKK-Richtlinien halten, zur Abrechnung mit den Krankenkassen anerkannt.
2023 wurde die DGL nach 47 Jahren aufgelöst und mit der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie zur Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie verschmolzen.
Von Asdonk wurden neben dem Ausdruck „Physikalische Ödemtherapie“ auch die Synonyme „Therapeutische Lymphdrainage“ und „Komplexe oder Kombinierte Physikalische Entstauungstherapie“ (KPE) geprägt. Diese Ausdrücke sind für mich nicht überzeugend, sodass ich sie nicht verwende. Die Physikalische Ödemtherapie besteht aus drei definierten Komponenten: MLD + Kompression + Ödemgriffe. Ödemgriffe sind allerdings nur bei Dellbarkeit und deutlicher Bindegewebsfibrose erforderlich. Die von anderen Autoren zugefügten weiteren Komponenten wie Hautpflege und Bewegungstherapie sind notwendig, gehören aber nicht zur Basistherapie hinzu, sondern sind zusätzliche Eigenleistungen durch die Patienten selbst.
Resümee des Autors
Im September 2023 bestand die Physikalische Ödemtherapie oder auch Physikalische Entstauung somit 50 Jahre. Den Pionieren Vodder und Asdonk verdanken wir gleichermaßen die Erfindung einer Therapie für lymphologische Ödeme. Vodder entwickelte die sanfte Lymphdrainage-Therapie (MLD) und Asdonk erfand die Physikalische Ödemtherapie, in dem er zur MLD von Vodder die Kompression und bei Bedarf die kräftigen Ödemgriffe hinzufügte, wodurch medikamentös nicht behandelbare Ödeme erfolgreich therapiert werden konnten und das seit über 50 Jahren. Unzählige Patienten haben durch diese Therapie eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erhalten.
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