Forschende wollen Fußball-Fieber messen – mit Ergebnissen
Die Universität Bielefeld will gemeinsam mit der Wissenswerkstadt Bielefeld beim DFB-Pokalfinale zwischen dem Erstligisten VfB Stuttgart und dem Außenseiter Arminia Bielefeld messen, wie sich das Spiel auf den Puls und das Stress-Level der Arminia-Fans auswirkt.
© Wissenswerkstadt/Sarah Jonek
Am Samstag, 24.05.2025, um 20 Uhr wird es für die Bielefelder Fußball-Fans spannend. Zähneklappern, hektisches Aufspringen und Jubel – das gehört zu einem guten Finale dazu. Doch wie kann man diese Aufregung, die momentan eine ganze Stadt gepackt zu haben scheint, objektiv messbar machen? Das fragen sich Professorin Dr. Christiane Fuchs, Leiterin der Data-Science-Gruppe an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität und ihr Studienpartner Professor Dr. Christian Deutscher von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft. „Uns interessiert nicht nur, wie sehr Chancen, Tore und Foul-Pfiffe während des Finales den Puls der Fans hochgehen lassen, sondern natürlich auch der Vergleich mit den Daten vor und nach dem Finale“, erklärt er.
Arminia-Fans im Datenfokus
Es gebe vereinzelt wissenschaftliche Untersuchungen in dieser Richtung, erklärt Deutscher weiter. So sei festgestellt worden, dass während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 die Zahl der notärztlich behandelten Herzattacken und die Sterblichkeit infolge von Herzinfarkten gestiegen seien – insbesondere rund um das Finale gegen Argentinien.
„Für diese Studie muss niemand aufwendig verkabelt werden – das ist ihr großes Potential“, sagt Jens Franzke, Pressesprecher der Wissenswerkstadt Bielefeld. Die Forschenden wollten sich zunutze machen, dass viele Menschen inzwischen sogenannte Smartwatches tragen, die Daten zu Herzfrequenz, Bewegung und anderen Werten aufzeichnen. Die digitalen Armbanduhren seien längst nicht mehr nur ein praktisches Gadget im Freizeitsport, sondern hätten über Funktionen wie Schrittzähler oder Schlaf-Tracking Einzug in den Alltag gehalten.
An der Arminia-Studie teilnehmen können alle, die eine Smartwatch eines bestimmten Herstellers besitzen. Dieser Hersteller biete Forschenden weltweit einen Zugang, um datenschutzkonform an Daten von Kunden zu gelangen, die sich freiwillig für wissenschaftliche Studien angemeldet hätten. „Andere Smartwatch-Marken mussten bei diesem schlanken Studiendesign leider außen vor gelassen werden“, sagt Christiane Fuchs.
Smartwatch: Aus Stadionjubel wird Statistik
Wer an der Studie teilnehmen möchte, muss sich lediglich einmalig per Link anmelden. Danach sei nichts weiter notwendig, außer das Spiel zu verfolgen – und dabei die Smartwatch am Handgelenk zu tragen. Eine App übermittelt die gemessenen Fitness-Daten dann automatisch an das Forschungsteam.
Ziel sei es, zwischen 100 und 300 Teilnehmende zu gewinnen. Nur so ließen sich aussagekräftige Erkenntnisse über den Einfluss des Spiels auf den Körperzustand der Fans gewinnen.
„Der Fokus auf Menschen, die eine Fitness-Tracking-fähige Smartwatch tragen und daher tendenziell auch selbst Sport treiben, schränkt übrigens nicht die Aussagekraft der Ergebnisse ein“, betont Christian Deutscher. Er ergänzt, dass sich der Effekt des Fußballfiebers durch den Vergleich mit den Alltagsdaten individuell herausrechnen lasse.
Nicht nur medizinisches Fachpersonal werde wohl interessiert verfolgen, was der Pokalabend mit den Herzen der Fans macht – insbesondere, wenn der Außenseiter Arminia Bielefeld im Berliner Olympiastadion tatsächlich triumphieren sollte. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen der Öffentlichkeit nach Abschluss zur Verfügung gestellt werden, kündigen die Forschenden und die Wissenswerkstadt an.
Ergebnisse: Was verraten uns die Vitalwerte der Fussball-Fans?
Das Spiel liegt mittlerweile in der Vergangenheit, die Spannung auf dem Platz war mitreißend – und sie hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Auswertung der gesammelten Smartwatch-Daten liefert nun aufschlussreiche Einblicke in das emotionale Auf und Ab der Arminia-Fans während des Finalabends. Herzfrequenzen, Stresslevel und deren zeitlicher Verlauf zeichnen ein klares Bild davon, wie sehr das Spiel nicht nur unter die Haut, sondern bis ins Herz ging.
Zusätzliche Erkenntnisse
- Anstieg des Durchschnittspulses:+18 % – von ca. 76 bpm auf 90 bpm
- Höchster Pulswert:
96 bpm nach dem ersten VfB-Tor (15. Minute) - Vergleich zum letzten Saisonspiel:
- Ähnliche Pulswerte
- Geringere Anspannung im Vorfeld
- Emotionale Bedeutung:
Für viele Fans war das Pokalfinale die intensivste Stresserfahrung der Woche
– emotional belastender als Arbeitsalltag oder Alltagssituationen. - Stresslevelverlauf:
- Kontinuierlicher Anstieg ab Mittag
- Höchstwerte vor dem Anpfiff
- Rückgang nach dem 0:4
- Erneuter Anstieg bei Anschlusstreffern
Teilnehmende:
- Über 200 Arminia-Fans (Daten via Smartwatches)
- Vergleichsdaten vom letzten Saisonspiel gegen SV Waldhof Mannheim
- Weniger VfB-Fans beteiligt, aber ebenfalls ausgewertet
| Zeitpunkt / Spielereignis | Durchschnittspuls | Stresslevel | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Alltag (Referenzwert) | ~76 bpm | Niedrig | Normalwerte vor dem Spiel |
| Samstagmittag (mehrere Stunden vor Spiel) | steigend | steigend | Deutlicher Anstieg – Spiel wird emotional erwartet |
| Vor Anpfiff | deutlich erhöht | deutlich erhöht | Maximalwerte bereits vor Spielbeginn |
| 12. Minute (Lattentreffer Arminia) | Anstieg beginnt | steigend | Hoffnungsschub und Spannung sichtbar |
| 15. Minute (0:1 VfB) | bis zu 96 bpm | sehr hoch | Höchstwert der Herzfrequenz |
| 0:2 und 0:4 | rückläufig | rückläufig | Resignationseffekt: viele Fans haken Spiel innerlich ab |
| Schlussphase (2 Tore Arminia) | bis zu 93 bpm | erneut steigend | Neue Hoffnung erzeugt Anstieg |
| Sonntag nach dem Spiel | Normalisierung | Normalisierung | Werte vergleichbar mit Sonntag der Vorwoche |
Während die Parallelen von Spielverlauf und Herzfrequenz ins Auge stechen, betonen die Forschenden, dass ein ursächlicher Zusammenhang hierdurch nicht nachgewiesen ist. Ein erhöhter Puls kann auch durch andere Faktoren wie Reisetätigkeit, den Aufenthalt in Menschenmengen, Bewegung oder Alkoholkonsum ausgelöst werden. Eine tiefergehende Analyse auch der Bewegungsdaten soll hier zu einem späteren Zeitpunkt Einblicke liefern.
Studie geht in die Verlängerung
Auch wenn das DFB-Pokalfinale nun Geschichte ist, soll die Studie der Auftakt für weitere wissenschaftliche Untersuchungen sein. Zunächst werden beim Finale des Westfalenpokals gegen die Sportfreunde Lotte am kommenden Donnerstag (29.05.2025) weitere Daten erhoben. Damit fließen künftig drei Spiele mit ganz unterschiedlicher sportlicher Bedeutung in die laufende Analyse ein – ein nächster Schritt hin zu einem umfassenden Bild der emotionalen Dynamik im Fußballfieber.
Website zur Studie „Unser Herz schlägt für Arminia“: https://www.unibi.de/herz-fuer-arminia
Quelle: Universität Bielefeld