Die Wirkung des „Luftmeeres“ - Erfahrungen eines Sylter Landschaftsarztes
Wir zitieren gern aus der Antike, wenn es um Gründe für Thalasso- und klimatherapeutische Anwendungen geht. In der „Neuzeit“ des Bäderwesens wird Richard Russell als Protagonist moderner Seebäder genannt. Da die Luft bei Russell et al.1 keine Erwähnung findet, sei diese medizinhistorische Betrachtung Anlass genug, die frühe ärztliche Beobachtung dieses wichtigen klimatherapeutischen Elementes in Verbindung mit Gesundheit darzustellen.
Gewidmet meinem verehrten Lehrer und Doktorvater Prof. Dr. med. Peter Altmeyer zum 80. Geburtstag.
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Zitierweise: HAUT 2025; 36 (3): 172-173
Die ersten Seebäder
Russell selbst war als Praktizierender nach seiner 1750 veröffentlichten Promotionsarbeit „A Dissertation on the Use of Sea Water in the Diseases of the Glands. Particulary The Scurvy, Jaundice, King’s-Evil, Leprosy, and the Glandular Consumption”1 sehr erfolgreich.
Infolge seines Wirkens im Süden Englands (z. B. Brighton) entwickelten sich in Deutschland an der Ost- und Nordseeküste bis Ende des 19. Jahrhunderts kontinuierlich ortsgebundene Seebäder nach dem Russellschen Muster mit Meerwasser-Anwendungen auf der Haut und auch per os.
Das „Luftmeer“
Abseits von diesem Zeitgeschehen veröffentlichte der dritte Sylter Landschaftsarzt2 Dr. med. et chir. Harald Ackermann 1854 noch vor der ersten Seebad-Gründung in Westerland/ Sylt (1855) eine wissenschaftliche Abhandlung zu Wetterbedingungen und Krankheit auf Sylt mit dem Titel: „Das Wetter und die Krankheiten“3.
Seine knapp 150-seitige Veröffentlichung kommt im Gegensatz zum damaligen Zeitgeist vollständig ohne Meerwasser-Anwendungen oder Beschreibung von Seebädern aus. Aus seiner Einleitung (S. 3) zitiert: „Seit lange(m) ist ein Zusammenhang zwischen den Krankheiten der organischen Wesen und der Beschaffenheit des Luftmeeres, worin sie leben, als unzweifelhaft erkannt worden. Das Luftmeer kann dabei auf zweierlei Weise als wirksam gedacht werden, indirect als Auflösungsmittel und Träger von ihm selbst nicht angehörenden, aus der organischen Welt herstammenden Stoffen, direct als innerhalb gewisser Grenzen wandelbar in der Menge und Beschaffenheit seiner ponderabeln und imponderabeln Bestandttheile, wodurch seine Einwirkungen auf die belebten Wesen mannichfachen Wechsel erleidet.“
Als Sylter Landschaftsarzt war Ackermann von 1839 bis 1855 einzig und allein für die Versorgung der Bewohner der Insel zuständig. Er nutzte die idealen Voraussetzungen einer geschlossenen Gruppe für die Untersuchungen des „Klimaeinflusses“ auf die Krankheiten der Inselbevölkerung. Das Ergebnis veröffentlichte er in dem genannten Buch. Aufgrund fehlender kontinuierlicher meteorologischer Daten war massive Vorarbeit nötig, da das Danmarks Meterologiske Institut (DMI) erst ab 1873 reproduzierbar Wetterdaten aufgezeichnet hat (damals gehörte die Insel Sylt zu Dänemark). Daher vollbrachte Ackermann in seinem ersten Buchteil die Eigenleistung, ausgedehnte Wetterbeobachtungen kontinuierlich darzulegen.
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Grundsätzliche Widersprüche zum Bäderwesen Russellscher Prägung ergeben sich aus diesem zweiten Medizin-Aspekt nicht, im Gegenteil: Sie ergänzen sich! Beide Einzelbeobachtungen zusammen ergeben interessante Parallelen zu heutigen Vorstellungen der medizinischen Klimatologie.
Ackermann stellt seine Wetterbeobachtungen in Beziehung zu den Krankheiten der circa 3.000 Insulaner. Er berichtet im 2. Teil des Buches über Krankheiten aus allen sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Schichten und leitet wie folgt ein (S. 89 ff.): „Syphilis, Skropheln und Krätze sind beinahe unbekannt, und in jeder Beziehung zeigt das physisch und geistig sehr entwickelte Völkchen [der Sylter] einen trefflichen Gesundheitszustand.“
Diesen ersten geoklimatologischen Beobachtungen kam schon damals eine überregionale Bedeutung zu und sie wurden im „Biographischen Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker4“ dokumentiert. Bei Ackermann findet sich erstmals ein „ganzheitlicher“ Ansatz zur Klimatherapie. Diesen können wir in der modernen medizinischen Klimatologie (jetzt mit Blick aus dem 20. Jahrhundert in die Gründerzeit des 18. und 19. Jahrhunderts) in „thermischen“ sowie „luftchemischen“ Wirkungskomplexen einordnen5.
Medizingeschichtlich kann festgehalten werden, dass sich Richard Russell von 1724 bis 1759 einzig und allein auf seine Expertise mit Seewasser stützt. Dieser thalassotherapeutische Teilaspekt war offensichtlich bis Mitte des 19. Jahrhunderts einziger Beweggrund zu den Seebad-Gründungen. Auch auf Sylt, durch die Initiative von Dr. Gustav Ross6, orientierte sich das „Bädergeschehen“ an der äußeren und internen Anwendung von Meerwasser. Intuitiv wurden Kur- und Badehäuser am Weststrand der Insel platziert – in Wyk auf Föhr war es 1819 noch nach Osten orientiert!
Reize durch „Luftströme“ – wie von Ackermann schon postuliert – wurden erst im 20. Jahrhundert, ebenso wie die Heliotherapie, im Rahmen eines neuen wissenschaftlichen Schwerpunktes in der Physiologie untersucht – der medizinischen Klimatologie7.
Ab S. 144 finden wir bei Ackermann Schlussfolgerungen seiner Beobachtungen, hier eine Auswahl an Zitaten:
- „…die Wärme ist der einzige (Faktor), der durch seinen Einfluss auf Respiration und Nerventhätigkeit Veränderungen im Organismus zu erzeugen vermag, damit Krankheiten entstehen.“
- „…die sinkende Wärme vermindert die „Faserstoffe“ und die Lebhaftigkeit der Reflexthätigkeiten, bedingt Adynamie.“
- „…Es combiniren sich zwar einfache, aber sehr große Mannigfaltigkeit der Verhältnisse in Bezug auf Stärke und Dauer fähige Ursachen, dass es niemals möglich sein wird, die Wirkung derselben im Voraus zu berechnen. Der ungefähre Verlauf der Wärmeperioden und Stauungen bietet bis jetzt den einzigen stützenden Punkt für eine Prognose.“
Fazit
Auch aus heutiger klimatherapeutischer Sicht bleibt das klinische Ergebnis für den Einzelfall in geoklimatologisch bevorzugter Region nicht voraussehbar. Dennoch ist die Einwirkung verschiedener „wechselnder“ Reize auf den Organismus, und insbesondere der „Kältereiz“, für die „ganzheitliche körperliche Gesundheit“ als günstig anzusehen.
1. Russell R. A Dissertation on the Use of Sea Water in the Diseases of the Glands. Particulary The Scurvy, Jaundice, King’s-Evil, Leprosy, and the Glandular Consumption. London 1860, 4. Auflage: Erstveröffentlichung in Latein 1750.
2. Klockenhoff R. Sylter Landschaftsärzte 1786-1890 und ihre Vorgänger. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt, NF, 1988.
3. Ackermann H. Das Wetter und die Krankheiten. Akademische Buchhandlung zu Kiel, 1854.
4. Hirsch A. Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker Verlag: Urban & Schwarzenberg [Wien + Leipzig]. 1884. p. 49.
5. Amelung W, Hildebrandt G. Balneologie und medizinische Klimatologie, Springer Verlag [Berlin, HD, NY, Tokyo] 1986. Bd.3. p. 27 ff.
6. Ross G. Das Nordseebad Westerland auf der Insel Silt. Eine vorläufige Ankündigung. 1858. Zitat: Nieß J, Sylter Rundschau, 23.9.2018.
7. Förderverein „Forschungsstation Medizinische Klimatologie Westerland“ e.V. (Hrsg.): Sonne, Luft, Strand und Meer – natürliche Attraktionen auf Sylt im Lichte der Wissenschaft, Verlag Dr. Kovac (Hamburg) 2001.
Dr. med. Norbert Buhles
Asklepios Nordseeklinik
Norderstr. 81
25980 Sylt
OT Westerland
E-Mail: no.buhles(at)asklepios.com