Silent Inflammation bleibt oft unbemerkt. Im Gegensatz zu akuten Entzündungen, die durch Symptome wie Rötung, Schwellung, Schmerz und Fieber gekennzeichnet sind, verläuft eine Silent Inflammation meist symptomlos. Dennoch kann diese versteckte Entzündung das Immunsystem dauerhaft belasten und das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen erhöhen.1-3 Eine Übersicht zu Biofaktoren gegen chronische Entzündungen.
Welche Rolle spielt oxidativer Stress?
Stille Entzündungen und oxidativer Stress sind eng miteinander verknüpft und verstärken sich gegenseitig. Oxidativer Stress entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen der Produktion reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) und der Kapazität des antioxidativen Schutzsystems des Körpers gestört ist. Eine erhöhte ROS-Konzentration kann zu Lipidperoxidationen, Proteinoxidationen, DNA-Schäden sowie epigenetischen Modifikationen führen. Zudem trägt oxidativer Stress zur endothelialen Dysfunktion bei.
Alle diese Schäden aktivieren das Immunsystem und setzen entzündliche Signalwege in Gang, wodurch eine chronische subklinische Entzündung entsteht. Umgekehrt verstärkt eine stille Entzündung den oxidativen Stress: Proinflammatorische Zytokine wie Interleukin-6 (Il-6) und Tumornekrosefaktor-a (TNF-a) stimulieren die Aktivität von NADPH-Oxidasen, wodurch die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies weiter zunimmt.4
Welche Ursachen führen zu Silent Inflammation?7,8
Ernährung, Lebensstil und Umweltfaktoren können stille Entzündungen begünstigen. Zuckerreiche Ernährung, raffinierte Kohlenhydrate und Transfette verstärken entzündliche Prozesse, ebenso wie chemische Zusatzstoffe und Schadstoffe aus stark verarbeiteten Lebensmitteln (ultra-processed foods). Bestimmte Weizenproteine, insbesondere Amylase-Trypsin-Inhibitoren, können Immunreaktionen auslösen und stehen insbesondere mit Autoimmunerkrankungen in Zusammenhang.
Bewegungsmangel begünstigt stille Entzündungen, insbesondere bei Übergewicht. Viszerales Fettgewebe setzt vermehrt inflammatorische Zytokine frei, während die Produktion antiinflammatorischer Myokine abnimmt.
Auch chronischer Stress trägt zur Silent Inflammation bei: Eine dauerhaft erhöhte Cortisolproduktion schwächt das Immunsystem und begünstigt entzündliche Prozesse. Schlafmangel und Schlafstörungen verstärken diesen Effekt. Zudem können negative Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung, Pestizide und chemische Substanzen in Kosmetika stille Entzündungen weiter fördern.
Bei welchen Erkrankungen ist Silent Inflammation beteiligt?5,6
Diabetes mellitus: Chronische Entzündungsprozesse fördern die Insulinresistenz und tragen zur Entwicklung von Hyperglykämie und Typ-2-Diabetes bei.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Stille Entzündungen und oxidativer Stress begünstigen die Endotheldysfunktion und Atherosklerose, wodurch sich das Risiko für Hypertonie, Herzinsuffizienz und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.
Neurodegenerative Erkrankungen: Anhaltende entzündliche Prozesse werden mit der Pathogenese neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz und Parkinson in Verbindung gebracht.
Autoimmunerkrankungen: Silent Inflammation spielt eine Rolle in der Entwicklung von Rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, chronisch-entzündlichen Darm- und Hauterkrankungen und anderen Autoimmunerkrankungen.
Krebserkrankungen: Stille Entzündungen können aufgrund von Zellschäden und DNA-Mutationen das Risiko für maligne Erkrankungen erhöhen.
Psychische Erkrankungen: Silent Inflammation ist an der Pathophysiologie der Depression beteiligt, indem sie die Neurotransmitter-Balance verändert und die Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse stört.
Beschleunigtes Altern: Stille Entzündungen und oxidativer Stress tragen zur Zellalterung bei, indem sie die Telomerverkürzung fördern und die Regenerationsfähigkeit der Zellen einschränken.
Labormarker bei Silent Inflammation?9
Wichtige Labormarker bei Verdacht auf Silent Inflammation sind hs-CRP (hoch-sensitives CRP) und Il-6. Ergänzend können TNF-a, Ferritin, Homocystein sowie Leukozyten- und Fibrinogenspiegel bestimmt werden, um Hinweise auf die entzündliche Aktivität zu erhalten.
Biofaktoren gegen chronische Entzündungen: Welche Biofaktoren schützen bei Silent Inflammation10
Vitamin D11-14
Vitamin D bindet an Vitamin-D-Rezeptoren (VDR)
- VDRs sind in fast allen Immunzellen vorhanden.
- Auch Epithelzellen verschiedener Organe (Darm, Pankreas, Prostata, Lunge, Herzmuskel) exprimieren VDRs.
- Durch die Bindung an VDRs reguliert Vitamin D die Expression immunrelevanter Gene.
Vitamin D moduliert das Immunsystem
- Vitamin D beeinflusst die Differenzierung und Funktion von Immunzellen wie T-Zellen und Makrophagen, wodurch autoimmunologische Prozesse gedämpft werden.
- Vitamin D reguliert die Genexpression proinflammatorischer Mediatoren wie Cyclooxygenasen oder 5-Lipoxygenase.
- Vitamin D moduliert zentrale Signalkaskaden wie NF-κB und MAP-Kinasen, die entzündliche Prozesse steuern.
Vitamin D hemmt entzündliche Prozesse
- Vitamin D reduziert die Produktion proinflammatorischer und verstärkt die Synthese antiinflammatorischer Zytokine.
- Ein Vitamin-D-Mangel korreliert mit erhöhten CRP-Werten und ist mit einem vermehrten Risiko für Silent Inflammation sowie chronisch-entzündliche Erkrankungen assoziiert.
Zum Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels wird nach momentaner Datenlage eine orale Dosis von 1.000 bis 4.000 IE Vitamin D empfohlen. Da Adipositas das Risiko eines Vitamin-D-Mangels erhöht, können adipöse Patienten15 aber auch solche mit chronischen Resorptionsstörungen in den ersten Behandlungswochen Tagesdosen bis zu 6.000 IE benötigen.16,17
Magnesium18-21
Auch Magnesium reguliert Entzündungsprozesse und kann Silent Inflammation entgegenwirken, indem es die Produktion proinflammatorischer Zytokine reduziert. Der Biofaktor wirkt antioxidativ, stabilisiert Zellmembranen und unterstützt die Endothelfunktion sowie die mitochondriale Funktion. Zudem moduliert Magnesium den NF-κB-Signalweg, wodurch chronisch-entzündliche Prozesse gedämpft werden.
Ein guter Magnesiumstatus ist insgesamt mit einer geringeren Entzündungsbelastung assoziiert. Der Ausgleich eines Magnesiummangels kann durch eine orale Supplementierung in Tagesdosen von rund 300 mg Magnesium – gelegentlich höher – erfolgen.
Fazit für die Praxis
Eine entzündungshemmende Ernährung, regelmäßige Bewegung, ein gesundes Körpergewicht und effektives Stressmanagement können Silent Inflammation reduzieren. Essenzielle Biofaktoren regulieren das Immunsystem, modulieren Entzündungen und vermindern oxidativen Stress. Eine gezielte Supplementierung zum Ausgleich eines Mangels kann das Risiko chronisch-entzündlicher Erkrankungen senken.
Biofaktoren gegen chronische Entzündungen: Antioxidatives Schutzsystem22
Neben den Vitaminen C, E und Beta-Carotin, die als Antioxidantien die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies verhindern oder deren Konzentration reduzieren, ist auch auf eine gute Versorgung mit den Biofaktoren Selen und Zink zu achten.
Selen ist ein essenzieller Bestandteil der Glutathionperoxidase, einer Gruppe von Selenoproteinen, die eine zentrale Rolle im antioxidativen Schutzsystem des Körpers spielen.
Die Glutathionperoxidase katalysiert die Umwandlung von Wasserstoffperoxid und organischen Peroxiden, reduziert dadurch oxidativen Stress und schützt die Zellen vor Schäden durch Lipidperoxidation. Durch diese antioxidativen Mechanismen kann Selen endotheliale Entzündungen verringern, die mit Silent Inflammation und deren negativen Folgen in Verbindung stehen.23,24
Zink ist ein essenzieller Bestandteil des antioxidativen Schutzsystems und fungiert als Kofaktor antioxidativ wirkender Enzyme. Besonders hervorzuheben ist die Rolle des Biofaktors in der Kupfer-Zink-Superoxid-Dismutase, die hochreaktive und zellschädigende Superoxid-Radikale abbaut. Dadurch reduziert Zink indirekt die schädlichen Auswirkungen reaktiver Sauerstoffspezies und schützt Zellen vor oxidativem Stress. Dieser Mechanismus kann dazu beitragen, chronisch-entzündliche Prozesse zu modulieren und vor Silent Inflammation zu schützen.25-27