Pathogene und kommensale Bakterien im Wundmikrobiom – Wie können die „Guten“ gewinnen?
Rund 100 Billionen Mikroorganismen besiedeln unseren Körper – das Mikrobiom. Es beeinflusst nicht nur Verdauung und Immunabwehr, sondern auch die Wundheilung. Besonders das Wundmikrobiom steht zunehmend im Fokus der Forschung, denn manche Keime könnten zentrale Helfer im Heilungsprozess sein.
Gesunde Haut beherbergt eine vielfältige Mikrobiota, dominiert von kommensalen Keimen wie Staphylococcus epidermidis, Cutibacterium acnes und Corynebacterium spp. Sie stärken die Hautbarriere und hemmen Pathogene durch Konkurrenz und antimikrobielle Substanzen (9, 25). Bei Hautverletzungen kann dieses Gleichgewicht kippen: Das veränderte Wundmilieu – mit erhöhter Feuchtigkeit, Nährstoffen aus Serum und Nekrose sowie alkalischem pH-Wert (> 7,3) – begünstigt das Wachstum pathogener Keime wie Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeruginosa. Diese verdrängen die kommensalen Mikroorganismen, was eine Infektion fördern kann (4, 14, 19).
Chronisch infizierte Wunden sind ein wachsendes Problem in der Krankenversorgung; häufig treten sie bei Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) oder chronischer venöser Insuffizienz (CVI) auf. Eine gestörte Durchblutung schwächt die Immunantwort, wodurch Infektionen häufiger vorkommen und persistieren (8, 12, 16). Antiseptika und auch systemische Antibiotika sind zur Keimreduktion unverzichtbar, wirken aber nicht selektiv und schädigen auch kommensale Bakterien des Haut- und Wundmikrobioms. Das kann auch resistenten Bakterien Vorschub leisten. Ein gezielter, indikationsgerechter Einsatz von antimikrobiellen Therapien, angepasst an Infektionsstatus in Konzentration und Anwendungsdauer, ist daher essenziell (11).
Neue Wege: Wundmikrobiom als Therapiepartner
Ein Paradigmenwechsel deutet sich bereits bei anderen Erkrankungen an; die gezielte Unterstützung des Mikrobioms rückt in den Fokus: Mikrobiom-Modulation statt seiner Auslöschung (13). Ein saurer pH-Wert im Wundmilieu kann die Heilung fördern, indem er die Reepithelisierung unterstützt, proteolytische Aktivität hemmt und das Wachstum pathogener Biofilme unterdrückt (19, 20). Spüllösungen und pH-Wert-senkende Wundauflagen können Bedingungen schaffen, die pathogene Keime (wachsen bevorzugt bei pH > 6) hemmen, ohne kommensale Mikroorganismen unnötig zu beeinträchtigen. Erste Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse mit solchen pH-Wert-modulierenden Ansätzen (5, 21, 24).
Auch Probiotika gewinnen als potenzielle Wundtherapie an Bedeutung. Sie können mit pathogenen Bakterien um Nahrungsquellen konkurrieren, Milchsäure zur pH-Wert-Senkung produzieren und bakteriozide Stoffe freisetzen (1, 7). In Experimenten inhibierten Arten wie Lactobacillus plantarum, L. acidophilus und Bifidobacterium lactis das Wachstum pathogener Biofilme, reduzierten Entzündungen und förderten die Reepithelisierung (2, 3, 10, 15, 17, 23). Lactobacilli konnten bei Verbrennungspatienten Infektionen und Transplantationsbedarf senken, L. plantarum konnte sogar bei diabetischem Fußsyndrom (DFS) die Wundgröße reduzieren. Eine standardisierte Anwendung von Probiotika in der klinischen Wundtherapie ist jedoch, wenn überhaupt, Zukunftsmusik (6, 22). Systemische Zusammenhänge hingegen rücken stärker in den Fokus: Eine gestörte Darmflora, etwa bei „leaky gut“ beim Diabetes, kann über Immunmediatoren Hautbarriere und Wundmikrobiom beeinflussen. Die sogenannte Darm-Haut-Achse gilt daher als potenzieller therapeutischer Ansatz, auch für den Einsatz von Probiotika (18).
Fazit: Die Guten stärken, statt alle zu vernichten
Ein vertieftes Verständnis des Haut- und Wundmikrobioms ist entscheidend für die Entwicklung differenzierter Therapien. Die Wundforschung sollte sich künftig gezielter diesem mikrobiellen Zusammenspiel widmen: Es könnte nicht mehr nur um die Eliminierung von Infektionserregern, sondern auch um die Förderung kommensaler Bakterien und die Wiederherstellung eines gesunden Gleichgewichts gehen. Probiotika und pH-Wert-Modulation könnten dabei eine zentrale Rolle spielen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wie wir alle Keime beseitigen, sondern wie wir den „Guten“ zum Sieg verhelfen. Wie weit die (Wund-)Forschung auf diesem Gebiet bereits ist, zeigt eine aktuelle Publikation (13).
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag beim Deutschen Wundkongress vom 7.-9.5.2025 in Bremen.
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