Unter- und Fehlversorgung lymphologischer Erkrankungen
Die retrospektive Analyse von anonymisierten Krankenkassendaten aus Deutschland basiert auf Abrechnungsdaten von insgesamt 3,3 Millionen gesetzlich Krankenversicherten und ermöglicht detaillierte Aussagen zur Versorgungssituation von Lymphödempatienten.
Sie erlaubt detaillierte Aussagen zur Häufigkeit, therapeutischen Versorgung und Morbiditätslast bei Lymphödempatienten über einen Beobachtungszeitraum von fünf Jahren. Damit wird eine Lücke in der bestehenden Datenlage geschlossen, denn bislang existieren kaum belastbare epidemiologische Kennzahlen zur Versorgungslage bei lymphologischen Erkrankungen in Deutschland.
Prävalenz und Patientenprofil
Insgesamt wurden 34.414 Versicherte mit einer gesicherten lymphologischen Diagnose in mindestens zwei Quartalen im Jahr 2017 (Index) identifiziert, was einer Prävalenz von 1,0 % im untersuchten Kollektiv entspricht. Die Mehrheit der Betroffenen war weiblich (80 %) und im Rentenalter, das mittlere Alter lag bei 65 Jahren. Das Erkrankungsbild manifestierte sich somit vornehmlich in einer älteren, weiblichen Patientengruppe – ein Befund, der mit klinischen Erfahrungswerten übereinstimmt. Die Prävalenz spiegelt darüber hinaus die hohe Relevanz lymphologischer Erkrankungen im Kontext chronischer Erkrankungen wider und verweist auf die Notwendigkeit einer konsequent leitliniengerechten Versorgung.
Therapie mit Kompression und MLD beim Lymphödem
Ein Anteil von 66,9 % der identifizierten Patienten erhielten eine medizinische Kompressionstherapie (MKT), wobei diese als erfolgt galt, wenn innerhalb des Nachbeobachtungszeitraums von fünf Jahren mindestens einmal ein Verbandmittel oder Hilfsmittel der Produktgruppe 17 abgerechnet wurde. Von den MKT-Patienten wurde 53,7 % zusätzlich eine Manuelle Lymphdrainage (MLD) verordnet. Auffällig und kritisch zu bewerten ist der Umstand, dass 29 % aller Patienten, die eine MLD erhielten, keine dokumentierte MKT bekamen. Diese Behandlungsweise widerspricht den geltenden Leitlinienempfehlungen, die die Kombination beider Verfahren als therapeutischen Standard definieren. Zudem blieben 33,1 % der Betroffenen über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg gänzlich ohne MKT-Versorgung, obwohl die Indikation formal gegeben war (Abb. 1).
Morbiditätsprofil und Versorgungsausmaß
Das erfasste Patientenkollektiv war von einer ausgeprägten Morbiditätslast geprägt. Der durchschnittliche Charlson Comorbidity Index (CCI) lag bei 3,4. Ein Anteil von 46 % der Patienten mit MKT litt zusätzlich unter Adipositas, 32 % unter diagnostizierten Depressionen. Diese Multimorbidität spiegelt sich auch in der Nutzung des Gesundheitssystems wider: Im Durchschnitt wurden 37 ärztliche Kontakte pro Jahr verzeichnet, davon 17 im hausärztlichen Bereich. Diese Zahlen verdeutlichen nicht nur den medizinischen Unterstützungsbedarf, sondern auch die hohe Bedeutung koordinierter und multidisziplinärer Versorgungsansätze.
Diskussion und Implikationen für die Versorgung
Die vorgestellten Ergebnisse offenbaren substanzielle Versorgungslücken in der praktischen Behandlung des Lymphödems. Die hohe Rate an Patienten, die ausschließlich eine MLD ohne begleitende MKT erhielten, lässt auf Unsicherheiten oder strukturelle Barrieren in der Verordnungspraxis schließen. Auch die Nicht-Versorgung eines Drittels der diagnostizierten Patienten mit MKT stellt ein ernstzunehmendes Defizit dar. In beiden Fällen liegt ein deutlicher Widerspruch zur geltenden S2k-Leitlinie vor.
Fazit Die Auswertung von GKV-Routinedaten liefert erstmals valide Aussagen zur epidemiologischen Relevanz und zur therapeutischen Versorgung des Lymphödems im Versorgungsalltag. Trotz klarer Empfehlungen bestehen deutliche Diskrepanzen zwischen Leitlinie und Realität.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag beim Deutschen Wundkongress vom 7.-9.5.2025 in Bremen.
Korrespondenzadresse
Autoren: M. Stücker1, L. Möckel2, K. Sauer2 1 Klinik für Dermatologie, Venenzentrum der dermatologischen und gefäßchirurgischen Kliniken, Ruhr-Universität Bochum 2 eurocom e. V. – European Manufacturers Federation for Compression Therapy and Orthopaedic Devices, Berlin
Prof. Dr. med. Markus Stücker Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum Im St. Maria-Hilf-Krankenhaus Hiltroper Landwehr 11–13, 44805 Bochum markus.stuecker(at)klinikum-bochum.de www.venenzentrum-uniklinik.de
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