Mammakarzinom: Neue Perspektiven für Diagnostik, Therapie und Versorgung
Auf dem 44. Jahreskongress der deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) präsentierten aktuelle Entwicklungen in Diagnostik, Therapie und Leitlinien beim Mammakarzinom. Im Fokus standen individualisierte Behandlungsstrategien, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Radiologie und Pathologie sowie die überarbeitete S3-Leitlinie.
Eröffnet wurde der Kongress von der DGS-Vorsitzenden Prof. Sara Y. Brucker (Tübingen) gemeinsam mit dem Kongresspräsidenten Prof. Andreas Hartkopf (Tübingen). Zentrale Themen waren die überarbeitete S3-Leitlinie zum Mammakarzinom, neue Erkenntnisse aus Gynäkologie, Chirurgie, Innerer Medizin, Pathologie, Radiologie, Radioonkologie sowie Plastischer Chirurgie, aber auch Diskurse zu Gesundheitskompetenz und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der klinischen Praxis.
Individualisierte Therapiestrategien beim Mammakarzinom
Hormonrezeptor-positives Mammakarzinom: Kombinationstherapie als Standard
Dr. Manfred Welslau (Aschaffenburg) hob in seinem Vortrag die Relevanz individualisierter Therapiekonzepte beim Mammakarzinom hervor. Neben molekulargenetischen Parametern fließen zunehmend auch psychosoziale sowie sozioökonomische Faktoren in die Behandlung ein – denn Ziel ist es, die Versorgung stärker an individuellen Bedürfnissen auszurichten, insbesondere bei metastasiertem Brustkrebs.
Beim hormonrezeptor-positiven (HR+) Mammakarzinom gilt laut Welslau die Kombination aus endokriner Therapie (ET) und CDK4/6-Inhibitoren wie Ribociclib oder Abemaciclib als Standard – auch bei hoher Tumorlast. Studien zeigen eine verbesserte Ansprechrate sowie ein verlängertes progressionsfreies Überleben (PFS) im Vergleich zur Chemotherapie. Eine schwedische Analyse empfiehlt, Tumore mit < 10 % Östrogenrezeptor-Dichte nicht mehr als HR+ zu klassifizieren.
Molekulare Subtypen und zielgerichtete Therapien
Bei PIK3CA-Mutationen kann die Kombination aus Inavolisib, Palbociclib und Antihormontherapie sowohl PFS als auch das Gesamtüberleben verbessern. Die Liquid Biopsy gewinnt zur molekularen Signaturerfassung zunehmend an Bedeutung, wobei insbesondere ESR1-Mutationen beim ersten Progress unter ET relevant sind. Neben dem bereits zugelassenen Selektiven Estrogenrezeptor-Degrader (SERD) Elacestrant befinden sich weitere Wirkstoffe in Prüfung.
Für HER2-low-Tumoren (IHC 1+/2+, ISH-negativ), die etwa 50 % der ehemals als HER2-negativ klassifizierten Tumoren ausmachen, zeigte die DESTINY-Breast06-Studie PFS-Vorteile durch Trastuzumab-Deruxtecan (T-DXd), selbst wenn keine vorherige Chemotherapie erfolgt war. HER2-positive Erkrankungen werden unter anderem mit Trastuzumab-Pertuzumab, Trastuzumab-Emtansin (T-DM1), Tucatinib und T-DXd behandelt – auch bei Hirnmetastasen liegen positive Studiendaten vor.
Triple-negatives und frühes Mammakarzinom: Innovative Ansätze
Beim triple-negativen Mammakarzinom (TNBC) kommen Immuncheckpoint-Inhibitoren wie Atezolizumab und Pembrolizumab in Kombination mit Chemotherapie zum Einsatz. Diese sind meist gut verträglich, jedoch können in seltenen Fällen überschießende Immunreaktionen auftreten, weshalb eine engmaschige Begleitung erforderlich ist. Mammakarzinome mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation sprechen auf PARP-Inhibitoren wie Olaparib oder Talazoparib an. Ab der Zweitlinie bleibt auch das Antibody-Drug-Conjugate Sacituzumab govitecan (SG) weiterhin relevant.
Auch beim frühen Mammakarzinom wird die Therapie zunehmend individualisiert. Multigentests helfen, Rückfallrisiken besser einzuschätzen und gezielt zu therapieren. In Hochrisikogruppen zeigen die Studien monarchE (Abemaciclib) sowie NATALEE (Ribociclib) Vorteile beim rückfallfreien Überleben. Zudem steigert eine strukturierte Betreuung laut IMPACT-Studie die Therapietreue.
Einzelschichtdarstellung hoch verdächtiger Tumorzeichen
Histologie: Mammakarzinom nicht spezieller Typ, Grad 2, Hormonrezeptor-negativ, Her2neu-negativ.
© Referenzzentrum Mammographie Münster
Radiologie: Erweiterung des Screenings und Einsatz von KI
Prof. Stefanie Weigel (Münster) stellte die Erweiterung des Deutschen Mammografie-Screening-Programms vor: Seit Juli 2024 können sich auch Frauen im Alter von 70 bis 75 Jahren alle zwei Jahre untersuchen lassen. Hintergrund sind eine gestiegene Lebenserwartung und die brustkrebsspezifische Mortalität in dieser Altersgruppe.
Zudem bietet der Einsatz von künstlicher Intelligenz neue Chancen für die Diagnostik: Die PRAIM-Studie mit über 460.000 Teilnehmerinnen zeigte, dass der Einsatz von KI in Ergänzung zur ärztlichen Doppelbefundung die Detektionsrate für Brustkrebs um fast 18 % steigern konnte – ohne eine Zunahme an Zusatzdiagnostik.1 KI könnte, so Weigel, den aufwendigen Prozess der Doppelbefundung künftig entlasten.1,2,3
Auch technische Verfahren wie die digitale Brusttomosynthese (DBT) verbessern die Früherkennung – insbesondere bei extrem dichtem Drüsengewebe. Die Schichtaufnahme erzeugt 1 mm dünne Bildlagen und reduziert Gewebeüberlagerungen, was zu einer bis zu 48 % höheren Erkennungsrate führen kann.4 Eine Nutzenbewertung durch das Bundesamt für Strahlenschutz ist eingeleitet; ergänzend prüft die DIMASOS-2-Studie, wie Ultraschalluntersuchungen bei Frauen mit extrem dichtem Brustgewebe in das qualitätsgesicherte Screening eingebunden werden können.
Radioonkologie: EUROPA-Studie zur Therapie älterer Patientinnen
Prof. Jürgen Debus (Heidelberg) präsentierte erste Ergebnisse der multizentrischen Phase-III-Studie EUROPA. Sie untersucht, ob eine alleinige hypofraktionierte Radiotherapie (RT) bei Frauen ≥ 70 Jahren mit niedrig proliferativem Luminal-A-Mammakarzinom nach brusterhaltender Operation gleichwertig gegenüber einer alleinigen ET ist.5
Nach 24 Monaten zeigte sich unter ET ein signifikanter Rückgang der Lebensqualität (– 10 Punkte), während sie unter RT stabil blieb (Differenz: + 6,39 Punkte; p = 0,045). Auch traten unter ET häufiger systemische und lokale Nebenwirkungen auf, einschließlich Grad-3 – 4-Arthralgien (7 %), Therapieabbrüchen (12 %) und -wechseln (22 %). Ein Inbrust-Rezidiv wurde bislang in keiner Gruppe beobachtet. Die Ergebnisse deuten laut Debus darauf hin, dass bei älteren Patientinnen mit günstigem Risikoprofil eine alleinige RT eine verträglichere Therapieoption darstellen könnte.6
Subtypen und Digitalisierung in der Pathologie
Die Pathologie ist integraler Bestandteil der risikoadaptierten Versorgung beim Mammakarzinom. Prof. Annette Lebeau (Hamburg-Eppendorf) stellte praxisrelevante Neuerungen vor. Eine unter Leitung von Prof. Carsten Denkert (Marburg) durchgeführte Studie identifizierte bei Luminal-B-Tumoren unter neoadjuvanter Chemotherapie dynamische Subtypen. Daraus entstand die neue Klassifikation der sogenannten „Adaptive Cluster“ (AC-Subtypen 1–5), die eine präzisere Risikoeinschätzung ermöglichen.7
Mit der Einführung der Kategorie HER2-ultralow wird die Differenzierung innerhalb der HER2-negativen Tumoren weiter verfeinert. Die Einordnung erfolgt mittels standardisierter immunhistochemischer Bewertung: HER2-0 (IHC 0, ohne Membranfärbung), HER2-ultralow (IHC 0, mit Membranfärbung), HER2-low (IHC 1+/2+, ISH-negativ). Für Patientinnen mit HR+, HER2-ultralow-Mammakarzinom, die bereits eine ET in der metastasierten Situation erhalten haben und für die eine weitere endokrine Behandlung nicht infrage kommt, steht seit April 2025 das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Trastuzumab-Deruxtecan zur Verfügung.8
Auch der Einsatz von KI in der pathologischen Diagnostik wird weiterentwickelt. Ziel ist eine objektivere und effizientere Befundung. Laut Lebeau müssen neben der Intransparenz der KI-generierten Entscheidungen jedoch noch technische und finanzielle Limitationen gelöst werden, bevor der Einsatz der KI zu einer echten Beschleunigung und Verbesserung der Befundung in der Pathologie beitragen könne.9
Überarbeitete S3-Leitlinie zum Mammakarzinom
Ein zentraler Kongressschwerpunkt war die strukturierte Überarbeitung der S3-Leitlinie „Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“. Sie entstand im Rahmen des Leitlinienprogramms Onkologie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) unter Federführung der DGS, der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie – Kommission Mamma (AGO-Mamma), gefördert durch die Deutsche Krebshilfe. Beteiligt sind über 50 medizinische Fachgesellschaften.
Anlass für die Aktualisierung waren neue wissenschaftliche Evidenz, methodische Entwicklungen und der Anspruch auf patientinnenzentrierte Versorgung. Die Kapitelstruktur wurde überarbeitet, Schlüsselfragen ergänzt und drei neue Module aufgenommen:
- Transgender und Brustkrebs
- Brustrekonstruktion
- spezielle Tumorentitäten
Aktualisiert wurden Empfehlungen zur systemischen, operativen und strahlentherapeutischen Behandlung sowie zur Nachsorge, Rehabilitation und Gesundheitskompetenz. Inhalte aus Querschnittsleitlinien – etwa zu Psychoonkologie, Komplementärmedizin oder Lebensstil – wurden integriert. Weitere Anpassungen betreffen familiären Brustkrebs, Brustkrebsfrüherkennung bei asymptomatischen Frauen, differenzierte Diagnostik bei auffälligen Befunden und die prätherapeutische Ausbreitungsdiagnostik.
Leitlinienprogramm Onkologie
➡️ Zur S3-Leitlinie Mammakarzinom
Aktualisiert wurden Empfehlungen zur systemischen, operativen und strahlentherapeutischen Behandlung, zur Nachsorge, Rehabilitation sowie zur Gesundheitskompetenz. Auch Inhalte aus Querschnittsleitlinien – etwa zu Psychoonkologie, Komplementärmedizin und Lebensstil – wurden integriert. Weitere Anpassungen betreffen den familiären Brustkrebs, die Brustkrebsfrüherkennung bei asymptomatischen Frauen, differenzierte Diagnostik bei auffälligen Befunden und die prätherapeutische Ausbreitungsdiagnostik.
Plastische Chirurgie: Implantatregister stärkt Sicherheit
Seit dem 1. Juli 2024 ist die Meldung aller implantatbezogenen Maßnahmen an das Implantateregister Deutschland (IRD) verpflichtend. Ziel ist es, die Sicherheit und Qualität von Implantaten sowie die Patientinnensicherheit zu verbessern – mithilfe eines standardisierten Datensatzes auf Basis der „International Collaboration of Breast Registry Activities“ (ICOBRA). So sollen Risiken wie das Brustimplantat-assoziierte anaplastische großzellige Lymphom (BIA-ALCL) oder das Brustimplantat-assoziierte Plattenepithelkarzinom (BIA-SCC) frühzeitig erkannt werden. Auch unspezifische Beschwerden wie die Breast Implant Illness (BII) sollen künftig besser erfasst werden. Die pseudonymisierten Daten werden über die Telematikinfrastruktur an das Robert Koch-Institut und das Bundesministerium für Gesundheit übermittelt und stehen auch Fachgesellschaften sowie der Forschung zur Verfügung.
Das 2020 in Kraft getretene Implantateregistergesetz (IRegG) geht auf die langjährige Initiative der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC) zurück. Die verpflichtende Erfassung wurde pandemiebedingt auf Juli 2024 verschoben. Seit Januar 2025 umfasst das Register zusätzlich Aortenklappen sowie Hüft- und Knieimplantate.
Bundesministerium für Gesundheit
➡️ Zum Implantateregister (IRD)
Als Vorläufer gilt das AWOgyn-Register (2011 – 2021), das in 148 Brustzentren rund 24.000 Implantationen und über 6.000 Explantationen dokumentierte. Der finale Datensatz befindet sich derzeit in wissenschaftlicher Aufbereitung, eine Publikation ist für Q3/2025 geplant. Bereits seit 2013 ist die DGPRÄC Mitglied der australisch initiierten ICOBRA-Initiative. Durch die internationale Anbindung und künftige Erweiterung auf weitere Implantattypen soll das Register langfristig zur Qualitätssicherung beitragen.
1 Eisemann N, Bunk S, Mukama T, et al. Nat Med. 2025;31(3):917–924.
2 Dembrower K, Crippa A, Colón E, et al. Lancet Digit Health. 2023;5(10):e703–e711.
3 Hernström V, Josefsson V, Sartor H, et al. Lancet Digit Health. 2025;7(3):e175–e183.
4 Heindel W, Weigel S, Gerß J, et al. Lancet Oncol. 2022;23(5):601–611.
5 Meattini I, Lambertini M, De Santis MC, et al. Lancet Oncol. 2025;26:37–50.
6 Chirgwin JH, Giobbie-Hurder A, Coates AS, et al. J Clin Oncol. 2016;34(21):2452–2459.
7 Denkert C, Rachakonda S, Karn T, et al. Cancer Cell. 2025;43(2):232–247.e4.
8 Bardia A, Hu X, Dent R, et al. N Engl J Med. 2024;390(4):317–327.
9 Lebeau A, Turzynski A. Senologie. 2025;22(1):31–42.
Quelle: Kongressdokumentation des 44. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Senologie e. V., 26.–28. Juni 2025 in Stuttgart