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Diabeteskomplikationen

Typ-2-Diabetes: Regionale Herkunft entscheidet über Folgeerkrankungen

Laut einer neuen Studie ist die Erkrankungsrate an Typ-2-Diabetes bei in Europa lebenden Menschen mit südasiatischen und afrikanischen Wurzeln höher als bei der europäischen Mehrheitsbevölkerung. Sie sterben jedoch seltener an den Folgen der Erkrankung, da weniger schwere Komplikationen auftreten.


05.08.2025
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Das zeigt eine große Metaanalyse (1), die Daten von 54 Vergleichsstudien mit insgesamt 1,2 Millionen Migrantinnen und Migranten in Europa ausgewertet hat. Diese Ergebnisse widersprechen bisherigen Studien, die mehrheitlich aus den USA stammten und ein durchweg erhöhtes Risiko für Diabeteskomplikationen bei Migrantinnen und Migranten beschrieben hatten.


„Die Übersichtsarbeit im British Medical Journal (1) zeigt, dass Personen mit eigener oder elterlicher Migrationsgeschichte in Europa trotz ihrer deutlich höheren Diabeteserkrankungsraten ein um 28 % geringeres Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Komplikationen haben. Das Sterberisiko liegt sogar um etwa 30 % unter dem der europäischen Mehrheitsbevölkerung."

Prof. Dr. Ina Danquah


„Die Übersichtsarbeit im British Medical Journal (1) zeigt, dass Personen mit eigener oder elterlicher Migrationsgeschichte in Europa trotz ihrer deutlich höheren Diabeteserkrankungsraten ein um 28 % geringeres Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Komplikationen haben. Das Sterberisiko liegt sogar um etwa 30 % unter dem der europäischen Mehrheitsbevölkerung “, sagt Prof. Dr. Ina Danquah. Sie ist Vorsitzende der AG Diabetes & Migration der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Direktorin am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn sowie Leiterin der Forschungsgruppe Klimawandel, Ernährung und Gesundheit am Heidelberger Institut für Global Health (HIGH). 

Warum gibt es weniger Folgeerkrankungen von Typ-2-Diabetes wie Schlaganfall und Herzinfarkt?

Eine Ursache für weniger sogenannte makrovaskuläre Komplikationen – also diabetische Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall – könnten genetische Schutzfaktoren sein. 

  • So weisen etwa Menschen aus Herkunftsländern im südlichen Afrika ein günstigeres kardiometabolisches Profil auf, z.B. Blutfettwerte betreffend.
  • Weitere Gründe dafür könnten sein, dass bei Migrantinnen und Migranten aus dem asiatischen und afrikanischen Raum seltener Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum oder Bluthochdruck bestehen als in der Allgemeinbevölkerung.
  • Außerdem gibt es Hinweise, dass Ärzte bei Migrantinnen und Migranten von einem höheren Risiko ausgehen und früher antidiabetische Medikamente einsetzen.


Mikrovaskuläre Komplikationen von Typ-2-Diabetes oft zu spät erkannt

Anders sieht es bei mikrovaskulären Komplikationen aus. Dazu gehören Nieren- und Augenschädigungen. Die Übersichtsarbeit zeigt: 

  • Menschen südasiatischer und afrikanischer Herkunft leiden etwas häufiger unter Nierenerkrankungen (Nephropathie) und Augenerkrankungen (Retinopathie) als die europäische Durchschnittsbevölkerung. Gründe für diesen Befund sind unklar.
  • Diese Bevölkerungsgruppe weist eine geringere Todesrate und geringere makrovaskulären Erkrankungen auf.


„Mikrovaskuläre Komplikationen stellen für alle Diabetespatienten eine große Gefahr dar – vor allem, weil sie oft unbemerkt bleiben“, warnt Dr. med. Alain Barakat. E ist stellvertretender Vorsitzender der AG Diabetes & Migration der DDG und niedergelassener Diabetologe in Duisburg. Er erklärt: „Nieren und Augen werden oft zu spät untersucht. Dabei lassen sich hier Schäden frühzeitig erkennen und gut behandeln.“ So zeigt beispielsweise die KV Nordrhein in ihrem „DMP-Qualitätsbericht 2023“ (2) auf, dass in ihrem Versorgungsgebiet nur bei 57,9 % die Netzhaut und bei 85,8 % die Nierenfunktion überprüft wurde.


„Nieren und Augen werden oft zu spät untersucht. Dabei lassen sich hier Schäden frühzeitig erkennen und gut behandeln.“

Dr. med. Alain Barakat



Schwierige Lebensbedingungen und Zugangshürden für Migranten mit Typ-2-Diabetes

Danquah betont: „Migrantinnen und Migranten leben mitunter unter schwierigen Bedingungen: wenig Raum, prekäre Arbeitsbedingungen, Diskriminierung und psychischer Stress – all das kann eine konsequente Diabeteskontrolle erschweren.“ Auch Sprachbarrieren, Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem oder fehlende Kenntnisse über Vorsorgeangebote spielen eine Rolle. Solche Faktoren könnten erklären, warum schleichende diabetische Erkrankungen wie Nierenschäden und Retinopathie durch Diabetes bei Personen mit Migrationsgeschichte häufiger auftreten.

Prävention verbessern und Versorgung gezielt anbieten

„Um die genauen Ursachen für diese unterschiedlichen Risikofaktoren aufzuzeigen, müssen nun noch weitere Studien folgen“, so Danquah. Dies würde dann dabei helfen, Diagnostik und Therapie gezielter an die Bevölkerungsgruppen anzupassen und so jeweilige Komplikationsrisiken frühzeitig zu identifizieren. 

Für die hausärztliche und diabetologische Betreuung von allen Menschen mit Typ-2-Diabetes ergeben sich laut Danquah aus der Übersichtsarbeit klare Empfehlungen: 

  • Alle Patientinnen und -patienten mit Diabetes sollten konsequent auf mikrovaskuläre Komplikationen untersucht werden.
  • Entscheidend sind auch regelmäßige Augenhintergrunduntersuchungen und Nierenfunktionstests (besonders die Bestimmung der UACR [Urin-Albumin-Creatinin-Ratio]).
  • Erforderlich sind regelmäßige Blutdruckkontrolle sowie frühzeitige nierenschützende Therapien
  • Die Betroffenen sollten über ihre Erkrankung und mögliche Folgeerkrankungen aufgeklärt werden.
  • Die Angebote sollen verständlich, niederschwellig zugänglich und kulturell angepasst sein. 

„Mit einer guten Vorsorge und konsequenter Therapie lassen sich viele Komplikationen verhindern. Wobei das für alle gilt – unabhängig von der Herkunft“, so Danquah. „Diabetologie ist sprechende Medizin – das gilt an dieser Stelle ganz besonders!“

Um die Versorgung von Menschen mit Diabetes zu verbessern, fordert die Deutsche Diabetes Gesellschaft von der Politik:

  • Landesweit gut erreichbare ambulante und stationäre Versorgung
  • Überwindung von Sprachbarrieren
  • Niedrigschwellige Versorgung: Mobile Sprechstunden
  • Individuelle Prävention: Ernährungsempfehlungen und Aufklärung passend zum Lebensstil der Zielgruppen.

„Gesundheit entsteht nicht nur in der Praxis – gesellschaftliche Teilhabe, Verständnis und gegenseitiger Respekt sind entscheidend“, resümiert Barakat.

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