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Allgemein- & Innere Medizin, Infektiologie, Medizin, Dermatologie, Suchtmedizin Dermatologie Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie, HAUT
Prävention aus dem Blister

PEP, PrEP und Doxy-PEP

Während eine Infektion mit dem humanen Immunodefizienz-Virus (HIV) in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts eine fatale Diagnose darstellte und die Angst vor der Infektion eine ganze Generation geprägt hat, hat sich die Infektion heute zu einer chronischen, aber behandelbaren Erkrankung mit normaler Lebenserwartung gewandelt.


13.08.2025
S. Schellberg
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Zitierweise: HAUT 2025; 36 (4): 188-191

Schlüsselwörter: HIV, PEP, PrEP, Doxy-PEP

An infection with humane immunodeficiency virus (HIV) was a lethal diagnosis in the 1980s and 1990s, and the fear of an infection left a mark on a whole generation. Today, however, the infection has altered to a chronic but treatable disease with a normal life expectancy.

Key words: HIV, PEP, PrEP, Doxy-PEP

* Zur besseren Lesbarkeit kann in Texten das generische Maskulinum verwendet werden. Nichtsdestoweniger
beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter.

Menschen, die mit HIV leben, haben heute eine normale Lebenserwartung. Ängste, jemand anderen zu infizieren, sind aufgrund neuer Therapien mittlerweile unbegründet. Das Schlagwort „N = N“ (nicht nachweisbar gleich nicht übertragbar) steht für den rasanten Fortschritt in diesem Bereich. Moderne Präventionsstrategien wie die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) haben das Spektrum von antiretroviraler Therapie (TasP) und Kondomen als Präventionsstrategien ergänzt und auch die HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP) steht immer dann zur Verfügung, wenn alle Präventionsstrategien gescheitert sind.

Allem Erfolg der HIV-Prävention, zumindest in einigen Gruppen von Betroffenen, steht aber auch eine seit Jahren steigende Inzidenz sexuell übertragbarer Erkrankungen (STD) entgegen. Die Raten von Syphilis, Chlamydien und Co. nehmen seit Jahren überall auf der Welt rasant zu1. Präventionsstrategien scheitern. Die erfreulicherweise reduzierte Angst vor einer Infektion mit HIV, aber auch ein rasanter Schwund von Wissen über STD gerade bei besonders jungen Menschen, lassen nicht nur den Gebrauch von Kondomen immer weiter sinken, sie führen auch zu einer nicht wegzudiskutierenden Risikokompensation. Somit sind HIV- und STD-Prävention nicht isoliert zu sehen. Die STD-Prävention mit Doxycyclin (Doxy-PEP), zunächst in den USA9, und die Men-4-C-Impfung gegen Gonokokken trotz enttäuschender Erfolgsraten im Vereinigten Königreich (UK)2 sind eher als Ausdruck der Hilflosigkeit als empirische Strategien zu bewerten.

HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP)

Beim HI-Virus handelt es sich um ein Retrovirus, das die Fähigkeit hat, sich in das Genom des Wirtsorganismus einzubauen und damit eine definitive und lebenslange Infektion zu erzeugen. Da das Erbgut des HI-Virus als RNA vorliegt, ist zunächst das Umschreiben in DNA erforderlich, was die Integration in das Erbgut des Wirtes erst ermöglich. Das hierfür notwendige Enzym reverse Transkriptase kann mit unterschiedlichen Wirkmechanismen gehemmt werden. Seit Jahren etabliert sind hier Nukleosidanaloga, die zwar in das neu entstandene Erbgut eingebaut werden können, dort aber einen Kettenabbruch generieren. Emtricitabin (FTC) und Tenofovirdisoproxilfumarat (TDF) sind dabei die am häufigsten verwendeten Wirkstoffe. Da sie nicht nur in der antiretroviralen Therapie (ART) sondern auch in der HIV-PEP Verwendung finden, lag es nah, sie auch zur Prävention einzusetzen.

Trotz einiger negativ verlaufener Studien, die meist an der Adhärenz der Teilnehmenden scheiterten, wurde die HIV-PrEP mit TDF/FTC zuerst 2012 in den USA eingeführt. Die damit erreichbare statistische Risikoreduktion liegt je nach Studie und je nach Nutzergruppe bei 85 – 92 %. Da es sich bei HIV ohnehin um ein schlecht übertragbares Virus handelt, ist die HIV-PrEP damit eine gute Ergänzung zu bestehenden Präventionsstrategien. In Deutschland wurde die PrEP gegen Ende 2017 verfügbar, seit 2019 ist sie Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Wesentlich bei der Verwendung der PrEP ist die regelmäßige, rechtzeitige Einnahme. Pharmakokinetische Studien zeigen bei Männern eine ausreichende Wirksamkeit ab 3 Tagen nach Einnahme, bei Frauen erst ab 7 Tagen. 

Auch wenn die „situative PrEP“ oder „bedarfsgesteuerte PrEP“ häufig zitiert und gern gewünscht wird, ist die Datenlage hierzu eher mäßig und die Erfolge vermutlich eher dort besonders gut, wo sie sehr häufig eingenommen wird. In einer der meistzitierten Studien, der IPERGAY-Studie aus Frankreich, war dies an 15 – 18 Tagen der Fall. Ob die situative PrEP auch dann schützt, wenn sie wirklich nur sehr selten eingesetzt wird, bleibt derzeit unklar. Auch die aktuelle deutsch-österreichische Leitlinie empfiehlt daher: „Die PrEP sollte als kontinuierliche einmal tägliche Einnahme von TDF/FTC erfolgen“3.

Die Verträglichkeit der HIV-PrEP ist im Regelfall gut. Milde gastrointestinale Nebenwirkungen treten meist nur zu Beginn der Therapie auf. Schwerwiegendere Nebenwirkungen, wie Effekte auf die tubuläre Nierenfunktion, zählen eher zur Ausnahme und sind durch die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen gut steuerbar. Eine besser nierenverträgliche PrEP-Option (Emtricitabin/Tenofovir Alafenamid) ist in Deutschland aufgrund der deutlich höheren Kosten leider nicht verfügbar. Auch langwirksame injizierbare Optionen (Cabotegravir, Lenacapavir) sind aufgrund des prohibitiv hohen Preises nicht verfügbar – oder aber eine bevorstehende Zulassung wird in Europa vermutlich nicht in einer Markteinführung resultieren.

Auch wenn Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), häufig im Fokus der Betrachtung als mögliche PrEP-Anwender stehen: Die aktuelle Leitlinie3 weist explizit auch auf andere Nutzergruppen hin, bei denen das Risiko einer HIV-Infektion durchaus relevant ist:

  • MSM oder Transpersonen mit der Angabe von analem Sex ohne Kondom innerhalb der letzten 3 – 6 Monate und/oder voraussichtlich in den nächsten Monaten bzw. einer STI in den letzten 12 Monaten,
  • serodiskordante Konstellationen mit einer/m virämischen HIV-positiven Sex-Partner/in ohne ART, einer nicht suppressiven ART oder in der Anfangsphase einer ART (also einer HIV-RNA, die nicht schon 6 Monate bei mindestens < 200 RNA-Kopien/ml liegt),
  • Sexarbeitende,
  • Menschen mit kondomlosen Sexualkontakten mit Partnerinnen und Partnern, bei denen eine undiagnostizierte HIV-Infektion anzunehmen ist,
  • Personen, die Drogen injizieren ohne Gebrauch steriler Injektionsmaterialien.
     

Problematisch für ein adäquates PrEP-Angebot ist derzeit die geringe Zahl verordnender Behandler. Neben HIV-Schwerpunktpraxen können sich auch andere Interessierte relativ einfach für die Verordnung der PrEP qualifizieren. Leider ist die Nachfrage bislang gering. In Realität gibt es bei den derzeit geschätzt etwa 14.000 PrEP-Nutzenden4 (die Zahl ist vermutlich höher) sicher eher einige mit eher überschaubarem Risiko einer HIV-Infektion, während potenziell Nutzende mit deutlich höherem Risiko unversorgt bleiben. Dies ist vermutlich auch der Grund für den bislang eher mäßigen Erfolg der PrEP in Bezug auf die HIV-Neuinfektionsraten.

HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP)

Die HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP) kommt dann zur Anwendung, wenn entweder keine anderen Präventionsmaßnahmen verwandt wurden oder aber wenn diese, aus welchen Gründen auch immer, gescheitert sind. Hierzu werden die im Regelfall bei der PrEP verwendeten Nukleosidanaloga durch eine weitere Substanz mit einem anderen Wirkmechanismus ergänzt, heute am ehesten durch einen Integraseinhibitor, der neben der reversen Transkriptase das Enzym Integrase hemmt – das nächste in der Kaskade für die Integration des Viruserbgutes in das Wirtgenom. Auch wenn aus ethischen Gründen nahezu keine Studiendaten zur PEP zur Verfügung stehen, geht man von einer hohen Effektivität aus.

Wichtig ist hier, dass die PEP rechtzeitig begonnen wird6. Bis zu 72 Stunden nach dem potenziellen Risikoereignis macht eine PEP durchaus noch Sinn. Auch wenn es sich – aufgrund der fehlenden Studiendaten und damit auch einer fehlenden Zulassung – um einen Off-Label-Gebrauch handelt, wird dieser eigentlich immer im Sinne einer „sehr frühen antiretroviralen Therapie“ von den Krankenkassen akzeptiert.

Noch immer scheitert die Verordnung der PEP jedoch oft am Kriterium Zeit, da weder potenzielle Nutzer noch viele Ärzte wissen, wo und wie eine PEP zur Verfügung steht oder verordnet werden kann. Hier tut Information Not.

STD-Postexpositionsprophylaxe (Doxy-PEP)

Doxycyclin wird seit Jahren erfolgreich zur Therapie von Infektionen mit Chlamydien und als Alternativtherapie bei Syphilis eingesetzt. Anders als in anderen Regionen spielt Doxycyclin bei der Therapie der Gonorrhö aufgrund der hohen Resistenzrate in Europa keine Rolle.

Dem Gedanken der Postexpositionsprophylaxe folgend und aufgrund der hohen Inzidenz liegt daher diese Idee nahe: eine Infektion nach entsprechender Exposition durch eine einmalige Gabe von 200 mg Doxycyclin innerhalb von 72 Stunden nach dem Ereignis zu verhindern. In der Tat zeigen die beiden größten diesbezüglichen Studien „DoxyVac“ aus Frankreich und „DoxyPEP“ aus den USA eine deutliche Reduktion der Infektionsraten bei den Anwendern8. Deshalb hat das US-Center for Disease Control and Prevention (CDC) zu Beginn dieses Jahres die Doxy-PEP als Intervention empfohlen9. Auch viele Patienten in der klinischen Praxis fragen nach dieser Maßnahme.

Freilich widerspricht der Gedanke einer laiengesteuerten Einnahme von Antibiotika nicht nur der Idee der Antibiotic-Stewardship und dem Wunsch, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren. Problematisch bleibt auch der fehlende Effekt gegen die Gonorrhö und die Besorgnis darüber, dass die häufige ungesteuerte Einnahme von Doxycyclin über die Vererbungsmechanismen eine Resistenz gegen Ceftriaxon auslösen könnte – dem derzeit meistgenutzten Antibiotikum zur Behandlung der Gonorrhö10.

Real-World-Daten aus den USA, insbesondere aus San Francisco, zeigen indes: Eine Reduktion des Einsatzes von Antibiotika kann durch rechtzeitige prophylaktische Einnahme nicht erreicht werden, und zwar aufgrund der hohen Einnahmefrequenz. Hinzu kam eine deutliche Zunahme von potenziellen Risikokontakten um nahezu 100 %. Dieser Effekt ist bekannt und wird als Risikokompensation bezeichnet10.

Doxycyclin: oft verwendet trotz Resistenzproblem

Auch wenn Doxycyclin generell auch in der Langzeitanwendung als gut verträglich beschrieben wird: Mögliche unerwünschte Wirkungen, z. B. fototoxische Effekte, bleiben vollkommen unklar, desgleichen der Einfluss einer regelmäßigen Kurzanwendung auf die Entwicklung von Resistenzen anderer häufiger Kommensalen.

Fachgesellschaften wie die Deutsche STI-Gesellschaft (DSTIG) oder die Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG), aber auch das RKI5, warnen daher vor dem regelhaften Einsatz der Doxy-PEP. Leider ist Doxycyclin aber preiswert und recht einfach verfügbar. Zudem haben sich bereits findige Geschäftemacher gefunden, die diesen Markt im Internet bedienen.

1. Jansen K, Bremer V: Syphilis in Deutschland in den Jahren 2020 – 2022 – neuer Höchststand von Infektionen nach Rückgang während der COVID-19-Pandemie. Epid Bull 2024;7:3-24. DOI 10.25646/11907
2. NHS England. NHS and local government to roll out world-first vaccine programme to prevent gonorrhoea. https://www.england.nhs.uk/2025/05/nhs-and-local-government-to-roll-out-world-first-vaccine-programme-to-prevent-gonorrhoea/ 
3. Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe Version 2.0 vom 21.3.2024.
4. Schmidt D, Friebe M, Kollan C et al. PrEP-Surveillance in Deutschland – Ergebnisse der fünften halbjährlichen Befragung in HIV-Schwerpunkteinrichtungen Epid Bull 2025;17:3-14. DOI 10.25646/13115
5 an der Heiden M, Marcus U, Kollan C et al. Schätzung der Anzahl der HIV-Neuinfektionen in den Jahren 2022 und 2023 sowie der Gesamtzahl der Menschen, die Ende 2023 mit HIV in Deutschland leben. Epid Bull 2024;28:3-20. DOI 10.25646/12212.2 . in: RKI. Epidemiologisches Bulletin 28-2024, 11. Juli 2024. Verfügbar unter https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2024/28_24.html  ; https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2024/28_24.pdf?__blob=publicationFile&v=2 
6. AWMF-Register Nr. 055/004. Deutsch-Österreichische Leitlinie zur medikamentösen Postexpositionsprophylaxe (PEP) nach HIV-Exposition (Version 2022).
7. Luetkemeyer A et al. N Engl J Med 2023;388:1296-306. DOI: 10.1056/NEJMoa2211934
8. CDC Clinical Guidelines on the Use of Doxycycline Postexposure Prophylaxis for Bacterial Sexually Transmitted Infection Prevention, United States 2024. Recommendations and Reports,June 6, 2024;73(2):1-8.
9. Bachmann LH et al. CDC Clinical Guidelines on the Use of Doxycycline Postexposure Prophylaxis for Bacterial Sexually Transmitted Infection Prevention, United States, 2024. MMWR Recommendations and Reports / Vol. 73 / No. 2.
10. Luetkemeyer A et al. CROI 2024, Denver, CO, USA Abstract #125.

Autor

Dr. med. Sven Schellberg
Facharzt für Allgemeinmedizin, Diplom Kneipparzt (KÄB)

Korrespondenzadresse:
Novopraxis Berlin GbR
Mohrenstraße 6, 10117 Berlin
E-Mail: schellberg(ett)novopraxis.berlin