Kopfverletzung im Sport - welche Spätfolgen drohen?
Rund 44.000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich eine Kopfverletzung im Sport. Egal ob es sich um eine Gehirnerschütterung, Schädelprellung oder ein Schädel-Hirn-Trauma handelt, durch eine adäquate Behandlung können mögliche schwerwiegende Spätfolgen verhindert werden.
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Kopfverletzungen kommen besonders häufig in den Kontaktsportarten vor, wie z.B. Fußball, Handball, Volleyball, American Football und beim Reiten. Hier vor allem im Cross-Country, wenn der Reiter über den Pferdehals hinunterstürzt. Rund 17 % der Eishockey-Spieler erleiden einmal in ihrer Sport-Karriere eine Kopfverletzung und immerhin noch rund 9 % der Basketballer und 6 % der Sportler im Fuß- und Handball.
Beim Bergsteigen können Steinschläge zu schweren Kopfverletzungen führen. Sogar kleine Steine entwickeln eine riesige Wucht, wenn sie aus mehreren Hundert Metern Höhe herabfallen. Sehr oft endet ein Steinschlag gegen den Kopf auch mit Helm tödlich, wie zuletzt bei der Biathletin Laura Dahlmeier.
Welche Spätfolgen sind bei einer Kopfverletzung im Sport möglich?
Mögliche Folgen einer Kopfverletzung im Sport beschrieb die Neurologin und Sportmedizinerin Prof. Iris Reuter vom Universitätsklinikum Gießen auf dem 16. Zeulenrodaer Kongress für Orthopädie und Sportorthopädie (ZKOS) (14.-16. August 2025).
„Beim Schädel-Hirn-Trauma 1. Grades muss entgegen der landläufigen Meinung keine Bewusstlosigkeit vorliegen. Auch der Athlet, der nicht bewusstlos war, kann eine Schädigung des Gehirns erlitten haben..“
Prof. Iris Reuter, Gießen
Einteilung der Kopfverletzungen nach dem „Glasgow Coma Score“
„Schädel-Hirn-Traumen werden heute in drei Schweregrade eingeteilt“, so Reuter, „Grad eins entspricht der Gehirnerschütterung, Grad 2 wurde früher Gehirnprellung genannt und Grad 3 wird auch als Gehirnquetschung bezeichnet.“
Die Einteilung erfolgt nach dem „Glasgow Coma Score“, einem klinischem Bewertungsschema für Bewusstseins- und Hirnfunktionsstörungen. „Hiermit wird die Bedeutung der klinischen Untersuchung des Verletzten in den Vordergrund gestellt. Beim Schädel-Hirn-Trauma 1. Grades muss entgegen der landläufigen Meinung keine Bewusstlosigkeit vorliegen. Auch der Athlet, der nicht bewusstlos war, kann eine Schädigung des Gehirns erlitten haben. Tritt eine Bewusstlosigkeit ein, so hält sie maximal ca. 5 min an. Bei einem schwereren Schädel-Hirn-Trauma ist die initiale Bewusstlosigkeit länger und auch die strukturelle Schädigung des Gehirns ausgeprägter bis hin zu Gewebszerreißungen, Blutungen und Hirnödem“, so Reuter.
Was passiert bei Kopfverletzungen?
- Bewusstlosigkeit: Beim Schädel-Hirn-Trauma (SHT) 1. Grades max. 5. min Bewusstlosigkeit, manchmal auch gar keine Bewusstlosigkeit. Bei schwerem SHT längere Bewusstlosigkeit.
- Gehirnschädigungen: Bei einem schweren SHT ausgeprägtere strukturelle Schädigungen des Gehirns bis hin zu Zerreißungen, Blutungen und Ödemen.
- Funktionsstörung der Nervenzellen: Im Hirn kommt es zur Wasseransammlung, zu Entzündungsprozessen, einer Störung der Ionenkanäle und der Energiegewinnung der Zellen. Dies führt zu einer Funktionsstörung der Nervenzellen, die selbst bei einem leichten SHT bis zu 10 Tage anhalten kann. Deshalb: 10 Tage nach einer Kopfverletzung keine Prüfung machen und Sport pausieren, auch wenn man sich wieder gut fühlt. Denn durch das erkrankte Gehirn ist die Koordination gestört, wodurch es schneller zu Verletzungen an Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken kommen kann.
- Wiederholte Kopfverletzungen: Bei wiederholten Kopfverletzungen kann es zur chronisch traumatischen Enzephalopathie kommen. Sie geht mit einer Schädigung und fortschreitender Degeneration von Nervenzellen einher. Zusätzlich können sich Tau-Proteine im Gehirn einlagern.
Wie lange dauert die Erholung?
- Meist Erholung nach zwei bis drei Wochen: In den meisten Fällen eines typischen SHT (in 75 % leichte SHT) erholen sich die Verletzten innerhalb von zwei bis drei Wochen.
- Post-Concussion-Syndrom: In 10 bis 16 % der Fälle entwickelt sich ein „Post-Concussion-Syndrom“, bei dem die Betroffenen noch über vier Wochen hinaus unter Übelkeit, Schwindel, Schlafbeeinträchtigungen und Kopfschmerzen leiden.
- Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit gestört: Beim Post-Concussion-Syndrom kommt es zusätzlich noch zu herabgesetzter Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit.
- Manchmal ein Jahr Beschwerden: Einige Patienten haben auch ein Jahr nach einem leichten SHT noch Symptome.
- Schweres Schädel-Hirn-Trauma: Bei schweren SHT sind Rehabilitationsprozesse über mehrere Monate eher die Regel, z.T. kommt es zu irreversiblen Funktionsausfällen. Kognitiv schneiden diese Personen im Schnitt schlechter ab als Vergleichsgruppen.
- Emotionale Veränderungen: Bei verzögerter Erholung nach SHT entwickeln sich häufig emotionale Veränderungen, eine verminderte Belastbarkeit, Ängste und Depressionen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen.
Auch bei leichtem Schädel-Hirn-Trauma sind Veränderungen im MRT zu sehen
"Auch bei leichten SHT kann man im MRT mit einer speziellen Aufnahmetechnik, der Tensor Imaging Technik, feine Veränderungen der Nervenzellausläufer sichtbar machen“, sagt die Expertin. Durch diese Technik können die sogenannten diffusen axonalen Verletzungen diagnostiziert werden. Sie können auch beim leichten SHT vorkommen und sind für den Verlauf entscheidend. Die Veränderungen im MRT zeigen sich häufig länger, als klinisch vermutet und zeigen noch eine gewisse Vulnerabilität an.
„Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen bemerken bei Patienten mit verzögerter Erholung nach einem Schädel-Hirn-Trauma häufig emotionale Veränderungen, eine verminderte Belastbarkeit, Ängste und Depressionen, Schlafstörungen und ein Sich-nicht-konzentrieren-können. Einst starke Menschen werden mitunter weinerlich, sind völlig aus dem Leben gerissen.“
Prof. Iris Reuter, Gießen
Treten die oben beschrieben emotionalen Veränderungen auf, sollte wiederholt eine Diagnostik mit dem MRT erfolgen. Die Person muss komplett aus der Belastung genommen werden oder auch psychologisch betreut werden. Bei Vorschädigungen wirken Kopfverletzungen umso schlimmer. Hierbei sind bei rund 30 % der Betroffenen nach vier Monaten immer noch Auffälligkeiten im MRT zu sehen.
Kopfverletzungen treten besonders häufig bei Radfahrern auf
Besonders häufig sehen Prof. Reuter und ihre Kollegen Kopfverletzungen bei Radfahrern. Da ist es egal, ob sportlich mit dem Rennrad oder einfach nur mit dem Holland-Rad zur Arbeit: Wer kopfüber über den Lenker fällt, hat hohe Risiken für eine Gehirnverletzung. Diese muss, um Folgeschäden zu vermeiden, immer genügend Zeit haben, um auszuheilen.
Quelle: Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS)